“Brauchste nen Passfoto, oder warum glotzte so blöd”, höre ich ihre Bassstimme schon röhren, als ich Linda noch gar nicht sehen kann.
An der Treppe im U-Bahn-Schacht Appellhofplatz erwartet mich das übliche Szenario: Palaver ohne Ende. Diverse Abhängige stehen grüppchenweise im Weg oder torkeln um erschrockene Passanten herum. Wenn ich das Leergut auf Treppe und Boden überschlage, weiß ich, dass schon morgens gut anderthalb Kisten Kölsch ihr Zeitliches gesegnet haben.
“Boah, siehste den Doof da vorne. Der steht da die ganze Zeit und glotzt, als wärn wir die Affen im Zoo”, begrüßt mich Linda. Ich blicke hinüber zu dem Mann, der das Geschehen mit der Blasiertheit desjenigen beobachtet, der weiß, dass er die teurere Seife benutzt. Und der sich nun zu allem überfluss zu einer Antwort aufgefordert fühlt: “Wie nennen Sie mich? Was bilden Sie sich ein? Sie sind doch das Allerletzte. Passen Sie bloß auf, sonst zeige ich Sie an wegen Beleidigung!”
Ich versuche zu retten, was zu retten ist. “Komm, entspann dich, das bringt doch jetzt nichts”, beschwöre ich Linda. Leider vergeblich, sie hat ihr Opfer schon fest im Blick: “Wat’ is’ los? Worauf soll ich aufpassen? Du willst mich anzeigen?” Ihr Bass dröhnt jetzt so gewaltig, dass auch alle anderen den Mann anschauen. “Passen Sie bloß auf”, äfft sie ihn nach, “sonst klatscht es gleich hier. Aber bestimmt keinen Beifall”. Nach einem kräftigen Schluck Kölsch rülpst sie ihm noch einen freundlichen Gruß hinterher.
Gefahr erkannt. Gefahr gebannt. Der Mann ist glücklicherweise verschwunden. Ich hätte ihn allerdings gerne gefragt: Was soll aus denen werden, die Pech hatten? Was wird mit all den Menschen, denen der Boden unter den Füßen weggezogen wurde? Denen das Lachen abhanden gekommen ist. Auf die die Sonne vergeblich scheint, weil ihre Seele erblindet ist? Was wird mit denen, die nicht wissen, was aus ihnen werden soll?
Ganz ehrlich: Seine Antwort kenne ich wohl schon.
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Pretty Linda
Freitag, 27. März 2009Respekt und Anerkennung – das zählt
Donnerstag, 12. März 2009Die Arbeit mit den Jugendlichen klappt ganz gut. Und ich denke, dass ich auch einen Zugang zu ihnen habe. Einer dieser Jugendlichen sagte mir, er werde heute zum Poetry Slam gehen. Damit hatte ich nicht gerechnet und fragte dann, was er sonst noch so mache. Psychologie. Er liest Studienarbeiten. Als er erklärte, wie er dazu gekommen ist und warum er sich da weiterbildet, hatte er meinen Respekt ihm gegenüber dann fundamentiert. Alle Achtung. Er hat in etwa fünf Sätzen Dinge gesagt, die in mir Respekt und Anerkennung ausgelöst haben. Eigentlich schade, dass diese Maßnahme nur zwei Wochen dauert.
Mein Ausbildungsmeister wurde mal von der Polizei ausgefragt, was ich den für einer sei. Sie hatten den Betrieb seit zwei Wochen observiert, und schienen gesteigertes Interesse daran zu haben, mir so richtig einen zu verpassen. Nichts ahnend wurde ich mal rauf zum Chef gebeten. Der Meister fragte mich, ob ich Probleme hätte. Zu der Zeit hätte ich mir eher die Zunge abgebissen als irgendetwas über meine Drogen-Eskapaden zu sagen, aber merkte irgendwie, das ist eine Ausnahmesituation und es nicht klug, hier mein Recht auf Aussageverweigerung durchzuziehen. Ich sagte: “Ja, ich habe Probleme, aber nicht mit der Arbeit und nicht während der Ausbildung.”
Er sagte mir, er wolle da nicht lange um den heißen Brei reden, es gebe eine Anklageschrift gegen mich, es werde eine Hausdurchsuchung bei mir stattfinden und ich müsse wohl Feinde haben, denn so etwas habe er noch nicht erlebt. Er sei in einer Art über mich befragt worden, dass er davon ausgehe, diese Ermittlungen gegen mich seien durch irgendjemand forciert worden. (Erst zehn Jahre später habe ich kapiert, was das für Hintergründe waren und erst dann war mir klar, dass ich da sehr, sehr großes Glück hatte.)
Um sich selbst ein Bild machen zu können, habe er mich auch mal einen Tag lang observiert. Durch ein, zwei Andeutungen konnte ich mir ausrechnen, welcher Tag das war. Einen besseren Tag hätte er nicht treffen können. Ich habe ihm sozusagen das volle Programm geboten. Keine Drogen am Arbeitsplatz, das war ein Grundsatz von mir, der sich da als ein guter Grundsatz herausstellte. Die Ausbildung habe ich ernst genommen und mein Chef mich. Gegen Schule und Pädagogen hatte ich lang anhaltend Hassgefühle, in der Lehre wurde das sozusagen wieder bereinigt.
Die Hausdurchsuchung kam, der Prozess kam und ich hatte Glück an einer Vorstrafe vorbeizukommen. Die Lehre habe ich beendet und mein Ausbildungsmeister steht sehr weit oben auf der Liste der Menschen, die ich hochachte. Ich würde es mir wünschen, davon etwas weitergeben zu können.


