Rainer S.
Peter S.
Peter S.
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Thorsten Bathe
MuseSuse

Mit ‘gefängnis’ getaggte Artikel

Ein bisschen Risiko bereichert das Leben

Montag, 20. Juli 2009

Samstag habe ich mit Micha geredet. Per Telefon. Skype macht’s möglich. Von Micha hatte ich schon eine ganze Weile nichts mehr gehört und das Gespräch gestern war sozusagen mein Wochenend-Highlight. Bei dem, was er so erzählte, bekam ich etwas Fernweh. So berichtete er zum Beispiel etwas von einem Kurzurlaub an der koreanischen Grenze. Er ist dort mit seinem russischen Reisebegleiter in eine Schlägerei geraten. Hörte sich recht turbulent an. Festnahme, ein Tag bei der chinesischen Polizei, ein üppiges Essen mit den Polizisten, die sie eingeladen hatten und das Angebot die Krankenhausrechnung zu übernehmen – oder 10 Tage Haft

Gewalt ist das Letzte, so habe ich das hier mal geschrieben und so meine ich das auch. Und weder Micha noch ich haben da irgendwelche Ambitionen. Wirklich geprügelt habe ich mich das letzte Mal mit zwölf.

Fernweh? Mir fehlen die Situationen, in denen man nicht mit Vorsicht und überlegung heraus kommt. Ich denke da an einen Urlaub in Spanien. Während ich Auto fuhr, wurde mir ein Bong gestopft. Anders als sonst wollte ich anhalten um ihn zu rauchen und sah mich nach einer Haltemöglichkeit um. Die Einfahrt passt, sieht aus wie ein Schlachthof. Direkt vorm Tor hielt ich und rauchte den Bong, blies den Rauch aus und sah mich um. Ein Schlachthoftor hat nicht diese Sehschlitze, ist denn wohl doch eher ein Knast. Ich stellte mir den Beamten auf der anderen Seite des Tores vor und fuhr amüsiert weiter. Bisschen mehr Risiko würde mein Leben schon bereichern.

Strategien gegen den Verlust von Autonomie

Freitag, 17. Juli 2009

Ich habe mir eine freiwillige Askese auferlegt. Vielleicht, damit mich niemand wirksam belästigen kann. Mich hat man schon früher jahrelang mit Einzelhaft gequält. Mit irrsinnigen Ordnungen belegt. Leider reicht der Platz nicht zum Erzählen.

Die Zelle halte ich karg, sie ist eine schmuddlige Wüste. Ich mag das. Kein Bild, keine Tischdecke, nichts. Einfach nur Kargheit und Unordnung. In so einem Müllhaufen von Nichts macht es keinem Beamten Spaß (im Jargon: Schließer), die heute beschönigend ,,Betreuer” heißen, irgendwas hinaus zu filzen, weil sie wissen: Mir ist es völlig egal, was sie entfernen. Ich finde es nahezu amüsant, wenn irgendwann mal ein Neuer auftaucht, der da denkt, er müsse etwas ausgraben und beschlagnahmen. Es ist ja im eigentlichen nichts drin, an dem ich hänge. Das merkt jeder Neue sofort und lässt mich zufrieden. Oder würdest du in einem kargen Dreckstall etwas rausfilzen wollen, um zu stänkern? Meine Einstellung dazu ist so: Ah, Sie möchten es so oder so? Ja gern, Meister, und hinten rum mach ich sowieso das, was ich will. Je kindlicher und unmündiger ich auftrete, je lustiger ist das Ganze – kicher. Ich bin ein Kobold. Auf einen Einzelfernseher verzichte ich, zunächst weil man ihn mir nicht ordnungsgemäß gegeben hat, jetzt weil ich ihn nicht mehr will. Das ist meine Art der menschlichen Autonomie. Grins.

