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Rainer S.
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Mit ‘psychische probleme’ getaggte Artikel

Sprungbrett ins Leben

Freitag, 17. Juli 2009

Mein Sohn Johannes hatte diese Woche seinen 19. Geburtstag. Mensch, wie die Zeit vergeht. Für uns Anlass nach Mühlhausen zu fahren, um ihn zu besuchen. Stolz zeigt er sein neues Domizil, eine kleine Wohnung, als Sprungbrett in das Leben. Höchste erreichbare Stufe in seiner Jugendeinrichtung. Hier werden Jugendliche mit psychiatrischen Problemen therapiert, die durch Sucht und anderen Auffälligkeiten hier gelandet sind.

Die Verlockung ist heute größer denn je, an Drogen heranzukommen. Gibt es doch einige entsprechende Läden, wo es die Pfeifen zu kaufen gibt, die Bongs, mit denen man Tabak wie auch Cannabis, Haschisch und anderes rauchen kann. In manchen Jugendzeitungen steht, was noch alles geraucht werden kann, von Wald und Wiese oder der Cannabisanbau auf dem Fensterbrett, der verherrlicht wird. Ich bin froh, dass mein Sohn wieder auf dem richtigen Weg ist, unterstützt vom Jenaer Jugendamt, von seiner Einrichtung, von uns und seinem eigenen Willen.

An seinem Geburtstag lud er uns zum Griechen zum Mittagessen ein. Bei der schönen griechischen Musik wurden Erinnerungen an Reisen Anfang der neunziger Jahre wach. Griechische Ziele und Sehenswürdigkeiten zu bestaunen war meine erste Reise nach der Wende. Johannes hatte zur Feier des Tages zwei Gedichte verfasst, eines über sein Leben im Moment und eines zum Lob seiner Geburt. Ein besonderes Dankeschön an mich, darauf werde ich zu Hause noch ein Gläschen Sekt trinken. Wir spazierten noch ein wenig durch Mühlhausen mit seiner zum Teil alten Architektur, Kirchen, Gassen, sehr sehenswert. Nun heißt es den Weg weitergehen, der bestimmt ist, durch das Leben.

Alles Gute wünscht Susi L. aus Jena

Letzter Ausweg: Der Griff zur Flasche

Freitag, 22. Mai 2009

Heute kam Herr W. zum vereinbarten Beratungsgespräch. Eigentlich wollte ich mit ihm das weitere Vorgehen in der Schuldenberatung besprechen. Sehr schnell fiel mir auf, dass sein Pfefferminzbonbon seine Alkoholfahne nicht überdecken konnte. Auch machte er einen sehr nervösen Eindruck. Auf seiner Stirn stand der Schweiß.

Darauf angesprochen, meinte er, gestern Abend hätte er etwas getrunken. Ich habe nach dem Anlass, nach Gründen gefragt. Da brach er in Tränen aus. Gestern sei wieder so ein Tag gewesen, an dem alles hoch gekommen wäre: die Trennung von seiner Lebenspartnerin, ihr Bestreben, den Kontakt zu seinem Sohn immer mehr zu beschränken, der Tod seiner Mutter vor einem Jahr, seine Verschuldung, der Druck der Gläubiger, sein Burnout-Syndrom. Er hätte keinen Ausweg mehr gesehen. Alles war ihm egal und er hätte wieder zur Flasche gegriffen. So würde er inzwischen oft reagieren. Die Gesprächstherapie hätte er vor Wochen abgebrochen.

Ich konnte ihm klar machen, dass meine Arbeit im Rahmen der Schuldnerberatung nur langfristig Erfolg haben kann, wenn er an seiner Suchtproblematik und dem Burnout-Syndrom arbeitet. Er wollte umgehend einen Beratungstermin bei unserer Suchtberatung vereinbaren. Wenn er dort regelmäßig hin geht, werde ich weiter mit ihm zusammenarbeiten.

Ein Hochzeitsgeschenk vom Amtsgericht

Dienstag, 12. Mai 2009

Unbedarft und mit jugendlichem Eifer hatte Frau N. Anfang der 90er-Jahre ein Bekleidungsgeschäft eröffnet. Nach einigen Jahren ging das Projekt in den Konkurs. Sie war enttäuscht über ihr Scheitern und nicht fähig, sich den Folgen zu stellen. Sie wurde depressiv und hat sich nicht mehr um die Schulden gekümmert.

Im Juli 2007 kam Frau N., 37 Jahre alt, das erste Mal zu mir zur Beratung. Sie hatte sich stabilisiert. Wieder berufstätig, wollte sie sich der Problematik stellen. Zu der Zeit betrug der aktuelle Schuldenstand ca. 50.000 Euro. Um ihr wieder eine Berufs- und Lebensperspektive zu geben, stellte ihr ihre Familie zur Schuldensanierung einen Betrag in Höhe von 10 Prozent der Gesamtforderung zur Verfügung.

Damit habe ich versucht, mit den Gläubigern eine Einigung zu erzielen. Die Mehrzahl stimmte meinem Vergleichsvorschlag zu. Damit die anderen Gläubiger auch zustimmen oder vom Amtsgericht per Beschluss dazu verpflichtet werden, habe ich im Dezember 2007 einen entsprechenden Antrag gestellt.

Auch persönlich ging es für Frau N. weiter aufwärts. Ende des Monats wird sie heiraten. Das schönste Hochzeitsgeschenk erhielt sie heute vom Amtsgericht. Endlich kam der Beschluss, in dem mein Vergleichsvorschlag als rechtsgültig gilt. Für alle Gläubiger ist der bindend. Jetzt muss nur noch die Vergleichssumme bezahlt werden und Frau N. ist von den restlichen Schulden befreit.

