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Mit ‘sprechstunden’ getaggte Artikel

Ein wenig Kind sein, trotz aller Umstände

Montag, 16. März 2009

Die 27-jährige Maria kommt mit ihrer knapp dreijährigen Tochter munter in den Behandlungsraum. Vor knapp zwei Monaten hatte die Stadt ihnen und ihrer Familie eine Rückfahrkarte in die Heimat, nach Rumänien gegeben.
“Dort nix gut zum Leben”, stottert Maria. Und auf meine bange Frage, wo sie denn in diesen noch empfindlich kalten Nächten mit dem Kleinkind nächtigt, stammelt sie etwas von einem “Haus – aber kalt dort”. Munter ruft die Tochter mir einen Straßennamen zu; sie lernt die Sprache der Fremden – etwas anderes bleibt ihr wohl nicht übrig.
Ich untersuche das Kind, weil Maria meint, es habe Husten. Aber die Kleine ist ganz unauffällig. Wir kennen uns schon, denn vor der letzten Ausreise war die Familie mehrere Monate in der Stadt. Immer wieder litt Milena damals an schweren Erkältungen, Infekten und Hautausschlägen. Das Straßenleben ist für diese Kleinen einfach zu hart. Die Sammelunterkünfte der Erwachsenen bieten zudem nicht den Entfaltungsraum, den ein Mädchen in ihrem Alter braucht. Maria verspricht, in der kommenden Woche die Roma-Union aufzusuchen, um vielleicht einen Kindergarten zu finden, in dem Milena ein wenig Kind sein darf – trotz aller Umstände. Ich bleibe skeptisch, ob es gelingen wird.
Viele Familien kommen zu uns auf der Suche nach einem besseren Leben. Ein Leben, das für ihre Kinder schon in jungen Jahren Stress, Krankheit und Leid bedeutet. Aber niemand fühlt sich so richtig zuständig für diese Menschen, die es ja eigentlich nicht bei uns geben sollte -werden darum die Rückfahrkarten so großzügig bezahlt?!

Werner schreibt sich alles auf und wirkt entschieden

Samstag, 14. März 2009

“Entschuldigung, dass ich letzte Woche nicht gekommen bin”, legt Werner gleich los, als er mich im Flur sieht. Im Behandlungsraum sprudelt es weiter aus ihm heraus: “Wissen Sie, ich bin doch knapp bei Kasse und ich kann mir keinen weiteren Strafzettel mehr wegen Schwarzfahren leisten, sonst holen die mich noch ab!”
Und dann berichtet er kurz und aufgeregt, dass das Jobcenter mit einer Kürzung drohe, wenn er nicht gute Gründe anführen kann, warum er sich zum verabredeten Termin nicht bei der Firma für den 1,50 Euro-Job gemeldet habe. Ich müsse ihm doch wenigstens glauben, dass er mit einer schweren Grippe im Bett gelegen habe. Denn Werner hat gerade wieder eine eigene Wohnung. “Aber wenn die mich kürzen, dann wird es auch mit der Miete knapp und ich habe auch noch die Schulden da… und meinen Bewährungshelfer erreiche ich auch nicht, und, und, und …”
Innerhalb nur weniger Minuten breitet Werner das ganze Problembündel, das er mit sich rumschleppt, vor mir aus. Offen berichtet er von seiner Versuchung, wieder zum Alkohol zu greifen: “Ich komm sonst nicht mehr zu Ruhe”. Und gleichzeitig weiß er, “dass das nicht hilft!” Aber für eine Langzeittherapie habe er jetzt keine Zeit: “Ich muss doch noch so vieles regeln”.
Erst nach einiger Zeit können wir gemeinsam die wichtigsten Schritte nur für die nächsten Tage verabreden: Gespräch mit der Sozialarbeiterin nebenan, Attest für das Jobcenter, Kontakt zum Bewährungshelfer und demnächst auch zur Schuldnerberatung aufnehmen. Werner schreibt sich alles auf. “Damit ich weiß, was ich machen muss”, sagt er ernst und wirkt entschieden. Geld für die Rückfahrt mit der U-Bahn hat er nicht, “Erst in fünf Tagen bekomme ich was”, erklärt er mir. “Aber ich kann meinen Freund noch mal anpumpen.”
Da er Wege machen muss, um sich beim Suchttherapeuten, beim Gesundheitsamt und später wieder bei uns vorzustellen, erhält er eine kleine Beihilfe aus unseren Spendengeldern. Die dafür gekauften Fahrscheine will Werner nächste Woche vorlegen. Ich glaube ihm heute, dass er es schaffen könnte – und ich weiß, der Boden, auf dem er sich bewegt, ist noch sehr wackelig!

