MuseSuse
Thorsten Bathe
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Rainer S.

Mit ‘bewusstsein’ getaggte Artikel

Voneinander lernen, heißt siegen lernen

Mittwoch, 01. Juli 2009

Eine Stunde vor Mitternacht, der zunehmende Mond schaut durch die Balkontür. Heute war der erste Sommerlich warme Tag mit stolzen 27 °C. Hat es doch geholfen, meine Wünsche zum Sommer in der Studentischen Mittagsandacht zu verlesen. Heute habe ich wieder Blumenfotos farbigem Papier zugeordnet und später auf die vorher gefalteten A5 Bögen aufgeklebt.

Das ist eine Wohltat für die Sinne. Man ahnt den Geruch der Blüten auf den Karten. Weißer Rittersporn mit Hummel auf grün und blauen Untergrund, und anderes. Das ist ein kreativ sein, das einfach Freude bereitet. Dann die Freude des Beschreibens und später Verschenkens.

Eine liebe Musenschwester, die auch mit nervlichen Krankheiten zu tun hat, hatte mir mal diesen Tipp gegeben, farbiges Papier zu nehmen für Karten. Sie selbst übt sich in der Malerei auf Seide und hat schon einige Ausstellungen gehabt. Es ist gut, neben sich Menschen zu wissen die auch im gleichen Boot sitzen oder zuhören, die einen begleiten. So ein Erfahrungsaustausch in Lebensfragen oder künstlerisch, bringt mich immer ein Stück weiter.

Früher gab es mal eine Losung “Voneinander lernen, heißt siegen lernen”. Das war in der DDR-Zeit natürlich noch etwas anders gemeint. Trotzdem ist da aber etwas daran. Gut, dass es Anlaufstellen gibt bei den Vereinen, unter dem Dach der Kirchen oder bei dem Bruder und der Schwester neben uns, sich auszutauschen. Ein Netz, was mich hält. Zum Schluss noch folgendes “Nichts ist so hoffnungslos, dass wir nicht Grund zu neuer Hoffnung fänden”.

Ein Aufeinander-zu-gehen wünscht Susi L.

Leben und träumen im Dämmerzustand

Donnerstag, 30. April 2009

Als ich Simone kennen lernte, war ich überrascht. Vor mir saß eine sympathische, gescheite und lebenstüchtige Frau in den Fünfzigern. Ehrlich gesagt, hatte ich mir die Mutter von Tanja ganz anders vorgestellt. Auch sie ist sympathisch, aber weniger gescheit und noch viel weniger lebenstüchtig. Wie Kleidungsstücke in einem Wäschetrockner wirbeln Selbstzerstörung und Chaos in ihr herum.

Manche Menschen finden eine Bestimmung darin, Drogen zu unterliegen. Sie brauchen ein Hilfsmittel, um die Außenwelt in sich aufzunehmen.
Sie leben und träumen in einem Dämmerzustand. Für sie ist die Welt ein Gespenst, solange nicht irgendeine fremde Substanz ihnen Körperlichkeit verleiht.

Tanja ist so ein Mensch. Und einer meiner harten Fälle. Sie hat sich schon in jungen Jahren innerhalb kurzer Zeit so runtergewirtschaftet wie ich es zuvor selten erlebt habe. Der Junk hat buchstäblich eine Schneise durch ihren Körper geschlagen. Und sich dabei eingenistet. Heute scheint er in ihr ein unkontrollierbares Eigenleben zu führen. Dabei hatte sie beste Voraussetzungen. Graue Ghetto-Tristesse kennt sie nur vom Hörensagen. Die Familie lebt in einem eigenen Haus mit großem Garten. Dort ist sie behütet und in materieller Sorglosigkeit zusammen mit ihren Eltern, zwei Geschwistern und Kater Schmidt aufgewachsen. Trotzdem hat sich Tanja irgendwann in sich selbst und ihre eigene seelische Dunkelheit zurückgezogen. In das, was sie heute ist: ein für ihre Eltern und Geschwister, aber auch für mich unerreichbarer Mensch.

Simone sah das schmerzlich voraus. In manchen Momenten ahnte sie schon früher, wie verschieden dieses Kind von ihr selbst und den anderen Kindern war. So berichtet sie mir traurig, dass die einzige Nähe, die Tanja jemals zulassen konnte, das leise Summen war, mit dem sie versuchte, ihre Tochter in den Schlaf zu singen. Und wie überwältigt sie dann jedes Mal war, wenn der Versuch glückte und sich der Gesang allmählich im Solo eines gleichmäßig schlagenden Herzens verlor.

Sturzflug durch den Alltag

Freitag, 24. April 2009

“Haben sie eine Kundenkarte oder sammeln sie die Treueherzen?” Die Frage der Kassiererin höre ich noch. Dann bricht die Zeitlupe über mich herein. Ich stehe an der Kasse im Supermarkt und denke nach. “Die Zeit heilt alle Wunden”, heißt es immer wieder. Die offenen Stellen auf Franks Füßen haben sich geschlossen. Auch Monikas Abszessnarben sind verheilt. Das Sprichwort meint aber wohl vor allem die Blessuren, bei denen sterile Kompressen und Salben nichts ausrichten können. Zum Beispiel schreckliche Erlebnisse oder schwere seelische Traumata. Auf einmal hat das Zeitverstreichen etwas Gutes.

