SigridH
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Autorenarchiv : SigridH

Die Leere aus meinem Körper bekommen

Montag, 11. Mai 2009

Hallo an alle da “draußen “. Vielen Dank für eure netten Kommentare, irgendwie sind sie für mich wichtig geworden. Ich finde es ganz toll, dass sich immer mehr Menschen dafür interessieren und sich äußern.

Ich hatte in der letzten Woche ein Interview mit der Tageszeitung unserer Stadt, am Samstag kam der Artikel in die Zeitung. Die Reportage ist gut geschrieben. Danke nochmals an diese Zeitung, dass sie so nett waren, uns zu helfen, um auf diese Webseite aufmerksam zu werden.

Meine Gedanken sind seither wie in Watte gepackt. Ich weiß, dass viele Menschen es nicht verstehen werden, dass ich mein Leben in die öffentlichkeit stelle. Es ist mir absolut nicht leicht gefallen und ich muss auch mit negativer Kritik rechnen. Aber wenn ich nichts mache und nur zuschaue, was in und mit unseren Staat passiert, dann könnte ich nur kotzen. Viele Menschen können mit Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben nichts anfangen. Sie meinen, wenn derjenige, der abhängig ist, in eine Therapie geht und hinterher arbeitet, dann ist er geheilt. Wer keine Arbeit oder Schulden hat, der ist selber Schuld.

Wer obdachlos ist, hat die Arschkarte sowieso und ist Abschaum. So what? Viele merken allerdings, wie schnell man in die Hartz-IV-Falle kommt. Der Abstieg kommt dann ziemlich schnell. Selbst wenn man verantwortlich ist für sein Leben und es läuft nicht alles “rund”, so sind wir ein Teil dieses Staates und ich möchte nicht eines Tages in meinen Bett liegen und denken “das war es”. Ich finde, selbst wenn ich es mir nicht leicht gemacht habe im Leben, so habe ich trotz allem schon viel für mich und meine Kids erreicht. Und auch wenn ich im Rollstuhl sitze, möchte ich noch viel mehr lernen vom Leben ohne Drogen und Abhängigkeit, mich selber kennen lernen und wieder lernen zu “fühlen”, einfach nur die Leere aus meinen Körper zu bekommen.

Wir sind nicht der Abschaum der Gesellschaft

Freitag, 08. Mai 2009

Hallo ihr Lieben da draußen, habe lange nicht geschrieben. Weiß gar nicht, wo ich ansetzen soll. Also einen Tag nach der Konfirmation habe ich von einer Bekleidungskette Gutscheine geschenkt bekommen, man kann sich gar nicht vorstellen, wie wir uns gefreut haben – besonders die Kleinen haben sich tierisch darüber gefreut. Sollte zwar ein Geschenk zur Konfirmation sein, aber als der Brief erst danach ankam, konnten wir uns neue Sommersachen usw. anschaffen. Ich danke meinen Engeln und Gott dafür und besonders diese nette Firma.

In unserer Tageszeitung wird diese Webseite mit den Tagebüchern vorgestellt und ich durfte mein Leben schildern, bin gespannt wie dieser Artikel wird. Ich kann mich immer nur wiederholen: Seid nicht still, sagt eure Meinung und kämpft für euch, für andere und für einen gerechteren Staat. Wir, die am Rande der Gesellschaft leben, sind kein Abschaum! Und auch wenn viele Politiker es gerne anders hätten: Wir können denken!

Gerade war mein Arzt bei mir und ich habe wieder eine Eisenspritze bekommen, meine Werte sind im Keller. Deshalb fühle ich mich an manchen Tagen auch so kaputt, dass ich das Gefühl habe, mir saugt jemand meine Kraft, mein Leben aus. Die Gespräche mit ihm sind sehr inspirierend und geben mir zusätzlichen Mut weiter zu machen. Habe schon einen tollen Doc …

Bei uns ist dieses Wochenende Kirmes, aber ohne Moos nichts los. Nur der Kleinste geht dort hin, denn bei uns gibt es Bummelpässe, das sind Pässe wo es Vergünstigungen gibt. So, ich wünsche allen ein superschönes Wochenende.

