Thorsten Bathe
Mueller

Mit ‘entzug’ getaggte Artikel

Lust for Life

Montag, 16. März 2009

,Jim Osterberg’ steht
auf der Krankenakte des Mannes, der sich 1975 freiwillig in die Obhut einer
psychiatrischen Klinik in Los Angeles begibt. Seine Brust ist mit unzähligen
Narben gezeichnet – Schnittverletzungen, die Osterberg sich bei seinen
exzessiven Bühneauftritten als Iggy Pop mit einer Rasierklinge zufügt hat. Sein
Körper steht kurz vor dem Kollaps, die Klinik ist seine letzte Chance.

So wie bei vielen meiner Klienten. Mit der Drogensucht zu flirten ist eine Sache. Aber wenn sie
dann zurück flirtet, ist es an der Zeit, die ganze Sache abzublasen
und eine
Klinik zur Entgiftung aufzusuchen. Die in der Szenesprache so genannte Venenkur
bedeutet für viele die lebensrettende Maßnahme in
letzter Minute. Dies bestätigen mir Klienten immer wieder, wenn meine
Kolleginnen vom Aufnehmenden Suchtclearing und ich sie dort
besuchen.

Osterberg wird während seiner sechsmonatigen Entgiftung nur von einem Kumpel aus frühen Tagen
unterstützt: David Bowie bringt Schallplatten und Bücher mit in die Klinik, um
dem Junkie den Entzug zu erleichtern. Osterberg verschlingt William Borroughs
“Ticket that exploded” und erkennt sein alter Ego Iggy Pop in der Hauptfigur
der Novelle wieder. Held Johnny Yen wird von den gleichen selbst
zerstörerischen Impulsen getrieben wie Iggy. Und meine Klienten.

Sie kommen oftmals
direkt aus der Klinik in die Kontakt- und Notschlafstelle und in den
Konsumraum. Ihr Motto: geht doch wieder. Als Osterberg die Klinik verlässt,
schlüpft er ebenfalls erneut in die Rolle des Iggy Pop und folgt Bowie nach
Berlin. Eines der ersten Lieder, das Iggy Pop anschließend im Schatten der
Mauer einspielt, ist ein Song über Borroughs’ Johnny Yen – jenen tragischen
Helden, der von seiner unersättlichen Lebensgier zugrunde gerichtet wird: “Lust
for life”.

Leere im Kopf und viel Milch um nichts

Dienstag, 24. Februar 2009

Heute schreibe ich zum letzten Mal. Das Schreiben war nicht immer einfach für mich, da es mir manchmal sehr schwer fiel mich zu konzentrieren. Seit ich wieder Alkohol trinke, fällt es mir noch schwerer, weil ich so eine Leere im Kopf habe. Am letzten Freitag war ich in der Suchtambulanz. Ich musste in ein Gerät pusten und hatte 1,8 Promille.
Ich habe mittags um 12 Uhr angefangen Wein zu trinken, bevor ich um 16 Uhr den Termin in der Ambulanz hatte. Es war mir so unangenehm dort hin zu gehen. Irgendwie brauchte ich ein entspannteres Gefühl. Die ärztin empfahl mir einen stationären Entzug zu machen. Sie wollte mich gleich aufnehmen. Da ich aber Fasching feiern wollte, und Bello nicht zu fremden Leuten geben will, habe ich abgelehnt. Ich möchte es aber mit ambulanter Unterstützung selbst versuchen.
Mein Freund hat schon wieder seine drei Sachen gepackt. Der Streit ging dieses mal um Milch. Die Milch bekommt mein Freund an seinem Arbeitsplatz und bringt sie dann zu mir nach Hause. Da bei mir fast alles überquillt vor lauter Milch, nehme ich einen Teil mit in die Oase. Mein Freund ist sehr eifersüchtig und hat Angst, dass ich einen anderen Mann kennen lernen könnte. Er glaubt felsenfest, dass es jetzt so ist und ich die Milch dem “Neuen” bringe. Er wollte Frau Fischer anrufen, und sie fragen, ob die Milch auch in der Oase angekommen ist. Was soll ich da tun? Wahrscheinlich wird er sich nicht ändern können und es wird immer wieder wegen solchen Banalitäten zum Streit kommen.