Das flaue Gefühl verflüchtigt sich. Als ich das letzte Mal am Kontoauszugdrucker stand, dachte ich: Das wird schon. Ein wirklich völlig neues Gefühl. Es sieht so aus, als seien die Zeiten, in denen ich in den Waschsalon gehen muss, bald vorbei. Ein etwas befremdliches, absolut unbekanntes Gefühl und manchmal denke ich, dass es fast etwas Unanständiges hat, sich zu überlegen, was man mit seinem Geld macht. (weiterlesen…)
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Wie unanständig ist Geld ausgeben?
Montag, 05. Oktober 2009Dimensionensprünge
Dienstag, 21. Juli 2009Vor 40 Jahren: Die Apollo 11 landet auf dem Mond. In der Verwandtschaft hatte nur mein Großvater einen Fernseher und alle hatten sich dort versammelt. Eines meiner ersten Erinnerungen: “That’s one small step for a man, but a giant leap for mankind.” Eine frühe Erinnerung und wohl der Höhepunkt kollektiven Erlebens. Die Zukunft gehört uns, welchen nächsten Dimensionensprung wollen wir?
Eine Epoche der Rekorde. Der Erstflug der U-2 erfolgte im August 1955. Als Aufklärungsflugzeug ist sie bis heute im Einsatz. Am 23. Januar 1960 tauchte die Trieste auf die bis heute gültige Rekordtiefe von 10.740 Metern. Oktober 1967 wird mit der X15 die Geschwindigkeit von 7274 km/h erreicht. Aber die Erwartung weiterer Rekorde stagnierte. Dimensionensprünge fielen als ölkrise aus.
Dimensionensprünge. Nachdem mir in zwölf Schuljahren immer forcierter klar gemacht wurde, dass die Zukunft der Wirtschaft gehört, plante ich meine eigenen Dimesionensprünge: Heroin. “One small step for me, but a giant leap for my emotion design.”
Die Rekordjagd wird leicht zu einer nicht beabsichtigten. Jeder Tag bringt einen CO2-Rekord mit sich. Damit der Frust nicht zu groß wird, werden neue Ziele definiert. Eine bemannte Mars-Expedition. Ein letztes Aufbäumen der technokratischen Heilslehre? Außerachtlassend dass so etwas von Sonden sehr viel besser zu machen ist? Es kommt eben auf den Kick an! Mir hätte es ja auch keinen Spaß gemacht meinem Teddy Heroin zu injizieren und es macht eben auch keinen Spaß festzuhalten, dass die Zukunft unbemannt besser funktioniert.
Mich hat die Frustration darüber, nach Glück im Leben zu suchen, die minimale Chance es zu erreichen und die Hoffnungslosigkeit es halten zu können, lange Zeit an Drogen gefesselt. Dimensionensprünge. Das habe ich aufgegeben. Glück ist Glück. Dem nachzulaufen ist wie der Versuch, so schnell zu laufen, dass man seinen Schatten überholt.
Dimensionensprünge. Ja der PC ist eine neue Dimension. Vielleicht mogelt sich ja ein Hacker in die Marsmission. Es würde Zeichen setzen, wenn das erste Experiment nach der Landung auf dem Mars wäre, einen Teddy anzufixen.
Warten auf das Erklärte
Dienstag, 21. Juli 2009
Kannst du nachvollziehen, dass sich hier etliche Menschen
Big Brother ansehen? Das ist so, als ob wir uns permanent im Spiegel anschauen
würden. Wir sehen uns selbst. – All der Schwachsinn ist etwa so wie bei
Becketts “Warten auf Godot”. Doch dort hat das Sinnlose wenigstens einen Sinn:
nämlich das sinnlose Meta zu kommunizieren. Und das, was ich dir hier schreibe,
gibt auch Sinn.
Falls du Becketts “Warten auf Godot” nicht kennst: Drei
Menschen warten auf etwas Ominöses, ein Nichts, es wird offenbar. Sie
unterhalten sich jedoch über ihre Erwartung. Sie ist spekulativ, so tiefgründig
wie es Menschen sind. So war es schon im alten Jerusalem. Na, wer wurde da wohl
erwartet?
In Analogie dazu, wartet der Mensch inmitten der anderen
hier im Knast auf etwas. Dieses Etwas wird aber mit ganz Tollem erfüllt: Dem
Erlöser, der Freiheit. Das Erwarten ist also das Wesentliche (und das
Beschönigen der Erwartung). Beim Warten versuchen wir zu erklären, auf was wir
warten. Es ist dann immer mehr als unsere Erwartungen erwarten oder verstanden
haben. Dabei hilft uns Romantik. Sie holt das Vergangene in die Zukunft zurück
als einen neuen Entwurf. Zwischen unserem Verstehen (über das, was wir erklären
wollen) und dem Erklären selbst, klafft eine Lücke.
Um das zu verstehen, folgendes: Wenn ich dir hier etwas
erkläre, dann verstehe ich im selben Moment davon nichts mehr. Warum? Weil ich
erkläre und nicht verstehe. Wenn ich verstehe, dann erkläre ich in diesem
Moment nichts. Also ich muss das Verstandene formulieren. Das ist etwas anderes
als das Verstandene selbst. Verstehst du? Es gibt eine Lücke zwischen Verstehen
und Erklären. Sie ist ein Raum, der raumlos ist. Wenn ich so etwas von mir
gebe, das tue ich ständig, nickt Frank verständnisvoll. Als ob er mich
verstanden hat. Aber er hat es nicht. Deshalb sagt er später, er habe nur beim
Schach verloren, weil ich schon wieder gequatscht habe.
