Rainer S.
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Rainer S.

Mit ‘grenzen’ getaggte Artikel

Klare Regeln statt endloser Einzelfallentscheidungen

Sonntag, 30. August 2009

Diesen Eintrag schreibe ich um auf den Kommentar von Michael einzugehen. Vielleicht ist es nicht deutlich, aber der vorige Eintrag ist nicht ironisch gemeint. Diese Regel wurde in der Anfangsphase der Gruppe formuliert und ich habe an ihr mitgewirkt. Sie dient dem Schutz der Gruppe. Deshalb habe auch ich für meinen zeitlich befristeten Ausschluss aus der Selbsthilfegruppe gestimmt. (weiterlesen…)

Dimensionensprünge

Dienstag, 21. Juli 2009

Vor 40 Jahren: Die Apollo 11 landet auf dem Mond. In der Verwandtschaft hatte nur mein Großvater einen Fernseher und alle hatten sich dort versammelt. Eines meiner ersten Erinnerungen: “That’s one small step for a man, but a giant leap for mankind.” Eine frühe Erinnerung und wohl der Höhepunkt kollektiven Erlebens. Die Zukunft gehört uns, welchen nächsten Dimensionensprung wollen wir?

Eine Epoche der Rekorde. Der Erstflug der U-2 erfolgte im August 1955. Als Aufklärungsflugzeug ist sie bis heute im Einsatz. Am 23. Januar 1960 tauchte die Trieste auf die bis heute gültige Rekordtiefe von 10.740 Metern. Oktober 1967 wird mit der X15 die Geschwindigkeit von 7274 km/h erreicht. Aber die Erwartung weiterer Rekorde stagnierte. Dimensionensprünge fielen als ölkrise aus.

Dimensionensprünge. Nachdem mir in zwölf Schuljahren immer forcierter klar gemacht wurde, dass die Zukunft der Wirtschaft gehört, plante ich meine eigenen Dimesionensprünge: Heroin. “One small step for me, but a giant leap for my emotion design.”

Die Rekordjagd wird leicht zu einer nicht beabsichtigten. Jeder Tag bringt einen CO2-Rekord mit sich. Damit der Frust nicht zu groß wird, werden neue Ziele definiert. Eine bemannte Mars-Expedition. Ein letztes Aufbäumen der technokratischen Heilslehre? Außerachtlassend dass so etwas von Sonden sehr viel besser zu machen ist? Es kommt eben auf den Kick an! Mir hätte es ja auch keinen Spaß gemacht meinem Teddy Heroin zu injizieren und es macht eben auch keinen Spaß festzuhalten, dass die Zukunft unbemannt besser funktioniert.

Mich hat die Frustration darüber, nach Glück im Leben zu suchen, die minimale Chance es zu erreichen und die Hoffnungslosigkeit es halten zu können, lange Zeit an Drogen gefesselt. Dimensionensprünge. Das habe ich aufgegeben. Glück ist Glück. Dem nachzulaufen ist wie der Versuch, so schnell zu laufen, dass man seinen Schatten überholt.

Dimensionensprünge. Ja der PC ist eine neue Dimension. Vielleicht mogelt sich ja ein Hacker in die Marsmission. Es würde Zeichen setzen, wenn das erste Experiment nach der Landung auf dem Mars wäre, einen Teddy anzufixen.

Ströme abscheulicher Bilder und Töne

Montag, 20. Juli 2009

Sigrid und Markus (beiden vielen Dank) haben mir zu den Bildern in meinem Kopf ein paar Tipps gegeben. Wohltuende Worte. Wochen danach plagen mich immer noch diese Ströme abscheulicher Bilder und Töne. Es ist im Glauben an Gott sicher respektabel, sich das Ende dieser Störungen zu wünschen. In so vielen Fürbitten habe ich das auch schon getan.

Ich denke diese Zeiten haben auch etwas mit meinem Zustand zu tun. Wenn ich mich gut fühlen kann, bin ich offen für Weiches und Hartes. In meiner gänzlichen Verwundbarkeit schmerzt eben fühlbar mehr.

Der jüngste Auslöser war die Geschichte einer Kollegin, die von ihrer Familientrennung berichtete. Im Nachsinnen darüber hörte ich noch Kindergeschrei in der Nachbarschaft. Mir kam Gänsehaut und Angst erfüllte mich. Um mich abzulenken ging ich in den Garten um großen Mengen Brennnesseln den Garaus zu machen. Es brannten die Arme von der Berührung, die Bremsen bissen schmerzhaft – es ging mir gut.

