Mir fällt es schwer, die passenden Worte für meinen Abschluss dieses Webtagebuches zu finden. Das Beginnen war einfacher, frei von Vorsätzen. Frei von Vorsätzen? So ganz stimmt das natürlich auch nicht, aber es war doch recht ungefiltert. Und habe ich auch gehofft etwas anregen zu können. Anzuregen über Klischees nachzudenken.
Vorurteile, Klischees, Schubladen sind einfach und angenehm. Eine Selbstbestätigung, bei der man sieht, was man sehen will. Mag sein, dass ein Vorurteil sogar dem manchmal gerecht wird, auf den es angewandt wird. Aber auch nur dann, wenn man den Menschen, der dahinter steht, gar nicht sehen will. (weiterlesen…)
Mit ‘vorurteile’ getaggte Artikel
Vorurteile, Klischees und Schubladen hinter sich lassen
Freitag, 11. Dezember 2009Vor(eilige)Urteile abschalten!
Donnerstag, 26. November 2009
Ich bin fast 37 Jahre alt, berufstätig, Mutter und komme aus einem bürgerlichen Haushalt. Die Menschen, mit denen ich in meinem Leben sprach oder befreundet war, konnten unterschiedlicher nicht sein. Dafür wurde ich von so genannten “Normal-Bürgern” belächelt, vielleicht sogar hinterm Rücken verspottet. Ein Beispiel: Eine Frau mit roten, langen Dreadlocks. Sie führt jeden Tag drei Hunde aus. Von anderen Hundebesitzern wird sie gemieden, abwertend belächelt. (weiterlesen…)
Nur keine Ausländer in meinem Haus
Dienstag, 03. November 2009
„Das kann ich unseren Mietern nicht zumuten“, mit dieser Aussage nahm ein Hausverwalter einer fünfköpfigen Familie die Hoffnung auf eine neue Wohnung. Nicht die drei Kinder waren das Problem. Schließlich leben ja noch mehr kinderreiche Familien in dem Haus. Nein, das Kopftuch sei das Problem. Man möchte einfach keine ausländischen Mitbewohner in dieser Hausgemeinschaft haben. (weiterlesen…)
Richtigstellung
Freitag, 10. Juli 2009Zum Artikel vom 7. Juli. Stolz auf meine Underdogs? OK, ich ziehe mir einen den Schuh an – Underdog. OK, ich sehe es so, dass viele Leute, Junkies als Müll ansehen, egal, ob die clean sind oder druff. Ex oder Hopp – Underdogs. OK, kann schon mal vorkommen, dass ich dann “wir Underdogs” sage. Aber “meine Underdogs”… ne, ne, die überschrift gefällt mir nicht. Nicht, dass ich mich über die überschrift aufrege, aber ich will es richtigstellen.
Eine Studentin die zum Thema Drogenabhängigkeit, ihre Bachelor-Arbeit machte, hat mich vor einiger Zeit dazu interviewt. Heute hat sie mir die Auswertung dieses Interviews gegeben. Sie hat da eine gute Arbeit gemacht, und als ich fragte wie ihre Bachelor-Arbeit bewertet wurde sagte sie, dass sie mit 1,0 benotet ist. Freut mich für sie. Und es freut mich, wenn ich etwas beitragen konnte.
Der Glaube an die Veränderung
Donnerstag, 21. Mai 2009Mittwoch gegen 19 Uhr. Ich bin auf einer Entgiftungsstation im Uniklinikum, und stelle unsere Selbsthilfegruppe vor. Jemand in der hinteren Ecke macht mit einer lässigen Bemerkung auf sich aufmerksam. Er schätze, 20 Minuten würden dafür reichen. Doch er täuscht sich.
Eine Stunde und fünf Minuten später ist der Mann immer noch im Gespräch mit mir. Zwischendurch ist einiges passiert im Speisesaal der Station. Ich glaube an Veränderung und habe nicht ohne Hintergedanken diesen Glauben auch zum Namen für unsere Selbsthilfegruppe gemacht. SHG-GLaVER steht für GLAUBE an VERäNDERUNG.
