Endlich zuhause, ein langer Tag liegt hinter mir. Heute Vormittag habe Pitter, ein Klient aus der Justizvollzugsanstalt, zur Therapie gebracht. Schon seit Wochen war Pitter sehr aufgeregt. Er hatte vor einem Jahr bereits einen Therapieversuch gestartet, war aber schon nach ein paar Tagen abgehauen. Jetzt also ein neuer Versuch – mit viel Hoffnung und großen Plänen für die Zukunft, aber auch mit weichen Knien und der Sorge, dass es diesmal wieder schief gehen könnte. Dann müsste er wieder zurück in den Knast und die ganze Strafe absitzen. Dabei hat sich Pitter während der Zeit in der JVA echt Mühe gegeben und nicht der Versuchung nachgegeben, sich die Zeit durch einen Joint, einen Knaller oder ein paar Pillen leichter zu machen. Angebote habe er im letzten Jahr genug gehabt, meint er. Alle Achtung, dazu gehört viel Hoffnung und Zuversicht.
Als Pitter nun bei mir im Auto sitzt, während wir über die Autobahn Richtung Süden rollen, erzählt er mir, dass seine Freundin, ebenfalls in der JVA, ihm geschrieben habe, dass sie im 6. Monat schwanger sei. Unterwegs telefoniert er mit den Eltern seiner Freundin, um sie darüber zu informieren, dass sie bald Großeltern werden und dass er vorhat, ihre Tochter zu heiraten.
Die Freundin hat schon lange den Kontakt zu den Eltern abgebrochen, aus welchem Grund auch immer. Pitter bittet sie, ihre Tochter im Knast zu besuchen und sie in dieser schwierigen Zeit nicht allein zu lassen. Das ist ziemlich mutig von ihm, denn schließlich kennt er die Eltern nicht, denen er sich telefonisch als der neue Schwiegersohn vorstellt. Seit ich mich von Pitter in der Therapieeinrichtung verabschiedet habe, lässt mich der Gedanke an diese Geschichte nicht los.
Der Rest des Tages war vor allem mit Papierkram gefüllt. Aber wie kann man Papierkram erledigen, wenn einem den ganzen Tag Pitter und seine Freundin vor Augen stehen?


Im Theologiestudium habe ich gelernt, zwischen Chronos und Kairos zu unterscheiden: Chronos meint den Ablauf der Zeit, wie er auf dem Zifferblatt einer Uhr abzulesen ist. Kairos den rechten Augenblick, den keine Uhr der Welt anzuzeigen vermag. Für Jupp schien es diesen Moment nie zu geben. Er ballerte sich immer wieder aufs Neue zu. Doch dann kam die Wende.
