Anna Maria Haas
Thorsten Bathe
Thorsten Bathe
Rainer S.
Thorsten Bathe
Thorsten Bathe

Mit ‘trauer’ getaggte Artikel

Engelein flieg …

Donnerstag, 12. November 2009

Spielzeugautos - © Martina Berg - Fotolia.comDass wir zwei Caritas-Kleiderläden haben, ist ein großes Glück. Hier können Menschen mit einem geringen Einkommen günstig einkaufen. Kleidung, Schuhe, Bettwäsche, Spielsachen, das Angebot ist groß. In der Regel bringen die Leute ihre Dinge selbst in die Kleiderläden, aber auf Wunsch holen wir es auch ab. So war es auch in diesem besondern Fall. (mehr…)

In memoriam D.Y.

Montag, 26. Oktober 2009

Regen – © Denis Potschien - Fotolia.comDas war Dein letztes Abenteuer.
Was kümmert Dich nun der Sonnenschein?

Die hoch aufgetürmten Tage stürzten ein,
gerieten zu unruhigen Nächten,
in denen Du auf der Straße schliefest,
mit Hunger, der durch nichts zu stillen war. (mehr…)

Knetmasse Leben

Dienstag, 25. August 2009

knete © Gerisch - Fotolia.comFrohes, tristes, atemberaubendes, belangloses Leben – nichts ist für ewig! Erde aus Blättern, Kohle aus Holz – erschaffend, vergehend. Im Zeitraffer entwickelt man sich selbst. Der Kiefer klappt über das Hirn, zerkaut einen. Wangen fließen, Rippen knacken. Die Füße stülpt man in neue Hautlappen: Knetmasse Leben. (mehr…)

Es ist hart

Dienstag, 12. Mai 2009

Ein bewegter Tag. Heute habe ich im NDR gesessen und mit einer Autorin des Bayrischen Rundfunks an einem geschalteten Interview teilgenommen. Ein Interview über die Webtagebücher und die Caritas-Kampagne. Danach stellte sich ein etwas beklemmendes Gefühl ein. Aus einigen Minuten wurde eine halbe Stunde. Und in dieser halben Stunde habe ich Dinge gesagt, die man eigentlich nicht in ein paar Sätzen erklären kann.

Danach habe ich, da ich gerade in der Gegend war, einen Besuch im Betreuten Wohnen für Abhängige gemacht. Ich hatte einfach das Bedürfnis nach Kommunikation. Dort habe ich dann mit zwei Bewohnern geredet und zwei Mal Tränen gesehen. Noch etwas, das nicht in ein paar Sätzen wiedergegeben werden kann.

TreffeZündfunknd und eindeutig für alles, was ich heute gesagt habe oder sagen wollte sind die drei Worte: “Es ist hart”.

Update: Der Beitrag läuft Donnerstag, den 14. Mai ab 19 Uhr in der Sendung Zündfunk auf Bayern2.

Albtraum der Sucht

Montag, 11. Mai 2009

“Ich will einfach vergessen. Doch heute gibt es kein Vergessen. Die Wut gewinnt die Oberhand. Sie besetzt alle meine Gefühle und Gedanken. Aber ich will nicht mit Gefühlen und Gedanken umgehen. Also überlasse ich sie meiner Wut. Sie verzehrt sie. Meine Traurigkeit verwandelt sich ebenfalls in Wut. Ich würde am liebsten alles zerstören, was ich sehe. Und was ich nicht zerstören kann, möchte ich verschlingen. Mir einverleiben. Durch die Nase ziehen. In die Venen jagen. Hauptsache alles ist drin.

Ich will Schnaps. Eine Flasche des reinsten, stärksten, giftigsten Alkohols auf Erden. Ich will darin ertrinken. Ich will fünfhundert Schüsse Heroin und doppelt soviel Kokain. Ich will einen Müllsack voller Pillen und eine Klebstofftube, größer als ein LKW. Ich will alles, egal was, aber so viel wie möglich. Ich will und brauche so viel, dass ich mich vergesse, auflöse, verliere, den unerträglichen Schmerz betäube, in das tiefste Dunkel eintauche, in das allertiefste Loch.

Ich will zerstören. Mich und alles andere auch. Meine Wut und meine Zerstörungslust lassen mich beinahe platzen. Ich schließe die Augen und hole tief Luft. Ich hoffe, dass mich das Atmen beruhigt. Aber es klappt nicht. Auch nicht beim nächsten Atemzug. Und beim übernächsten ebenfalls nicht. Ich will zur Ruhe kommen, aber für mich gibt es keine Ruhe. Wie bin ich hier gelandet? Wie bin an diesen Ort gelangt, in diesem Moment, mit diesem Gefühl, dieser Vergangenheit, dieser Zukunft, diesen Problemen? Wie bin ich in dieses verfluchte, vergeudete, nutzlose Leben geraten?

