Frey
Rainer S.
Thorsten Bathe
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Thorsten Bathe
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Mit ‘entgiftung’ getaggte Artikel

Vermittlung in Therapie

Montag, 02. März 2009

Heute haben wir den Sozialbericht für Mia W. geschrieben, damit der Antrag auf Kostenübernahme für ihre Therapie gestellt werden kann. Letzte Woche wurde soweit schon alles eingeleitet.
Mia schloss ihre letzte Therapie sehr gut ab und ging dann in Adaption, d.h. die Nachsorge nach einer stationären Therapie – eine Art betreutes Wohnen. Die Adaption brach sie aber nach nur wenigen Tagen ab, da sie sich dort einsam und alleine fühlte. Sie kam zurück nach Offenburg und nach nur wenigen Tagen wurde sie wieder rückfällig. Sie war sofort wieder “drauf” und wir suchten ihr schnell einen substituierenden Arzt, damit sie nicht dem Beschaffungsdruck ausgesetzt ist.
Nach einer kurzen Phase, in der sie sich komplett aufgegeben hatte, ist sie nun wieder so weit, eine erneute Therapie in Angriff zu nehmen, um die Fortschritte, die sie schon gemacht hatte, nicht komplett zu verlieren. Letzte Woche hatte sie durch Zufall einen Entgiftungsplatz bekommen und trat diesen direkt am Donnerstag an. Unser Problem heute ist nun, dass Mia ein Teil des Therapieantrags uns nicht mehr persönlich gegeben hat, sondern direkt auf Entgiftung gegangen ist. Deshalb können wir nur einen Teil des Antrags an die Rentenversicherung schicken und den Rest nachreichen. Wir verschicken normalerweise nur den kompletten Antrag + Sozialbericht, damit es zu keinen Verzögerungen kommt.
Naja, jetzt bleibt nur zu hoffen, dass der positive Bescheid des Kostenträgers möglichst bald kommt und Mia dann sofort von der jetzt schon angetretenen Entgiftung in Therapie gehen kann.

Einstürzende Lügengebilde

Mittwoch, 25. Februar 2009

Gestern habe ich in den anderen Web-Tagebüchern gelesen. Eine Bankerin überwindet ihre Heroinabhängigkeit mit einem Tag Grippe? Ich kenne ihr Buch nicht, aber spontan denke ich – ja, ist möglich. Mit 18 habe ich das erste Mal Heroin konsumiert, natürlich i.v. Einen Dauerkonsum habe ich erst mit 30 angefangen. Ich konnte und wollte diesen ständigen Kampf mit mir selbst nicht mehr aushalten, das Doppelleben und die immer wiederkehrenden dreitägigen Entzüge. Ein Tag Grippe, dann drei Tage nicht richtig schlafen können – und wenn, dann ist das Bett schweißgetränkt. Nach fünf Tagen ist aber eigentlich alles in Butter. So what!
Ich denke, es gibt so etwas wie ein Entzugsgedächtnis. Einen neuronalen Leidensspeicher. Der wird abgerufen, wenn man den (Drogen-)Himmel verlässt. Aber der rein körperliche Entzug ist an und für sich lächerlich. Christiane F. korrumpierte tausende Leiden suchende Hirne, Argumente zu finden, im Himmel zu bleiben.
Wenn jemand, der gewohnt ist, im Job die Zähne mal zusammenzubeißen, von reinem Heroin entzieht, kann ich mir schon vorstellen, dass nur ein Tag erwähnt wird. Bei den ganzen Substituten, bei Codein und Benzodiazepinen sieht das allerdings schon anders aus. Doch das übelste Gift in einer Abhängigkeit ist Doppelleben, die ganzen Lügengebilde und die Tatsache, dass es nicht möglich ist, auf die Dauer sich den vorgelebten Klischees zu entziehen.
Heroin in reiner Qualität hat die geringste Entzugswirkung in der Familie der Opiate. Auch lässt Heroin einen gewissen Spielraum für bewusste Reflexion. Ja, man kann mit Heroin Karriere machen. Methadon macht dick und doof. Aber manchmal ist dick und doof besser als tot. Zu diesem ganzen Thema habe ich eine eigene Meinung. Mit der stehe ich recht alleine. Ich blicke auf ein Leben, in dem ich mich selbst korrumpiert habe und diesen übermächtigen Dogmen nichts entgegensetzen konnte.
Suchtgedächtnis? Auch so ein Ding. Wenn ich mich klein, schwach, hilf- und hoffnungslos fühle, wird mein Warmduscher-Hirn jede sich bietende Möglichkeit ergreifen, sich mal ne Auszeit zu gönnen. Is doch prima, ne amtlich anerkannte Leidensberechtigung, und mit dem Arsch in Watte sitzen. Und wenn man es schafft, den ganzen kleinen Teufeln, wie der falschen Musik, den Yes Torties mit den Spuren von Alkohol u.s.w. zu widerstehen, dann ist man ein ganz toller Hecht. Lebensglück durch Arsch zukneifen?
Sucht ist ein ernstes Problem, sie bestimmt irgendwann das Leben, und jeder hat einen eigenen Weg damit umzugehen. Auch hat jeder Mensch seine eigenen Suchtstrukturen und die sind ganz einfach recht infantil. Aber die allgemeine Schulmeinung über Drogen füttert diese Infantilität. Gut, böse, schwarz, weiß, die Welt ist bunter Kinderscheiß.

