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Mit ‘neuanfang’ getaggte Artikel

Schwanger hinter Gittern

Mittwoch, 10. Juni 2009

Endlich zuhause, ein langer Tag liegt hinter mir. Heute Vormittag habe Pitter, ein Klient aus der Justizvollzugsanstalt, zur Therapie gebracht. Schon seit Wochen war Pitter sehr aufgeregt. Er hatte vor einem Jahr bereits einen Therapieversuch gestartet, war aber schon nach ein paar Tagen abgehauen. Jetzt also ein neuer Versuch – mit viel Hoffnung und großen Plänen für die Zukunft, aber auch mit weichen Knien und der Sorge, dass es diesmal wieder schief gehen könnte. Dann müsste er wieder zurück in den Knast und die ganze Strafe absitzen. Dabei hat sich Pitter während der Zeit in der JVA echt Mühe gegeben und nicht der Versuchung nachgegeben, sich die Zeit durch einen Joint, einen Knaller oder ein paar Pillen leichter zu machen. Angebote habe er im letzten Jahr genug gehabt, meint er. Alle Achtung, dazu gehört viel Hoffnung und Zuversicht.

Als Pitter nun bei mir im Auto sitzt, während wir über die Autobahn Richtung Süden rollen, erzählt er mir, dass seine Freundin, ebenfalls in der JVA, ihm geschrieben habe, dass sie im 6. Monat schwanger sei. Unterwegs telefoniert er mit den Eltern seiner Freundin, um sie darüber zu informieren, dass sie bald Großeltern werden und dass er vorhat, ihre Tochter zu heiraten.

Die Freundin hat schon lange den Kontakt zu den Eltern abgebrochen, aus welchem Grund auch immer. Pitter bittet sie, ihre Tochter im Knast zu besuchen und sie in dieser schwierigen Zeit nicht allein zu lassen. Das ist ziemlich mutig von ihm, denn schließlich kennt er die Eltern nicht, denen er sich telefonisch als der neue Schwiegersohn vorstellt. Seit ich mich von Pitter in der Therapieeinrichtung verabschiedet habe, lässt mich der Gedanke an diese Geschichte nicht los.

Der Rest des Tages war vor allem mit Papierkram gefüllt. Aber wie kann man Papierkram erledigen, wenn einem den ganzen Tag Pitter und seine Freundin vor Augen stehen?

Raus aus dem Karussell von Drogen, Kriminalität und Knast

Freitag, 05. Juni 2009

Karussell - ©  Nadine K. - Fotolia.comIm Theologiestudium habe ich gelernt, zwischen Chronos und Kairos zu unterscheiden: Chronos meint den Ablauf der Zeit, wie er auf dem Zifferblatt einer Uhr abzulesen ist. Kairos den rechten Augenblick, den keine Uhr der Welt anzuzeigen vermag. Für Jupp schien es diesen Moment nie zu geben. Er ballerte sich immer wieder aufs Neue zu. Doch dann kam die Wende.

Jupp hat den Kairos getroffen, den glücklichen Zeitpunkt, an dem alle möglichen glücklichen Faktoren einander zuspielen und nur darauf warteten, dass er zugriff und die einmalige Chance nutzte, sein Leben zu verändern.

Lange Zeit sah es nicht danach aus: “Ich bin ein Versager!” Jupp saß niedergeschlagen und kleinlaut in meinem Büro. Dabei war er vor kurzer Zeit noch so voller Hoffnung gewesen. Die Kostenzusage war da und er hatte einen Therapieplatz. Er war in die Entgiftung gegangen und hatte sechs Wochen lang einen heftigen Entzug durchgestanden, bevor ich ihn in die Therapieeinrichtung fahren konnte. Dann, in Therapie, wurde ihm alles zuviel, er bekam Angst vor der eigenen Courage und brach bereits in der ersten Woche ab. Schon auf dem Weg nach Köln war er bereits wieder rückfällig mit Heroin. Der Suchtdruck und die überzeugung, sowieso ein Versager zu sein, hatten ihm schnell jede Hoffnung genommen, jemals clean werden zu können.

