MuseSuse
Rainer S.
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Goetzens
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Mit ‘ressource’ getaggte Artikel

Die Maulwurfstorte

Dienstag, 12. Mai 2009

Die Torte ©  milla74 - Fotolia.comHeute ist ein wettermäßig durchwachsener Tag. Die Zeitungsgeschäfte laufen recht gut. Mit Begeisterung spreche ich von Peter Fauser das Gedicht “Der Frühling”. Einem Jenaer Professor
für Erziehungswissenschaften und Gründer + Chef der Institution Imaginata. Dieses Gedicht geht mir unter die Haut. Herr Hesse und Rilke hätten auch ihre Freude damit. Den Zuhörern gefällt es gut.

Ich freue mich auf meinen Sohn Johannes, der wegen der goldenen Hochzeit meiner Eltern nach Jena kommt. Ein lieber Freund und Theologiestudent hat uns wieder eine leckere Torte gebacken. Jeder Mensch ist anders begabt. Mir liegt die Küche und alles was damit verbunden ist nicht so. Für unseren Tobias ist es gleich eine gute Möglichkeit sich auszuprobieren. Diesmal war es eine Maulwurfstorte. Das ist etwas Feines mit Bananen, Creme und anderes. Eine kulinarische Kostbarkeit, Gaumenfreude zum Kaffee.

Im Gegenzug gab es für unseren Kuchenschmied Spargel und Einkaufsgutschein, da hat er sich auch gefreut. So kann man sich noch gegenseitig etwas helfen. Mal sehen, was die nächsten Tage bringen. Mein Sohn hat ein Theaterstück geschrieben für die goldenen Hochzeitsfeierlichkeiten. Mal sehen wie dieses neben anderen Aktivitäten ankommt.

Herzliche Maiengrüße von Musesuse aus Jena

Ich hasse Spießer

Dienstag, 05. Mai 2009

Der Kleister im Kopf ist heute schon ein bisschen dünner. Vor einiger Zeit habe ich geschrieben, dass ich aus Situationen der Hilflosigkeit immer auch etwas gelernt habe. Gelernt habe ich z. B., es gibt wohl Hilflosigkeit, aber es gibt keine Situation, auf die man keinen Einfluss mehr hat. Irgendwas geht immer.
Die Dinge lassen sich oft nicht abwenden, aber deren Wirkung lässt sich beeinflussen. Gelernt habe ich das in Momenten, in denen es drauf ankam. Jetzt sage ich, ich muss etwas tun, so kann das nicht weiter gehen. Da stehe ich keiner Situation gegenüber, sondern mir. Nicht einem Moment, sondern dem Alltag. Da hilft kein Trick, keine Idee oder Sichtweise. Da helfen Entscheidungen, den Arsch hoch kriegen, Sport machen, Disziplin.
Meine Neuronen legen sich ins Zeug und projizieren eine undurchdringliche Gewitterwand mit der Aufschrift Hilflosigkeit. Eine Minderheit von unbestechlichen, verspießten, rechthaberischen, Restverstandsneuronen sagt trocken: “Nee, du hast einfach keinen Bock.” Ich hasse Spießer.

Sucht-Selbsthilfe-Projekt – Wer ist dabei?

Mittwoch, 08. April 2009

In dieser Woche habe ich drei Gespräche mit Leuten aus der Gruppe gehabt, bei denen es um einen Rückfall ging. Wir haben eine Regel was Rückfälle angeht: vier Wochen Sperrzeit. über diese Regel lässt sich sicher streiten, gerade nach einem Rückfall ist es wichtig Kontakte und Anlaufstellen zu haben. Aber für die Gruppe ist diese Regel wichtig. Die Gruppensperre ist keine Kontaktsperre und eigentlich gehe ich davon aus, dass jemand in einer solchen Zeit eben auch Kontakt hält. Aber die Fluktuation in der Gruppe, die Rückfälle, bringen mich auch dazu, meine ursprünglichen Pläne zu überdenken.

Ein Selbsthilfe Wohn- und Arbeitsprojekt? Wäre ja gut, und ist auch nötig. Viele Leute fallen durch die Maschen der therapeutischen Drogenarbeit. Aber ist das eine Idee, die für mich gut ist?
Sie hat für mich auch den Hintergrund etwas anzustreben, was mit Selbstständigkeit und Kreativität zu tun hat. Da habe ich für mich keinen Weg mehr gesehen. Subgesellschaft? Ja eine Nische, eine Nische, in der Möglichkeiten liegen. Aber sind das Grundlagen für eine solche Sache?

Abwarten. Für diese Entscheidung habe ich mir diese eineinhalb Jahre gegeben. Aber abwarten und Tee trinken geht nicht. Dann kann ich mir das schenken noch mal darüber nachzudenken. Ein Konzept habe ich im Kopf. Oder besser: Ich habe mir einige Gedanken dazu gemacht und mich klar entschlossen, kein fertiges Konzept festzulegen. Es braucht, idealerweise, drei Leute, die eine solche Sache ins Leben rufen. Die wollen natürlich auch etwas in so ein Konzept einbringen. Drei Leute, die sich darauf einlassen mit Sicherheit sieben Jahre unabkömmlich zu sein. Wie wenn man eine Firma gründet.

