Kurz vor Beginn der Frauensprechstunde setzt sich Renate in ihrem unauffälligen, blauen Mantel in den Warteraum. Trotz Regen und Kälte trägt sie beharrlich ihre Sandalen. Aber wenigstens die Wollsocken der vergangenen Woche hat sie noch an.
“Nein, nach den Füßen muss niemand schauen”, wehrt sie gleich den prüfenden Blick der Krankenschwester ab. Auch ich kann in diesem Punkt nichts ausrichten, denn eigentlich kommt Renate nur, “weil der Impfstoff da herauskommt”. Dabei zeigt sie auf ihren linken Oberarm, an dem außer ein paar oberflächlichen Kratzwunden nichts Auffälliges zu sehen ist. Die Haut ist trocken, Renates Haare schuppig und das schwarze T-Shirt verdreckt.
Nach längerem Zögern darf ich Schulter und Oberarm waschen und mit einer Pflegesalbe behandeln. “Keinen Verband – das geht nicht!”, setzt mir Renate schon bald klare Grenzen. Aber ein frisches T-Shirt nimmt sie schließlich dennoch an, schwarz muss es sein.
So unauffällig wie sie gekommen ist, verschwindet Renate wieder und ich weiß, auch diese Nacht wird sie wieder irgendwo in der Stadt umherlaufen. Eine übernachtungsstätte kann sie nicht aufsuchen. Ihr Erleben und ihre Wirklichkeiten verbieten es ihr. Es sind vermutlich noch viele Begegnungen wie diese erforderlich, bis Renate eine gesicherte Unterkunft annehmen kann.
Aber immerhin, nach jahrelangem Kontakt auf der Strasse kommt sie nun schon alleine in die Ambulanzräume, ja sogar zur Frauensprechstunde!
Autorenarchiv : Goetzens
So unauffällig wie sie gekommen ist, verschwindet Renate wieder
Donnerstag, 12. März 2009Axels verborgene Ressource
Montag, 09. März 2009Ein guter Wochenanfang: Axel hat sich offensichtlich entschieden, nicht im Sitzen, sondern wie verabredet im Krankencontainer zu übernachten. Sein hoch entzündetes Bein hat sich heute schon wesentlich gebessert. Ungläubig berührt er es selbst ganz vorsichtig, nachdem der Schutzverband entfernt ist.
“Wie kommt das?” fragt er mit zweifelndem Blick. Und wieder erkläre ich ihm, wie wichtig ein Bett ist und die Schonung des kranken Beines, auch tagsüber. Wir verabreden den Aufenthalt im Krankencontainer zu verlängern.
Morgen will Axel wieder zum Sozialarbeiter in die CASA: “Ich soll doch einen Pass machen lassen, damit ich meine Papiere und Gelder beantragen kann”, lässt er mich wissen. Und dann fragt er scheu: “Kann ich mir die Haare heute schneiden lassen? Ich will doch gut aussehen auf dem Foto!”
Ich glaube, ich habe mich noch selten so über diese Frage gefreut! Sie zeigt mir, welch verborgene Ressource in Axel schlummert!
Natürlich findet Anne Zeit, Axel die Haare zu frisieren.
Der Weg zurück in die bedrohliche Normalität
Montag, 09. März 2009
Wolfgang ist in einem kritischen Zustand. Ganz erregt
setzt er sich auf den Stuhl im Sprechzimmer und legt gleich los: “Ich weiß
nicht, ob ich das pack! Ich hab Angst vor der neuen Wohnung. Und das mit dem
Anstreichen ist auch so ne Sache: Das Bad ist so eng und wenn ich da rumturnen
muss, hab ich Angst hinzufallen, und die Kabel sind auch noch nicht gerichtet
und, …”
Schnell und teilweise unverständlich schildert Wolfgang, wie
er – mit Unterstützung der Sozialarbeiter aus dem übergangswohnheim – die ab
März für ihn angemietete Wohnung in einem weit entfernten Stadtteil zu
renovieren versucht. “Aber ich habe doch nur bis Ende Februar die Kostenzusage
für da, wo ich jetzt bin”, ergänzt er ängstlich.
“Was mach ich, wenn die nicht weiter zahlen?”, teilt uns
Wolfgang weitere Befürchtungen mit. Seine “alten ängste”, die ihn schon seit
Jahrzehnten immer wieder quälen, scheinen ihn gerade einzuholen: “Schaff ich
das allein in einer Wohnung? Abends habe ich wieder diese Gedanken wie damals.” Ich erinnere mich an die mehrfachen Selbstmordversuche mit
Stromkabeln um den Hals oder Sturz aus dem Fenster, die Wolfgang schon überlebt
hat. Er spricht die Details nicht aus, so frage ich ihn: “Haben Sie Angst, sie
könnten sich wieder was antun?” – Nach einigem Zögern kommt aus Wolfgangs Mund
ein leises Ja – und schnell fügt er hinzu: “Aber nicht jetzt, aber, wenn ich
dann wieder allein bin und so weit weg … und wenn dann noch was mit meinem
Zucker ist. Ich kann ihnen da nichts versprechen!”