Ich will ruhig atmen. Ich spüre wie Zorn, Verwirrung, Bedauern, Schrecken und Scham zur perfekten Wut verschmelzen. Ich kann sie weder bremsen noch kontrollieren. Dann überkommt mich etwas anderes. Ich bin schwach, ängstlich und zerbrechlich. Ich will nicht verletzt werden. Das fühle ich immer, wenn ich weiß, dass ich verletzt werden könnte. Ich bekämpfe es jedes Mal. Und unterdrücke und verdränge es.

Ich will es nicht, doch dieses Mal fange ich an zu weinen. Das Schluchzen kommt von tief innen. Ich halte es nicht mehr zurück. Viele Jahre Sucht verkörpern sich in Tränen und Verlustgefühl. Dieses Gefühl steckt in mir, füllt mich aus, überwältigt mich. Der Verlust von Normalität, von Glück und Liebe, von Vertrauen, von Verstand, von Familie und Freunden, von Zukunft und Möglichkeiten, von Würde und Menschlichkeit, von geistiger Gesundheit. Der Verlust meiner selbst.

Im Kampf mit dem Dämon Heroinsucht

Mittwoch, 15. April 2009

Sein Gang ist der eines Kämpfers. Er steigt durch die Seile und tänzelt im Ring. Strahler werfen gleißendes Licht auf das Seilgeviert. Außerhalb existiert nur noch tiefes Schwarz. Beim Gong konzentriert sich Lorenz auf seinen Kampf. Trotzdem wird er schwer getroffen. Er versteht nicht, wie der Schlag ihn hat brutal auf den Rippen erwischen können. Dumpfer Schmerz betäubt ihn. Dieser Gegner ist übermächtig, soviel weiß er jetzt.

Wie ein Wanderer eine Weile im Schatten verweilt, und wenn er ausgeruht, wieder weiterzieht, so treffen die Geschöpfe zusammen. Verbindendes wird zu Wesentlichem. Wesentliches verbindet. Unwesentliches verschwindet. Wenn die Geschöpfe zusammentreffen, gewinnt jede Einzelheit an Wert.

Lorenz tänzelt nicht mehr auf den Fußballen im Ring, sondern steht fest auf den Sohlen. Er ist müde und schweißgebadet, aber er kämpft mit einer Leidenschaft, die vom Schmerz einer herzzerreißenden Verzweiflung entfacht wird. Eine Rechte erwischt ihn schwer am Kinn. Bevor er die Balance verliert und auf dem Boden aufschlägt, denkt Lorenz: “Ich kann diesen Kampf einfach nicht gewinnen”. Die Gewissheit der Ausweglosigkeit und eine große Müdigkeit bemächtigen sich seiner. Er spürt, dass er sich nicht mehr erheben wird.

Schiller schreibt, man habe im Leben zu wählen zwischen Sinnenglück und Seelenfrieden. Lorenz hat sich über 25 Jahre für das Erstgenannte entschieden. Dabei ist ihm kein Niederschlag im Kampf mit dem Dämon Heroinsucht erspart geblieben: Familie verloren, Freundin verloren, Gesundheit verloren. Wichtiger Halt in dieser Zeit: die Kontakt- und Notschlafstelle. über viele Jahre sind wir uns dort beinahe täglich begegnet. Wir haben über seine große Leidenschaft Boxen philosophiert, uns gegenseitig von Billy Cobhams Schlagzeugspiel vorgeschwärmt und irgendwann begonnen, auch über den Verlauf seines Lebens zu sprechen.

Auf dem Ringboden liegend kommt Lorenz der Begriff der “Durchreise” in den Sinn. Wenn wir irgendwo ankommen in einem Leben, in einem Beruf, bei einem geliebten Menschen, spüren wir Glück. Wir fühlen Liebe und gleichzeitig einen Hauch von Schmerz, weil das Ankommen in dieser Welt immer nur zeitweise sein kann, denn in Wahrheit sind wir auf der Durchreise. Zeugung, Geburt, Säuglingsalter, Kindheit, Jugend, Pubertät, Erwachsensein, Alter, Greisenjahre, Todesmoment – von einem übergang zum nächsten.

Vor ein paar Tagen ist Lorenz im Krankenhaus gestorben. Zum Ende hat seine Seele doch noch Frieden gefunden. Bei meinem letzten Besuch konnte ich es spüren, als wir uns zum ersten und einzigen Mal umarmt haben. Ein intimer Moment und ein persönliches Geschenk, das mich gerne an ihn denken lässt.