,Jim Osterberg’ steht
auf der Krankenakte des Mannes, der sich 1975 freiwillig in die Obhut einer
psychiatrischen Klinik in Los Angeles begibt. Seine Brust ist mit unzähligen
Narben gezeichnet – Schnittverletzungen, die Osterberg sich bei seinen
exzessiven Bühneauftritten als Iggy Pop mit einer Rasierklinge zufügt hat. Sein
Körper steht kurz vor dem Kollaps, die Klinik ist seine letzte Chance.
So wie bei vielen meiner Klienten. Mit der Drogensucht zu flirten ist eine Sache. Aber wenn sie
dann zurück flirtet, ist es an der Zeit, die ganze Sache abzublasen und eine
Klinik zur Entgiftung aufzusuchen. Die in der Szenesprache so genannte Venenkur
bedeutet für viele die lebensrettende Maßnahme in
letzter Minute. Dies bestätigen mir Klienten immer wieder, wenn meine
Kolleginnen vom Aufnehmenden Suchtclearing und ich sie dort
besuchen.
Osterberg wird während seiner sechsmonatigen Entgiftung nur von einem Kumpel aus frühen Tagen
unterstützt: David Bowie bringt Schallplatten und Bücher mit in die Klinik, um
dem Junkie den Entzug zu erleichtern. Osterberg verschlingt William Borroughs
“Ticket that exploded” und erkennt sein alter Ego Iggy Pop in der Hauptfigur
der Novelle wieder. Held Johnny Yen wird von den gleichen selbst
zerstörerischen Impulsen getrieben wie Iggy. Und meine Klienten.
Sie kommen oftmals
direkt aus der Klinik in die Kontakt- und Notschlafstelle und in den
Konsumraum. Ihr Motto: geht doch wieder. Als Osterberg die Klinik verlässt,
schlüpft er ebenfalls erneut in die Rolle des Iggy Pop und folgt Bowie nach
Berlin. Eines der ersten Lieder, das Iggy Pop anschließend im Schatten der
Mauer einspielt, ist ein Song über Borroughs’ Johnny Yen – jenen tragischen
Helden, der von seiner unersättlichen Lebensgier zugrunde gerichtet wird: “Lust
for life”.