Es ist deutlich: Wolfgang hat Angst vor dem Schritt zurück
in die Normalität, trotz aller Hilfestellungen. Auch eine sozialpsychiatrische
Betreuung scheint bereits angedacht, “aber da fehlt noch die Kostenzusage”,
wirft er ein. Und er fragt weiter: “Und was mach’ ich, wenn die das jetzige
Zimmer nicht mehr bezahlen? Ich weiß doch nicht, ob ich die Renovierung so
schnell hinbekomme?” Und schon steigert er sich wieder in seine ängste und
Befürchtungen.
Es braucht einige Zeit, bis ich ihn beruhigen kann. Wir
verabreden, dass ich noch heute ein klärendes Telefonat mit seiner
Sozialarbeiterin aufnehme: “Die ist krank geworden”, erwidert Wolfgang und ich
denke bei mir: “Oh je, muss denn alles so kompliziert laufen?” Ich schreibe ihm
ein Attest, aus dem hervorgeht, dass er unbedingt Hilfen bei der Renovierung
und Einrichtung seiner neuen Wohnung braucht. Dann fordere ich Wolfgang auf,
vor und nach dem Wochenende vorbei zu kommen, einfach mitzuteilen, wie es ihm
geht. Er will kommen, “kann aber nichts versprechen!”
Ich verlasse mich dennoch drauf. Schließlich rufe ich nach
Ende der Sprechstunde den Sozialarbeiter der Einrichtung an, der Wolfgang
mitbetreut und teile ihm meine Sorgen und Wolfgangs Nöte mit. Er bittet mich,
für eine weitergehende, ambulante psychiatrische Mitbetreuung bei Wolfgang zu
sorgen. – Anfang der Woche will ich es versuchen. Wie mühsam ist doch der Weg zurück “in die Normalität”, die für
manche unserer Patienten so “bedrohlich” sein kann!
Bittere Pillen für Axel
Freitag, 06. März 2009Gleich morgens rufen wir im Krankencontainer des Ostparks an: “Hat Herr N. vergangene Nacht bei Euch geschlafen?” – “Nein”, kommt die ernüchternde Antwort. Und dann erfahren wir, dass auch Axel am Abend zuvor nicht die Möglichkeit einer übernachtung im Bett gewählt hat. Kurz nachdem die Kolleginnen ihn zu dieser Unterkunft gefahren haben, muss er sich wieder in Bewegung gesetzt haben – trotz seines hoch entzündeten Beines.
“Was geht nur in so einem Menschen vor?”, denke ich bei mir.
Doch für langes Philosophieren ist heute Morgen keine Zeit, das Wartezimmer ist
schon halb voll. Im Team sprechen wir uns ab: “Wer fährt denn mal in die
Tagesstätte?” – einer der Orte, die Axel so “anläuft”. Heute übernimmt Thomas
die Tour. Und tatsächlich, im Laufe des Vormittags trifft er auf Axel und fährt
ihn zur Behandlung in die Straßenambulanz.
Axel hat Glück: die Entzündung im Bein scheint sich nicht
weiter nach oben ausgebreitet zu haben. Aber noch ist sein linker Fuß doppelt
so dick geschwollen wie der rechte und die Haut ist an mehreren Stellen mit
kleinsten Geschwüren belegt. Wieder tun wir das Nötigste und ich erkläre Axel
erneut, warum er sein Bein hoch lagern muss, warum er Tabletten braucht und
sicherlich bald auch eine Krankenversicherung. Er hört mir geduldig zu,
schluckt die Pillen, die ich ihm geben muss. Ob er sie auch innerlich schluckt?
Ich lasse nichts unversucht, denn er ist schwer krank: Eine Pflegekraft begleitet Axel
zur Besprechung mit der Sozialarbeiterin der CASA 21, in der Beratungsstelle schräg
gegenüber. Dann fährt Angela ihn zunächst wieder zur Tagesstätte. Hier wird
Axel mit Verpflegung “eingedeckt” und wieder in den Krankencontainer gefahren.
Hoffentlich heute kein vergeblicher Akt!
Was alleine kommt, geht nicht von alleine
Donnerstag, 05. März 2009Leider kam Frau P. heute nicht wie verabredet in die Sprechstunde, um nach ihrem Bein schauen zu lassen. Offenbar war ihr die gestrige Behandlung doch zuviel! Bleibt nur die Hoffnung, dass Kollege Peter sie bei seiner nächtlichen Abendrunde mit dem Ambulanzbus durch die Stadt antrifft. Ich gebe ihm, bevor ich heimfahre, noch schnell eine kurze Beschreibung unseres seltenen Gastes: mittelgroß, dunkle Jacke und Wollmütze, graue Haare und “dicke Beine”. Besonderes Kennzeichen: Plastiktüte, voll gestopft mit Unrat. Und während ich ihm das alles aufzähle denke ich mir: So eine Beschreibung trifft nun auch wieder auf andere “seltsame Gestalten” in dieser Stadt zu. Hoffentlich findet Peter Frau P. und kann sie zu einer erneuten Behandlung hier bei uns oder eben draußen im Bus motivieren.