Einzige Heimat: Die Clique von ähnlichen Verlorenen

Ich erinnere mich an seine Lebensgeschichte: Jupp erkrankte als kleines Kind an Meningitis und verbrachte lange Zeit im Krankenhaus auf der Isolierstation – alleine, ohne Mutter und Geschwister. Noch heute leidet er unter den Folgen der Infektion. Die Mutter alkoholkrank, der Vater überfordert und resigniert, die Geschwister drogenabhängig. Ein Bruder bereits an einer überdosis verstorben. Keine Unterstützung als Kind und als Jugendlicher, keine Anerkennung. Kein Schulabschluss, keine Lehre, keine Menschen, bei denen er sich aufgehoben fühlen konnte, außer in der Clique von ähnlichen Verlorenen. Das Karussell von Drogen, Kriminalität, Knast. Da hatte sich bei ihm die überzeugung, ein Versager zu sein, schon längst fest eingebrannt, dass er sich gar nicht mehr vorstellen konnte, jemals anders leben zu können.

So lernte ich ihn kennen. Jupp war lange mein Klient. Als er erst einmal Vertrauen gefasst hatte, zeigte er sich als ein nachdenklicher, sensibler Mensch, kreativ und mit viel Sinn für Humor, der auch über sich selbst lachen konnte. Er schrieb skurrile Kurzgeschichten und träumte davon, irgendwann einmal einen Film zu drehen über sein Leben.

Dritte Therapie: Wertschätzung rettet den Ausstieg

Dreimal hat er Anlauf genommen für eine Therapie. Es war mühsam und langwierig. Zweimal stand er kurze Zeit später wieder in meinem Büro und war wieder rückfällig. Beim dritten Versuch klappte es: Jupp hielt durch. Aus der Therapie schrieb er mir Briefe, die so skurril waren wie seine Kurzgeschichten und die von seinem Humor zeugten, aber die auch deutlich machten, wie ernsthaft er sich mit seiner Lebensgeschichte auseinandersetzte. Er war in der Therapie auf Menschen gestoßen, die ihn ernst nahmen und ihm ihre Wertschätzung deutlich zeigten. Das hatte ihm den Mut gegeben, zu kämpfen und nicht wegzulaufen.

Ob Jupp heute noch clean lebt, weiß ich nicht. Ich habe ihn aus den Augen verloren. Aber ich weiß, dass er wenigstens für diese Zeit ein gutes Leben führen konnte.

Mit der Erde kannst du spielen

Sonntag, 24. Mai 2009

Ein Gewitter entlädt seine Blitze und die schweren Regenwolken am Abend dieses warmen Maitages. Das grelle Licht der Blitze erleuchtet gespenstisch die Dunkelheit. Im Radio ertönt eine mir bekannte Sinfonie. Meine Gedanken kreisen immer noch um die Erlebnisse des Tages. Die frische Erde, mit der ich Blumenkästen gefüllt habe. Dieses Gefühl, der Geruch, mit den Händen zu schaufeln. Da wird man zum Kind. Gärtnerischer wäre ja eine Schaufel zu nehmen, um die Kästen noch schneller zu füllen…

“Mit der Erde kannst du spielen.” So heißt es in einen Kirchenlied. Etwas zu schaffen, da in die Kästen zu pflanzen, Gemüsepflanzen, Kräuter, Blumen, auch zusammen. Paprika neben Basilikum und Petunie und anderes oder Pflücksalat und Dill zusammen mit Blumen. Das ist nicht nur interessant zu pflanzen, sondern auch wachsen zu sehen. Die Kästen schmücken dann unsere schöne Gärtnerei, gleich als Beispiel, was so kreativ möglich ist.
übrigens die Musik im Radio war die 7. Sinfonie von Ludwig van Beethoven, aufgeführt in der Dresdener Frauenkirche, sagte der Sprecher. Obwohl ich zurzeit schlecht laufen kann - ich hatte mich Anfang der Woche so sehr an der Badtür gestoßen, Zehen sind angeschwollen – war es doch ein erquicklicher Tag. Werde Freitag mal einen Arzt aufsuchen deswegen. Aber dieses Gefühl in der frischen Erde herumzuarbeiten und Pflanzungen entstehen zu lassen, hat mich alle Schmerzen vergessen lassen. Möge alles schön wachsen, blühen, Früchte tragen und unsere Herzen erfreuen.

Keine Angst vor fremden Menschen

Donnerstag, 14. Mai 2009

Ich klopfe an die Tür zum weltweiten Netz. Allein der Klick auf den Button “SENDEN” öffnet diese Tür. Ich SENDE. Oft habe ich ein wenig Angst vor den ersten Worten des Empfängers meiner Sendung. Nimmt er mich so an wie ich bin? Denkt er gut oder schlecht über mich? Kann er meine Verunsicherung sehen?