Keine Lust mehr auf stinkenden Hartz-Käse
Montag, 13. Juli 2009Als ich das letzte Mal meine Kontoauszüge aus dem Automaten zog, war ich doch ein bisschen gespannt. Habe ich etwa Urlaubsgeld bekommen? Der Blick auf den Auszug holte mich aus dieser Träumerei. Nein, natürlich nicht. Ich habe da ja so einen Spezial-Vertrag. Mit meinem Geld komme ich zurzeit wirklich zurecht und spare mir doch jeden Monat etwas mehr zusammen.
Aber ich darf hier keinen Denkfehler machen. Mein Vertrag läuft regulär über zwei Jahre. Danach ist es sehr fraglich, ob er verlängert wird. Was nicht ganz regulär ist: In dieser Zeit werden keine Beiträge in die Rentenversicherung eingezahlt, und auch keine Arbeitslosenversicherung. Das bedeutet natürlich auch, wenn ich mich nach diesen zwei Jahren wieder arbeitslos melde, … bin ich von Anfang an wieder auf Hartz 4. Wäre nicht gerade clever, wenn ich dann einen anrechenbaren Kontostand habe.
Nein, ich will da wirklich nicht meckern, es ist so wie es ist schon sehr viel besser, als ich es mir vor einiger Zeit vorgestellt habe. Aber es erinnert mich eben daran, dass ich innerhalb dieser zwei Jahre etwas finden muss, was mich dann in einen normalen Status bringt. Normal – muss -Altersvorsorge – Status: Ich krieg die Krätze. Schon erschreckend wie mein Arbeitsleben sich in mein Denken einschleicht. Ich muss gar nichts, aber ich will noch etwas. Und dazu gehört es, nichts mehr mit diesem stinkenden Hartz-Käse zu tun zu haben. Aber wenn ich mich so umschaue (Löhne unter fünf Euro brutto für die so mancher arbeitet), habe ich manchmal das Gefühl, es ist schon fast unverschämt etwas zu wollen.
Vom Wandern und Werden
Sonntag, 12. Juli 2009Heute ist ein besonderer Tag für zwei liebe Menschen, Studenten der Fachrichtung Theologie. Sie haben die Aufgabe, abwechselnd Predigt und Liturgie zu halten, in zwei Gottesdiensten in Cospeda und Zimmritz. Es war ein großes Erlebnis, nicht nur für die beiden, sondern auch für die Gemeinde. Ihre erste Predigt und jeder hat sie auf seine Weise gehalten.
Ich bin froh, dank Mitfahrgelegenheit dabei gewesen sein zu dürfen. Dieses Ausprobieren, sich Gedanken machen über Bibeltexte, wird in Zukunft wichtig sein, wenn sie als Pfarrer vor ihrer eigenen Gemeinde stehen. Es ist wie ein Hereinwachsen in seine Aufgaben, immer wieder probieren, etwas wagen – wenn auch unter Herzklopfen. Aber das gehört dazu, das kennt jeder Schauspieler und andere Berufsgruppen. Ein Stück Lampenfieber ist immer dabei.
Mein Lebensspruch seit dem 40. Lebensjahr sagt eigentlich alles. “Dies ist mein Wappen. Ein grünender Baum und eine schimmernde Straße im unendlichen Raum. Wandern und Werden.” von Hildegard Jahn Reinke. Nur durch ständiges üben und Probieren lassen wir unsere ängste hinter uns. Das habe ich oft in der Selbsterfahrung spüren können, gestern, heute und morgen. Mit den in die Wiege bekommenen Gaben und viel Zeit wächst man aus sich heraus im richtigen Umfeld. So wünsche ich auch Tobias und Manuel ein Wandern und Werden auf der schimmernden Straße im unendlichen Raum, mit Gottes ganzem Segen.
Alles Liebe wünscht Muse Suse aus Jena
Brutstätte des Unsozialen
Freitag, 10. Juli 2009Um mich herum sind nur doppelt gescheiterte Kerle. Sie träumen von dem ganz großen Ding nach der Haft. Je schlechter es dem Menschen hier geht, desto mehr scheitern sie, desto größer wird ihre Sehnsucht oder die böse Romantik. Oder aber die geläuterte Variante: Mal ehrlich betrügen, so wie es der Banker macht. Diese Gescheiterten jedenfalls, glauben nicht wirklich an ihr Scheitern. Denn gleich darauf tauschen die Verderbten sich ihre neuen Entwürfe und Visionen aus: Das ist, mein Freund, eine böse, subversiv-rituelle Romantik.
Kann eigentlich unter gleich subversiven Romantikern das wahre Gute entstehen? Wohl nicht. Warum? Weil diese Romantik täglich zelebriert, beschwört, ja feierlich eröffnet wird, damit sie sich verfestigt: Sie ist deshalb rituell. Das Bewusstsein bleibt daran hängen, so wie die Gläubigen an Gott bei der sonntäglichen rituellen Andacht.
Die Verderbten sind ein Haufen Welpen aus einem Wurf, deren Gestalt ein einziger Körper ist, der sich mit seinen Teilen einander reibt und wärmt und schließlich dann mehr Verderbte heraus gebiert als es die Summe ihrer Einsperrung zulässt. So entsteht oder wächst das Böse an. Das Gefängnis ist deshalb eine Brutstätte des Unsozialen. Die Haftverhältnisse müssen menschlich werden, weniger einengend, damit die böse Romantik nicht übergroß wird. Die Ausgrenzungstechnik muss den Menschen gegenüber das zeigen, was sie später tun sollen und sie nicht in einem Klo leiden lassen, so wie es hier geschieht. Du willst endlich wissen, wie es bei mir zur bösen Tat kommen konnte.