Die Nebenhöhlen meiner Seele klären sich

Sonntag, 10. Mai 2009

Erfreuliches: Ein wirklich nettes Telefongespräch. Eine Karte von Ba, die in Cannes war und mir von dort geschrieben hat. Und natürlich das aktuelle Wetter. Unerfreulich, ich bin meine Erkältung immer noch nicht ganz los. Vor der Arbeit morgen habe ich richtig ein bisschen Bammel. Ich muss wirklich aufpassen, mich nicht zu verausgaben, aber zu Hause bleiben ist nicht drin.

Vor einigen Tagen habe ich etwas gemacht, von dem ich dann gleich dachte, es war ein Fehler. Was hat mich da bloß wieder geritten? Ich habe meiner Mutter von diesem Tagebuch berichtet. Nach einem Telefongespräch mit ihr einige Zeit später habe ich mich da bestätigt gefühlt. In ihrer Stimme klang so etwas wie Sorge mit. Wie blöde bist du eigentlich, dachte ich, das tut doch wohl wirklich nicht Not, sie da noch mal zu belasten?

Glücklicherweise hatte ich dieses Gefühl beim nächsten Gespräch nicht mehr. Sie hat auch schon geschrieben, auch schon öffentlich. Für mich ist das etwas Neues, nicht nur eine neue Tätigkeit, sondern eine neue Erfahrung. Bisher habe ich gezeichnet, oder mich mit Gestaltung beschäftigt. Muße? Eher Auseinandersetzung. Richtig anstrengend und Zufriedenheit stellte sich da auch nie wirklich ein. Da bleibe ich immer meilenweit von dem entfernt, was ich eigentlich will. Schreiben ist da irgendwie anders.

Auch hier versuche ich etwas, habe Ansprüche. Aber der Hauptanspruch ist der, nicht befangen zu sein. Im Augenblick mache ich einiges, um meine verkleisterten Nebenhöhlen wieder frei zu bekommen. Klappt nur sehr langsam. Unbefangen etwas zu äußern, oder zu schreiben bewegt etwas. Die Nebenhöhlen meiner Seele klären sich Stück für Stück. Vielleicht kommt mein Körper da im Augenblick nicht wirklich mit und der Seelenrotz landet erst mal in meinen physischen Schädel.

Aber ist es nicht wirklich dumm, wenn man den Vorsatz hat so zu schreiben wie man niest, seiner Mutter davon zu berichten? Ich habe mit ihr über das Schreiben an sich geredet. Ich habe Kontakt mit meinem Bruder und seiner Familie. Und darüber freue ich mich. Glück gehabt.

Strukturierte Tage tun meinem Gemüt gut

Sonntag, 10. Mai 2009

In der Gärtnerei wartet die Keramik darauf, wieder geputzt zu werden. Gelber Blütenstaub bildet einen Film auf Töpfen und Regalen. Diesmal nehme ich den Staubsauger. Es geht besser als gedacht. Die Glasuren erstrahlen wieder im alten, neuen Glanz. Gut, dass ich mir diese Arbeit vor fast 16 Jahren in der Gärtnerei gesucht habe.
Ein Tag, der gut durchstrukturiert ist, bekommt dem Gemüt besser. So lassen sich die Höhen und Tiefen gut meistern mit kleinen Aufgaben. Auch während der nervlichen Erkrankungen bin ich hierher gegangen. Ambulant lässt sich da einiges machen.

Schön, der Rhododendron in seiner Blütenpracht. Es tummeln sich zahlreiche Kunden in der Gärtnerei. Die Arbeit mit dem Staubsauger macht Freude. Ich bin froh, jetzt endlich die richtige Vorgehensweise gefunden zu haben. Früher mochte ich diese Arbeit nicht so mit der Keramik. Zum Mittag gibt es Kaffee und Leberwurstbrot. Gestärkt und beglückt geht es neuen Aufgaben entgegen, begleitet von einer frischen Brise.

Viel Kraft allen wünscht Suse L aus Jena

Sucht als Gott, Gott als Sucht?

Donnerstag, 07. Mai 2009

Ich freue mich sehr über die Kommentare von Silvia und Hannes. über meinen Genesungszustand in Bezug auf die Erkältung freue ich mich gar nicht.

Oft schon habe ich bemerkt, wenn ich über eine Sache nachgedacht habe, dass ich dieselbe Sache aus verschiedenen Blickwinkeln sehe. Ich habe gemerkt, dass Gefühle, die in mir sind diese Blickwinkel sehr stark einfärben. Es lohnt sich, mehrmals an etwas zu denken, man lernt sich kennen. Man will etwas unbedingt erreichen, versucht alles Mögliche, nur um festzustellen, dass sich immer neue Hindernisse aufbauen. Irgendwann gibt man dieses Wollen auf und siehe da, man stößt plötzlich auf Möglichkeiten.

Im Geschäftsleben ist es eine wichtige Erkenntnis: “Grundlage für ein gutes Geschäft ist, dass es mir egal ist!” (Die Arbeit, die man macht, darf einem nie egal sein). Euphorie, Depression, unbedingt wollen, nicht anders können – Gefühle, die den Ausschlag des inneren Seismographs anzeigen. Der Blick nur offen für eine Steigerung des Ausschlages.

Gott verdient Beachtung… Sucht als Gott, Gott als Sucht. Beben der Ungewissheit. Nach meiner Psychose sind die Zeiger hier in beide Richtungen abgebrochen. Geblieben ist die Erkenntnis, dass jedes Pendel ausschwingt. Bestärkt hat es sich in mir, dieses Bild als ein sehr schönes wahrzunehmen. Es ist, bei diesem ständigen rumpendeln, eine Anregungen von außen, immer auch ein Glück.