Thorsten Bathe
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Kalkum
Thorsten Bathe
Frey

Mit ‘sozialarbeiter’ getaggte Artikel

Der Nächste bitte

Freitag, 04. September 2009

Material aufkochen - (c) FotoliaSchiebetür auf, Licht an, Stühle aufgeklappt, Alufolie verteilt, Spritzutensilien und Feuerzeuge draufgelegt – in der Kölner Anlaufstelle für Schwerstdrogenabhängige geht es mal wieder los. „Wann kann ich in den Konsumraum?“, ist die häufigste Frage nach dem morgendlichen Dienstbeginn. Die ersten Klienten haben Glück, sie können sofort konsumieren. Alle anderen müssen warten, bis wieder Plätze frei werden. Bei ihnen liegen die Nerven blank. (weiterlesen…)

Der mit den Menschen heult

Freitag, 26. Juni 2009

Ein Tag, so lang wie ein blöder Witz. Seine Pointe: auch nicht lustig. Die Grundstimmung bei den Klienten war heute von Anfang an aggressiv. Wegen frühmorgendlicher Polizeikontrollen, Platzverweisen, Problemen bei der Geldbeschaffung, Betrügereien untereinander, gestrecktem Heroin und Wartezeiten vor der Einrichtung im Nieselregen. Ich sehe Heinz in die Kontakt- und Notschlafstelle stürmen. Seine Pupillen tanzen wie nach einer Choreographie von Detlef D! Soost. Die Schläfen sind schweißnass, die Augen weit aufgerissen. Sein Mund zuckt in einem fort, als würde ihm jemand auf die Zehen treten und ihn gleichzeitig kitzeln.

Eine Kontaktaufnahme mit Heinz ist nicht möglich. Gruppen gestalten sich. Gestalten gruppieren sich. Zwischen ihnen wirbelt er nun herum, als willkommener, spontaner Katalysator der gereizten Atmosphäre. Zunächst vernehme ich nur reichlich Getöse, dann fliegen die Fäuste. Mehrere Personen dreschen aufeinander ein. Ich höre das angestrengte Geschnaufe und registriere die Dumpfheit der Schläge. Sehe Lippen platzen und Nasenbeine knacken. Verschüttete Getränke und Blut vermischen sich zu einer rutschigen Fläche, über die die Menge brutal hinwegfegt. Enthemmt und zusätzlich berauscht vom Adrenalin.

Zum Glück sind alle Kollegen unverletzt geblieben und die Einrichtung ist nicht weiter zerstört worden. Die momentane Erleichterung verwandelt sich schnell in bedrückende Tristesse. Ich bin wie gelähmt von diesem Gewaltausbruch. Lustlos, leblos, gar nichts los – ich spüre, wie sich etwas in mir zusammenbraut. Mich selbst dazu zu bekennen, ist ein Risiko. Wer man ist, weiß man immer erst, wenn etwas Entscheidendes mit einem geschieht. Was ist etwas Entscheidendes? Die Hemmungslosigkeit der Klienten? Die daraus resultierende Brutalität? Die misslungene Deeskalation der Situation trotz aller Strategien?

Hieronymus Bosch hatte die Katastrophen noch gut im Griff. Bei ihm gab es das Fegefeuer, Fluten und Pestilenzen, alles in bunten, beeindruckenden Bildern. Auf das die Menschen sich gruselten und um Vergebung baten. Aber heute? Manchmal denke ich, Klienten geraten mit ihrem Leben in eine Rille. Und bleiben solange darin, bis die Platte abgelaufen ist. Als master of desaster sind solche Gedanken nicht erlaubt. Schließlich gelte ich als geschult und professionell. Ich bin der, der mit den Menschen heult. Und nicht umgekehrt.

