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Mit ‘trauer’ getaggte Artikel

Verspäteter Nachruf

Montag, 23. März 2009

Heute möchte ich einen überfälligen Nachruf verfassen. Anfang des Monats ist unser Besucher, Klient, ehemaliger Mitarbeiter und auch Freund Christophe verstorben. Bis letztes Jahr im Herbst hat er im Kontaktladen mitgearbeitet. Christophe hat im Rahmen eines “Ein-Euro-Jobs” den Theken-Bereich geschmissen und war sich auch für andere Arbeit nicht zu schade.

Er half wo er konnte, ob seiner Familie, Bekannten oder anderen Besuchern des Kontaktladens. Er versuchte sein Leben wieder in geregelte Bahnen zu bekommen und ein heroin-/opiatfreies Leben zu führen. Er hatte sich ausschleichend substituieren lassen und war nach der Substitution auch einige Zeit “clean”. Er nahm einige Dinge endlich in Angriff, z.B. lies er sich seine Zähne machen. Es war eine Freude ihn aufblühen zu sehen.
Doch es kam der Tag als Christophe die Sucht wieder eingeholt hatte und er sich “etwas gegönnt” hatte.
Leider vertrug sein Körper das Gift nicht mehr in diesem Maße und es kam dazu, womit jeder Heroinkonsument rechnen muss, zu einer überdosierung.

Aus unserem Leben bist du gegangen,
in unserem Herzen bleibst du.


Dein Kontaktladen-Team

Einsatz für einen würdevollen Tod

Freitag, 20. März 2009

“Stoßen Sie in ihrer Arbeit auch an ihre Grenzen?” werde ich am Abend im Rahmen einer Podiumsdiskussion zum Thema “Grenzgänger – Voll im Trend” gefragt. Für mich ist es nicht so einfach, darauf eine ehrliche und verständliche Antwort zu geben. Natürlich stoße ich immer wieder an Grenzen in der Arbeit mit kranken Menschen in Wohnungsnot:

Da ist zum Beispiel Hubert, der sich trotz aller Hilfestellungen nicht zu einer erneuten Entgiftungs-Therapie durchringen kann. Wenn ich ihm begegne, kann ich an ihm die fortschreitenden körperlichen Folgen seiner Alkoholsucht erkennen.

Und auch Hannelore bleibt für mich eine “Herausforderung”. Für sie ist derzeit – trotz ihrer Beingeschwüre – die Annahme fachlich-medizinischer Hilfen unmöglich. Sobald sie jemand unseres Teams erblickt, dreht sie sich um und läuft fort. Eine ganz andere Grenze – verbaler Art – mutet Ladislav mir zu, als er mich als “Hitler-Cousine” beschimpft, weil ich ihm keine kostenlose Zahnbehandlung geben kann! Die strukturellen Hürden und Grenzen, die mir bei meinem Einsatz für die nicht versicherten Kranken begegnen, sind da nicht so schmerzhaft und doch stark einschränkend!

Auch den Todgeweihten nachgehen

Und dann darf auch die Konfrontation mit der Grenze Tod nicht unerwähnt bleiben. Wenngleich ich manchmal in der Gefahr stecke, mich an diesen ständigen Begleiter und seine vielfältigen Gesichtern zu gewöhnen – die Sehnsucht nach einem Leben in Gesundheit oder wenigstens einem würdevollen Tod mobilisieren in mir immer wieder Kräfte, auch den scheinbar “Todgeweihten” nachzugehen.

Ich will mich nicht gewöhnen, will mich der vermeintlichen “Todessehnsucht” anderer stellen und gemeinsam mit ihnen nach Ansätzen suchen, “für Leben und Heilung” einzutreten. Dennoch bleibt für mich jede Todesnachricht eines unserer Patienten ein Stich im Herzen. Viele sind gerade mal 54 Jahre alt, wenn sie sterben. Manche müssen ihre Sterbestunde auf der Straße erleben, oder werden tot in ihrer endlich erworbenen Wohnung aufgefunden. Nicht wenige kommen gewaltsam zu Tode und von so manchen erfahren wir es einfach nicht, warum und wie sie gestorben sind. Nein, an die Grenze Tod werde ich mich nie gewöhnen – und vielleicht ist das gut so, um weiter für ein besseres Leben all jener einzutreten, die wohnungslos und innerlich heimatlos durch unsere Straßen irren.