Heute treibt mich keine Angst vor “fremden” Menschen in das heimische Versteck und in die Sucht. Heute ist es meine Sensibilität, die mich aufhorchen lässt. Das Schneckenhaus ist geblieben. Neu ist der Mut, mein Inneres zu zeigen und zu leben. Meine Botschaft zu senden und empfangsbereit zu sein.

Mit freundlichen Grüßen
Lutz S.

Die Leere aus meinem Körper bekommen

Montag, 11. Mai 2009

Hallo an alle da “draußen “. Vielen Dank für eure netten Kommentare, irgendwie sind sie für mich wichtig geworden. Ich finde es ganz toll, dass sich immer mehr Menschen dafür interessieren und sich äußern.

Ich hatte in der letzten Woche ein Interview mit der Tageszeitung unserer Stadt, am Samstag kam der Artikel in die Zeitung. Die Reportage ist gut geschrieben. Danke nochmals an diese Zeitung, dass sie so nett waren, uns zu helfen, um auf diese Webseite aufmerksam zu werden.

Meine Gedanken sind seither wie in Watte gepackt. Ich weiß, dass viele Menschen es nicht verstehen werden, dass ich mein Leben in die öffentlichkeit stelle. Es ist mir absolut nicht leicht gefallen und ich muss auch mit negativer Kritik rechnen. Aber wenn ich nichts mache und nur zuschaue, was in und mit unseren Staat passiert, dann könnte ich nur kotzen. Viele Menschen können mit Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben nichts anfangen. Sie meinen, wenn derjenige, der abhängig ist, in eine Therapie geht und hinterher arbeitet, dann ist er geheilt. Wer keine Arbeit oder Schulden hat, der ist selber Schuld.

Wer obdachlos ist, hat die Arschkarte sowieso und ist Abschaum. So what? Viele merken allerdings, wie schnell man in die Hartz-IV-Falle kommt. Der Abstieg kommt dann ziemlich schnell. Selbst wenn man verantwortlich ist für sein Leben und es läuft nicht alles “rund”, so sind wir ein Teil dieses Staates und ich möchte nicht eines Tages in meinen Bett liegen und denken “das war es”. Ich finde, selbst wenn ich es mir nicht leicht gemacht habe im Leben, so habe ich trotz allem schon viel für mich und meine Kids erreicht. Und auch wenn ich im Rollstuhl sitze, möchte ich noch viel mehr lernen vom Leben ohne Drogen und Abhängigkeit, mich selber kennen lernen und wieder lernen zu “fühlen”, einfach nur die Leere aus meinen Körper zu bekommen.

Schuldgefühle aus meinem Leben verbannen

Samstag, 11. April 2009

Hallo an die Menschen da draußen, die Feiertage beginnen und ich bekomme schon wieder Panik, statt mich zu freuen. Die letzten zwei Jahre habe ich mich immer mehr zurückgezogen. Deshalb habe ich auch kaum noch Kontakt zu anderen. Die Feiertage sind für Familien – und mit meiner habe ich kaum Kontakt. Ich war früher sehr auf die Familie fixiert, als ich noch verheiratet war. Habe mich in fast allem angepasst und nach der Scheidung bin ich auf der Strecke geblieben. Man kann sich danach nicht einfach neue Freunde suchen.
Eine Freundin ist mir seit über 20 Jahren treu geblieben, leider wohnt Sie 35 Kilometer entfernt. Doch wenn die Probleme am größten sind, ist sie da. Ich bin sehr misstrauisch geworden gegenüber Fremden. Früher war ich lebensfroh, dann kamen die Drogen und jetzt ist nicht mehr viel von meinem alten Leben übrig. Aber vielleicht soll es auch so sein.

Für ein neues Leben ist halt alles ganz anders. Ich glaube so fest daran, aber ich weiß, dass ich noch viel daran arbeiten werde, vor allen werde ich meine Probleme bewältigen und meine Gefühle verstehen. Es werden immer wieder schlechte Tage kommen, aber wie ich damit umgehe, ist für mich wichtig. Ich will meine negativen Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen unter Kontrolle bringen. Mein Selbstbewusstsein stärken, die Angst vor Ablehnung und meine Schuldgefühle aus meinem Leben verbannen. Ich muss mich nicht mehr schlecht fühlen, weil ich früher falsch gehandelt habe.