Die 15 Teilnehmer haben mir mit ihrer Körpersprache und dem Ausdruck in ihren Augen von Minute zu Minute mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Besonders die Berichte über meine Sucht fanden hohe Aufmerksamkeit. Da kommt jemand, einer der wie wir hier gesessen hat, und der erzählt, wie es ihm ergangen ist. Wie er die Sucht angenommen hat und mitgebracht hat in das Jetzt und Hier! Von diesem Moment an hatte ich das Gefühl, dass die Selbsthilfegruppe in den Köpfen der Teilnehmer an Akzeptanz gewann. Ich fühlte mich verstanden. Mein Job als Botschafter im Ehrenamt war – für heute – erledigt. Ich begegnete den Menschen auf Augenhöhe und konnte spüren: Sie wollten auch nur verstanden werden.
Liebe Grüße Lutz
Reine Vertrauenssache
Montag, 06. April 2009Heute bin ich nicht zur Arbeit gegangen, ich bin krank. Mindestens einmal pro Jahr habe ich eine richtig heftige Erkältung. Wenn das jetzt meine Jahreserkältung ist, bin ich noch ganz gut weggekommen. Den ganzen Tag draußen arbeiten und dabei immer wieder ins Schwitzen kommen, quittiert mein Körper mit Erkältungen.
Die Kinder, die in den Osterferien in der Mühle sind, vermissen mich, habe ich gehört. Das ist eine schöne Sache. Zu vielen Kindern finde ich leicht Zugang. Ich bin halt der Kettensägemann. Und wenn es darum geht Boote zu bauen, werde ich natürlich oft angesprochen. Auch die Sache mit den drei jugendlichen vor kurzer Zeit ist ganz gut gelaufen. Ich finde Zugang und wenn ich etwas länger mit jemanden zu tun habe auch Vertrauen. Reflexionen, die man in einer Drogenkarriere normal nicht macht.
Obwohl mir Vertrauen auch schon geholfen hat mit Heroin aufzuhören. Ich wusste, wenn ich so weiter mache, habe ich noch ein halbes Jahr. Aber ich habe erst einmal nichts gemacht, keine Unmöglichkeiten versucht. Gedacht habe ich: “Das Schicksal wird mich noch mal fragen, Rainer, entweder oder.” Das Schicksal klopfte in Form einer Bankmitteilung an. Zahlen sie innerhalb der nächsten zwei Wochen ihren überzogenen Dispositionskredit in Höhe von 6800 D-Mark zurück. Normalerweise ist dann die letzte Möglichkeit sich über Wasser zu halten, ein Forcieren von Drogenkriminalität. Ich bin zu einem Freund gegangen und hab ihm meine Situation geschildert. Er hat mir 1000 Mark geliehen, die ich am nächsten Tag bei der Bank abgegeben habe. Die Bankangestellte hat sich anhand meiner Auszüge schon ein eindeutiges Bild von mir gemacht und staunte mich zu sehen.
“Ich habe meinen Kontostand ein wenig aus den Augen verloren, aber hier haben sie schon einmal 1000 Mark zurück, und wie kann es jetzt, von ihrer Seite aus, weiter gehen?”, fragte ich. Mir wurde ein Umschuldungskredit eingeräumt. Später habe ich mal bei einer Bank angefragt, ob ich einen Kredit für eine Selbstständigkeit bekommen könnte. Es fehlten mir ca. 3000 Euro. No way. Ich habe mich in den Arsch gebissen etwas von Selbstständigkeit gesagt zu haben, als Privatkredit hätte ich das Geld, denke ich, bekommen. Kredit kommt von credo, ich glaube. Bei Banken habe ich das nicht mehr, die hatten mich als umsatzstarken Junkie lieber, aber bei Kindern hab ich ihn.



