Thorsten Bathe
LutzS
Kalkum
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Thorsten Bathe

Mit ‘entgiftung’ getaggte Artikel

„Ich bin doch nicht blöd“

Mittwoch, 18. November 2009

Geld © pixhunter.com - Fotolia.comDer alte Seneca kann einpacken. Sein Satz klingt ohnehin so abgenudelt wie die Hits von Dieter Bohlen: Für die Schule lernen oder für das Leben? Das sind Alternativen von gestern. Heute wird nur noch für den Cash gelernt. Bohlen hat das längst begriffen. Und mein Star-Schnorrer Frederick auch. „Na, willste auch mal was checken?“, begrüßt er mich vorm Kaufhof, nachdem er mich zuvor lange genug nicht beachtet hat. „Aber du weißt ja: probieren geht über studieren.“ (mehr …)

Die teuflischen Hörner des Alkohols

Freitag, 26. Juni 2009

Ein Sommerabend in der Entgiftungsstation der Uniklinik in Rostock. Zwanzig Patienten finden sich mehr oder weniger freiwillig zur Informationsrunde im Speisesaal ein.
Mich interessieren diese Patienten. Meine öffentlichkeitsarbeit für die Selbsthilfegruppen ist jedes Mal auch eine neue Erfahrung für mich. Diesmal traf ich auf eher unmotivierte Patienten.

Ja, der Sommerabend. Ich war auch im Sommer zur Entgiftung. Meistens war ich in mich gekehrt, still im Schatten des Hauses zu finden. Den Gedanken nachhängend, was in diesem Augenblick wohl zu Hause passiert. Wie gern ich jetzt da wäre …

Ich gab den Patienten gestern einen Einblick in meine Erinnerung. Sie haben gehört, was gerade in vielen von ihnen vorging und wir kamen ins Gespräch. Ich war erschrocken über die hohe Zahl von jungen Leuten. Zwar ist es in den Statistiken schon deutlich sichtbar, und in den Medien unüberhörbar, dass der Alkohol immer mehr die Jugend vereinnahmt – aber in dieser Gegenüberstellung der teilweise noch leeren Blicke meiner Gesprächspartner hat mir der Alkohol noch einmal die Glut in seinen teuflischen Hörnern gezeigt.

Auch wenn in der nahenden Urlaubssaison die Fachkräfte in Beratungsstellen und Kliniken ihren wohlverdienten und sehr wohl auch notwendigen Urlaub erhalten und aus gleichem Grunde die ein oder andere Selbsthilfegruppe nicht so gut besucht ist wie sonst im Jahr, das gemeinsam gespannte Netzwerk bekommt sicher wieder viel zu tun – in der Hochsaison der sommerlichen Emotionen.

Gruß
Lutz

Fiebriges Kopfkarussell

Freitag, 19. Juni 2009

Gestern morgen war ich noch in der JVA, habe dort meine Klienten besucht, die ich in Therapie vermittle. Anschließend Hausbesuch bei einem älteren Klienten, der nach einem Jahr wieder rückfällig geworden ist und nun völlig demoralisiert in seiner Wohnung sitzt und sich nicht mehr raustraut vor Angst und vor Scham, gleichzeitig aber auch den Konsum nicht mehr einstellen kann. Ich rede ihm zu wie einem kranken Pferd, sich nicht aufzugeben, kann ihn immerhin dazu bewegen, in Entgiftung zu gehen.

Dann zurück in die Beratungsstelle, Sprechstunde, Gespräche wie am Fließband. Ich muss mich sehr kontrollieren, um mich nicht zu sehr verwickeln zu lassen in die Berichte der Klienten. Anschließend fühle ich mich, als hätte ich Holz gehackt.

Auf der Fahrt nach Hause habe ich bereits einen Kopf wie ein Rathaus, abends tun mir alle Knochen weh. Heute morgen geht nichts mehr, Fieber, Kopfschmerzen, Bronchitis – ich muss mich krank melden. Krank feiern? Wer hat nur diese blöde Phrase erfunden! Von feiern kann wirklich keine Rede sein, dazu gehen mir zu viele Geschichten durch den Kopf, als ich zuhause fiebrig auf dem Bett liege…

Raus aus dem Karussell von Drogen, Kriminalität und Knast

Freitag, 05. Juni 2009

Karussell - ©  Nadine K. - Fotolia.comIm Theologiestudium habe ich gelernt, zwischen Chronos und Kairos zu unterscheiden: Chronos meint den Ablauf der Zeit, wie er auf dem Zifferblatt einer Uhr abzulesen ist. Kairos den rechten Augenblick, den keine Uhr der Welt anzuzeigen vermag. Für Jupp schien es diesen Moment nie zu geben. Er ballerte sich immer wieder aufs Neue zu. Doch dann kam die Wende.