Notate eines hauptberuflichen Menschenverstehers II

Mittwoch, 17. Juni 2009

04.06.09
Unaufhörlich denke ich: Das kann doch nicht alles sein. Sinn des Lebens, komm heraus, du bist umzingelt! Um es kurz zu machen: Auch an diesem Tag habe ich ihn nicht zu fassen bekommen.
“Das Denken gleicht einem Strom, den man am besten laufen lässt, damit er sich entfalten und wie von sich selbst in unzähligen Verästelungen ergießen kann, die am Ende in einem bewegungslosen, unangreifbaren Punkt zusammentreffen” (Jean-Philippe Toussaint)

08.06.09
Ein Tag wie der metallische Rausch einer Zigarette auf nüchternen Magen. Einfach bäh. Die Lösung ist so simpel wie gerecht: Wenn man nicht weiß, was man will, steht man am Ende mit vielem da, was man nicht will. Das gilt für mich genauso wie für meine Klienten.
“Entscheidungen sind die ‘via regia’, der Königsweg in ein ergiebiges existenzielles Reich – das Reich der Freiheit, der Verantwortung, der Wahl, der Reue, des Wünschens und Wollens”. (Irvin D. Yalom)

09.06.09
Viel Gemecker heute, aber nicht beleidigend. Keine wüsten Beschimpfungen und gemeinen Verwünschungen. Nicht solche massiven Ausfälle sind allerdings die Herausforderung, sondern die permanenten Abwertungen. Gekonnt und präzise angebracht: “Wofür wirst du bezahlt? Mach endlich mal was! Das ist sowieso alles nur deine Schuld!” Da sterben die Minuten nur langsam in Stunden.
“Leben ist Brückenschlagen über Ströme, die vergehen” (Gottfried Benn)

12.06.09
Gedanken im Konsumraum: Immer wieder seltsam, wenn sich geschätzte 25 Jahre JVA Ossendorf wie auf Kommando ihrer Hosen entledigen und mir gestandene Mannsbilder die Allerwertesten entgegenstrecken. Auf die Plätze, fertig, los: Injektion in die Leiste. Diese Choreographie ist bestens einstudiert.
“Ich fände es langweilig, Heroin zu konsumieren. Es nimmt die Wirklichkeit aus allem” (Delacorta)

16.06.09
Umgeben von Elend durchlebe ich den Tag wie ferngesteuert. Schwere und Müdigkeit überfallen mich. Kaum etwas ist schwerer fassbar als das Glück. Wenn ich vom Unglück rede, bin ich auf der sicheren Seite. Den glücklichen Moment scheint es zu geben, aber ein ganzes glückliches Leben? Oder auch nur einen glücklichen Tag?
“Dumme rennen, Kluge warten, Weise gehen in den Garten” (Rabindranath Tagore)

Die müsste man ins Arbeitslager sperren

Montag, 15. Juni 2009

Nachdem ich angefangen hatte, in der Sucht zu arbeiten, konnte ich bei Familienfeiern in meinem Heimatort fast die Uhr danach stellen, dass ich spätestens abends beim Bier von neugierigen Verwandten oder Nachbarn die Frage zu hören bekam: “Hat das denn überhaupt einen Sinn, was Du da machst? Denen kann doch keiner helfen. Wer einmal damit angefangen hat, der kommt doch nicht mehr davon los.” Anfangs versuchte ich noch, gegen solche Sprüche zu argumentieren; solche Diskussionen endeten dann fast regelmäßig in hilflosen Sprüchen der Art wie: “Die müssen doch nur mal richtig arbeiten … Die müsste man ins Arbeitslager stecken, dann würden die schon von selbst aufhören, Drogen zu nehmen oder zu saufen …” Meist kamen solche Sätze von älteren Leuten, die ihr ganzes Leben lang schwer gearbeitet hatten und in ihren Pflichtbewusstsein und ihrer Rechtschaffenheit keine Vorstellung davon hatten, was Menschen dazu bringen kann, suchtkrank zu werden.

Als ich erkannt hatte, dass ich weder mir noch meinen Gesprächspartnern mit solchen Diskussionen einen Gefallen tat, habe ich begonnen, ihnen Geschichten zu erzählen – wahre Geschichten, Geschichten, die das Leben schrieb. Ich erzählte ihnen die Lebensschicksale einzelner Klienten. Mit dem Ergebnis, dass meine Gesprächspartner sehr nachdenklich wurden und das Arbeitslager anschließend keine Option mehr war.

