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Mit ‘jobcenter’ getaggte Artikel

Der Problembär

Mittwoch, 18. März 2009

Kurz nach seinem 18. Geburtstag kam Herr R. mit seiner frisch bestellten Betreuerin zum Vorstellungsgespräch wegen Aufnahme in den Jakobushof. Nach kurzer Zeit stellte sich heraus, dass er eine Menge Probleme hat. Er ist zu 60 Prozent schwer behindert, hatte eine schwierige Kindheit und Jugend, aus allen möglichen Jugendhilfemaßnahmen ist er rausgeflogen oder hatte diese selbst abgebrochen.
Herr R. hatte eine auffällige Jacke an, die farblich und vom Kunstfell her sehr nach Problembär aussah. In einer Hilfekonferenz mit Jobcenter, Kreissozialamt, Jugendamt und uns besprachen wir, ob wir ihn aufnehmen sollen oder ob nicht eine Hilfsmaßnahme des Jugendamtes in Frage kommt.

Ein Mitarbeiter des Jugendamtes sagte, Herr R. sei “austherapiert”
, sie sähen keine Möglichkeit mehr für ihn, als eine Maßnahme bei uns. Somit kam er ein paar Tage später zur Aufnahme und wohnt seither in einem Einzelzimmer, in dem sich die leeren Pizzapackungen ebenso wie die verschmutzte Wäsche und anderer Unrat stapeln. Das Zimmer ist einfach völlig verräumt. Dazwischen sitzt er vor dem Fernsehgerät beispielsweise morgens gegen halb neun, wenn er schon längst im Arbeitsbereich seine Gerichtsstunden ableisten sollte.

Gestern fand eine Vernehmung der Polizei statt. Es ging um Diebstahl. Um einer weiteren Strafanzeige zu entgehen, entriss er sich der Verkäuferin in einem Drogeriemarkt, wo er gerade die DVD Batman II geklaut hatte. Schon vor der Vernehmung fragte der Beamte am Telefon, ob er so eine auffällige Felljacke habe. Natürlich war es Herr R. mit seiner Problembärjacke, die ihn zusätzlich verriet.
Herr R. braucht sehr viel Zuspruch und Begleitung, um nicht weiter abzurutschen. Immerhin hat er ein sonniges Gemüt und hat fast immer ein Lächeln im Gesicht.

Werner schreibt sich alles auf und wirkt entschieden

Samstag, 14. März 2009

“Entschuldigung, dass ich letzte Woche nicht gekommen bin”, legt Werner gleich los, als er mich im Flur sieht. Im Behandlungsraum sprudelt es weiter aus ihm heraus: “Wissen Sie, ich bin doch knapp bei Kasse und ich kann mir keinen weiteren Strafzettel mehr wegen Schwarzfahren leisten, sonst holen die mich noch ab!”
Und dann berichtet er kurz und aufgeregt, dass das Jobcenter mit einer Kürzung drohe, wenn er nicht gute Gründe anführen kann, warum er sich zum verabredeten Termin nicht bei der Firma für den 1,50 Euro-Job gemeldet habe. Ich müsse ihm doch wenigstens glauben, dass er mit einer schweren Grippe im Bett gelegen habe. Denn Werner hat gerade wieder eine eigene Wohnung. “Aber wenn die mich kürzen, dann wird es auch mit der Miete knapp und ich habe auch noch die Schulden da… und meinen Bewährungshelfer erreiche ich auch nicht, und, und, und …”
Innerhalb nur weniger Minuten breitet Werner das ganze Problembündel, das er mit sich rumschleppt, vor mir aus. Offen berichtet er von seiner Versuchung, wieder zum Alkohol zu greifen: “Ich komm sonst nicht mehr zu Ruhe”. Und gleichzeitig weiß er, “dass das nicht hilft!” Aber für eine Langzeittherapie habe er jetzt keine Zeit: “Ich muss doch noch so vieles regeln”.
Erst nach einiger Zeit können wir gemeinsam die wichtigsten Schritte nur für die nächsten Tage verabreden: Gespräch mit der Sozialarbeiterin nebenan, Attest für das Jobcenter, Kontakt zum Bewährungshelfer und demnächst auch zur Schuldnerberatung aufnehmen. Werner schreibt sich alles auf. “Damit ich weiß, was ich machen muss”, sagt er ernst und wirkt entschieden. Geld für die Rückfahrt mit der U-Bahn hat er nicht, “Erst in fünf Tagen bekomme ich was”, erklärt er mir. “Aber ich kann meinen Freund noch mal anpumpen.”
Da er Wege machen muss, um sich beim Suchttherapeuten, beim Gesundheitsamt und später wieder bei uns vorzustellen, erhält er eine kleine Beihilfe aus unseren Spendengeldern. Die dafür gekauften Fahrscheine will Werner nächste Woche vorlegen. Ich glaube ihm heute, dass er es schaffen könnte – und ich weiß, der Boden, auf dem er sich bewegt, ist noch sehr wackelig!