Jupp hat den Kairos getroffen, den glücklichen Zeitpunkt, an dem alle möglichen glücklichen Faktoren einander zuspielen und nur darauf warteten, dass er zugriff und die einmalige Chance nutzte, sein Leben zu verändern.

Lange Zeit sah es nicht danach aus: “Ich bin ein Versager!” Jupp saß niedergeschlagen und kleinlaut in meinem Büro. Dabei war er vor kurzer Zeit noch so voller Hoffnung gewesen. Die Kostenzusage war da und er hatte einen Therapieplatz. Er war in die Entgiftung gegangen und hatte sechs Wochen lang einen heftigen Entzug durchgestanden, bevor ich ihn in die Therapieeinrichtung fahren konnte. Dann, in Therapie, wurde ihm alles zuviel, er bekam Angst vor der eigenen Courage und brach bereits in der ersten Woche ab. Schon auf dem Weg nach Köln war er bereits wieder rückfällig mit Heroin. Der Suchtdruck und die überzeugung, sowieso ein Versager zu sein, hatten ihm schnell jede Hoffnung genommen, jemals clean werden zu können.

Einzige Heimat: Die Clique von ähnlichen Verlorenen

Ich erinnere mich an seine Lebensgeschichte: Jupp erkrankte als kleines Kind an Meningitis und verbrachte lange Zeit im Krankenhaus auf der Isolierstation – alleine, ohne Mutter und Geschwister. Noch heute leidet er unter den Folgen der Infektion. Die Mutter alkoholkrank, der Vater überfordert und resigniert, die Geschwister drogenabhängig. Ein Bruder bereits an einer überdosis verstorben. Keine Unterstützung als Kind und als Jugendlicher, keine Anerkennung. Kein Schulabschluss, keine Lehre, keine Menschen, bei denen er sich aufgehoben fühlen konnte, außer in der Clique von ähnlichen Verlorenen. Das Karussell von Drogen, Kriminalität, Knast. Da hatte sich bei ihm die überzeugung, ein Versager zu sein, schon längst fest eingebrannt, dass er sich gar nicht mehr vorstellen konnte, jemals anders leben zu können.

So lernte ich ihn kennen. Jupp war lange mein Klient. Als er erst einmal Vertrauen gefasst hatte, zeigte er sich als ein nachdenklicher, sensibler Mensch, kreativ und mit viel Sinn für Humor, der auch über sich selbst lachen konnte. Er schrieb skurrile Kurzgeschichten und träumte davon, irgendwann einmal einen Film zu drehen über sein Leben.

Dritte Therapie: Wertschätzung rettet den Ausstieg

Dreimal hat er Anlauf genommen für eine Therapie. Es war mühsam und langwierig. Zweimal stand er kurze Zeit später wieder in meinem Büro und war wieder rückfällig. Beim dritten Versuch klappte es: Jupp hielt durch. Aus der Therapie schrieb er mir Briefe, die so skurril waren wie seine Kurzgeschichten und die von seinem Humor zeugten, aber die auch deutlich machten, wie ernsthaft er sich mit seiner Lebensgeschichte auseinandersetzte. Er war in der Therapie auf Menschen gestoßen, die ihn ernst nahmen und ihm ihre Wertschätzung deutlich zeigten. Das hatte ihm den Mut gegeben, zu kämpfen und nicht wegzulaufen.

Ob Jupp heute noch clean lebt, weiß ich nicht. Ich habe ihn aus den Augen verloren. Aber ich weiß, dass er wenigstens für diese Zeit ein gutes Leben führen konnte.

Niemand wird süchtig geboren

Dienstag, 02. Juni 2009

Grabstein ©  nkpics - Fotolia.comLetzte Woche las ich die Todesanzeige von Guido. Vor Jahren war er mein Klient. Eine schillernde Persönlichkeit mit dem Charme eines in die Jahre gekommenen Genies. Er war sehr belesen. Anspruchvolle Romane schienen zu seinem Leben zu gehören. Sein Tod zeigt mir wieder einmal: Jede Sucht hat ihre Geschichte, denn auch Guido wurde nicht süchtig geboren. Doch in seinem Leben gab es ein dramatisches Ereignis, an dem er zerbrach.[more]

Guido war schon deutlich älter als der Durchschnitt. Als er starb, muss er um die 60 gewesen sein. Seine Mutter, inzwischen schon weit über 80, hatte die Anzeige veranlasst. Trotz aller Enttäuschungen hat sie bis zum Schluss zu ihm gehalten. In der Zeit, als er zu mir in die Beratung kam, sprachen wir oft über Literatur, Philosophie und Naturwissenschaft. Er kannte sich aus mit Computern, wusste interessant darüber zu erzählen. Irgendwann war damit Schluss. Gegen Heroin und Benzodiazepine kam er nicht mehr an. Die mühsam aufrecht gehaltene Fassade zerbröselte.

