Rainer S.
Thorsten Bathe
Rainer S.
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Mit ‘selbstzweifel’ getaggte Artikel

Stolz auf meine Underdogs

Dienstag, 07. Juli 2009

Um heute zur Gruppe zu gehen, musste ich mir schon ein bisschen in den Hintern treten. Da ich wusste, dass wir heute nur wenige sind, habe ich mir gesagt, heute etwas eher Schluss als üblich. Wir fangen immer um halb acht an und sind meistens gegen halb zehn fertig. Die meisten Profis sagen, das ist zu lang, die Konzentration lässt nach, man gerät ins Geplänkel. Wir haben keine Zeitvorgabe, aber wenn wir uns in Oberflächlichkeit verlieren, würde ich die Sache dann auch verkürzen. Man kann ja auch mal einfach Pizza essen gehen. Heute wurde es viertel vor zehn. Die Gruppe hat mich schon öfters positiv überrascht. Eine Sache in meinem Leben, mit der ich zufrieden bin.

Wir bringen es tatsächlich fertig, uns offen, regelmäßig und vor allem ohne untergründige Zwistigkeiten auseinanderzusetzen. So etwas ist selten, davon können manche Vereine nur träumen. Damals als Punk habe ich das auch sehr gut gefunden, dass viele der Gespräche sich um Camus, Einstein oder auch um Bach, Ludwig dem 14. oder Albert Mangelsdorf drehen konnten und sich vom Niveau eines Stammtischgespräches deutlich abhoben. Mit Stolz habe ich so meine Probleme, aber ich merke, dass hier so etwas wie Stolz mitschwingt. Ja, damit fühle ich mich wohl. In einer Gruppe zu sitzen, von vielen abgeschrieben, von manchen direkt verachtet, und etwas zu machen. Etwas, das ich Kultur nennen würde.

Kultur ist für mich: sich bewegen, nicht in Mustern zu bleiben, frei zu denken, sich mitzuteilen, Formen zu finden mitteilen zu können. Bilder, Musik oder Literatur sind ohne diese “Leidenschaften” wie ein Binärcode einer Festplatte. Was als Kunst empfunden wird, weiß ich noch aus der FOS Gestaltung. Es ist das Unerwartete. Etwas, das man noch nicht gesehen hat, in den Fokus gebracht. Etwas, das Wellen nach sich zieht. Anregung und Aufregung. Vieles, was ich versuche, finde ich recht kläglich. Bilder, meine Texte, mein lächerliches clean sein. Aber ich merke, dass ich stolz darauf bin, in einer Gruppe von Underdogs zu sein, die mich abends um halb zwölf zu solchen Gedanken anregen.

Notate eines hauptberuflichen Menschenverstehers II

Mittwoch, 17. Juni 2009

04.06.09
Unaufhörlich denke ich: Das kann doch nicht alles sein. Sinn des Lebens, komm heraus, du bist umzingelt! Um es kurz zu machen: Auch an diesem Tag habe ich ihn nicht zu fassen bekommen.
“Das Denken gleicht einem Strom, den man am besten laufen lässt, damit er sich entfalten und wie von sich selbst in unzähligen Verästelungen ergießen kann, die am Ende in einem bewegungslosen, unangreifbaren Punkt zusammentreffen” (Jean-Philippe Toussaint)

08.06.09
Ein Tag wie der metallische Rausch einer Zigarette auf nüchternen Magen. Einfach bäh. Die Lösung ist so simpel wie gerecht: Wenn man nicht weiß, was man will, steht man am Ende mit vielem da, was man nicht will. Das gilt für mich genauso wie für meine Klienten.
“Entscheidungen sind die ‘via regia’, der Königsweg in ein ergiebiges existenzielles Reich – das Reich der Freiheit, der Verantwortung, der Wahl, der Reue, des Wünschens und Wollens”. (Irvin D. Yalom)

