Rainer S.
Rainer S.
Goetzens

Mit ‘grenzen’ getaggte Artikel

Es ist hart

Dienstag, 12. Mai 2009

Ein bewegter Tag. Heute habe ich im NDR gesessen und mit einer Autorin des Bayrischen Rundfunks an einem geschalteten Interview teilgenommen. Ein Interview über die Webtagebücher und die Caritas-Kampagne. Danach stellte sich ein etwas beklemmendes Gefühl ein. Aus einigen Minuten wurde eine halbe Stunde. Und in dieser halben Stunde habe ich Dinge gesagt, die man eigentlich nicht in ein paar Sätzen erklären kann.

Danach habe ich, da ich gerade in der Gegend war, einen Besuch im Betreuten Wohnen für Abhängige gemacht. Ich hatte einfach das Bedürfnis nach Kommunikation. Dort habe ich dann mit zwei Bewohnern geredet und zwei Mal Tränen gesehen. Noch etwas, das nicht in ein paar Sätzen wiedergegeben werden kann.

TreffeZündfunknd und eindeutig für alles, was ich heute gesagt habe oder sagen wollte sind die drei Worte: “Es ist hart”.

Update: Der Beitrag läuft Donnerstag, den 14. Mai ab 19 Uhr in der Sendung Zündfunk auf Bayern2.

Gefühle machen den Lebensweg zum Labyrinth

Donnerstag, 09. April 2009

“Und wie der französische Schriftsteller stelle auch ich mir die Frage, “ob die Erfahrung uns sie vermeiden ließe, wenn wir den Weg zweimal machen dürften?” Angesichts der beiden Klienten fällt die Antwort eindeutig aus.”
Aus dem Eintrag von Thorsten Bathe vom 09.04.
Diese Frage habe ich mir natürlich auch schon gestellt, und sie für mich beantwortet. Klar würde ich fast alles noch mal so machen, wenn sich die Frage noch mal stellt. Die Gefühle machen den Lebensweg zum Labyrinth. Es hilft nichts, sich dies oder das vorzunehmen, wenn das Gefühl bei dem Weg nicht mitspielt.
Wenn ich zurückdenke, stelle ich mir auch die Gefühle vor, die ich zu der Zeit hatte. Wenn man denkt, man kenne das Labyrinth und kennt die Wege, vergisst man leicht das Zerrbild des Gefühls. Und wenn ich den Weg kenne, weiß wie ich mit meinen Gefühlen umgehen kann, so weiß ich doch, ich brauche Glück dazu. So ganz allein kann man sich seine Gefühle nicht basteln.

Nur wenn ich den Weg, mein Gefühl, und die Möglichkeit kenne es zu steuern, bin ich nicht mehr in einem Labyrinth. Und dann stellt sich die Frage auch nicht mehr. Ich suche mir ein neues. Sich keine neuen mehr suchen zu müssen nennt man, denke ich, Nirwana. Sich nicht in neue zu trauen ist … – nicht das, was ich gesucht habe. Und damit bin ich ganz zufrieden, also wenn ich zurückspule: Alles noch mal von vorn. Im Rückblick denke ich, hätte ich mit zehn Jahren mit einem Kinderpsychologen zu tun gehabt, vielleicht wäre es anders gelaufen. Vielleicht. Vielleicht war ja mein drittes Vorleben schon so verkorkst, dass ich in diesem Leben forciert karmisches heile, heile Gänschen machen muss? (Ganz wichtig für Gefühlssteuerung! Man muss Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auseinander halten können.) Drogen, und speziell Heroin, sind genau so tiefgreifend wie bis zum Anschlag verknallt zu sein. Jeder, der mal unglücklich verliebt war, weiß was ich meine, wenn ich sage: “Das mach ich nie wieder!”

Einsatz für einen würdevollen Tod

Freitag, 20. März 2009

“Stoßen Sie in ihrer Arbeit auch an ihre Grenzen?” werde ich am Abend im Rahmen einer Podiumsdiskussion zum Thema “Grenzgänger – Voll im Trend” gefragt. Für mich ist es nicht so einfach, darauf eine ehrliche und verständliche Antwort zu geben. Natürlich stoße ich immer wieder an Grenzen in der Arbeit mit kranken Menschen in Wohnungsnot:

Da ist zum Beispiel Hubert, der sich trotz aller Hilfestellungen nicht zu einer erneuten Entgiftungs-Therapie durchringen kann. Wenn ich ihm begegne, kann ich an ihm die fortschreitenden körperlichen Folgen seiner Alkoholsucht erkennen.

Und auch Hannelore bleibt für mich eine “Herausforderung”. Für sie ist derzeit – trotz ihrer Beingeschwüre – die Annahme fachlich-medizinischer Hilfen unmöglich. Sobald sie jemand unseres Teams erblickt, dreht sie sich um und läuft fort. Eine ganz andere Grenze – verbaler Art – mutet Ladislav mir zu, als er mich als “Hitler-Cousine” beschimpft, weil ich ihm keine kostenlose Zahnbehandlung geben kann! Die strukturellen Hürden und Grenzen, die mir bei meinem Einsatz für die nicht versicherten Kranken begegnen, sind da nicht so schmerzhaft und doch stark einschränkend!

Auch den Todgeweihten nachgehen

Und dann darf auch die Konfrontation mit der Grenze Tod nicht unerwähnt bleiben. Wenngleich ich manchmal in der Gefahr stecke, mich an diesen ständigen Begleiter und seine vielfältigen Gesichtern zu gewöhnen – die Sehnsucht nach einem Leben in Gesundheit oder wenigstens einem würdevollen Tod mobilisieren in mir immer wieder Kräfte, auch den scheinbar “Todgeweihten” nachzugehen.

Ich will mich nicht gewöhnen, will mich der vermeintlichen “Todessehnsucht” anderer stellen und gemeinsam mit ihnen nach Ansätzen suchen, “für Leben und Heilung” einzutreten. Dennoch bleibt für mich jede Todesnachricht eines unserer Patienten ein Stich im Herzen. Viele sind gerade mal 54 Jahre alt, wenn sie sterben. Manche müssen ihre Sterbestunde auf der Straße erleben, oder werden tot in ihrer endlich erworbenen Wohnung aufgefunden. Nicht wenige kommen gewaltsam zu Tode und von so manchen erfahren wir es einfach nicht, warum und wie sie gestorben sind. Nein, an die Grenze Tod werde ich mich nie gewöhnen – und vielleicht ist das gut so, um weiter für ein besseres Leben all jener einzutreten, die wohnungslos und innerlich heimatlos durch unsere Straßen irren.