Die Verachtung des Folterkörpers führt zur Autonomie

Freitag, 17. Juli 2009

Stell dir vor, dich würde jemand jahrelang in ein Klo einsperren. Genau das tun die Verwalter mit mir. In einem Klo bleibt der Mensch nur so lange wie er muss. Und er richtet sich darin auch nicht ein. Deshalb tue ich das auch nicht. Niemals würde ich mir dieses Stinkeklo wohnlich machen wollen, kein Bild, keine Gestaltung etwa, so wie es bei anderen Gefangenen zu sehen ist.

lch pinkle auch grundsätzlich ins Waschbecken, um den Raum zu entweihen. Den ganzen Tag liege ich schräg im Bett, quer angelehnt an der Wand und habe meine nackigen Füße auf dem Tisch. Gibt es einen Grund Schuhe anzuziehen? Ich habe keine Skrupel meine Socken nach einem lumpigen Hofgang in meinem Kochtopf auszuwaschen oder meine Füße in meine mit warmem Wasser gefüllte Bratpfanne als zweckentfremdetes Gefäß zu stellen. Frank hat es mal gesehen. Seitdem will er weder mit dieser Pfanne braten, noch von mir etwas Gebratenes aus dieser Pfanne annehmen. Er hat mir einen Plastikeimer besorgt, der eigentlich ein Mülleimer sein soll und mir anheim gestellt, ich könne auch darin meine Füße stecken. Wenn ich Hautirritationen habe, reibe ich sie mit Urin ein – dann geht es weg.

Ich und zum Arzt gehen? Niemals! Für mich ist die Haft so eine Art Steinwälzerstrafe nach der Sisyphos-Mythologie in der Abwandlung von Albert Camus. Sisyphos ertrug seine sinnlose Strafe nur durch Verachtung, dadurch erlangte er seine menschliche Selbstbestimmung wieder. Ich ertrage diese sinnlose Strafe auch nur im Angesicht meines Ekelschweißes durch Verachtung dieses Raumes und der Institution, in der ich leben muss. Dadurch bestimme ich mich als autonomer, innerlich freier Mensch. Das Gefängnis als ein sachliches Ding steht dem ansonsten entgegen. Wegen seiner Rahmenbedingung oder Struktur bleibt es immer gleich, seit es geboren wurde, sagt Foucault. Die Geringschätzung ist es, die mich aberwitzig all das Leid ertragen lässt. Meine menschliche Selbstbestimmung kann ich also erst durch eine groteske Einstellung wiedererlangen:

Die Zelle hat einen verbeulten Betonfußboden, grau, aufgeplatzt. Den mache ich nie sauber. Warum auch? Man sieht den Dreck nicht, der Fußboden ist der Dreck. Nur wenn der Sand so hoch steht, dass er mich stört, feg ich mal kurz von der Mitte nach draußen, das genügt. Ich laufe gern barfuß. Es stört mich überhaupt nicht, meine dreckigen Füße in frisch aufgezogenes weißes Laken zu stellen. lch genieße eher diesen Augenblick der Verachtung.

Ich meditiere, und die Grübelschleife zieht vorüber. Sie gehört nicht zu mir. Damit es mir in dieser Zelle nicht vermeintlich zu gut geht, filzen mich meine Betreuer gern. Mein Grundsatz, der vor dieser möglichen Verletzung schützt, ist die doppelte Verneinung. Dazu sollst du wissen, meine Sachverwalter weisen systematisch Wünsche zurück. Davor schützt mich die Einstellung, was mir nicht gegeben wird, will ich weder begehren, noch nehmen – ich will es gar nicht erst haben. Also gefühltermaßen will ich dann nicht mehr das, was ich mal gewollt habe. Verstehst du das? Das ist die doppelte Verneinung, zwei Mal minus ergibt plus. Ich tue es, um meine menschliche Selbstbestimmung zu behalten.

Der mit den Menschen heult

Freitag, 26. Juni 2009

Ein Tag, so lang wie ein blöder Witz. Seine Pointe: auch nicht lustig. Die Grundstimmung bei den Klienten war heute von Anfang an aggressiv. Wegen frühmorgendlicher Polizeikontrollen, Platzverweisen, Problemen bei der Geldbeschaffung, Betrügereien untereinander, gestrecktem Heroin und Wartezeiten vor der Einrichtung im Nieselregen. Ich sehe Heinz in die Kontakt- und Notschlafstelle stürmen. Seine Pupillen tanzen wie nach einer Choreographie von Detlef D! Soost. Die Schläfen sind schweißnass, die Augen weit aufgerissen. Sein Mund zuckt in einem fort, als würde ihm jemand auf die Zehen treten und ihn gleichzeitig kitzeln.

Eine Kontaktaufnahme mit Heinz ist nicht möglich. Gruppen gestalten sich. Gestalten gruppieren sich. Zwischen ihnen wirbelt er nun herum, als willkommener, spontaner Katalysator der gereizten Atmosphäre. Zunächst vernehme ich nur reichlich Getöse, dann fliegen die Fäuste. Mehrere Personen dreschen aufeinander ein. Ich höre das angestrengte Geschnaufe und registriere die Dumpfheit der Schläge. Sehe Lippen platzen und Nasenbeine knacken. Verschüttete Getränke und Blut vermischen sich zu einer rutschigen Fläche, über die die Menge brutal hinwegfegt. Enthemmt und zusätzlich berauscht vom Adrenalin.

