„Wie geht’s dir denn“, flötete mir Sylvia entgegen, als ich sie Wochen nach ihrer Haftentlassung wieder auf dem Neumarkt sehe. Das Hirn gebadet in Korn, um die Langeweile zu vergessen, die die Anstrengung mit sich bringt, das Leben zu gestalten. „Das gleiche wollte ich dich auch gerade fragen?“ „Na ja, siehste’ ja, is’ aber ok, hab’ mich mit Alk und Shore wieder gut eingeschossen“. „Und wo wohnst du jetzt?“ „Bin mal wieder on the road again. Feiern und BeWo is’ ja bäh. Bin nach der ersten Nacht nicht mehr hingegangen“. (weiterlesen…)
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Länger als drei Tage
Freitag, 02. Oktober 2009Sexualisierte Autisten
Montag, 13. Juli 2009Du willst wissen, was ich den ganzen Tag tue? Nichts. lch lese. ln all den bislang 42 Monaten bin ich allein damit beschäftigt, mich als System zu erhalten, mich zu stabilisieren, in der Mitte zu bleiben. Ein Mensch zu bleiben. Das ist meine Tätigkeit. Es ist schwerste Arbeit, aber zugleich auch: rein Nichts. ln diesem Zellenklo bin ich auf mich selbst zurückgeworfen, vereinzelt. Deswegen besteht mein Tag allein aus Gedanken, nicht aus Tätigkeiten.
Es sind keine abgrundtiefen Gedanken. Selten von nachts 310 auf der Autobahn. Rein menschlich. Alle Inhaftierten müssen deshalb autistische Züge annehmen und grandios werden. Na als Ausgleich, weil sie doch so klein sind, das Letzte sind. Manche halten den ganzen Tag ihren Penis fest oder zupfen an sich selbst herum, als Tics. Viele werden phalluszentriert, wenn sie es denn nicht schon gewesen sind. Es bedarf einer gewissen Selbstkontrolle, einer intensiven Selbstbeobachtung, um nicht nur dieser Selbstfixierung vollkommen zu verfallen, sondern auch stabil zu bleiben im Menschlichen. Oft wird die Umgebung sexualisiert. Es geht dabei schonungslos um die weibliche oder männliche Blöße. Es ist also völlig egal, was ich dir über meinen Tag erzähle. All das, was ich dir entäußere, ist einfach nur autistischer und narzisstischer Müll.
Die teuflischen Hörner des Alkohols
Freitag, 26. Juni 2009
Ein Sommerabend in der Entgiftungsstation der Uniklinik in Rostock. Zwanzig Patienten finden sich mehr oder weniger freiwillig zur Informationsrunde im Speisesaal ein.
Mich interessieren diese Patienten. Meine öffentlichkeitsarbeit für die Selbsthilfegruppen ist jedes Mal auch eine neue Erfahrung für mich. Diesmal traf ich auf eher unmotivierte Patienten.
Ja, der Sommerabend. Ich war auch im Sommer zur Entgiftung. Meistens war ich in mich gekehrt, still im Schatten des Hauses zu finden. Den Gedanken nachhängend, was in diesem Augenblick wohl zu Hause passiert. Wie gern ich jetzt da wäre …
Ich gab den Patienten gestern einen Einblick in meine Erinnerung. Sie haben gehört, was gerade in vielen von ihnen vorging und wir kamen ins Gespräch. Ich war erschrocken über die hohe Zahl von jungen Leuten. Zwar ist es in den Statistiken schon deutlich sichtbar, und in den Medien unüberhörbar, dass der Alkohol immer mehr die Jugend vereinnahmt – aber in dieser Gegenüberstellung der teilweise noch leeren Blicke meiner Gesprächspartner hat mir der Alkohol noch einmal die Glut in seinen teuflischen Hörnern gezeigt.
