Peter S.
RalphK
Thorsten Bathe
Rainer S.
Goetzens
Thorsten Bathe

Mit ‘perspektive’ getaggte Artikel

Warten auf das Erklärte

Dienstag, 21. Juli 2009

Kannst du nachvollziehen, dass sich hier etliche Menschen
Big Brother ansehen? Das ist so, als ob wir uns permanent im Spiegel anschauen
würden. Wir sehen uns selbst. – All der Schwachsinn ist etwa so wie bei
Becketts “Warten auf Godot”. Doch dort hat das Sinnlose wenigstens einen Sinn:
nämlich das sinnlose Meta zu kommunizieren. Und das, was ich dir hier schreibe,
gibt auch Sinn.

Falls du Becketts “Warten auf Godot” nicht kennst: Drei
Menschen warten auf etwas Ominöses, ein Nichts, es wird offenbar. Sie
unterhalten sich jedoch über ihre Erwartung. Sie ist spekulativ, so tiefgründig
wie es Menschen sind. So war es schon im alten Jerusalem. Na, wer wurde da wohl
erwartet?

In Analogie dazu, wartet der Mensch inmitten der anderen
hier im Knast auf etwas. Dieses Etwas wird aber mit ganz Tollem erfüllt: Dem
Erlöser, der Freiheit.
Das Erwarten ist also das Wesentliche (und das
Beschönigen der Erwartung). Beim Warten versuchen wir zu erklären, auf was wir
warten. Es ist dann immer mehr als unsere Erwartungen erwarten oder verstanden
haben. Dabei hilft uns Romantik. Sie holt das Vergangene in die Zukunft zurück
als einen neuen Entwurf. Zwischen unserem Verstehen (über das, was wir erklären
wollen) und dem Erklären selbst, klafft eine Lücke.

Um das zu verstehen, folgendes: Wenn ich dir hier etwas
erkläre, dann verstehe ich im selben Moment davon nichts mehr. Warum? Weil ich
erkläre und nicht verstehe.
Wenn ich verstehe, dann erkläre ich in diesem
Moment nichts. Also ich muss das Verstandene formulieren. Das ist etwas anderes
als das Verstandene selbst. Verstehst du? Es gibt eine Lücke zwischen Verstehen
und Erklären. Sie ist ein Raum, der raumlos ist. Wenn ich so etwas von mir
gebe, das tue ich ständig, nickt Frank verständnisvoll. Als ob er mich
verstanden hat. Aber er hat es nicht. Deshalb sagt er später, er habe nur beim
Schach verloren, weil ich schon wieder gequatscht habe.

Wann kommt der Ausstieg aus Hartz IV?

Freitag, 29. Mai 2009

Hallo Ralph K. kommt arbeitstechnisch gut klar. Der Stolz darüber, endlich mal wieder besser zu leben, durch eigene Kraft (bezahlte Arbeit), überwiegt meine Angst und schlechtes Gewissen darüber, dass ich keine Angaben mache.

Zumal die Zeit bald um ist, hoffe ich, dass alles gut geht und davon nichts auffällt bzw. niemand petzt. Immerhin kann ich jetzt meinem Zahnarzt statt vereinbarter monatlicher 20 Euro sogar 60 Euro geben. Ich hoffe, dass ich bald wieder arbeiten kann, aber dann am liebsten für den Ausstieg aus Hartz IV.
Bis bald Ralph K.

Leben im Konjunktiv

Freitag, 15. Mai 2009

Licht durchflutet die Siebluft ©  LOU OATES - Fotolia.com“Wenn ich könnte, wie ich wollte …” – diesen Konjunktiv wünscht sich Gerhard genauso wie viele andere auch. Vor seinen zahlreichen Inhaftierungen war er für die bürgerliche Welt ein verdreckter und unansehnlicher Junkie. Den nächsten Abzock immer in Planung. Egal ob Zigaretten, Spirituosen, Markenklamotten, Laptops oder Navis. Mit den Augen des Sozialarbeiters habe ich jedoch auch die Ziselierungen gesehen, die nach vorsichtigem Reiben allmählich zum Vorschein kamen.

