“Stoßen Sie in ihrer Arbeit auch an ihre Grenzen?” werde ich am Abend im Rahmen einer Podiumsdiskussion zum Thema “Grenzgänger – Voll im Trend” gefragt. Für mich ist es nicht so einfach, darauf eine ehrliche und verständliche Antwort zu geben. Natürlich stoße ich immer wieder an Grenzen in der Arbeit mit kranken Menschen in Wohnungsnot:
Da ist zum Beispiel Hubert, der sich trotz aller Hilfestellungen nicht zu einer erneuten Entgiftungs-Therapie durchringen kann. Wenn ich ihm begegne, kann ich an ihm die fortschreitenden körperlichen Folgen seiner Alkoholsucht erkennen.
Und auch Hannelore bleibt für mich eine “Herausforderung”. Für sie ist derzeit – trotz ihrer Beingeschwüre – die Annahme fachlich-medizinischer Hilfen unmöglich. Sobald sie jemand unseres Teams erblickt, dreht sie sich um und läuft fort. Eine ganz andere Grenze – verbaler Art – mutet Ladislav mir zu, als er mich als “Hitler-Cousine” beschimpft, weil ich ihm keine kostenlose Zahnbehandlung geben kann! Die strukturellen Hürden und Grenzen, die mir bei meinem Einsatz für die nicht versicherten Kranken begegnen, sind da nicht so schmerzhaft und doch stark einschränkend!
Auch den Todgeweihten nachgehen
Und dann darf auch die Konfrontation mit der Grenze Tod nicht unerwähnt bleiben. Wenngleich ich manchmal in der Gefahr stecke, mich an diesen ständigen Begleiter und seine vielfältigen Gesichtern zu gewöhnen – die Sehnsucht nach einem Leben in Gesundheit oder wenigstens einem würdevollen Tod mobilisieren in mir immer wieder Kräfte, auch den scheinbar “Todgeweihten” nachzugehen.
Ich will mich nicht gewöhnen, will mich der vermeintlichen “Todessehnsucht” anderer stellen und gemeinsam mit ihnen nach Ansätzen suchen, “für Leben und Heilung” einzutreten. Dennoch bleibt für mich jede Todesnachricht eines unserer Patienten ein Stich im Herzen. Viele sind gerade mal 54 Jahre alt, wenn sie sterben. Manche müssen ihre Sterbestunde auf der Straße erleben, oder werden tot in ihrer endlich erworbenen Wohnung aufgefunden. Nicht wenige kommen gewaltsam zu Tode und von so manchen erfahren wir es einfach nicht, warum und wie sie gestorben sind. Nein, an die Grenze Tod werde ich mich nie gewöhnen – und vielleicht ist das gut so, um weiter für ein besseres Leben all jener einzutreten, die wohnungslos und innerlich heimatlos durch unsere Straßen irren.