09.06.09
Viel Gemecker heute, aber nicht beleidigend. Keine wüsten Beschimpfungen und gemeinen Verwünschungen. Nicht solche massiven Ausfälle sind allerdings die Herausforderung, sondern die permanenten Abwertungen. Gekonnt und präzise angebracht: “Wofür wirst du bezahlt? Mach endlich mal was! Das ist sowieso alles nur deine Schuld!” Da sterben die Minuten nur langsam in Stunden.
“Leben ist Brückenschlagen über Ströme, die vergehen” (Gottfried Benn)

12.06.09
Gedanken im Konsumraum: Immer wieder seltsam, wenn sich geschätzte 25 Jahre JVA Ossendorf wie auf Kommando ihrer Hosen entledigen und mir gestandene Mannsbilder die Allerwertesten entgegenstrecken. Auf die Plätze, fertig, los: Injektion in die Leiste. Diese Choreographie ist bestens einstudiert.
“Ich fände es langweilig, Heroin zu konsumieren. Es nimmt die Wirklichkeit aus allem” (Delacorta)

16.06.09
Umgeben von Elend durchlebe ich den Tag wie ferngesteuert. Schwere und Müdigkeit überfallen mich. Kaum etwas ist schwerer fassbar als das Glück. Wenn ich vom Unglück rede, bin ich auf der sicheren Seite. Den glücklichen Moment scheint es zu geben, aber ein ganzes glückliches Leben? Oder auch nur einen glücklichen Tag?
“Dumme rennen, Kluge warten, Weise gehen in den Garten” (Rabindranath Tagore)

Wenn sich das geistige Auge nach innen wendet

Sonntag, 24. Mai 2009

Für meine Verhältnisse habe ich heute schon viel geschrieben. Das Märchen. Heute habe ich es aufgeschrieben. Also das Märchen, das ich am Pfingstsonntag auf dem Mühlenfest für die Kinder vortragen soll. Aber vorlesen werde ich wohl nicht. Frei sprechen kann ich besser. Ich habe es aufgeschrieben um diesem Märchen eine Fassung zu geben. Drei mal habe ich es schon erzählt und es hat sich dabei immer verändert. Ich bin gespannt, wie es wird. Das ist eine Sache, die ich an meiner Arbeit mag. Ich lerne besser vor einer Gruppe zu sprechen.

Per E-Mail habe ich den Mittschnitt für die Radiosendung im BR gehört. Ich hätte wohl andere Stellen ausgewählt, aber er ist ganz gut. Da ist besonders eine Stelle. Da war ich beim Interview schon recht unsicher. Beim Hören des Mitschnittes habe ich gedacht, sie ist gar nicht so schlecht, diese Unsicherheit. Wenn man etwas nicht wirklich beschreiben kann, wenn die Worte fehlen und man es doch treffen will, merkt man an dieser unsicheren, nach Ausdruck tastenden Stimme, wie sich das geistige Auge nach innen wendet. Diese Unsicherheit kann vielleicht mehr sagen, als die Worte, die fehlen.

Keine Ahnung, ob das hier jemand versteht, da fehlt der Kontext. Aber das ist auch vielleicht nicht ganz schlecht. Ich will wenn ich hier schreibe nicht Antworten geben, sondern ich würde mich freuen wenn Fragen entstehen. Mut machen zur Unsicherheit. Gestern habe ich mich das erste Mal ernsthaft gefragt, wie lange ich hier noch schreibe. Heute merke ich, wie mich das Schreiben auch zum Denken anhält.

Anders sein ist normal,
Normal sein ist…
krank?

Ach ja, da steht auch noch etwas aus, das ich hier noch schreiben will. Aber nicht mehr heute.

Die Nebenhöhlen meiner Seele klären sich

Sonntag, 10. Mai 2009

Erfreuliches: Ein wirklich nettes Telefongespräch. Eine Karte von Ba, die in Cannes war und mir von dort geschrieben hat. Und natürlich das aktuelle Wetter. Unerfreulich, ich bin meine Erkältung immer noch nicht ganz los. Vor der Arbeit morgen habe ich richtig ein bisschen Bammel. Ich muss wirklich aufpassen, mich nicht zu verausgaben, aber zu Hause bleiben ist nicht drin.