Gerhard ist seit fast 20 Jahren heroinabhängig, mehr als die Hälfte dieser Zeit hat er in verschiedene Haftanstalten verlebt. “Meine Siebluft-ära”, nennt er diese Jahre. Seine Augen seien mittlerweile “vergittert”. Aber er habe die Abläufe drinnen schnell gelernt: Dass nicht lange geredet wird. Ein Fausthieb schneller ist als ein Wort. Wer Recht hat, nicht in freundlichen Diskussionen geklärt wird. Und wie er alles andere bekommt, was er bekommen möchte. “Auch Aufseher sind nur Menschen, mit Vorlieben und Schwächen”, erklärt er mir.

Leere kann auch ausfüllen

Das Gefängnis reißt Menschen die Maske vom Gesicht. Hinter Gittern kann man sein wahres Selbst nicht verbergen. Man kann nicht nur so tun, als sei man hart. Man ist es, oder man ist es nicht. Und jeder weiß Bescheid. Das sind meine Gedanken, wenn ich Gerhard dort besuche. Wenn ich ihn nach unseren Gesprächen wieder verlasse, ist mein Fazit: Er hat die verriegelte Zeit in Haft nicht vergeudet.

Heroin nimmt dir alles und gibt dir nichts. Doch das Nichts, das es dir gibt, diese Leere bar jeder Gefühle, ist manchmal das Einzige, was man noch haben will.” Ich bin von der Klarheit seiner Ausführungen beeindruckt. Die verkorkste Jugend, der Zerfall der Familie, das Abrutschen in die Kriminalität und das Elend des Junkie-Daseins – nachvollzogen und aufgearbeitet. Leider kann ich das nur selten bilanzieren. Vor Gerhard aber liegt das Leben bald im Konjunktiv.

Ich hasse Spießer

Dienstag, 05. Mai 2009

Der Kleister im Kopf ist heute schon ein bisschen dünner. Vor einiger Zeit habe ich geschrieben, dass ich aus Situationen der Hilflosigkeit immer auch etwas gelernt habe. Gelernt habe ich z. B., es gibt wohl Hilflosigkeit, aber es gibt keine Situation, auf die man keinen Einfluss mehr hat. Irgendwas geht immer.
Die Dinge lassen sich oft nicht abwenden, aber deren Wirkung lässt sich beeinflussen. Gelernt habe ich das in Momenten, in denen es drauf ankam. Jetzt sage ich, ich muss etwas tun, so kann das nicht weiter gehen. Da stehe ich keiner Situation gegenüber, sondern mir. Nicht einem Moment, sondern dem Alltag. Da hilft kein Trick, keine Idee oder Sichtweise. Da helfen Entscheidungen, den Arsch hoch kriegen, Sport machen, Disziplin.
Meine Neuronen legen sich ins Zeug und projizieren eine undurchdringliche Gewitterwand mit der Aufschrift Hilflosigkeit. Eine Minderheit von unbestechlichen, verspießten, rechthaberischen, Restverstandsneuronen sagt trocken: “Nee, du hast einfach keinen Bock.” Ich hasse Spießer.

Ich brauche Geborgenheit

Montag, 30. März 2009

“Ich brauche kein Tavor, ich brauche Geborgenheit, ich brauche keine Psychiatrie, ich brauche eine Familie”, schreit es mich in fetten Lettern an, als ich am Morgen meine E-Mails abrufe. Rosi ist eine von denen, die nicht mehr in die Ambulanz kommen. Vor einem Jahr brach sie den Kontakt ab, zog einfach weg von Frankfurt. Die Monate zuvor waren von Sorge und Hektik bestimmt: Rosi versuchte mehrfach, sich das Leben zu nehmen! Vor wenigen Wochen nahm sie nun den Kontakt per Internet wieder auf. Ich bin erleichtert: Sie lebt noch! Aber wo und wie?

Ihr Hilfeschrei per Mail stimmt mich nachdenklich: Was brauchen die Menschen, die unsere Hilfe suchen, wirklich? Was heißt es, auf ihre Nöte zu reagieren? Und wer definiert in der Regel ihre Bedürfnisse und Nöte?

Im medizinischen Regelsystem zählt oft nur das Symptom, das ein Kranker oder eine Kranke bietet: das gebrochene Bein, die infizierte Wunde, die Lungenentzündung. Entsprechend fällt die Behandlung dann auch aus: Gips, Wundverband, Antibiotikum. Doch wer beachtet die besondere Lebenslage von Menschen wie Rosi?

