LutzS
Gast-Blogger
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Archiv für die Kategorie ‘Kommentar’

Ausbeutung der Unterschicht

Montag, 13. Juli 2009

Soziale Manieren sind für mich ein Topthema für die Verantwortlichen unserer Parteien im Bundestag. Zum Beispiel die Salberei um die Rentenpolitik. Da wird gebuhlt, was das Zeug hält. Aber selbst der alte Norbert Blüm (bekannt durch die Theorie: Eines ist sicher…) sieht die Rentenpolitik der vergangenen Jahre – also auch seine eigene – als fehlerhaft bis untauglich.

Ich stehe nicht im Fokus des Wahlkampfes, doch mir fällt dazu ein wichtiger Punkt ins Auge: Wenn die Regierungen weiterhin die Legitimation zur Ausbeutung der Unterschicht erteilen, wird die Rentenkasse bald kein Thema mehr sein. Sie wird einfach nicht mehr existieren.

Der Grund liegt auf der Hand: Ein wirkungsvoller, sozialversicherungspflichtiger Arbeitsplatz wird heute durch fünf Minijobs ersetzt. Meistens erledigen das Menschen am Rande des Existenzminimums. Wenn diese fünf Minijobber dann mal Rentner werden… Woher soll es kommen, das Geld, das die Unternehmer im Wettbewerb mit der Konkurrenz eingespart haben? Und wo ist es am Ende? Soziale Manieren erlauben kritische Fragen, doch die Berliner Bundestagsabgeordneten sind taub auf diesem Ohr.

Liebe Grüße
Lutz

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Der Kampf gegen die Armut endet nicht mit einer warmen Suppe

Mittwoch, 10. Juni 2009

Deutschland ist trotz Krise eine der reichsten Volkswirtschaften der Welt. Da fällt es schwer zu verstehen, dass es tausenden Menschen an Lebensmitteln, Kleidung oder Wohnraum fehlt. Die spärlichen staatlichen Sozialleistungen führen bei vielen zu sozialem Abstieg und Isolation. Mit Tafeln weisen wir diesen Menschen einen Ort zu, der ihnen durch die überschussproduktion der Konsumgesellschaft das überleben sichert. Sind Tafelprojekte also die Lösung des Problems und sollten ausgebaut werden? Ja und nein.

Armut und Elend wird öffentlich

Nein, weil Tafelläden in ihrer jetzigen Form die selbstbestimmte Teilhabe von Menschen einschränken. Sie sind Orte, an denen Armut und Elend und damit die Scham von Menschen in die öffentlichkeit getragen werden. Sich in die Warteschlange vor dem Tafelladen einreihen zu müssen widerspricht dem Freiheitsgrundsatz der Selbstbestimmung.

Begegnung und Befähigung gehören dazu

Gut und deswegen zu begrüßen ist, dass Tafeln oft Kooperationsprojekte zwischen Caritas, Kirchengemeinden und anderen Trägern sind. Dass dort Hilfen im Verbund organisiert werden und sich Ehrenamtliche wie Hauptamtliche für ein gemeinsames Ziel engagieren: Die Not der Menschen zu lindern.

Gut ist, wenn sich Menschen in den Tafeln begegnen und die Hilfeempfänger nicht nur “abgespeist” werden. Wenn Jugendliche dort kochen und den Haushalt führen lernen. Fähigkeiten, die sie in den Familienalltag einbringen können.

Doppelstrategie: Helfen und soziale Gerechtigkeit einfordern

Wirksame Armutsbekämpfung geht jedoch über die überlebenssicherung hinaus. Sie verfolgt eine Doppelstrategie: Neben den alltagsnahen Hilfen für die Betroffenen müssen wir Einfluss nehmen auf die Sozialpolitik und die Vorsorge verbessern. Dabei geht es um soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit und Solidarität.