Ein Leben in Erinnerung und Sehnsucht

Es war wie eine Bilanz, als er mit vor Scham und Trauer brüchiger Stimme anlässlich meines Besuchs auf der Entgiftungsstation erzählte, dass seit Jahren Konsum und Beschaffung von Heroin sein einziger Lebensinhalt waren. Alles Schöne war verschwunden. Alles, was früher sein Leben interessant und bunt gemacht hatte war dahin, lebte nur noch in seiner Erinnerung, in seiner Sehnsucht. Es war in dem Augenblick ausgelöscht worden, als er Zeuge des Suizids seiner Lebensgefährtin wurde, von deren psychischer Krankheit er wusste und deren Tod er dennoch nicht verhindern konnte. Seitdem beherrschten Drogen endgültig sein Leben.

Die Geschichte von Guido zeigt, dass Sucht ihre Geschichte hat. Guido wurde nicht süchtig geboren. Er ist im Laufe seines Lebens suchtkrank geworden, so wie andere Menschen eine schwere Infektionskrankheit bekommen oder Krebs.

Jetzt ist Guido tot. Ich weiß nicht, wie er gestorben ist. Ich weiß aber, dass ein Leben voller Sehnsucht nach Liebe, Geist, Schönheit zu Ende gegangen ist und kann nur hoffen und beten, dass Gott in seiner Güte zur Vollendung bringt, was Guido aus eigener Kraft nicht geschafft hat.

Unreines Treibgut

Dienstag, 05. Mai 2009

Außen und innen.
Außen Gelassenheit, innen Chaos. Ein hartes Knäuel unerfüllter Wünsche. Und
eine Kraft, die Jonas regelmäßig packt und einholt, wenn sich das
innere Meer mal wieder zurückzieht. Wie ein Fisch am Haken. Bei der Flut zuvor
war es wunderschön. Allerdings verdünnt die das Gift in seinem Körper. Und sie
führt jede Menge unreines Treibgut mit sich, das zurückbleibt, wenn die Ebbe
einsetzt.

Jonas kennt die
inneren Gezeiten nur zu gut. Er weiß, dass seine Rezeptoren, an die das Heroin
andockt, wieder frei gespült werden und die Endorphine verschwinden.
Sie lösen
den Kick aus und halten den Schmerz fern. Bloß keine körperlichen Qualen – das
ist heute für Jonas die Hauptmotivation
Drogen zu konsumieren: “Ich kann mich nur noch gesund machen. Kopfkino kannste’
sowieso vergessen. Ich bin schon froh, wenn’s mir ein kleines bisschen wärmer
wird. Hauptsache nicht affig sein”.

“Gesund machen” und
“nicht affig sein” heißt für Klienten, keine Entzugserscheinungen zu erleiden. Keine
übelkeit, keine Gliederschmerzen oder Krampfanfälle. Der Schmerz strömt dann in
ihren Körper wie eiskaltes Wasser durch einen aufgerissenen Schiffsrumpf. Die
panische Angst davor ist oft der Grund für die wahnsinnigsten Reaktionen.

Anders lassen sich der Verlust jeglicher Hemmungen und der Abzock untereinander
nicht erklären. Die logische Konsequenz für viele Heroinabhängige:
Hop-oder-top. Oder wie Jonas zu sagen pflegt: “Scheiß doch der Hund drauf.”

Bei Jonas setzt das
Fluten des inneren Meeres immer seltener ein, das unreine Treibgut nimmt stetig
zu
. Aber diese Erkenntnis reicht bei weitem nicht aus, ihn davon abzuhalten,
zu tun, was er glaubt, tun zu müssen. Irgendwo habe ich einmal aufgeschnappt,
dass das Chaos die gleichzeitige Anwesenheit verschiedener Ordnungen sei.
Einerseits. Andererseits denke ich: Das Chaos ist wie das Meer. Weltumspannend
und immer in Bewegung.