Kannst du nachvollziehen, dass sich hier etliche Menschen
Big Brother ansehen? Das ist so, als ob wir uns permanent im Spiegel anschauen
würden. Wir sehen uns selbst. – All der Schwachsinn ist etwa so wie bei
Becketts “Warten auf Godot”. Doch dort hat das Sinnlose wenigstens einen Sinn:
nämlich das sinnlose Meta zu kommunizieren. Und das, was ich dir hier schreibe,
gibt auch Sinn.
Falls du Becketts “Warten auf Godot” nicht kennst: Drei
Menschen warten auf etwas Ominöses, ein Nichts, es wird offenbar. Sie
unterhalten sich jedoch über ihre Erwartung. Sie ist spekulativ, so tiefgründig
wie es Menschen sind. So war es schon im alten Jerusalem. Na, wer wurde da wohl
erwartet?
In Analogie dazu, wartet der Mensch inmitten der anderen
hier im Knast auf etwas. Dieses Etwas wird aber mit ganz Tollem erfüllt: Dem
Erlöser, der Freiheit. Das Erwarten ist also das Wesentliche (und das
Beschönigen der Erwartung). Beim Warten versuchen wir zu erklären, auf was wir
warten. Es ist dann immer mehr als unsere Erwartungen erwarten oder verstanden
haben. Dabei hilft uns Romantik. Sie holt das Vergangene in die Zukunft zurück
als einen neuen Entwurf. Zwischen unserem Verstehen (über das, was wir erklären
wollen) und dem Erklären selbst, klafft eine Lücke.
Um das zu verstehen, folgendes: Wenn ich dir hier etwas
erkläre, dann verstehe ich im selben Moment davon nichts mehr. Warum? Weil ich
erkläre und nicht verstehe. Wenn ich verstehe, dann erkläre ich in diesem
Moment nichts. Also ich muss das Verstandene formulieren. Das ist etwas anderes
als das Verstandene selbst. Verstehst du? Es gibt eine Lücke zwischen Verstehen
und Erklären. Sie ist ein Raum, der raumlos ist. Wenn ich so etwas von mir
gebe, das tue ich ständig, nickt Frank verständnisvoll. Als ob er mich
verstanden hat. Aber er hat es nicht. Deshalb sagt er später, er habe nur beim
Schach verloren, weil ich schon wieder gequatscht habe.


“Wenn ich könnte, wie ich wollte …” – diesen Konjunktiv wünscht sich Gerhard genauso wie viele andere auch. Vor seinen zahlreichen Inhaftierungen war er für die bürgerliche Welt ein verdreckter und unansehnlicher Junkie. Den nächsten Abzock immer in Planung. Egal ob Zigaretten, Spirituosen, Markenklamotten, Laptops oder Navis. Mit den Augen des Sozialarbeiters habe ich jedoch auch die Ziselierungen gesehen, die nach vorsichtigem Reiben allmählich zum Vorschein kamen.
