MuseSuse
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Thorsten Bathe
Rainer S.
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Mit ‘vision’ getaggte Artikel

Meine Lebensphilosophie: Stell dich mitten in den Regen

Samstag, 20. Juni 2009

Heute ist wettermäßig ein durchwachsener Tag. Jacke aus bei Sonnenschein, Jacke wieder an bei Regen und kühler Brise. Ich stehe auf der Johannisstraße mit den Zeitungen auf dem Arm. Vor mir sind Bauarbeiter damit beschäftigt, neues Pflaster zu legen, das alte Potschwarz-Pflaster auszutauschen, gegen etwas Ordentliches. Der Motor der Kreissäge singt in einer bestimmten Tonlage. Mir fallen intuitiv Melodien ein zu diesem Motorakkord. Dastehend, summend, Vorbeieilenden nachschauend, Wolken fliegen sehen, meine Zeit füllende Beschäftigung.

Eine Studentin nimmt eine Zeitung. Für sie Gedichte, darunter Wolfgang Borcherts “versuch es”:

Stell sich mitten in den Regen. Glaub an seinen Tropfensegen. Hüll dich in sein Raunen ein und versuche gut zu sein.

Dieses Gedicht begleitet mich schon bald 30 Jahre. Meine Lebensmaxime, wie das Glaubensbekenntnis, wichtig für mich dieses auch zu leben. Die Elemente Erde, Feuer, Wasser, Luft – ständige Begleiter unseres Seins in gestern, heute und morgen. Nun weiter mit Wolfgang Borchert:

Stell dich mitten in den Wind, glaub an ihn und sei ein Kind. Lass den Sturm in dich hinein und versuche gut zu sein. Stell dich mitten in das Feuer, liebe dieses Ungeheuer in des Herzens rotem Wein und versuche gut zu sein.

In diesem Sinne, Grüße aus Jena von der Musesuse

Literarisch verpackte Lebensinhalte

Freitag, 12. Juni 2009

Gestern war Buchvorlesung in einem Kirchenzentrum in Jena. Arbeitslose, Schreibende vom MobB e. V. (Menschen ohne bezahlte Beschäftigung) stellten ihr neuestes Buch vor, gesponsert von jenawohnen GmbH. Der Saal war voll mit Menschen, die den gelesenen Geschichten lauschten. Einen Dichter, der zwei Lieder umgedichtet hatte, begleitete ich auf der Gitarre. Den Refrain sangen alle mit. Für mich ist das Schreiben auch ein wichtiger Lebensinhalt. Eigentlich noch wichtiger als das Fotografieren. Momente festhalten, Stimmungen. Immer ist Papier und Stift im Rucksack dabei.

So lese ich gern meine Reisebeschreibungen von unterwegs, Wandereindrücke, Gedanken. Den lesenden Schriftstellern ist das auch ein wichtiges Anliegen, meist kritisch ihr Dasein kommentieren oder in herrlichen Gedichten besondere Momente zaubern, wie der Zyklus am Meer von Reinhard Doberenz. Ein Komponist und Dichter, der mit ganz viel Herzblut all seine Gedichte auswendig vorträgt. Nach einer kleinen Diskussion und dem Verkauf einiger Bücher, gingen alle erfüllt ihre Wege.

Für mich Anlass, die Gitarre in den Rucksack zu stecken und noch ein wenig den Straßenzeitungsverkauf zu frönen. Immerhin fünf Zeitungen verkauft in zwei Stunden. Jemand Liebes schenkte mir zehn Euro. Das verdiente Geld reichte für Spargel und wichtige Einkäufe im DM-Markt. Gestern hat der Verdienst für ein gelbes Baumwolltuch gereicht, das alte war halb zerfallen. Jeder gelebte Tag ist ein Geschenk.

Eine erfüllte Zeit wünscht
Suse L aus Jena

Albtraum der Sucht

Montag, 11. Mai 2009

“Ich will einfach vergessen. Doch heute gibt es kein Vergessen. Die Wut gewinnt die Oberhand. Sie besetzt alle meine Gefühle und Gedanken. Aber ich will nicht mit Gefühlen und Gedanken umgehen. Also überlasse ich sie meiner Wut. Sie verzehrt sie. Meine Traurigkeit verwandelt sich ebenfalls in Wut. Ich würde am liebsten alles zerstören, was ich sehe. Und was ich nicht zerstören kann, möchte ich verschlingen. Mir einverleiben. Durch die Nase ziehen. In die Venen jagen. Hauptsache alles ist drin.

Ich will Schnaps. Eine Flasche des reinsten, stärksten, giftigsten Alkohols auf Erden. Ich will darin ertrinken. Ich will fünfhundert Schüsse Heroin und doppelt soviel Kokain. Ich will einen Müllsack voller Pillen und eine Klebstofftube, größer als ein LKW. Ich will alles, egal was, aber so viel wie möglich. Ich will und brauche so viel, dass ich mich vergesse, auflöse, verliere, den unerträglichen Schmerz betäube, in das tiefste Dunkel eintauche, in das allertiefste Loch.