Auch wenn in der nahenden Urlaubssaison die Fachkräfte in Beratungsstellen und Kliniken ihren wohlverdienten und sehr wohl auch notwendigen Urlaub erhalten und aus gleichem Grunde die ein oder andere Selbsthilfegruppe nicht so gut besucht ist wie sonst im Jahr, das gemeinsam gespannte Netzwerk bekommt sicher wieder viel zu tun – in der Hochsaison der sommerlichen Emotionen.
Gruß
Lutz
Viel Regen und noch mehr Kritik
Montag, 22. Juni 2009Heute Nachmittag verdunkelte sich der Himmel über der Stadt und nach einigen vorher freundlichen Momenten goss es wie aus Gießkannen. Rette sich, wer kann. Massen und Ströme an Wasser fluteten die Straßen und Gehwege. Wieder mal eine Probe für meine Wetterjacke, dem Versprechen atmungsaktiv, wind- und regendicht zu sein. Bis auf Haare, Schuhe und Hose blieb ich von der Nässe unversehrt.
Am Abend erzählte ich jemand von meinen Höhenflügen von den vergangenen Tagen und erntete doch eine harte Kritik, Unverständnis und Tadel. Man muss wirklich manchmal aufpassen, wem man etwas erzählt. Diejenige gab vor, es gut mit mir zu meinen. Sichtweisen sind verschieden von Mensch zu Mensch. Jeder trägt sein Päckchen mit sich herum. Dieses Kritisieren brachte mich zum Absturz. Zum Glück habe ich immer etwas zu tun zu Hause, auch kreativ, wo man sich ablenken kann.
Die Kirchensache von gestern war bestimmt Gott gewollt, diese kleine Andacht zu übernehmen, da weit und breit kein Lektor zu sehen war. Eigentlich sind dafür ausgebildete Personen zuständig, wenn aber keiner da ist … An Zufälle glaube ich schon lange nicht mehr bei den Dingen, die ich so erlebte. Auf jeden Fall suchte ich das Gespräch mit verschiedenen Personen und am Schluss mit der Kritikerin. Zum Glück fanden wir eine Neutralisierung der Thematik, aber dieser Dämpfer beschäftigt natürlich. Vielleicht müssen wir immer mal heruntergeholt werden von unseren Höhenflügen. Es hat alles seinen Sinn. Wer weiß, wozu es gut ist? Herzliche Grüße von Susi L. aus Jena
Hoch die Tassen am Vatertag
Freitag, 22. Mai 2009
Am Feiertag war ein Ausritt geplant. Ich war für die Versorgung der Reiter vorgesehen. An unserem Treffpunkt führte mein Weg durch große Menschenmengen, die sich an diesem beliebten Ausflugziel aufhielten. Meine Reiter waren schon auf dem Rückweg und so hatte ich Zeit, mich im Sinne meines trockenen Lebens noch ein bisschen umzusehen. Ich war erschrocken über die Vielzahl betrunkener Frauen. War denn heute nicht Vatertag? Herrentag? Und überhaupt: Himmelfahrt?
Die Gruppen der Jugendlichen feierten irgendwie “wer grillt am lautesten”, die Radfahrergruppen mussten immer irgendwelche Kommentare austauschen die man wahrscheinlich noch im nächsten Dorf hören konnte, und dann diese Menge von Frauen die da lallend umhertanzten und wildfremde Menschen in ihren Tanz einbeziehen wollten. Oder sie saßen an langen Tischen und prosteten sich lautstark zu, als würden sie zeigen wollen, dass sie das mindestens so gut könnten wie ihre Männer.
Mir wird schnell klar, dass es immer schon so gewesen ist. Früher habe ich nichts davon mitbekommen, heute scheint es eine verdrehte Welt. Dabei hat sich das meiste wohl in mir gedreht. Ich bin – glaube ich – zu sehr Eisblume, als dass ich im Mai mittanzen wollte.
Schmunzelnd zog ich von dannen, schweigend und ein wenig neidisch!
Liebe Grüße
Lutz