Außerdem habe ich inzwischen festgestellt, dass es mir gut tut, wenn ich den Fernseher nicht habe. Beim Fern-Sehen schaust du nicht in die Ferne. Es ist im Prinzip nicht der Blick auf die Welt, sondern in einen Tunnel. Ich glotzte, schaue aber nicht. Fernsehen ist unästhetisch, unromantisch und abartig. Er bematscht dich, deswegen heißt er ja auch umgangssprachlich treffend: Die “Matschscheibe”. Aber nichts gegen tiefgründige, gefühlvolle Filme. Dadurch könnte ich zeitweise dem Matsch entkommen. Die würde ich mir gern anschauen. Das tue ich, wenn ich wieder da bin. Wenn ich wieder lebe, dann sind jede Menge neuer schöne Filme angewachsen, die ich mir der Reihe nach ansehen werde. Darauf freue ich mich.

Sexualisierte Autisten

Montag, 13. Juli 2009

Du willst wissen, was ich den ganzen Tag tue? Nichts. lch lese. ln all den bislang 42 Monaten bin ich allein damit beschäftigt, mich als System zu erhalten, mich zu stabilisieren, in der Mitte zu bleiben. Ein Mensch zu bleiben. Das ist meine Tätigkeit. Es ist schwerste Arbeit, aber zugleich auch: rein Nichts. ln diesem Zellenklo bin ich auf mich selbst zurückgeworfen, vereinzelt. Deswegen besteht mein Tag allein aus Gedanken, nicht aus Tätigkeiten.

Es sind keine abgrundtiefen Gedanken. Selten von nachts 310 auf der Autobahn. Rein menschlich. Alle Inhaftierten müssen deshalb autistische Züge annehmen und grandios werden. Na als Ausgleich, weil sie doch so klein sind, das Letzte sind. Manche halten den ganzen Tag ihren Penis fest oder zupfen an sich selbst herum, als Tics. Viele werden phalluszentriert, wenn sie es denn nicht schon gewesen sind. Es bedarf einer gewissen Selbstkontrolle, einer intensiven Selbstbeobachtung, um nicht nur dieser Selbstfixierung vollkommen zu verfallen, sondern auch stabil zu bleiben im Menschlichen. Oft wird die Umgebung sexualisiert. Es geht dabei schonungslos um die weibliche oder männliche Blöße. Es ist also völlig egal, was ich dir über meinen Tag erzähle. All das, was ich dir entäußere, ist einfach nur autistischer und narzisstischer Müll.

Im Knast geht es mir gut – sagen die anderen

Mittwoch, 01. Juli 2009

Erst gestern hat mir mein Papa erklärt, dass es mir eigentlich hier drin sehr gut gehe. Ich hätte alles, sei versorgt, hätte keine Probleme, müsse mich um nichts kümmern, kurz: Ich sei der glücklichere Mensch. Ich würde ja nicht glauben, wie schwer das da draußen so alles sei und ach! – die Welt sei ja so schlecht. Das gleiche ließ mir mein Sohn ausrichten. Nun ja, und der neue Freund meiner Mutter hat es auch schon geäußert. Sagt Mama. Blödsinn.

Und dann das: Ihr neuer Freund ist jünger als ich, als ihr Sohn. Ja gibt es denn so was? Trage ich doch, was du wissen solltest, ein emotionales Inzest-Trauma mit mir herum. Erkannt hatte ich das erst, als ich schon über 30 war. Du kannst dir vorstellen, dass es allein deswegen ein kurioses Gefühl war, als ich erfuhr, dass meine Mama jetzt in ihrem Alter, leicht jenseits der 70, einen mir um einige Jahre jüngeren, aber gleichwohl Mitte 50-jährigen, alten Sack abknuscht. Eine Form, Menschen ihrer selbst zu entfremden und sie zugleich auf sich selbst zurückzuführen, ist die Einkapselung in eine Zelle. Ich denke dadurch mehr als ich bin.