Leiche in der Kühlung

Mittwoch, 18. März 2009

Wie im letzten Tagebucheintrag erwähnt, pflegte ich vor meiner Inhaftierung meine an Lungenkrebs erkrankte Mutter. Noch bevor ich eingesperrt wurde, hielt sie eine Bescheinigung in Händen, dass sie wieder genesen sei. Doch nach den ersten Monaten im Gefängnis wurden Mamas Briefe immer merkwürdiger. Instinktiv wusste ich, der Krebs war zurückgekehrt. Meine Mutter versuchte, mich zu schonen, indem sie nicht von ihrem Los berichtete.
Noch heute bin ich heilfroh und stolz, dass meine beiden großen Söhne Initiative ergriffen und ihre Oma liebevoll umsorgten, da ich nicht dazu in der Lage war. In meiner Haftanstalt gab es kein öffentliches Telefon auf dem Gang, wie in manchen Fernsehsendungen propagiert.
Meinen ersten Anruf habe ich nach einem ganzen Jahr Gefängnis genehmigt bekommen. Es war zur Weihnachtszeit im Jahr 2006. Ich hatte meine Mutter über ein Jahr nicht mehr gehört und gesehen und wollte wenigsten frohe Festtage wünschen. Ganz tapfer sprach sie am Telefon, doch hinter ihren Worten versteckte sich die bittere Wahrheit.
Ende Januar des darauf folgenden Jahres bekam ich den Anruf, dass ich meine Mutter im Krankenhaus besuchen müsse, wenn ich sie noch einmal wiedersehen wollte. Mein Antrag auf eine Ausführung in das hiesige Krankenhaus wurde innerhalb kürzester Zeit genehmigt. Noch in der gleichen Woche durfte ich sie in Begleitung einer Beamtin im Krankenhaus besuchen.

Mutter war bis auf Haut und Knochen abgemagert

Doch ihre resoluten Wesenszüge hatte sie noch nicht verloren. Sie freute sich sehr über meinen Besuch und lobte meine Kinder in höchsten Tönen. Die Beamtin hielt sich vertrauensvoll im Hintergrund, ohne mit großem Aufsehen, z.B. durch Handschellen, meine Familie bloßzustellen. Auch ein Gespräch mit dem zuständigen Oberarzt durfte ich unter vier Augen führen. Dieser machte mir keinerlei Hoffnungen auf eine Genesung meiner Mutter. Er meinte, es sei nur eine Frage der Zeit und ich solle möglichst bald wiederkommen.
In der JVA stellte ich aufgrund der besonderen Situation gleich wieder einen Antrag auf begleitete Ausführung ins Krankenhaus. Dieser Krankenbesuch wurde mir bereits eine Woche später genehmigt. Doch nun hatte meine Mutter schon sämtliche Lebensenergie verlassen. Sie lag auf dem Krankenbett, konnte nicht mehr sprechen, ihr Atem ging rasselnd und schwer. Allein das Atmen strengte sie furchtbar an. Ich konnte nur ihre Hand halten.

Als die Vollzugsbeamtin mich fragte, ob meine Mutter überhaupt bemerken würde, dass ich bei ihr zu Besuch sei, nickte die sterbenskranke Frau. Das war das einzige Lebenszeichen, welches ich noch von ihr bekommen sollte. Am Valentinstag 2007 bekam ich die Nachricht vom Tod meiner Mutter. Es wurde mir erlaubt, diese Nacht bei einer Mitgefangenen zu verbringen. Auch der Seelsorger der JVA fragte am kommenden Tag nach meinem Befinden. Doch wie im normalen Leben musste alles seinen Weg gehen. Als einziges Kind hatte ich nun die Pflicht, einen Totenschein zu beantragen und die Wohnung, Versicherungen, Bankverbindung und so weiter zu kündigen und die Beerdigung zu organisieren.
Eine weitere Ausführung wurde mir genehmigt, um in Mutters Wohnung Einsicht in deren Papiere zu nehmen. Die Totenscheine waren innerhalb weniger Tage in der JVA angekommen. Zwar bekam ich diese nicht ausgehändigt, doch wurde mir versichert, dass meine Briefe und Kündigungen auf Wunsch in der Anlage damit bestückt würden. Ich bekam auf Antrag eine Schreibmaschine ausgehändigt und innerhalb weniger Tage konnte ich die notwendigen Kündigungen erstellen. Die Mietwohnung meiner Mutter wurde gegen Verzicht auf die Genossenschaftsanteile vermieterseitig geräumt.

