Peter S.
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Archiv für die Kategorie ‘Haft’

Subversive Romantik im Knast

Donnerstag, 30. Juli 2009

gefängnis © philippe simier - Fotolia.comDie Romantik macht uns Menschen menschlich. Die Struktur eines Knastes steht dem jedoch immer entgegen. Sie entfremdet uns von uns selbst und raubt uns unsere Autonomie. Das Fehlen unserer menschlichen Autonomie macht uns zu unmenschlichen Wesen. Es entsteht eine böse Art der Romantik. Deswegen wird im Knast niemals ein besserer Mensch geschaffen werden. (weiterlesen…)

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Zärtliche Filme im Gefängnis

Dienstag, 28. Juli 2009

hinter_gitternFrüher weinte ich oft. Bei Berichten über Katastrophen, über mich selbst, aber vor allem auch über Filme. Zärtliche Filme ergreifen mich zutiefst. Sie faszinieren mich, auch wenn alle anderen sie stinklangweilig finden. In der Welt des Gefängnisses sind sie meine Zuflucht und Grundlage für ein anderes Verhalten gegenüber meiner Umwelt. (weiterlesen…)

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Kichernder Kobold

Samstag, 25. Juli 2009

Die neu für mich zuständige Sozialarbeiterin holt mich zum Kennenlernen in ihr Büro und sagt, ich sei haftresistent. Warum? Na ich sei langzeitlich haftgewohnt. Ausgerechnet ich? Ich, der diese Knaststruktur so abgrundtief verachtet, soll daran gewöhnt sein? Ich, der seine Popel an den Schrank abschmiert wie das Baby seinen nackten Stinkepopo am Teppich? Ich, soll jetzt entstanden sein als der neue, bessere Mensch? Bedeutet es, dass ich nicht mehr büße? Muss jetzt etwas mit mir geschehen, damit ich wieder leide? Bin ich auf dem Weg zum guten Menschen, wie der aus Sezuan?

Vielleicht hatte sie lediglich ihr Urteil heimlich durch Erkundigung gebildet. Denn ich habe eine weitere menschlich autonome überlebensstrategie entwickelt. Es ist die einer außergewöhnlichen Form von Fröhlichkeit. Ich lache und kichere andauernd absichtlich herum, brülle leise und quietsche, grunze wie ein Meerschweinchen. Ich könnte über den blödesten Unfug abgrinsen. Oder ich halte ironische Ansprachen.

Dem Hausarbeiter erkläre ich, weshalb ich vegetarisch esse, erzähle ihm etwas von seinem in Verwesung begriffenen Fleisch, frage ihn, ob er mich mit Kunstkäse oder Hartfette “umbringen” möchte. Seine Soßen? Sie sind mit Laktat vermengt, mit Mehl verdickt, als doppelte Sättigungsbeilage, deswegen trägt er einen Trommelbauch. ähnlich wird das Gemüse gestreckt. All das gehört zur Strafe und er verleibt sie sich ein – wie schön.

Ich denunziere diesen institutionellen Schwachsinn. All dies erheitert mich in aberwitziger Weise. Manche denken ich sei ver-rückt oder altersenil im Frühstadium. Keiner versteht mich. Neulich zitierte mich sogar mal ein von mir Gepeinigter, ein Mitgefangener, altersmäßig mein Sohn, zu sich und meinte, ich würde mich nicht altersgerecht bewegen. Haha, ich produziere also meine eigenen Lacherzeugnisse. Nur Lachyoga ist noch schöner. Doch ich habe das andere Lachen, das kuriose Lachen.

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Warten auf das Erklärte

Dienstag, 21. Juli 2009

Kannst du nachvollziehen, dass sich hier etliche Menschen
Big Brother ansehen? Das ist so, als ob wir uns permanent im Spiegel anschauen
würden. Wir sehen uns selbst. – All der Schwachsinn ist etwa so wie bei
Becketts “Warten auf Godot”. Doch dort hat das Sinnlose wenigstens einen Sinn:
nämlich das sinnlose Meta zu kommunizieren. Und das, was ich dir hier schreibe,
gibt auch Sinn.