Zum Glück sind alle Kollegen unverletzt geblieben und die Einrichtung ist nicht weiter zerstört worden. Die momentane Erleichterung verwandelt sich schnell in bedrückende Tristesse. Ich bin wie gelähmt von diesem Gewaltausbruch. Lustlos, leblos, gar nichts los – ich spüre, wie sich etwas in mir zusammenbraut. Mich selbst dazu zu bekennen, ist ein Risiko. Wer man ist, weiß man immer erst, wenn etwas Entscheidendes mit einem geschieht. Was ist etwas Entscheidendes? Die Hemmungslosigkeit der Klienten? Die daraus resultierende Brutalität? Die misslungene Deeskalation der Situation trotz aller Strategien?

Hieronymus Bosch hatte die Katastrophen noch gut im Griff. Bei ihm gab es das Fegefeuer, Fluten und Pestilenzen, alles in bunten, beeindruckenden Bildern. Auf das die Menschen sich gruselten und um Vergebung baten. Aber heute? Manchmal denke ich, Klienten geraten mit ihrem Leben in eine Rille. Und bleiben solange darin, bis die Platte abgelaufen ist. Als master of desaster sind solche Gedanken nicht erlaubt. Schließlich gelte ich als geschult und professionell. Ich bin der, der mit den Menschen heult. Und nicht umgekehrt.

Der ganz normale Haushaltswahnsinn

Sonntag, 17. Mai 2009

Ich bin genervt. Wohnung aufräumen stand heute auf meinem Zettel. Im Keller stand, noch, von meinem Vormieter, ein Schrank von Ikea. Noch eingepackt, und ich dachte, den benutze ich jetzt für meine Abstellkammer. Da bewahre ich meine Kleidung derzeit in aufgestapelten Kartons auf. Jetzt steht diese Schrankattrappe aufgebaut im Keller. In der Wohnung habe ich ihn hin und hergeschoben und festgestellt, dass meine Provisorien, praktischer, solider und auch ästhetischer sind.

Den Schwachsinn hätt ich mir sparen können. Hab meinen Müll rausgebracht und konnte mich wieder über meine Mitbewohner freuen. In diesem Haus gibt es zwölf Mietparteien. Da ich für mich allein eigentlich nichts koche, habe ich als Biomüll praktisch nur meine Kaffee-Filter. Jedes mal wenn ich sie runterbringe, stelle ich fest, der einzige Biomüll dieses Hauses sind meine Kaffee-Filter. Aber immer sind in zwei von drei Biomülltonnen Plastik-Müllbeutel und es hängt ein Zettel dran: “Tonne konnte nicht geleert werden, weil…” Vor einiger Zeit klingelte es bei mir.

Es war alles andere als aufgeräumt und ich hätte guten Grund gehabt nicht zu öffnen. Es war ein Handwerker, der die Gegensprechanlage der Haustür reparieren wollte. Dazu musste er die Summer in den Wohnungen checken. Frustriert sagte er, ich sei der einzige, der aufgemacht habe. Die Haustür weist diverse Einbruchsspuren auf (sehr hilflose Versuche und der Frust über diese zwecklosen Bemühungen hat denke ich die Gegensprechanlage gekostet) und des öfteren versuchen sich Leute durch Storys wie, ich muss das Kellerschloss von Frau Wohnt-Hier-Nicht auswechseln, könnten sie bitte die Tür öffnen. Nachdem ich dann heute einen Plastikmüllbeutel aus der Papiertonne in die Restmülltonne praktiziert habe, fiel mir ein Stapel Papiere auf. Verfassungsschutzbericht über den Kannibalen von (?). Na wenigstens bilden sich die Leute hier. Ich habe da nicht weiter in der Tonne rumgewühlt, obwohl das sicherlich ganz interessant gewesen wäre, habe mein Papier dazu gestopft und die Klappe schnell wieder zu gemacht.

Geht mich alles nichts an. Reintegration ist, womit ich mich befassen muss. Und wenn ich dann schön spare kann ich mir bestimmt bald auch mal nen Urlaub leisten. Vielleicht kommen mir dabei ja auch Aldi, Lidl, Plus und Co entgegen. Es wäre doch eine gute Idee, die Abschiebehäftlinge nach Afrika zurückrudern zu lassen. Dann könnte man besonders günstige Kreuzfahrten anbieten. Würde man den Strafvollzug privatisieren, würde so etwas bestimmt bald zum Gemeinwohl betragen. Und ne Klimaengel gibts für so eine Innovation bestimmt auch.

In Entlassungsurkunden einer Therapie steht eigentlich grundsätzlich: “XY hat wesentliche Schritte für ein zufriedenstellendes Leben gemacht und ausgebaut.” Mit meiner Therapie bin ich sehr zufrieden gewesen und meine Sichtweisen haben sich verändert. Mit 20 hätte ich zu diesem Satz gesagt: “Verarscht euch doch selber!”