Nacht für Nacht schweißgebadet

Die Beerdigung machte mir größere Probleme. Meine Anfragen bei Beerdigungsinstituten blieben erfolglos, da ich durch meine persönliche Lage und die private Insolvenz nicht zahlungsfähig war. Das Bestattungsamt weigerte sich, die Bestattung zu übernehmen, weil ich als Nachkomme von Rechts wegen dafür zuständig sei. Also benötigte ich Hilfe durch den Sozialdienst der JVA.
Etwa eine Woche nach dem Tod meiner Mutter schrieb ich einen Rapportzettel mit der Bitte um den Besuch einer Beamtin des Sozialdienstes. Wie viele Rapportzettel ich letztendlich schrieb, weiß ich nicht mehr. So vergingen mehrere Wochen. Nacht für Nacht wachte ich auf, schweißnass gebadet und hatte von Mutters Leiche in der Kühlung geträumt.
Als auf dem Weg zum Arbeitsbetrieb der JVA die Beamtin des Sozialdienstes, der wir zufällig begegneten, mich vor all meinen Mitgefangenen, fragte, ob ich schon einen Totenschein beantragt hätte. Ohne Worte… In der darauffolgenden Woche wurde ich ins Büro des JVA-Pfarrers gerufen. So wütend hatte ich ihn noch nie erlebt. Er warf den Stapel Papiere auf seinem Schreibtisch um, und rief zornig aus, dass diese Arbeit die des Sozialdienstes sei. Dass die Dame des Sozialdienstes mal eben auf Weiterbildung fahren würde, um ihn dann ihre ganze Arbeit aufzuhalsen.
Ich trug ihm meine für mich unlösbaren Sorgen vor. Auch er versuchte den Weg, telefonisch über ein Beerdigungsunternehmen und dann den Weg über das Bestattungsamt die Beerdigung zu regeln. Er erhielt die gleichen Auskünfte wie ich vorher schriftlich. Erregt rief er im Amt des Bürgermeisters an, schilderte die Situation und drohte, diesen Frevel zu veröffentlichen. Endlich war ein Stein ins Rollen gebracht…

Beerdigung zwei Monate nach dem Tod

Tags darauf hatten wir die Zusage des Bestattungsamtes, dass die Kosten für die Beerdigung getragen werden würden. Allerdings nur die einfachste Art der Bestattung. Meine Mutter konnte leider nicht im Familiengrab bestattet werden. Sie wurde verbrannt und bekam ein einfaches Holzkreuz auf ihr Grab als sie zwei Monate nach ihrem Tod endlich bestattet werden konnte. Der Pfarrer der JVA organisierte einen Gottesdienst in ihrer Pfarrgemeinde, den er selbst hielt. Auch bei der Bestattungszeremonie war er zugegen und hielt eine kleine Rede, die ich mit ihm vorbereitete.

Diesen Tagebucheintrag zu schreiben, ist mir sehr schwergefallen. Es rief mir das Geschehene wieder ins Bewusstsein zurück und damit auch die Machtlosigkeit, mit der ich damals fertig werden musste. So konnte ich meine schlimmste Zeit im Gefängnis mit euch teilen.