Ich will zerstören. Mich und alles andere auch. Meine Wut und meine Zerstörungslust lassen mich beinahe platzen. Ich schließe die Augen und hole tief Luft. Ich hoffe, dass mich das Atmen beruhigt. Aber es klappt nicht. Auch nicht beim nächsten Atemzug. Und beim übernächsten ebenfalls nicht. Ich will zur Ruhe kommen, aber für mich gibt es keine Ruhe. Wie bin ich hier gelandet? Wie bin an diesen Ort gelangt, in diesem Moment, mit diesem Gefühl, dieser Vergangenheit, dieser Zukunft, diesen Problemen? Wie bin ich in dieses verfluchte, vergeudete, nutzlose Leben geraten?

Ich will ruhig atmen. Ich spüre wie Zorn, Verwirrung, Bedauern, Schrecken und Scham zur perfekten Wut verschmelzen. Ich kann sie weder bremsen noch kontrollieren. Dann überkommt mich etwas anderes. Ich bin schwach, ängstlich und zerbrechlich. Ich will nicht verletzt werden. Das fühle ich immer, wenn ich weiß, dass ich verletzt werden könnte. Ich bekämpfe es jedes Mal. Und unterdrücke und verdränge es.

Ich will es nicht, doch dieses Mal fange ich an zu weinen. Das Schluchzen kommt von tief innen. Ich halte es nicht mehr zurück. Viele Jahre Sucht verkörpern sich in Tränen und Verlustgefühl. Dieses Gefühl steckt in mir, füllt mich aus, überwältigt mich. Der Verlust von Normalität, von Glück und Liebe, von Vertrauen, von Verstand, von Familie und Freunden, von Zukunft und Möglichkeiten, von Würde und Menschlichkeit, von geistiger Gesundheit. Der Verlust meiner selbst.

Kein Punkt für den letzten Eintrag

Freitag, 01. Mai 2009

Der erste Mai, mein Lieblingstag. Gerade habe ich in die Webtagebücher gesehen und gehofft, eine Bewertung zu meinem letzten Eintrag zu finden. Keiner da, schade. Für diesen letzten Eintrag gebe ich mir selber fünf Punkte. Ich habe da etwas beschrieben, das mich tief berührt. Etwas, dem ich in diesen paar Zeilen kaum Raum geben konnte, und das eigentlich nach einem Ausdruck in Form eines Gedichtes verlangt.

Was verdient Aufmerksamkeit, was ist banal?
Ungerührt im tobenden Chaos zu stehen, zäh einer ausweglosen Agonie trotzen, einsam einen Kampf führen, alles sehr bemerkenswert. Begleitend zur ersten Intifada 1987 in Palästina, gab es Bemühungen der Palästinenser zu eindeutig positiven Entwicklungen. Schul- und Gesundheitswesen wurden auf- und ausgebaut. Frauenrechte wurden diskutiert. Israelisch-palästinensische Gruppen bildeten sich, um übergreifende Lösungen zu suchen. Diese Bemühungen fanden international wenig Beachtung. Pflanzen, die nicht gegossen werden, verdorren leicht.

In der Mühle gibt es eine Führung für Kinder zu dem Thema “Der Frühling erwacht”. Den Kindern stellen wir die Frage, woran sie es jetzt und hier erkennen, dass es Frühling wird. Sie stehen dann manchmal, bei bewölktem Himmel und Regen, lange ratlos herum um dann zu antworten: “Ich merke es am Sonnenschein, die Sonne kommt wieder.” Die eigene Empfindung steht im Hintergrund. Sie forschen nach, welche Antwort ein Lehrer wohl hören will. Gelernt ist gelernt. Aufmerksamkeit verdient, was Aussicht auf Popularität hat.

Gut, gerecht, bescheiden, geduldig - alles Attribute, die Gefahr laufen, in der allgemeinen Konkurrenz der Aufmerksamkeit, die Bewertung am Thema vorbei zu erhalten. Frauen bleiben da meist unbefangener. Bei Männern verdichtet sich die Erkenntnis, es geht nicht ums Mitteilen, nicht ums Empfinden – Bullshit – es geht ums Durchsetzen. Ich habe mich zu früh – bereits als Kind – mit dieser Sichtweise im Leben verheddert. Ein starkes Motiv dann als Teenie zu denken; “Alles Scheiße, alles Dreck. Eine Bombe, alles weg.” Wahrscheinlich war meine Entscheidung Drogen zu nehmen, aus Sicht der Gesellschaft die bessere Alternative.