Leben im Konjunktiv

Freitag, 15. Mai 2009

Licht durchflutet die Siebluft ©  LOU OATES - Fotolia.com“Wenn ich könnte, wie ich wollte …” – diesen Konjunktiv wünscht sich Gerhard genauso wie viele andere auch. Vor seinen zahlreichen Inhaftierungen war er für die bürgerliche Welt ein verdreckter und unansehnlicher Junkie. Den nächsten Abzock immer in Planung. Egal ob Zigaretten, Spirituosen, Markenklamotten, Laptops oder Navis. Mit den Augen des Sozialarbeiters habe ich jedoch auch die Ziselierungen gesehen, die nach vorsichtigem Reiben allmählich zum Vorschein kamen.

Gerhard ist seit fast 20 Jahren heroinabhängig, mehr als die Hälfte dieser Zeit hat er in verschiedene Haftanstalten verlebt. “Meine Siebluft-ära”, nennt er diese Jahre. Seine Augen seien mittlerweile “vergittert”. Aber er habe die Abläufe drinnen schnell gelernt: Dass nicht lange geredet wird. Ein Fausthieb schneller ist als ein Wort. Wer Recht hat, nicht in freundlichen Diskussionen geklärt wird. Und wie er alles andere bekommt, was er bekommen möchte. “Auch Aufseher sind nur Menschen, mit Vorlieben und Schwächen”, erklärt er mir.

Leere kann auch ausfüllen

Das Gefängnis reißt Menschen die Maske vom Gesicht. Hinter Gittern kann man sein wahres Selbst nicht verbergen. Man kann nicht nur so tun, als sei man hart. Man ist es, oder man ist es nicht. Und jeder weiß Bescheid. Das sind meine Gedanken, wenn ich Gerhard dort besuche. Wenn ich ihn nach unseren Gesprächen wieder verlasse, ist mein Fazit: Er hat die verriegelte Zeit in Haft nicht vergeudet.

Heroin nimmt dir alles und gibt dir nichts. Doch das Nichts, das es dir gibt, diese Leere bar jeder Gefühle, ist manchmal das Einzige, was man noch haben will.” Ich bin von der Klarheit seiner Ausführungen beeindruckt. Die verkorkste Jugend, der Zerfall der Familie, das Abrutschen in die Kriminalität und das Elend des Junkie-Daseins – nachvollzogen und aufgearbeitet. Leider kann ich das nur selten bilanzieren. Vor Gerhard aber liegt das Leben bald im Konjunktiv.

Blühendes Tschechien – ängstliche Begleiter

Mittwoch, 06. Mai 2009

Endlich ist es soweit mit unserer Reise in den frischen, grünen Mai nach Tschechien. Unterwegs mit dem Bus erste Station Marienbad. Hier gut getafelt in einem feinen Hotel. Das Menü war preiswert, doch die Getränke umso teurer. Im Kurpark blühte der Rhododendron, die Beete mit Tulpen und Stiefmütterchen bunt leuchtend. Herrlich die alte Kolonnade mit feinen Geschäften. Leute flanieren Wasser trinkend, schwatzend, schauend oder saßen einfach nur auf den weißen Bänken und hielten inne. Die Kurhäuser übertrafen sich im Baustil und im Anstrich. Später ging es zum Kloster Tepla. Unvorstellbar, dass im Sozialismus dieser heilige Ort zur Armeekaserne umfunktioniert war. Die Mönche mussten anderswo ihr Dasein fristen.

In der Kirche sang ich “Dona nobis pacem” – Herr, verleih uns Frieden. Ein frommer Wunsch, den mein Begleiter gar nicht teilte. Er seufzte und stöhnte im Bus aus Angst festgenommen zu werden. Da fehlen mir oft die Argumente. Da fahren wir schon in die herrlichste Gegend und trotzdem sind diese unbegründeten ängste noch allgegenwärtig. Da hilft nur immer wieder ablenken, auf andere Gedanken bringen. Psychopharmaka haben in diesem Fall auch nicht viel gebracht. Nun freue ich mich aufs Abendbrot und die nächsten zwei Tage hier im Böhmischen Bäderdreieck.

Herzliche Maiengrüße von Suse L.