Peter S.
Peter S.
Thorsten Bathe

Mit ‘leere’ getaggte Artikel

Die Verachtung des Folterkörpers führt zur Autonomie

Freitag, 17. Juli 2009

Stell dir vor, dich würde jemand jahrelang in ein Klo einsperren. Genau das tun die Verwalter mit mir. In einem Klo bleibt der Mensch nur so lange wie er muss. Und er richtet sich darin auch nicht ein. Deshalb tue ich das auch nicht. Niemals würde ich mir dieses Stinkeklo wohnlich machen wollen, kein Bild, keine Gestaltung etwa, so wie es bei anderen Gefangenen zu sehen ist.

lch pinkle auch grundsätzlich ins Waschbecken, um den Raum zu entweihen. Den ganzen Tag liege ich schräg im Bett, quer angelehnt an der Wand und habe meine nackigen Füße auf dem Tisch. Gibt es einen Grund Schuhe anzuziehen? Ich habe keine Skrupel meine Socken nach einem lumpigen Hofgang in meinem Kochtopf auszuwaschen oder meine Füße in meine mit warmem Wasser gefüllte Bratpfanne als zweckentfremdetes Gefäß zu stellen. Frank hat es mal gesehen. Seitdem will er weder mit dieser Pfanne braten, noch von mir etwas Gebratenes aus dieser Pfanne annehmen. Er hat mir einen Plastikeimer besorgt, der eigentlich ein Mülleimer sein soll und mir anheim gestellt, ich könne auch darin meine Füße stecken. Wenn ich Hautirritationen habe, reibe ich sie mit Urin ein – dann geht es weg.

Ich und zum Arzt gehen? Niemals! Für mich ist die Haft so eine Art Steinwälzerstrafe nach der Sisyphos-Mythologie in der Abwandlung von Albert Camus. Sisyphos ertrug seine sinnlose Strafe nur durch Verachtung, dadurch erlangte er seine menschliche Selbstbestimmung wieder. Ich ertrage diese sinnlose Strafe auch nur im Angesicht meines Ekelschweißes durch Verachtung dieses Raumes und der Institution, in der ich leben muss. Dadurch bestimme ich mich als autonomer, innerlich freier Mensch. Das Gefängnis als ein sachliches Ding steht dem ansonsten entgegen. Wegen seiner Rahmenbedingung oder Struktur bleibt es immer gleich, seit es geboren wurde, sagt Foucault. Die Geringschätzung ist es, die mich aberwitzig all das Leid ertragen lässt. Meine menschliche Selbstbestimmung kann ich also erst durch eine groteske Einstellung wiedererlangen:

Die Zelle hat einen verbeulten Betonfußboden, grau, aufgeplatzt. Den mache ich nie sauber. Warum auch? Man sieht den Dreck nicht, der Fußboden ist der Dreck. Nur wenn der Sand so hoch steht, dass er mich stört, feg ich mal kurz von der Mitte nach draußen, das genügt. Ich laufe gern barfuß. Es stört mich überhaupt nicht, meine dreckigen Füße in frisch aufgezogenes weißes Laken zu stellen. lch genieße eher diesen Augenblick der Verachtung.

Ich meditiere, und die Grübelschleife zieht vorüber. Sie gehört nicht zu mir. Damit es mir in dieser Zelle nicht vermeintlich zu gut geht, filzen mich meine Betreuer gern. Mein Grundsatz, der vor dieser möglichen Verletzung schützt, ist die doppelte Verneinung. Dazu sollst du wissen, meine Sachverwalter weisen systematisch Wünsche zurück. Davor schützt mich die Einstellung, was mir nicht gegeben wird, will ich weder begehren, noch nehmen – ich will es gar nicht erst haben. Also gefühltermaßen will ich dann nicht mehr das, was ich mal gewollt habe. Verstehst du das? Das ist die doppelte Verneinung, zwei Mal minus ergibt plus. Ich tue es, um meine menschliche Selbstbestimmung zu behalten.

Eingesperrt im menschenwürdigen Folterkörper

Dienstag, 14. Juli 2009

Ist es nicht grausam, einen Menschen über Jahre in einen Klokäfig einzusperren? Soll dadurch der bessere Mensch erzeugt werden? Ist das Strafe in Menschenwürde? Wohl nicht. Wird dadurch die Verachtung und Entfremdung des Sozialen erworben? Werde ich günstigenfalls zu einem kuriosen Sexisten? Ich verachte diese Struktur des Gefängnisses. Ich verachte auch die mir zugewiesene Zelle. Das ist Dreck, Müll, Abfall. Das Letzte.

Mir soll seelisches Leid über Jahre zugefügt werden. Mit Absicht wird mir angemessener soziale Kontakt verwehrt. Es wird über mich als Sache kommuniziert und bestimmt. Ich werde vorgeführt, zentral mit irgendeinem Schweinefraß gefüttert. Ich werde verwahrt, bewegungslos, wie die letzte kleine Puppe einer ineinander verschachtelten Matroschka.

Die Straftechnik besteht erst im Erzeugen von seelischem Leid, indem ich auf ein Einzelklo reduziert werde. Dann wird mein Zustand ab und an begleitet oder behandelt. Wenn es mir schlecht geht, so sagen die Verwalter, kann ich ja in Nahdistanzobservation 14-täglich eine dreiviertel Stunde Besuch bekommen, das sei menschenwürdig, oder mit Gruppenbetreuer, Seelsorger oder Sozialarbeiter sprechen oder zum Psychiater gehen.

Die versorgen dann mein Leid. Sie mildern es sozusagen. Dazu gehört auch, dass sie mir liebevoll Ruhigsteller und Neuroleptiker geben würden, bis ich abwinke oder wenn mir auch das nicht mehr gelänge. Den Rest darf ich aber nicht vom Drogendealer nehmen. Aus all diesen Gründen verachte ich diesen Folterkörper in Menschenwürde: das Gefängnis, in das ich eingesperrt bin.

Three needles and the damage done

Montag, 08. Juni 2009



Immer
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