Vor einigen Tagen habe ich etwas gemacht, von dem ich dann gleich dachte, es war ein Fehler. Was hat mich da bloß wieder geritten? Ich habe meiner Mutter von diesem Tagebuch berichtet. Nach einem Telefongespräch mit ihr einige Zeit später habe ich mich da bestätigt gefühlt. In ihrer Stimme klang so etwas wie Sorge mit. Wie blöde bist du eigentlich, dachte ich, das tut doch wohl wirklich nicht Not, sie da noch mal zu belasten?

Glücklicherweise hatte ich dieses Gefühl beim nächsten Gespräch nicht mehr. Sie hat auch schon geschrieben, auch schon öffentlich. Für mich ist das etwas Neues, nicht nur eine neue Tätigkeit, sondern eine neue Erfahrung. Bisher habe ich gezeichnet, oder mich mit Gestaltung beschäftigt. Muße? Eher Auseinandersetzung. Richtig anstrengend und Zufriedenheit stellte sich da auch nie wirklich ein. Da bleibe ich immer meilenweit von dem entfernt, was ich eigentlich will. Schreiben ist da irgendwie anders.

Auch hier versuche ich etwas, habe Ansprüche. Aber der Hauptanspruch ist der, nicht befangen zu sein. Im Augenblick mache ich einiges, um meine verkleisterten Nebenhöhlen wieder frei zu bekommen. Klappt nur sehr langsam. Unbefangen etwas zu äußern, oder zu schreiben bewegt etwas. Die Nebenhöhlen meiner Seele klären sich Stück für Stück. Vielleicht kommt mein Körper da im Augenblick nicht wirklich mit und der Seelenrotz landet erst mal in meinen physischen Schädel.

Aber ist es nicht wirklich dumm, wenn man den Vorsatz hat so zu schreiben wie man niest, seiner Mutter davon zu berichten? Ich habe mit ihr über das Schreiben an sich geredet. Ich habe Kontakt mit meinem Bruder und seiner Familie. Und darüber freue ich mich. Glück gehabt.

Weglaufen als Lebenskonzept?

Samstag, 09. Mai 2009

Für eine junge Frau, die gerade dabei ist, ihren Bachelor zu machen, habe ich mich als Studienobjekt zur Verfügung gestellt. Ihre Arbeit beschäftigt sich – verkürzt und unwissenschaftlich gesagt – mit Drogenkarrieren. Gestern hatte ich einen Termin mit ihr. Heute morgen bin ich aus einem Drogentraum erwacht. Koks, Shore alles dabei. Merkwürdigerweise geht es in solchen Träumen immer nur um die Beschaffung oder darum, wie ich dann mit einem solchen Rückfall umgehe. Der Konsum selber bleibt unberührt. Er kommt nicht vor. Es scheint so etwas zu geben, das in den Träumen Regie führt. Eine Regie, die Tabus hat und Fragen stellt.

In diesem Interview ist mir noch einmal bewusst geworden, dass mein letzter Heroinkonsum 2001 war. Ich kann es kaum glauben: So lange schon her und doch noch so nah. Manchmal denke ich, dass es den meisten anderen, die den Absprung geschafft haben, anders geht. Irgendwann löst man sich doch von einem Alltag, in dem der Begriff Droge eine Rolle spielt. Irgendwann ist doch auch Therapie, Nachsorge u.s.w. weite Vergangenheit, und die Impulse, die einen an das Subuniversum Narkotika denken lassen, sterben aus. Manchmal denke ich, es könnte irgendwann geradezu ein Fehler sein, sich überhaupt mit diesem Thema zu befassen. Einfach vergessen, wäre doch das Beste.