So viel für heute. Ein berechnender Typ bin ich an sich nicht, aber ganz ohne Hintergedanken mache ich eigentlich auch nichts. Dieses Webtagebuch kann eine Möglichkeit sein Kontakte zu knüpfen. Zwei Kontakte könnten reichen.

Ich brauche Geborgenheit

Montag, 30. März 2009

“Ich brauche kein Tavor, ich brauche Geborgenheit, ich brauche keine Psychiatrie, ich brauche eine Familie”, schreit es mich in fetten Lettern an, als ich am Morgen meine E-Mails abrufe. Rosi ist eine von denen, die nicht mehr in die Ambulanz kommen. Vor einem Jahr brach sie den Kontakt ab, zog einfach weg von Frankfurt. Die Monate zuvor waren von Sorge und Hektik bestimmt: Rosi versuchte mehrfach, sich das Leben zu nehmen! Vor wenigen Wochen nahm sie nun den Kontakt per Internet wieder auf. Ich bin erleichtert: Sie lebt noch! Aber wo und wie?

Ihr Hilfeschrei per Mail stimmt mich nachdenklich: Was brauchen die Menschen, die unsere Hilfe suchen, wirklich? Was heißt es, auf ihre Nöte zu reagieren? Und wer definiert in der Regel ihre Bedürfnisse und Nöte?

Im medizinischen Regelsystem zählt oft nur das Symptom, das ein Kranker oder eine Kranke bietet: das gebrochene Bein, die infizierte Wunde, die Lungenentzündung. Entsprechend fällt die Behandlung dann auch aus: Gips, Wundverband, Antibiotikum. Doch wer beachtet die besondere Lebenslage von Menschen wie Rosi?

Wer weiß, was es heißt, abends oder tagsüber keinen geschützten Raum zu haben, ein Ort, in dem einfach Ausruhen, Beinhochlagern oder Körperpflege und Hygiene möglich sind? Und was nützt dem Alkoholiker die zehntägige Entgiftung, wenn er sich anschließend wieder im Kreis alter Weggefährten wieder findet, deren Abstinenz schon lange her ist oder momentan undenkbar erscheint? Tagesstrukturierende Maßnahmen, Hilfestellungen bei den vielfältigen Behördengängen, die oft Frust und damit erhöhten Saufdruck bedeuten, können nicht auf Rezept verordnet werden.

Rosi, die ihr Bedürfnis nach Geborgenheit und Familie per E-Mail verschickt, erhielt psychiatrische Hilfe immer nur dann, wenn sie wieder einmal notfallmäßig in die Klinik eingeliefert wurde. Eine nachgehende Psychiatrie gab es für sie nicht und die Ansätze einer Gehstruktur sind nicht nur in diesem Fachbereich noch sehr bruchstückhaft.

Was braucht ein kranker Mensch in Wohnungsnot wirklich, um gesund werden zu können? Sicher keine strukturellen Hürden wie Praxisgebühren, Anträge, aus denen sein Mangel, kaum aber seine noch vorhandenen Ressourcen hervorgehen oder Kürzungen des Sozialgeldes, weil Termine und Auflagen nicht eingehalten werden konnten.

Ich glaube, Rosi hat Recht: Diese Menschen brauchen vor allem Beziehungen, die verlässlich sind. Sie brauchen Menschen, die sich für sie wirklich interessieren und gemeinsam mit ihnen suchen, was trotz aller Brüche und Verletzungen im Leben noch möglich ist. Ja, sie brauchen Menschen, die mit ihnen auf das vorhandene Lebenspotential in und mit aller Krankheit schauen und mit ihnen geeignete Wege gehen, dieses zu fördern und wirksam werden zu lassen.

Das ist mein Verständnis von echtem Heilsdienst.

Axels verborgene Ressource

Montag, 09. März 2009

Ein guter Wochenanfang: Axel hat sich offensichtlich entschieden, nicht im Sitzen, sondern wie verabredet im Krankencontainer zu übernachten. Sein hoch entzündetes Bein hat sich heute schon wesentlich gebessert. Ungläubig berührt er es selbst ganz vorsichtig, nachdem der Schutzverband entfernt ist.
“Wie kommt das?” fragt er mit zweifelndem Blick. Und wieder erkläre ich ihm, wie wichtig ein Bett ist und die Schonung des kranken Beines, auch tagsüber. Wir verabreden den Aufenthalt im Krankencontainer zu verlängern.
Morgen will Axel wieder zum Sozialarbeiter in die CASA: “Ich soll doch einen Pass machen lassen, damit ich meine Papiere und Gelder beantragen kann”, lässt er mich wissen. Und dann fragt er scheu: “Kann ich mir die Haare heute schneiden lassen? Ich will doch gut aussehen auf dem Foto!”
Ich glaube, ich habe mich noch selten so über diese Frage gefreut! Sie zeigt mir, welch verborgene Ressource in Axel schlummert!
Natürlich findet Anne Zeit, Axel die Haare zu frisieren.