Wer weiß, was es heißt, abends oder tagsüber keinen geschützten Raum zu haben, ein Ort, in dem einfach Ausruhen, Beinhochlagern oder Körperpflege und Hygiene möglich sind? Und was nützt dem Alkoholiker die zehntägige Entgiftung, wenn er sich anschließend wieder im Kreis alter Weggefährten wieder findet, deren Abstinenz schon lange her ist oder momentan undenkbar erscheint? Tagesstrukturierende Maßnahmen, Hilfestellungen bei den vielfältigen Behördengängen, die oft Frust und damit erhöhten Saufdruck bedeuten, können nicht auf Rezept verordnet werden.

Rosi, die ihr Bedürfnis nach Geborgenheit und Familie per E-Mail verschickt, erhielt psychiatrische Hilfe immer nur dann, wenn sie wieder einmal notfallmäßig in die Klinik eingeliefert wurde. Eine nachgehende Psychiatrie gab es für sie nicht und die Ansätze einer Gehstruktur sind nicht nur in diesem Fachbereich noch sehr bruchstückhaft.

Was braucht ein kranker Mensch in Wohnungsnot wirklich, um gesund werden zu können? Sicher keine strukturellen Hürden wie Praxisgebühren, Anträge, aus denen sein Mangel, kaum aber seine noch vorhandenen Ressourcen hervorgehen oder Kürzungen des Sozialgeldes, weil Termine und Auflagen nicht eingehalten werden konnten.

Ich glaube, Rosi hat Recht: Diese Menschen brauchen vor allem Beziehungen, die verlässlich sind. Sie brauchen Menschen, die sich für sie wirklich interessieren und gemeinsam mit ihnen suchen, was trotz aller Brüche und Verletzungen im Leben noch möglich ist. Ja, sie brauchen Menschen, die mit ihnen auf das vorhandene Lebenspotential in und mit aller Krankheit schauen und mit ihnen geeignete Wege gehen, dieses zu fördern und wirksam werden zu lassen.

Das ist mein Verständnis von echtem Heilsdienst.

Apokalypse der gestirnten Nacht

Sonntag, 22. März 2009

“Wer gerade entwöhnt ist, der mag seinen Kopf in den Arm nehmen, das Ohr anlegen und auf die Geräusche da drinnen lauschen. Katastrophen, Aufstände, in die Luft gehende Fabriken, die Sintflut – alles das vernimmt das Ohr, die ganze Apokalypse der gestirnten Nacht des Menschenleibes“, so beschreibt der Künstler Jean Cocteau schon 1929 seinen körperlichen Entzug, den Gustav achtzig Jahre später mit drei Worten bilanziert: “Kotzen, schwitzen, Dünnpfiff”.
Wir sitzen in der Kontakt- und Notschlafstelle und trinken einen Kaffee zusammen. “Du hast aber wieder schön zugelegt, gut schaust du aus. Sei froh, dass du es mal wieder überstanden hast”, lobe ich ihn. “Jetzt hör aber auf. Ich bin ganz schön fett geworden”, ermahnt er mich mit strengem Gesicht, bevor sich seine Mundwinkel nach oben bewegen. Das Lächeln ist ein Mix aus Zufriedenheit und Genugtuung. “Bin ich auch. Vor allem, das wird jedes Mal schlimmer, hammerhart. Ich pack’ keinen Stoff mehr an, glaub’ mir.
Wenn es um Heroin geht, ist das mit dem Glauben so eine Sache. Trotzdem hoffe ich, dass es Gustav gelingt, diese Situation besser zu nutzen, als direkt wieder rückfällig zu werden. “Was hast du denn jetzt vor?”, will ich von ihm wissen. “Schau’n wir mal, ich brauch’ Beschäftigung. Ich muss irgendwas mit mir anfangen. Aber jetzt hab’ ich keine Zeit mehr”. Hektisch verlässt er mit anderen Abhängigen die Einrichtung.
Als Gustav drei Tage später mit Nelly auftaucht, ist mir klar, für welchen neuen Anfang er sich entschieden hat. “Ist sie nicht super, meine Süße. Mach Platz, komm, mach jetzt Platz”. Seine neue Schäferhündin ist für ein paar Minuten das Gesprächsthema Nummer Eins. “Und, was habe ich dir gesagt, ich zieh’ meinen Plan durch. Scheiß auf die Shore. Die brauch’ ich jetzt nicht mehr”. Seine zusammengezogenen Pupillen sagen leider etwas anderes. Aber wer lügt, hat die Wahrheit wenigstens gedacht.