In den Webtagebüchern habe ich gerade den aktuellen Eintrag von Frau Dr. Maria Goetzens gelesen. Upps, ich habe die Webseite noch auf und es macht pling “your raiting has been registrated”, und fünf Sterne erscheinen. War mir bisher noch nicht klar wie man Bewertungen abgibt. Glücklicherweise sind fünf Sterne aber auch die Bewertung, die ich bewusst gewählt hätte.
Der Eintrag spricht mich sehr an, mit diesem Thema habe ich meine eigenen Erfahrungen. Und es sind keine guten. Der Eintrag geht mir sogar richtig unter die Haut. Mir hat da in der Zeit, in der ich eine Psychose hatte, sehr wenig geholfen. Als letzten Kontakt zur Welt hatte ich eigentlich nur Micha und seine Freundin. Geholfen hat mir auch ein Pfleger, zu dem ich einen guten Zugang hatte, der mir ganz einfach menschlich begegnet ist.
Haldol ist wie drei Promille ohne Brechreiz
Sonst war da nicht mehr viel. Nach einem Psychiatrieaufenthalt hat mir ein Neurologe ein Rezept ausgestellt, er hat mich noch nicht einmal gesehen, der Entlassungsschein hat ihm genügt. Haldol. Ich habe das Rezept gesehen und konnte es nicht fassen. Der Sprechstundenhilfe sagte ich, dass ich damit schon mal einen Selbstversuch gemacht hätte und ich mir nichts Schlimmeres vorstellen könnte. Die Medikamente haben sich ja doch verbessert, ich brauchte mir da keine Sorgen machen. Ich wusste, dass sich die Medikamente verbessert haben und ich war auf einem solchen verbesserten Medikament eingestellt. Ganz ohne Medis komme ich nicht zurecht, wusste ich, aber Haldol ist Haldol, wie Aspirin eben Aspirin ist.
Haldol ist wie drei Promille ohne Brechreiz, wie Emotion zum Sezieren in Formalin eingelegt. Wie Seele, die erlebt aber gefesselt ist. Ein Bewusstsein, das bemerkt, dass die Zunge angeschwollen aus dem Mund hängt und sabbert und eine Motivation, die gerade noch dazu ausreicht aufs Klo zu gehen.
Chemischer stereotaktischer Eingriff (siehe: Einer flog übers Kuckucksnest). über Heilung habe ich mir früher schon oft Gedanken gemacht. Was macht Heilung aus, welche Faktoren gibt es da und warum kann ein Placebo oder ein Schamane manchmal besser helfen als klassische Medizin?
Die Umwelt heilt mit – wenn sie es kann
Körper, Geist, Seele? Es gibt einen eigenen Willen, den es braucht um geheilt zu werden. Es gibt Mittel, die meinen Körper beeinflussen (Obst, Wohnung und manchmal Medikamente). Und es gibt eine Umwelt, die an einer Heilung beteiligt ist. Ein Schamane setzt sich mit dem Kranken sehr persönlich, menschlich auseinander. Er bringt manchmal eine ganze Dorfgemeinschaft dazu Anteil zu nehmen und als Mittel kann dann auch ein Hokus Pokus ausreichen, einen Placebo-Effekt auslösen.
Wir haben klinisch belegt wirksame Mittel und der Rest ist Kostenfaktor. Es gibt viele, die nur noch wenige Funken menschlicher Wärme in ihrem Leben bekommen. Das Lächeln einer Verkäuferin beim Brötchenkaufen, oder eine Apothekerin, der man anmerkt, dass sie etwas verwirrt und betroffen ist, wenn sie merkt, dass es nicht 10mg sondern 100mg Tabletten sind, die auf dem Rezept stehen.
Ich glaube, diese Restwärme ist überlebenswichtig. Und ich glaube, es ist hilfreich die Dinge die quälen zu überwinden, auf sie einzugehen und sie zu bearbeiten. Psychopharmaka ist pure Leidenskonservierung (meine ungefilterte Meinung). Sicher, sie kann davor bewahren sich nicht aufzuhängen, aber wenn ich mir ein Leben mit Haldol vorstelle, würde ich das als Fehler betrachten. In den Einträgen von Frau Goetzens finde ich viel von dieser Wärme, die für mich mal überlebenswichtig war. Dafür ganz dicke fünf Punkte.