Ein dickes Bein, das war auch für Axel (47) heute der Grund, sich mal wieder blicken zu lassen. Schon seit Jahren lebt er vom Flaschen sammeln. “Das genügt mir zum Leben”, sagt der wortkarge, fast zwei Meter große Mann. Um eine Krankenversicherung oder regelmäßige Bezüge will er sich einfach keine Sorgen machen. “Ich bin doch nicht krank”, meint er. Und auf die Frage, warum er mit seinem hoch entzündeten und stark geschwollenen Bein erst heute, also nach fünf Tagen (!) kommt, sagt er nur trocken: “Das ist von alleine gekommen, und ich hab’ gedacht, das geht schon wieder weg!”
Aber ohne Beinhochlagerung, ohne Salbenverband und ohne Antibiotika wird aus seiner Vorstellung sicher nichts. Ich versuche ihm das zu erklären. Axel hört schweigend zu. Ich erwäge auch eine Krankenhauseinweisung. Aber ohne Krankenversicherungsschutz ist die Wahrscheinlichkeit für Axel hoch, mit diesem Befund noch einmal abgewiesen zu werden. So entschließe ich mich zur Zwischenlösung und biete ihm ein Bett in der übernachtungsstelle Ostpark an. Hier dürfen wir ganzjährig eines von zwei Betten in einem Krankencontainer mit eingebauter Dusche und Toilette belegen.
Axel willigt sofort ein. Er hat schon lange nicht mehr in einem richtigen Bett geschlafen. Theresia, die Krankenschwester und eine Krankenpflegeschülerin werden ihn mit dem Bus dorthin fahren. Morgen müssen wir wieder nach ihm schauen. Ich hoffe, Axel überlegt sich allmählich auch, die Hilfe der Sozialarbeiter anzunehmen! Nur so kann es für ihn Aussicht auf “Normalität”, regelmäßige Bezüge und vor allem kontinuierliche Gesundheitsfürsorge geben. Aber vermutlich denkt Axel darüber ganz anders als ich.
Hilflose Helfer
Mittwoch, 04. März 2009Wenig “erfolgreich” verläuft meine Begegnung mit einem Slowaken. Wie gewöhnlich taucht er irgendwann am Vormittag im Warteraum auf. Ein unangenehmer Duft umgibt ihn, seine Kleidung ist zerschlissen, doch das hält Herrn X. nicht von seinem Ritual ab: Eine, zwei, drei Tassen Kaffee mit viel Zucker sind sein normales Pensum. Dabei sitzt er und studiert die Tageszeitung. Für mich unklar, ob er versteht, was er da liest?
Heute will Pawel nur “etwas für den Hals und sein entzündetes Auge”. Und wie gewohnt erklärt er mir in angespanntem, aggressivem Ton, dass er nicht Herr X. sei, sondern…? Aber was dann folgt, verstehe ich leider auch nicht! So bleibt es wieder einmal bei einer Randbegegnung mit diesem offensichtlich schizophrenen Gast. In vielen Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe hat er bereits ein Hausverbot, weil er oft ungehalten und bedrohlich wird. Eine Helferkonferenz in zehn Tagen soll uns hilflosen Helfern eine Richtung weisen, wie wir besser mit Pawel umgehen können. Mal sehen.
Diesen Nachmittag tauchen noch Renate (42), Gisela (81) und Frau P. (71) auf. Während Renate mir erklärt, dass ihre Erkältung nun wirklich “fertig ist” und sie nur “ein Bad für die Finger” brauche, ist Frau P. nach acht Jahren zum ersten Mal wieder hier. Sie hat inzwischen eine Wohnung in Höchst: “Dort kann ich aber nicht wohnen, die kommen da immer rein, ohne mich zu fragen. Und gestohlen haben sie mir meine Sachen auch!” Also folgte sie ihrer Logik und lebt nun auf der Straße.
Was mit ihrer Rente ist, will ich wissen: “Weiß ich nicht!”, lautet die knappe Antwort. Und dann zeigt sie ihre stark geschwollenen und entzündeten Beine und fügt hinzu: “Ich kann bald nicht mehr laufen, hab’ Angst, das geht noch bis zum Herzen!” Offensichtlich ist ihr Leidensdruck groß genug, dass sie heute – nach Jahren – eine Behandlung zulässt. Mal sehen, ob sie unserem Rat folgt und morgen wiederkommt? Da ist noch mehr “zu behandeln”!