Improvisationen machen das Leben lustig

Dienstag, 24. Februar 2009

“Hallöchen, was suchst du ‘n hier?”, trällert Sonia zur Begrüßung. Nachdem sie mich eingehend betrachtet hat, fragt sie mit zusammengekniffenen Augen: “Arbeiteste jetzt für die Schmier?” “Eh, Sonia, hass wohl die letzte Zeit ‘n paar Pillen zuviel drin gehabt“, hakt sich Lewis ein. “Nur noch selektive Wahrnehmung oder biste frühzeitig erblindet? Die sin’ doch öfters zusammn’ hier”. Sie schaut uns verwirrt an. Lewis stöhnt wie ein Mönch, der sich selbst geißelt: “Super Aufnahmefähigkeit – schneller als ‘n Furz im Wirbelwind”.
Meine ASC-Kolleginnen und ich sind zusammen mit der Polizei auf dem Neumarkt angekommen. “Ganz schön was los heute”, stelle ich fest. Schnell sind wir in Geplänkel und Gespräche verwickelt und versuchen mit überzeugung und Diensthandy zu regeln, was möglich ist. “Kannst du mal dazukommen”, bittet mich einer der Polizisten, nachdem er jemanden kontrolliert hat.
“Also, das ist Wasilij, das ist Thorsten, ein Sozialarbeiter vom ASC”, stellt er uns einander vor und zieht sich danach ein paar Meter zurück. So kann ich mich etwas ungestörter mit Wasilij beschäftigen. Bei den wenigen Brocken Deutsch, die er zu unserem Miteinander beiträgt, liegt es nahe, dass ich eine Pantomime aufführe. Ich sehe ein paar Unbeteiligte darüber lächeln. Improvisationen stehen nicht im Protokoll, machen das Leben aber lustiger.
Zunächst versuche ich, Wasilijs Situation einzuschätzen. Wir einigen uns auf eine Entgiftung als vordringlichstes Ziel. Nachdem ich ihn zum Entzug im Landeskrankenhaus angemeldet habe, verabschiedet er sich überschwänglich. “Den Chaplin kannst du aber gut”, amüsiert sich der Polizist später. “Wie ist es mit Wasilij gelaufen?” Dieses Interesse zeigt mir, dass er in seiner Uniform noch ein Ich am Leben hält. Ein Ich, das dem Chaos der Drogenszene mit Interesse und Menschlichkeit begegnet. Sonia und Lewis wissen das auch zu schätzen. Hundert Pro.

Wenn die Krankenkasse nicht mehr zahlt

Dienstag, 17. Februar 2009

Ein erheblicher Teil in meiner täglichen Beratungsarbeit besteht darin, den Besuchern bei Problemen mit ihren Krankenkassen zu helfen. Dabei geht es oft um die Hilfe bei Anträgen auf Befreiung der Zuzahlung, aber auch um schwerwiegendere Probleme.
Heute hab ich gleich zwei Besucher in der Beratung gehabt, bei denen es um Probleme mit der Krankenkasse geht.
Der erste kommt zu mir mit dem Problem, dass er sich zur Entgiftung in die Psychiatrie begeben hatte. Dort wurde er entlassen, da seine Krankenkasse die Kosten für die Entgiftung nicht übernehmen wollte. Der Grund: Er hat bei seiner Krankenkasse rund 1000 Euro Schulden. Bis diese nicht beglichen sind, will die Kasse nur noch Notfälle übernehmen und da die Entgiftung nicht als unverschiebbarer Notfall angesehen wird, bezahlen sie diese auch nicht. Das ist im Moment der Stand. Weiteres wird sich hoffentlich in den nächsten Tagen klären.
Der zweite Besucher kommt mit einer ähnlichen Problematik. Bei ihm kam es ebenfalls zu Schulden während einer Phase der freiwilligen Versicherung. Mittlerweile trägt das Amt seine Beiträge. Allerdings hat die Krankenkasse von sich aus das Versicherungsverhältnis gekündigt, obwohl ja Beiträge bezahlt werden. Gleichzeitig muss er befürchten, dass sein Arzt ihn nicht mehr substituiert. Was dies für ängste bei ihm auslöst, kann man sich nur annähernd vorstellen.