Zum Beispiel die Geschichte von Varvara. Ich lernte sie vor einigen Jahren kennen, als sie in der Beratungsstelle Spritzen tauschen wollte. Irgendwie kamen wir ins Gespräch, mit dem Ergebnis, dass aus dem unverbindlichen Besuch ein dauerhafter Kontakt wurde, über ein Jahr lang. Varvara hatte eine russische Mutter und einen deutschen Vater. Der Vater war Fernfahrer und kam weit rum in der Welt. Er hatte die Mutter von Varvara in Russland kennengelernt und sie nach Deutschland geholt und geheiratet. Sie wurde schwanger und Varvara kam auf die Welt. Es hätte alles so schön sein können, wenn der Vater nicht ständig mit seinem Sattelschlepper unterwegs gewesen wäre und die Familie allein zurücklassen musste.

Ein Leben zwischen Kinderheim und Pflegeeltern

So war die Mutter schon bald hoffnungslos überfordert; sie sprach kaum deutsch, hatte hier keine Freunde und Verwandten, fühlte sich völlig verloren. Sie wurde psychisch krank, musste lange in die geschlossene Psychiatrie. Varvara kam in Pflege und wurde zwischen Kinderheim und Pflegefamilien herumgereicht. Der Vater konnte sich nicht kümmern; er war ständig unterwegs. Zudem stellte sich heraus, dass er alkoholkrank war. Als die Mutter aus der Psychiatrie wieder nach Hause kam, übernahm Varvara als kleines Kind bereits die Rolle ihrer Betreuerin, die für die Mutter einkaufte, kochte und putzte und den Haushalt führte. Irgendwann ließen Vater und Mutter sich scheiden und Varvara sah sich als Spielball zwischen den beiden. Sie versuchte es beiden recht zu machen und konnte nicht begreifen, warum das nicht funktionierte. In ihrer Clique kam sie mit Alkohol und Haschisch in Berührung. Das fand sie zunächst ganz toll, verschaffte ihr der Konsum doch wenigstens zeitweilig das Gefühl von Entspannung in ihrer so konfusen Welt. Mit der Zeit kam sie mit ihrer Mutter überhaupt nicht mehr zurecht, hatte nur lautstarke Auseinandersetzungen mit ihr.

Anschaffen gehen für die tägliche Dosis

Die Flucht zum Vater war eine schlechte Alternative. Nach dem alkoholbedingten Verlust seiner Arbeitsstelle war er völlig resigniert und konnte seiner Tochter keinen Halt geben. Varvara fand ihn eines Tages zuhause tot – er hatte sich selbst umgebracht. Mit der Drohung, seinem Leben ein Ende zu setzen, hatte er Varvara lange Zeit erpresst, sich nach seinen Wünschen zu richten. Nun fühlte sie sich schuldig und quälte sich mit schweren Selbstvorwürfen. Denen suchte sie mit Heroin zu entkommen – mit der Folge, dass für sie nun ein höllischer Kreislauf begann von Schuldgefühlen, Konsum von Heroin, Turkey, Beschaffung, erneutem Konsum … Die Not, täglich ihre Dosis Heroin zu bekommen, führte schließlich dazu, dass sie sich prostituierte. Dabei infizierte sie sich mit HIV. In der Situation lernte ich sie kennen.

Gut ein Jahr lang konnte ich mit Varvara arbeiten. Sie kam regelmäßig, manchmal täglich in die Beratungsstelle. Die Gespräche taten ihr offensichtlich gut. Varvara war sehr intelligent, dazu auch fleißig. Sie fand einen Job als Kellnerin in einer Kneipe. Sie wollte nicht dauernd von Hartz IV leben. Sie hatte große Pläne, wollte einen Beruf erlernen. Und sie fasste den Entschluss, eine Therapie zu machen, um neu anfangen zu können. Wir arbeiteten intensiv an der Therapievorbereitung. Als die Kostenzusage kam, war die Freude groß.