Falls du Becketts “Warten auf Godot” nicht kennst: Drei
Menschen warten auf etwas Ominöses, ein Nichts, es wird offenbar. Sie
unterhalten sich jedoch über ihre Erwartung. Sie ist spekulativ, so tiefgründig
wie es Menschen sind. So war es schon im alten Jerusalem. Na, wer wurde da wohl
erwartet?

In Analogie dazu, wartet der Mensch inmitten der anderen
hier im Knast auf etwas. Dieses Etwas wird aber mit ganz Tollem erfüllt: Dem
Erlöser, der Freiheit.
Das Erwarten ist also das Wesentliche (und das
Beschönigen der Erwartung). Beim Warten versuchen wir zu erklären, auf was wir
warten. Es ist dann immer mehr als unsere Erwartungen erwarten oder verstanden
haben. Dabei hilft uns Romantik. Sie holt das Vergangene in die Zukunft zurück
als einen neuen Entwurf. Zwischen unserem Verstehen (über das, was wir erklären
wollen) und dem Erklären selbst, klafft eine Lücke.

Um das zu verstehen, folgendes: Wenn ich dir hier etwas
erkläre, dann verstehe ich im selben Moment davon nichts mehr. Warum? Weil ich
erkläre und nicht verstehe.
Wenn ich verstehe, dann erkläre ich in diesem
Moment nichts. Also ich muss das Verstandene formulieren. Das ist etwas anderes
als das Verstandene selbst. Verstehst du? Es gibt eine Lücke zwischen Verstehen
und Erklären. Sie ist ein Raum, der raumlos ist. Wenn ich so etwas von mir
gebe, das tue ich ständig, nickt Frank verständnisvoll. Als ob er mich
verstanden hat. Aber er hat es nicht. Deshalb sagt er später, er habe nur beim
Schach verloren, weil ich schon wieder gequatscht habe.

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Strategien gegen den Verlust von Autonomie

Freitag, 17. Juli 2009

Ich habe mir eine freiwillige Askese auferlegt. Vielleicht, damit mich niemand wirksam belästigen kann. Mich hat man schon früher jahrelang mit Einzelhaft gequält. Mit irrsinnigen Ordnungen belegt. Leider reicht der Platz nicht zum Erzählen.

Die Zelle halte ich karg, sie ist eine schmuddlige Wüste. Ich mag das. Kein Bild, keine Tischdecke, nichts. Einfach nur Kargheit und Unordnung. In so einem Müllhaufen von Nichts macht es keinem Beamten Spaß (im Jargon: Schließer), die heute beschönigend ,,Betreuer” heißen, irgendwas hinaus zu filzen, weil sie wissen: Mir ist es völlig egal, was sie entfernen. Ich finde es nahezu amüsant, wenn irgendwann mal ein Neuer auftaucht, der da denkt, er müsse etwas ausgraben und beschlagnahmen. Es ist ja im eigentlichen nichts drin, an dem ich hänge. Das merkt jeder Neue sofort und lässt mich zufrieden. Oder würdest du in einem kargen Dreckstall etwas rausfilzen wollen, um zu stänkern? Meine Einstellung dazu ist so: Ah, Sie möchten es so oder so? Ja gern, Meister, und hinten rum mach ich sowieso das, was ich will. Je kindlicher und unmündiger ich auftrete, je lustiger ist das Ganze – kicher. Ich bin ein Kobold. Auf einen Einzelfernseher verzichte ich, zunächst weil man ihn mir nicht ordnungsgemäß gegeben hat, jetzt weil ich ihn nicht mehr will. Das ist meine Art der menschlichen Autonomie. Grins.

Außerdem habe ich inzwischen festgestellt, dass es mir gut tut, wenn ich den Fernseher nicht habe. Beim Fern-Sehen schaust du nicht in die Ferne. Es ist im Prinzip nicht der Blick auf die Welt, sondern in einen Tunnel. Ich glotzte, schaue aber nicht. Fernsehen ist unästhetisch, unromantisch und abartig. Er bematscht dich, deswegen heißt er ja auch umgangssprachlich treffend: Die “Matschscheibe”. Aber nichts gegen tiefgründige, gefühlvolle Filme. Dadurch könnte ich zeitweise dem Matsch entkommen. Die würde ich mir gern anschauen. Das tue ich, wenn ich wieder da bin. Wenn ich wieder lebe, dann sind jede Menge neuer schöne Filme angewachsen, die ich mir der Reihe nach ansehen werde. Darauf freue ich mich.