Die Caritas tritt solidarisch für jene Menschen ein, die am Rande stehen. Damit konfrontiert sie zugleich große Teile der Gesellschaft mit dem Lebensrisiko, nicht immer in der Mitte zu stehen. Die Kombination aus konkreten Hilfen und struktureller Bekämpfung der Armut sollte uns als Gesellschaft allerdings dazu in die Lage versetzen, die Grundlagen für ein Leben in Würde und Selbstbestimmung zu sichern – und zwar für alle Menschen.

Johannes Böcker
Diözesan-Caritasdirektor im Caritasverband für die Diözese Rottenburg-Stuttgart 

Links zum Thema Tafeln

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Menschenverachtende Trennung von Mitte und Rand

Donnerstag, 04. Juni 2009

Ein Erfahrungsbericht über Begegnungen mit Menschen am Rand. Von Gast-Blogger Heribert Schlensok

Gute Strategie: Der Verkäufer des Obdachlosenmagazins zieht durch das Café. Ich kaufe ihm ein Heft ab. Draußen auf der Straße treffen wir uns wieder. “Hab’s schon” sage ich und wünsche ihm viel Erfolg. Obdachlosen-Magazine verkaufen ist ein Knochenjob, deren Verkäufer motivieren nicht. Der Mann lächelt. Er ist Mitte, nicht Rand.

Am Wochenende spazieren wir als Touristen durch München. Der Fußweg führt unter einer Brücke durch, rechts der Auer-Mühlbach, links eine Ansammlung Müll. Im Halbdunkeln kauert ein Obdachloser auf einer improvisierten Matratze. Sein Blick erinnert an die Augen eines gebrochenen Löwen im Käfig, sie gehen ins Unendliche. Von “Anlächeln” kann keine Rede sein, dieser Mann fokussiert nicht mehr. Er existiert offenbar jenseits des Randes.

Augen zu und wegsperren lautet die Devise

Zwei Wochen später. Ein junger Mann im Trainingsanzug bettelt auf dem Bahnsteig. Ich spreche ihn an: “Hast Du jemand der Dir hilft? Brauchst Du Beratung?” “Bin HIV positiv”, sagt er. “Termine bei der AWO”, fügt er trotzig hinzu und geht weiter. Während ich ihm verwirrt nachschaue, greift ein Security-Mann der Bahn zu. Es sieht aus, als ob er unter seiner Jacke eine Pistole gezückt hätte. Der junge Mann läuft folgsam neben ihm her, stumm fahren sie die Rolltreppe abwärts. Hier praktiziert ein öffentliches Unternehmen eine menschenverachtende Aufteilung von Mitte und Rand.

Am Sonntagmorgen bettelt eine Frau vor der Kirche. Ich muss mit dem Kinderwagen die Stufen hoch. Die Kirchenbesucher auf der Treppe sind jenseits der 70. überflüssig zu sagen, wer mir geholfen hat. Ich weiß: Spende auf die Hand ist out. Ich sollte besser einen Blogger suchen, der ihr oder dem Mann mit dem Löwenblick mittels Online-Fundraising nachhaltig hilft. Ich spende trotzdem.

Am Muttertag gehen wir echte Löwen gucken. Wunderbares Wetter, die Kinder haben gebacken. Ich halte einen frischen Muffin in der Hand, will gerade hinein beißen. Plötzlich steht eine Frau vor mir. Sie ist alt, aber ihre Augen sind jung. “Darf ich den haben?” fragt sie und zeigt auf mein Kuchenstück. “Heute ist doch Muttertag, und mir hat noch niemand etwas geschenkt.” Dieses Mal verläuft alles wie im Bilderbuch. Während ich noch “Aber ja” antworte, nimmt sie den Kuchen, geht zügig weiter und beißt hinein. “Passt doch irgendwie zum Zoo”, lächelt meine Frau.

Der Rand ist ein Kreis. Die zupackenden Frauen kennen ihn, der motivierte Verkäufer ebenfalls. Die Deutsche Bahn möchte Stacheldraht um den Außenring wickeln, schafft es aber nicht. Bleibt der Mann mit den leeren Augen.

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