Ernst nehmen in der Not

Je näher allerdings der Tag ihrer Aufnahme in die Therapieeinrichtung kam, desto größer wurde ihre Angst vor dem Neuen, Unbekannten. Sie geriet in Panik und blieb von einem auf den anderen Tag weg. Der Kontakt brach ab. Ich sah sie nie wieder. Die Vermittlung in Therapie war gescheitert. Aber war deshalb meine Arbeit mit Varvara vergeblich? Ich bin mir sicher, dass der Erfolg unserer Arbeit sich nicht ausschließlich daran misst, ob wir es schaffen, unsere Klienten in Therapie zu bekommen und zu “heilen”.

Ich baue darauf, dass die Menschen, denen ich als Drogenberater begegne, sehr wohl spüren, dass ich mich darum bemühe, sie zu erkennen, sie als gleichwertig anzunehmen und sie ernst zu nehmen in ihrer Not und mit ihrem Wunsch nach einem gelungenen Leben. Ich hoffe, dass auch Varvara das erkannt hat. Vielleicht erinnert sie sich irgendwann einmal daran und findet den Mut zu einem neuen Anfang!

Nichts als die Seele

Freitag, 20. März 2009

Plötzlich scheppert es. Cornelia ist mitten in der Kontakt- und Notschlafstelle zusammengebrochen. Schnell gehe ich zu ihr und beuge mich über sie. Sie liegt regungslos zwischen den Tischen und Stühlen. Blessuren vom Sturz kann ich nicht erkennen. “Die Alte nervt”, mosert Mirko, “mach’ mal voran, ich brauch’ die Bescheinigung sofort, mein Zug geht in neun Minuten”. Ich deute auf die ohnmächtige Klientin. Der angestiegene Geräuschpegel ist zunächst auf sensationsgeil gedimmt. Gebanntes Starren. Dann ist es mucksmäuschenstill und drückend, weil das Unausgesprochene der Luft den Sauerstoff raubt wie ein schwelendes Feuer.

“Jetzt mach schon”, schreit Mirko. Dabei fuchtelt er mit den Armen. Alle, die noch schauen können, schauen mich an. Dieses Entertainment will sich keiner entgehen lassen. Zu sehen gibt es allerdings nicht viel, außer meinen Blick, den Mirko als erster verstanden hat: “Du bist als Sozialarbeiter verpflichtet … hast du doch auch ein Interesse … kannst du mir nicht schnell helfen … – … bitte”. “Jetzt nicht”, antworte ich, meinem Berufsstand untypisch.

Alle sind nun auf den Notfall konzentriert. Meine Kollegen und ich kennen solche Situationen. Wir haben die damit einhergehenden Abläufe und Notwendigkeiten verinnerlicht. Cornelias Augen sind geschlossen, der Mund steht offen, ihre Hände sind zu Fäusten geballt. Endlich höre ich den ankommenden Notarzt. “Lassen sie mich durch”, ruft er und schiebt sich vorbei an der gaffenden Menge. “Hören sie mich?” fragt er Cornelia. Sie antwortet nicht. Der Notarzt fühlt ihr den Puls, da öffnet sie die Augen. “Es ist die Seele”, flüstert sie, “nichts als die Seele”. Dann rappelt sie sich hoch und taumelt langsam in Richtung Treppenhaus. Noch immer sind ihre Fäuste geballt.

Besucher des Tages

Freitag, 20. März 2009

Wir hatte heute den Kontaktladen schon eine ganze Zeit lang geöffnet, bis unsere beiden “Besucher des Tages” eingelaufen sind.
Beide kommen regelmäßig in unsere Einrichtung und sind im Moment stationäre Patienten des örtlichen Krankenhauses. Es verbindet die beiden, dass sie jeweils eine mehr oder weniger große Operation am Fuß bzw. Bein hinter sich haben. Heute haben sie uns besucht, wie an anderen Tagen eben auch, nur mit dem kleinen Unterschied, dass der eine noch humpelte und der andere, wie auf dem Bild ersichtlich, mit dem Tropf am fahrbaren Galgen. Für nicht Ortskundige sollte gesagt sein, dass der Weg von der Klinik zum Kontaktladen zu Fuß ein guter Kilometer ist.


Das ist nun der Beweiß, dass wir eine wahrlich niederschwellige Einrichtung sind, denn unsere Besucher kommen in jedem Zustand, auch mit dem Tropf im Arm.
Bei uns erlebt man alles, nur nichts alltägliches.