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Die Verachtung des Folterkörpers führt zur Autonomie

Freitag, 17. Juli 2009

Stell dir vor, dich würde jemand jahrelang in ein Klo einsperren. Genau das tun die Verwalter mit mir. In einem Klo bleibt der Mensch nur so lange wie er muss. Und er richtet sich darin auch nicht ein. Deshalb tue ich das auch nicht. Niemals würde ich mir dieses Stinkeklo wohnlich machen wollen, kein Bild, keine Gestaltung etwa, so wie es bei anderen Gefangenen zu sehen ist.

lch pinkle auch grundsätzlich ins Waschbecken, um den Raum zu entweihen. Den ganzen Tag liege ich schräg im Bett, quer angelehnt an der Wand und habe meine nackigen Füße auf dem Tisch. Gibt es einen Grund Schuhe anzuziehen? Ich habe keine Skrupel meine Socken nach einem lumpigen Hofgang in meinem Kochtopf auszuwaschen oder meine Füße in meine mit warmem Wasser gefüllte Bratpfanne als zweckentfremdetes Gefäß zu stellen. Frank hat es mal gesehen. Seitdem will er weder mit dieser Pfanne braten, noch von mir etwas Gebratenes aus dieser Pfanne annehmen. Er hat mir einen Plastikeimer besorgt, der eigentlich ein Mülleimer sein soll und mir anheim gestellt, ich könne auch darin meine Füße stecken. Wenn ich Hautirritationen habe, reibe ich sie mit Urin ein – dann geht es weg.

Ich und zum Arzt gehen? Niemals! Für mich ist die Haft so eine Art Steinwälzerstrafe nach der Sisyphos-Mythologie in der Abwandlung von Albert Camus. Sisyphos ertrug seine sinnlose Strafe nur durch Verachtung, dadurch erlangte er seine menschliche Selbstbestimmung wieder. Ich ertrage diese sinnlose Strafe auch nur im Angesicht meines Ekelschweißes durch Verachtung dieses Raumes und der Institution, in der ich leben muss. Dadurch bestimme ich mich als autonomer, innerlich freier Mensch. Das Gefängnis als ein sachliches Ding steht dem ansonsten entgegen. Wegen seiner Rahmenbedingung oder Struktur bleibt es immer gleich, seit es geboren wurde, sagt Foucault. Die Geringschätzung ist es, die mich aberwitzig all das Leid ertragen lässt. Meine menschliche Selbstbestimmung kann ich also erst durch eine groteske Einstellung wiedererlangen:

Die Zelle hat einen verbeulten Betonfußboden, grau, aufgeplatzt. Den mache ich nie sauber. Warum auch? Man sieht den Dreck nicht, der Fußboden ist der Dreck. Nur wenn der Sand so hoch steht, dass er mich stört, feg ich mal kurz von der Mitte nach draußen, das genügt. Ich laufe gern barfuß. Es stört mich überhaupt nicht, meine dreckigen Füße in frisch aufgezogenes weißes Laken zu stellen. lch genieße eher diesen Augenblick der Verachtung.

Ich meditiere, und die Grübelschleife zieht vorüber. Sie gehört nicht zu mir. Damit es mir in dieser Zelle nicht vermeintlich zu gut geht, filzen mich meine Betreuer gern. Mein Grundsatz, der vor dieser möglichen Verletzung schützt, ist die doppelte Verneinung. Dazu sollst du wissen, meine Sachverwalter weisen systematisch Wünsche zurück. Davor schützt mich die Einstellung, was mir nicht gegeben wird, will ich weder begehren, noch nehmen – ich will es gar nicht erst haben. Also gefühltermaßen will ich dann nicht mehr das, was ich mal gewollt habe. Verstehst du das? Das ist die doppelte Verneinung, zwei Mal minus ergibt plus. Ich tue es, um meine menschliche Selbstbestimmung zu behalten.

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