Der Film, den die Traumregie drehen will, heißt glaube ich: “Tausend und eine Befangenheit”. Das Gefühl, das einen Drogenkonsum auslösen kann, will ich eindeutig. Es wäre geradezu krank, das nicht zu wollen. Aber das ganze drumherum, da sieht es schon anders aus. In den Träumen geht es glaube ich meist um solche Entscheidungen. Es geht darum, von Befangenheit zur Freiheit zu kommen. Als Robinson Crusoe auf einer einsamen Insel, auf der es Mohn gibt, ist es völlig klar, wie ich mich entscheiden würde. Aber in einer Welt mit Menschen, nein da will ich das nicht.

Hoffnung macht mir bei diesen überlegungen, dass es tatsächlich auch Träume gibt, in denen ich mich gegen Drogen entscheide. Es gibt da ja das Buch “Lauf um dein Leben”, hab ich immer noch nicht gelesen, aber bei dem Titel denke ich: Weglaufen als Lebenskonzept? Pfui Spinne. Na ja, jeder hat seine Strategie und jeder braucht auch eine andere. Ich verfolge meine und hoffe meinen Selbsttäuschungen auf die Spur zu kommen.

Zwei Jahre clean und auf der Suche nach meiner Rolle

Freitag, 17. April 2009

Der 4. April 2007 war
der letzte Tag, an dem ich Drogen genommen habe. Zwei Jahre. Wenn ich
zurückblicke, treten die Drogen in den Hintergrund. Vor zwei Jahren hatte ich
andere Probleme. Eine Betreuung, Schulden und Selbstmordgedanken waren mir
näher als der Glaube an irgendeine Form von Zukunft. Bei den Drogen, die ich zu
dieser Zeit genommen habe, handelte es sich in erster Linie um medizinisch
verordnete Psychopharmaka. Und ich bin sehr froh, dass man sich in der
Entgiftung darauf eingelassen hat, diese abzusetzen.

Diese
Entgiftungsstation war überhaupt ein Glücksgriff.
Einmal war ich dort, als eine
Bekannte starb. Zu dem Zeitpunkt war ich erst eine Woche dort und Ausgang gibt
es erst nach drei Wochen. Ich sprach mit André darüber, dass ich eigentlich
gern zu der Beerdigung fahren würde. Dann fahr hin, sagte der. Damit hatte ich
überhaupt nicht gerechnet: Ein Tagesausgang nach einer Woche. Das hat was mit
Vertrauen zu tun, oder mehr noch, mit Einfühlen. Als ich am Grab stand, dachte
ich, die nächste Beerdigung auf der du bist, ist bestimmt deine. Es waren wohl
Dinge wie dieser Ausgang, die es mir nicht möglich gemacht haben, mich ganz
abzuschreiben.

Zwei Jahre. Gewonnen
oder verloren, stolz oder wortlos? Stolz? Ist man stolz darauf, bei einem Kampf
im richtigen Augenblick in Ohnmacht zu fallen? Gibt es nach diesen zwei Jahren
irgendwelche Formeln, die ich weiterempfehlen könnte? Früher habe ich mal
Christiane F. gelesen, dabei Bong
geraucht und gedacht, das geht auch anders. Geht auch anders, sechs Milliarden
Möglichkeiten gibt es. Aber eine Dauerohnmacht trägt kein Selbstwertgefühl. Irgendwann
ist es einfacher, sich an ein bestehendes Klischee zu hängen. Die stärkste Abhängigkeit
ist, etwas sein zu wollen? Leide ich unter Rollenentzug?

Ich glaube das ist ein
pubertäres Problem, das ich da habe. Im Spiel des Lebens sind meine
Altersgenossen an ganz anderen Punkten. Fallende Aktienkurse, wie verheimliche
ich meine Seitensprünge, wie erriestere ich mir die Rentenendlösung. Mein
Problem ist, dass ich nicht weiß, was ich eigentlich will. Die Rollen sind mir
momentan ausgegangen. Hurra, hurra, ich bin zwei Jahre clean, schmeckt mir zu
sehr nach Marienhof.