Erstaunlich, ansonsten muss doch immer alles fix gehen. Meine Klienten sagen ja nicht umsonst “fixen”. Gleiches gilt auch für mich und viele andere: Schnell aus dem Bett, schnell Kaffee trinken, schnell zur Arbeit, wo alles Machen trotz Schnelligkeit nie schnell genug sein kann, danach schnell etwas einkaufen, schnell kochen, essen, fernsehen, schnell schlafen und lieben. Sturzflug durch den Alltag. Das Leben fühlt sich meistens an, als würde
jemand die Vorlauftaste gedrückt halten.

Manchmal wird jedoch plötzlich umgeschaltet auf Slow-Motion. Ich denke und spreche langsam. Dann kann ich Minuten damit verbringen, mir zu überlegen, was ich später zu Hause kochen möchte. Oder welches Poster morgen im Büro an die Wand soll. Ich schaue so lange blöd aus der Wäsche, dass selbst Klienten um Jahre gealtert scheinen.

Und manchmal fahre ich die Energie-Zufuhr noch weiter runter. Ich denke gar nicht und schweige. “Das macht bitte zwölf Euro dreiundvierzig”, wiederholt die Kassiererin, bevor sie mit ihren Händen vor meinem Gesicht rumfuchtelt und noch etwas lauter wird: “Hallo, Erde an Mars”. Die Zeit vergeht. “Was ist denn heute hier los”, mosert nun ein Mann hinter mir, “schon wieder einer auf Droge?” Mich berührt das Gemecker nicht. Mein Leben, die Arbeit, die Zeit – alles zieht an mir so friedlich und geruhsam vorbei wie die Einkäufe auf dem Band im Supermarkt.

1000-fache Frühjahrsgedanken

Montag, 30. März 2009

Nach der Arbeit in der Gärtnerei entschließe ich mich doch nach Hause zu gehen und einen Ruhigen zu machen, bis zur 17 Uhr Veranstaltung heute. Es gibt vorgekochtes Hühnerbein mit Reis, dann ein kurzes Schläfchen.
Nun sitze ich hier, höre Radio MDR Figaro, meinen Lieblingssender, und schreibe. In den Nachrichten Schauerliches wie z. B. Amokläufe, sonst Krise und anderes. Ja, eine Welt im Umbruch. Müssen wir nicht viel sparsamer mit unseren Naturressourcen umgehen, ein neues Bewusstsein entwickeln? Fragen über Fragen. Es gibt Prophezeiungen, dass eines Tages Kriege geführt werden um Trinkwasser und daseinswichtige Dinge.
Meine Gedanken zum Frühjahr schreibe ich an Freunde. Im Januar und Februar habe ich 1040 Kopien zweier Gedichte auf Karton mit zur Straßenzeitung verschenkt. Es ist wichtig auf Elementares hinzuweisen, auf Eigentliches. Diese Aktion habe ich über den Verkauf der Straßenzeitung finanziert. Von Elli Michler “Ich wünsche dir Zeit” und von Peter Bossegger “Wünsche zum neuen Jahr”. Beides ganz aktuell. Wie heißt es bei Letzteren:

Ein bisschen mehr Friede und weniger Streit.
Ein bisschen mehr Güte und weniger Neid.
Ein bisschen mehr Liebe und weniger Hass.
Ein bisschen mehr Wahrheit – das wäre was.

Grüße von Suse L. aus Jena

Drogenteststreifen sind teuer

Samstag, 21. März 2009

Ich komme im Augenblick nur schwer zum Schreiben. Das zugekniffene Auge hat mich etwas gehindert. Heute ist es eigentlich wieder ganz verheilt, aber ich habe Kopfschmerzen. Ich denke das kommt vom Auge zukneifen.
Einen Eintrag ist mein letzter Besuch in einer Apotheke wert. Wir haben einige Drogenteststreifen, die wir in der Selbsthilfegruppe verwenden können. Die haben wir als Spende bekommen.
Es hat mich interessiert, woher ich Teststreifen beziehen kann und was sie kosten. Also bin ich in die Apotheke und habe mich erkundigt. Die Apothekerin sagte mir, sie müsse da mal bei ihrem Großhändler nachfragen. übrigens schätze ich diese Apotheke, gute Beratung und auch jetzt hatte ich das Gefühl, dass diese Recherche die Apothekerin selbst interessierte.
29 Euro. “Für wie viele Teststreifen?”, wollte ich wissen. “Es sieht so aus, dass einer 29 Euro kostet”, antwortete sie. “Das übersteigt unser Budget”, sagte ich.
Während der Therapienachsorge habe ich es mal jemanden vorgeschlagen, mit Hilfe von Teststreifen seiner Partnerin die Skepsis zu nehmen. Nachdem ich jetzt den Preis weiß, werde ich mir solche Ratschläge schenken.
Krieg den Drogen. Teure Hochglanzkampagnen, teure Teststreifen.
Die Herstellungskosten dieser Teststreifen liegen bei 15 Cent, schätze ich. Möglicherweise ist dieser abschreckende Preis so gewollt. Eine Schutzgebühr, die dafür sorgt, dass nicht jeder Kiffer seine Fahrtauglichkeit selber prüft. Aber solche Selbsttest wären ein Weg ein Abhängigkeitsbewusstsein zu schaffen, und meiner Meinung nach deshalb eher hilfreich.