Gedenkfeier für verstorbene Wohnungslose

Mittwoch, 11. März 2009

Wohnungslose und arme Menschen, die keine Angehörigen mehr haben, werden in der Regel nach dem Tod ohne Trauerfeier eingeäschert und anonym begraben.
In Dortmund haben die Wohnungslosenseelsorger auf dem Ostenfriedhof ein Urnenfeld geschaffen, um den Menschen, denen sie in vielen Jahren ein guter Freund und Begleiter waren, eine würdige Bestattung zu ermöglichen. Das Urnenfeld liegt nicht etwa verborgen oder am Rand des Friedhofs, sondern es ist das Feld Nr. 1, inmitten der Gräber bekannter Dortmunder Bürger.
Das Ordnungsamt der Stadt nimmt mit den Pfarrern Kontakt auf, wenn ein Verstorbener keine Angehörigen hat. In der Regel ist ihnen der Tote bekannt. In der Franziskaner Kirche wird eine Trauerfeier gehalten, zu der etwa 70 Menschen kommen. Die Urne wird auf dem Grabfeld beigesetzt und steht dann auf einer Steinplatte, auf der Vor- und Zuname und der Todestag eingraviert sind. Am letzten Freitag im November organisieren die Seelsorger eine Gedenkfeier für alle Verstorbenen der letzten Jahre. Wir treffen uns in der Kirche, Mitarbeiter und Gäste der Kana-Suppenküche, des Gasthauses und des Franziskaner Klosters und gehen dann gemeinsam zum Friedhof. Dort wird nochmals der Verstorbenen gedacht und ein kleines Licht zu den Urnen gestellt. Bevor alle in ihren Alltag zurückkehren, gibt es Kaffee, Kuchen und leckere Schnittchen im Franziskaner Kloster.
Ein Gedenkstein auf dem Urnengrab trägt die Inschrift: “Fürchte dich nicht, ich habe dich bei deinem Namen gerufen” (Jesaja 43 1-5). Eine unglaubliche Zusage für Menschen, die jahrelang ohne Namen oder Identität unter uns gelebt haben. Sie sollen bei ihrem Namen gerufen werden. Und etwas weiter heißt es: “Weil du in meinen Augen teuer und wertvoll bist – und weil ich dich lieb”.
Da steht es geschrieben: Gott liebt alle Menschen, ob arm oder reich.

Klinikresümee in D Moll (1997 ff.)

Freitag, 06. März 2009

Ich bin ins Leben geboren worden,
doch hier wollt ich niemals sein.
Jetzt steh ich hier im Dunkeln
und im Kalten
und bin ganz allein.

Meine Seele ist zerbrochen
und meine Tränen sieht man nicht.
Manchmal weine ich die ganze Nacht
und seh’ wegen der Tränen nicht, wie der Tag erwacht.
Ich will nur raus aus diesem Albtraum
denn ich seh’ wie meine Zeit abläuft
Und suche das Glück
Ich denke ihr seid verrückt
Und auch total verlogen
Ihr habt mir die ganzen Jahre
nur meine Freiheit entzogen.
Doch ihr habt mein Gehirn erst verdreht
So dass kein Mensch, – auch nicht ich -
mehr die Verwirrung in meinem Kopf versteht.
Und so frag ich mich oft selbst,
ob, und was ich seh und
wo verdammt ich eigentlich steh.

Angst vor der Ungewissheit

Mittwoch, 28. Januar 2009

Mir geht es nicht gut. Ich weiß nicht, ob die Beziehung mit meinem Freund zu Ende ist. Er möchte nicht mehr mit mir reden. Ich habe Angst diese Ungewissheit nicht auszuhalten. Gestern dachte ich daran, mir Alkohol zu kaufen. Ich möchte nie mehr in mein altes Leben zurückfallen. Dieser Konflikt macht mich traurig und kostet mich sehr viel Kraft. Dazu kommt auch noch, dass meine Mutter nicht gut auf mich zu sprechen ist, weil ich nicht alles so mache, wie sie es gerne hätte.
In der Oase war heute ein sehr lauter, himmelhochjauchzender Tag. Frau Z. sang irgendwelche “haarigen” Lieder von Frauen und Bären. Frau K. überdröhnte mit ihrem lauten Organ die Sangeskünste von Frau Z. Nur Marion B., die für eine Woche bei uns ein Sozialpraktikum macht, bewahrte mit Frau P., unserer ehrenamtlichen Helferin die Ruhe. Die beiden schmolzen in diesem Krach Schokolade, verfeinerten sie mit Nüssen und machten Schokoladentaler daraus. Diese Nervennahrung hatten wir nötig. Wir haben alle aufgegessen.