Heute bin ich sehr froh darüber, dass es mir auch gelingt zu denken: “Is mir doch scheißegal”, bevor ich mich erneut in hoffnungslose Wünsche verheddere. Aber gut finde ich das nicht. Gut finde ich es, wie ich im letzen Eintrag geschrieben habe, an etwas zu glauben. Daran zu glauben, diese Missverhältnisse sind äußere Hülle. Es gibt Wege und Entwicklungen. Und diese Wege und Entwicklungen führen uns zu dem, was wir sind. Menschen mit Empfindungen – und damit alle gleich.

Kein Punkt für den letzten Eintrag. Ich stolpere über meine eigene Eitelkeit. Dieses Tagebuch ist gut für mich, auch wenn keiner es lesen würde. Es gibt Leute, die ich in diesen Einträgen ansprechen kann. So what? Der erste Mai, ich werde den Tag heute genießen.

Kommunikation auf dem Drehstuhl

Dienstag, 14. April 2009

Gerade hatte ich Besuch. Dennis, den ich aus meiner letzten Therapie kenne. Er hat sich bei mir auf dem PC einige Einträge aus dem Tagebuch durchgelesen. Wir haben viele gemeinsame Erfahrungen und so hat mich sein Feedback sehr gefreut. Oft weiß ich nicht ob jemand, der solche Erfahrungen nicht gemacht hat meine Texte nachvollziehen kann. Dennis konnte es gut.

Ich habe oft zwischen Stühlen gesessen, mich oft zwischen Stühle gesetzt. Es ist ein Teil von mir, und es ist ein Wunsch von mir, zwischen zwei Stühlen eine Kommunikation in Gang zu bringen. Ja, ich glaube es ist ein tiefer Wunsch von mir, nicht die Welt zu verändern, aber zwischen Stühlen zu sitzen und zu merken, die Stühle drehen sich. Sie beginnen sich anzusehen. Und wenn sie sich dann ansehen, … dann will ich, glaube ich, ganz schnell weg.

Ich will nicht länger am Existenzminimum leben

Montag, 13. April 2009

Es ist jetzt Abend, ich höre Musik und schreibe euch da draußen. Höre einen geilen niederländischen Sender. Die haben die beste Musik – alte Songs und auch Aktuelles. Wie gut, dass ich noch niederländisch kann – alles verlernt man doch nicht im Leben. Irgendwann möchte ich dort leben, mir gefällt diese Mentalität so gut.
Das ganze Wochenende habe ich mir überlegt, was ich an meiner Situation ändern kann. Erst habe ich gedacht, gar nichts, denn an meiner finanziellen Situation wird sich ja nichts ändern. Auf einen Lottogewinn kann ich wohl lange warten und Geld fürs Tippen habe ich auch gar nicht. Also, was kann ich machen? Ich werde auf mein Schicksal aufmerksam machen. So genau habe ich noch keinen Plan, aber anfangen werde ich damit, indem ich Firmen anschreibe und sie darum bitte uns zu helfen. Ich schreibe Möbelhäuser und Bekleidungsgeschäfte an. Irgendetwas muss sich doch tun. Ich werde nicht aufgeben, und wenn ich die Medien einschalte. Ich und meine Kinder können nichts dafür, dass ich behindert bin und die Rente reicht weder vorne noch hinten.

… und wenn ich mein linkes Bein auch noch abschneide

Ich habe jahrelang für diesen Staat gearbeitet und ich werde mich nicht abfinden, mein weiteres Leben am Existenzminimum zu verbringen. Ich versuche meinen “Kleinen” eine gute Schulbildung mitzugeben, und wenn ich mein linkes Bein auch noch abschneide… Die ganze Misere wegen der 100 Euro über dem Sozialsatz. Der Staat hat es meiner Meinung wieder verpasst, in so einer Krise richtig zu handeln. Es wird noch viele Arbeitlose geben, und die dort oben gehen einen Schritt vor und drei zurück. Der richtige Einsturz kommt noch. Das hat mit pessimistischer Stimmung verbreiten gar nichts zu tun!

Wer bezahlt ihnen denn Ihr Einkommen oder die DIäTEN? Es geht so viel kaputt, die Menschen rutschen immer mehr in die Armut und der Staat packt seine KONJUNKTURPROGRAMME, die nicht packen werden. Aber das werden die Herren und Damen da oben erst im nächsten Jahr feststellen und ganz ungläubig schauen, weil sie damit gar nicht gerechnet haben. Die brauchen ja auch keine ängste haben, wenn davon einer arbeitslos wird, kommt er ja auch nicht in die HARTZ-VIER-FALLE, sondern bekommt eine Pension und eventuell noch Abfindungen. Tja, das kleine Volk wurde schon immer dafür bestraft, dass sie nur normale ARBEITER waren. Aber DIE bezahlen die Steuern…nur kapiert hat es noch keiner.