Der Mick Jagger der Domplatte

Freitag, 30. Januar 2009

Manchmal braucht es nicht viel für ein Schmunzeln. Man muss einfach da sein, wenn es sich zeigt. Am richtigen Ort, zur richtigen Zeit. So bin ich erfreut, als ich auf meiner Route durch die Stadt endlich mal wieder Frederick treffe. Schnorrend steht er mit der Grandezza des Könners vor dem Kaufhof. Gewieft wie eh und je. Ich nähere mich ihm vorsichtig, schließlich will ich sein Geschäft nicht ruinieren.
Wir kennen uns schon viele Jahre, haben mal mehr, mal weniger Kontakt. “I can get no satisfaction” singe ich zur Begrüßung. Ein kleiner Insider unter uns, denn Frederick ist für mich das Abbild des großen Mick, sozusagen der Jagger von der Domplatte. Andere sehen in ihm den schmierigen Zottel, bepackt mit seinem Hab und Gut. Als ich frage, wie seine Verhandlung gelaufen sei, pariert er trocken mit: “Kenn’ ich dich? Ach ja, SKM, ne’?” Erst dann setzt er zum Zeichen seiner Gesprächsbereitschaft die drei großen Plastiktüten ab.
“Was ist denn nun vor ein paar Wochen aus der Diebstahl-Geschiche geworden?”
“Ach, die läppsche Nummer, haste dir aber gut gemerkt. Da hatt’ ich son’ Otto als Pflichtverteidiger, hab’ noch mal sechs Monate auf drei Jahre bekommen”.
“Und was heißt das?”
“Einmal das Wort mit x – nix. Siehste ja, ich steh’ hier, und muss gucken, das ich mein Material klar mache”.
“Und was ist mit Entgiftung oder Methadon-Programm?”
“Kannste dir auch mal ‘nen anderen Spruch einfallen lassen?”
In solchen Momenten habe ich das Gefühl, dass die Augenblicke auf der Stelle treten. Endlos. Aber Hand aufs Herz: Wer kommt schon klar mit seinem Leben? Frederick ist wieder in seinem Element und bedankt sich höflich für den Euro, der ihm gerade zugesteckt worden ist. “Brauchst du noch irgendwas von mir?”, frage ich zum Abschied. “Ja, gerne ne’ Handvoll Fünfhunderter, weil von den Hunderten habe ich schon genug”. Als ich gehe, bleibt er mit einem Schmunzeln zurück.

Abstinenter Verfolgungswahn

Mittwoch, 21. Januar 2009

Ein langjähriger Klient unserer Einrichtung, der alles nahm, was der Markt hergab, hatte Ende letzten Jahres eine schlimme Lebererkrankung. Seine Leberwerte waren in astronomischer Höhe. Nach einer Teilentgiftung von Alkohol und anderen Drogen war er – bis auf das Methadon, das er nahm – “trocken”. Er kam regelmäßig in unsere Einrichtung und berichtete voller Stolz – und dies zu Recht – wie lange er nun keinen Alkohol mehr trank. Er machte das fast Unmögliche wahr.
Gestern bekam ich mit, dass er wirres Zeug redet, sich von Gott und der Welt verfolgt fühlt, sich umbringen will und sein Bett aus seinem WG-Zimmer aus dem Fenster geworfen hat. Aufgrund dieser Information habe ich mit dem Arzt aus der Schwerpunktpraxis Kontakt aufgenommen, bei dem er sein Methadon bekommt. Es stellte sich heraus, dass dem Arzt eine leichte Psychose mit Verfolgungswahn schon länger aufgefallen war. Diese ist nun vollends ausgebrochen.
Heute Morgen bekomme einen Anruf von Besuchern des Kontaktladens. Ich soll ein Auto organisieren um ihn in seiner Wohnung abholen und ihn zum Arzt zu fahren, dass er in die Psychiatrie vermittelt werden kann. Nun ist kein Auto zur Verfügung. Nach kurzer überlegung haben wir ein Taxi organisiert, damit die Hilfemaßnahmen nicht an solchen Kleinigkeiten scheitern. Mittlerweile weiß ich, dass der Besucher sich in stationäre Hilfe begeben hat.
Es ist besonders schlimm, wenn man sieht, dass Menschen tolle Fortschritte machen und versuchen ihre Abhängigkeit und ihr Leben in Griff zu bekommen und sie dann wieder durch ihre Vergangenheit eingeholt werden. Bei ihm liegt kein Rückfall vor. Dadurch, dass er die illegalen Drogen und den Alkohol weglässt, kommt eine psychische Erkrankung zum Vorschein, die entweder durch Drogen ausgelöst wurde oder durch die Drogen bisher unterdrückt wurde. Bleibt nur zu hoffen, dass dies eine kurze Episode in seinem Leben ist.