Das Kind in eine fremde Welt mitnehmen

Freitag, 13. März 2009

Beim Eintreten der einjährigen Ruzica und ihrer viel zu jungen Mutter, die das Kind fast wie ein Bündel auf die Liege wirft, spüre ich Zorn und Ohnmacht: Wie können diese jungen Eltern ihr Kind einfach in eine fremde Welt mitnehmen, in der sie weder die Sprache sprechen, noch adäquat für sich und das Heranwachsende sorgen können?
Ruzica schreit ununterbrochen, so als spüre sie mein inneres Entsetzen. Ihr Vater steht hilflos daneben. Ich bitte die Mutter, die Kleine auf den Arm zu nehmen, damit sie sich beruhigt. Dies gelingt nur für einen Augenblick, kurz genug, damit ich feststellen kann, dass – zumindest auf den ersten Blick – keine ernste Erkrankung bei Ruzica vorliegt. Ihre Kleidung ist ungepflegt, die Windeln müssten gewechselt werden und wer weiß, wie und wo sie die vergangene Nacht verbracht hat? Durch die Sprachbarriere kann ich mich kaum mit den jungen Eltern verständigen. Ratlos und in der Hoffnung, dass sie es dennoch annehmen werden, bitte ich sie, in den kommenden Tagen die rumänisch sprechende ärztin im Stadtgesundheitsamt aufzusuchen.

So unauffällig wie sie gekommen ist, verschwindet Renate wieder

Donnerstag, 12. März 2009

Kurz vor Beginn der Frauensprechstunde setzt sich Renate in ihrem unauffälligen, blauen Mantel in den Warteraum. Trotz Regen und Kälte trägt sie beharrlich ihre Sandalen. Aber wenigstens die Wollsocken der vergangenen Woche hat sie noch an.
“Nein, nach den Füßen muss niemand schauen”, wehrt sie gleich den prüfenden Blick der Krankenschwester ab. Auch ich kann in diesem Punkt nichts ausrichten, denn eigentlich kommt Renate nur, “weil der Impfstoff da herauskommt”. Dabei zeigt sie auf ihren linken Oberarm, an dem außer ein paar oberflächlichen Kratzwunden nichts Auffälliges zu sehen ist. Die Haut ist trocken, Renates Haare schuppig und das schwarze T-Shirt verdreckt.
Nach längerem Zögern darf ich Schulter und Oberarm waschen und mit einer Pflegesalbe behandeln. “Keinen Verband – das geht nicht!”, setzt mir Renate schon bald klare Grenzen. Aber ein frisches T-Shirt nimmt sie schließlich dennoch an, schwarz muss es sein.
So unauffällig wie sie gekommen ist, verschwindet Renate wieder und ich weiß, auch diese Nacht wird sie wieder irgendwo in der Stadt umherlaufen. Eine übernachtungsstätte kann sie nicht aufsuchen. Ihr Erleben und ihre Wirklichkeiten verbieten es ihr. Es sind vermutlich noch viele Begegnungen wie diese erforderlich, bis Renate eine gesicherte Unterkunft annehmen kann.
Aber immerhin, nach jahrelangem Kontakt auf der Strasse kommt sie nun schon alleine in die Ambulanzräume, ja sogar zur Frauensprechstunde!