Eine Schlägerei mit Folgen

Montag, 09. Februar 2009

In der Nacht auf Freitag gab es eine Schlägerei in unserer Einrichtung. Daraufhin haben wir zwei Leute entlassen. Deshalb kam ich am Freitag nicht dazu, einen Eintrag zu schreiben. Mein Tagesplan war einigermaßen durcheinander. Wir befragten Beobachter und Beteiligte der Schlägerei, trugen die Informationen im Team zusammen, besprachen und verarbeiteten sie.
Mich betraf der Vorfall, weil einer meiner Klienten beteiligt war. Ihn hatte ich erst kürzlich von der Kollegin übernommen, die den Arbeitsbereich gewechselt hat (siehe mein Eintrag vom 2. Februar). Es ist mir aus verschiedenen Gründen schwer gefallen, den Team-Entschluss zu vollziehen. Das lag daran, dass Herr X. und andere ein super Publikum waren und lautstark mitsangen, als ich beim Silvesterdienst meine Martin-Gitarre auspackte. Herr X. hatte auch bei zwei Konzerten meiner Band für Stimmung gesorgt.
In den Gesprächen nach dem Vorfall betonte er immer wieder, dass er sich nur in einer Verteidigungsposition befunden habe und seine Entlassung ungerecht sei. Außerdem hatte ich ihn ja auch erst kürzlich übernommen und die Entlassung war nun die erste Aktion, die in seinem Zusammenhang zu tun war. Erschwerend kam hinzu, dass bei Herrn X. auch viele positive Ansätze zu verzeichnen waren.
Eigentlich wollte ich wie angekündigt etwas zum Thema Jobcenter schreiben. Diese Behördenkonstruktion ist verfassungswidrig, wie kürzlich durch die Presse bekannt wurde. Da hier in Konstanz der Vertrag schon früher als woanders abgeschlossen wurde, endet der nun schon Ende 2009 – und nicht wie in anderen Landkreisen erst Ende 2010. Dies hat zur Folge, dass möglicherweise ab dem nächsten Jahr unsere Klienten respektive wir Sozialarbeiter getrennte Anträge bei der Arbeitsagentur und dem Landratsamt stellen müssen. Dazu kommt, dass dem hiesigen Jobcenter schon jetzt Mitarbeiter davonlaufen, da sie nur bis Ende 2009 befristete Arbeitsverträge haben.
Nun hoffen hier alle auf eine baldige Entscheidung des Gesetzgebers, damit die erfolgreichen Jobcenter doch weiterarbeiten können. Anderenfalls würde der Schuss mit der Arbeitsmarktreform und Verwaltungsvereinfachung gewaltig nach hinten losgehen und alles würde viel komplizierter, als es ursprünglich angedacht war. Derzeit haben wir hier eine wirklich gute Zusammenarbeit mit unserem Jobcenter :-) . Never change a winning team!

Semi-Secco und noch etwas mehr

Donnerstag, 05. Februar 2009

Heute Nacht kam ein neuer Bewohner mit seinen Sachen zurück, die er in Heidelberg abholen musste. Er hat eine Kürzung durch das Jobcenter zu erwarten, die nicht mehr abgewendet werden kann. Der Grund: Versäumte Termine, abgebrochene Arbeitsmaßnahme. Dann kamen drei Anfragen bezüglich Patienten vom Zentrum für Psychiatrie (ZPR). Wir machen da Vorstellungsgespräche und sondieren im Team, ob unsere WLH-Einrichtung eine sinnvolle und folgerichtige Fortführung nach dem Klinikaufenthalt darstellt.
Eine Einrichtung wie unsere verträgt eben nur ein bestimmtes Kontingent an psychisch instabilen oder suchtkranken Klienten. Insgesamt haben wir 34 reguläre Plätze im Aufnahmehaus und der stationären Hilfe mit getrennten Wohnbereichen für junge Frauen, einen alkoholfreien Bereich, ein Frauenstockwerk und das Semi-secco. Das ist eine Etage für Personen ohne Suchtproblem, die außerhalb schon mal ein Bierchen trinken können ohne auffällig zu sein.
Des Weiteren haben wir einen Tagesaufenthalt mit Cafeteria und eine ambulante Hilfe mit Auszahlung von Tagessätzen. Dazu kommt noch unsere Produktion-Vertrieb-Dienstleistung. Das ist ein Zweckbetrieb unseres Verbandes, wo die meisten Personen Beschäftigung finden. Seit sechs Jahren arbeitet auch eine Krankenschwester im Rahmen einer medizinischen Ambulanz an zwei Vormittagen pro Woche. Als weiteres Angebot kommt neben einer Psychiaterin alle zwei Wochen ab heute eine Mitarbeiterin der Suchtberatung Konstanz ebenfalls zweiwöchentlich zur Beratung als niedrigschwelliges Angebot in den Jakobushof.
So, das war’s nun für heute. Habe vor allem den Rahmen beschrieben, in dem ich arbeite. Im nächsten Beitrag werde ich mal etwas zum Thema Jobcenter erzählen.