“Thorsten? Ey, das gibt’s doch gar nicht.” Mein Blick muss mich verraten haben. Aber wenn man sich nach über 15 Jahren zufällig in der Kölner Innenstadt noch einmal über den Weg läuft, darf man das wiedererkennende Hallo auch mal vermissen lassen. Es müssen erst noch ein paar Groschen fallen, bis sich die Milliarden Neuronen in meinem Gehirn sortiert haben. Dann aber richtig. Darf ich vorstellen: Max. Maler und bildender Künstler.
Als wir uns 1993 in Hamburg kennen gelernt haben, drohte ihm akutes Nierenversagen. Sein physischer und psychischer Zustand waren besorgniserregend. Dazu beliefen sich seine Drogen-Verbindlichkeiten auf über 80.000 D-Mark, zu zahlen an die damals herrschende Telefongesellschaft. Er war auf die glorreiche Idee gekommen, seine afrikanischen Dealer über Monate für Kokain frei Haus vom eigenen Anschluss in die Heimat telefonieren zu lassen. “Ich würde sagen: Beschaffung mal kreativ gelöst”, erklärt mir Max mit einem Zwinkern. Wir beobachten zusammen das Treiben auf dem Neumarkt. “Letztendlich haben meine Eltern das dann gerichtet. Später habe ich ihnen jedoch einen großen Teil des Geldes zurückgezahlt.” Vor lauter Aufregung gehen mir viele Fragen durch den Kopf.
Als Sozialarbeiter im illegalen Drogenmilieu erlebe ich es nicht oft, dass es jemand schafft, sich langfristig wieder eine legale Existenz zu erarbeiten. Die meisten Karrieren verlaufen wie eine Treppe – leider abwärts. “Ein Wunder, dass du doch noch die Kurve bekommen hast. Was ist damals passiert?“, frage ich schließlich. “Zwei Momente Klarheit“. Max blickt mich ernst an. “Kaum hatte ich früher die Lines in der Nase, war ich der Größte. Rembrand meets Dali in Personalunion. Selbstüberschätzung und Selbstzufriedenheit ohne Maß. Schnelle Witze, spritzige Antworten, noch schnellere Ideen. Weltmeister im Bilder raushauen. Einfach lächerlich. So lächerlich, wie die Skizzenentwürfe nach jeder weiteren durchgekoksten Nacht”, ereifert er sich und fügt ruhiger hinzu: “Letztlich überzeugt hat mich dann aber die Geschichte mit Conny. Sie zog die erste Line. Plötzlich ein Schrei. Blut strömte aus ihrer Nase. Das Kokain war mit Glasstaub versetzt. Da hat es bei mir endlich Klick gemacht. So von wegen auf Koks ist jeder ein Künstler. Das ganze geheimnisvolle, euphorische Gerede – alles Geschwätz.”