Endlich frei! Ich habe keine Angst mehr zu versagen

Dienstag, 28. April 2009

Kann mal wieder nicht schlafen, meine Arthrose in meinen Knochen macht mir zu schaffen. Wir haben es jetzt 23:42 Uhr. Gestern haben wir die Konfirmation hinter uns gebracht und das gar nicht mal so schlecht, wie ich finde. Mein Sohn hat sich gestern oft bedankt, er meinte, es wäre ein schöner Tag gewesen. Der Gottesdienst war super gestaltet, eine lockere Predigt, die mich zum Nachdenken brachte. Kein Streit mit der Verwandtschaft (ihr müsst wissen, ich bin mit so viel Streit und Suchtproblemen groß geworden), super Wetter, und – wenn auch mit ganz kleinen Pannen- es war das erste Fest, wo ich war wie ich bin. Ohne dass ich mich vor meiner Familie rechtfertigen musste. Ich habe mein Ding durchgezogen, und wenn ich auch kein Geld für neue Klamotten hatte, ich bin glücklich.
Vor Jahren wäre ich nicht mit Motorradstiefeln zur Kirche erschienen, aber Moma hat sie mir geputzt und meine Söhne meinten, ich sähe cool aus. Eigentlich habe ich, wenn auch mit kleinen Hilfen, (an dieser Stelle danke ich denen, die mir mit ihren Spenden und anderen Dingen geholfen haben) es gut hinbekommen, und das im Rollstuhl. Am späten Nachmittag löste sich unsere kleine Feier auf, nur Momas Freunde hielten die Stange.

Als ich auch zur Ruhe kam, war ich so geschafft und mein Körper schmerzte, aber irgendetwas war mit mir nach diesem Tag passiert. Vielleicht muss ich noch viel lernen, mich neu kennen lernen. Ich hatte vor der Feier so eine Angst, dass ich es nicht schaffe, dass meine Verwandtschaft wieder lästert, ich es ihnen nicht recht machen kann, ich meinem Sohn nicht die Feier geben kann, die er sich wünscht.
Aber was ich nie für möglich gehalten habe, ich fühle mich zum ersten Mal frei. Mich treibt keine Angst mehr, dass ich versage, dass ich um Liebe bei meinen Eltern und Geschwistern betteln muss. Ich habe viel erkannt in der letzten Zeit, und nun sollte ich lernen mit und in meiner jetzigen Situation klar zu kommen und vor allem meine Behinderung zu akzeptieren. Es wird immer wieder Rückschläge in meinem Leben geben und vielleicht werde ich noch oft unruhig sein, aber ich glaube ich fange noch mal mit “Vertrauen und Glauben” an. Danke, lieber Gott, dass es doch immer wieder weiter geht. Und danke nochmals an diese Menschen, die an mich glaubten und die mir bzw. uns so nett geholfen haben, egal ob mit Worten oder Taten.

Im Kampf gegen die Armut

Freitag, 24. April 2009

Hallo an alle da draußen, die sich für diese Seite interessieren. Habe diese Woche ein wenig gebummelt mein Tagebuch zu schreiben. Mir geht es im Moment gar nicht gut. Meine Schmerzen (habe heute eine Spritze bekommen) sind diese Woche besonders schlimm und meine Depressionen kamen durch. An manchen Tagen denke ich: Als ich abhängig war, konnte ich so einen Mist besser ertragen. Aber dann erinnere ich mich auch gleichzeitig daran, wie es ist im Drogensumpf unterzugehen. Also, es hilft ja nichts. Ich muss da nüchtern durch… für mich.

Habe euch bei meinem letzten Eintrag erzählt, dass Moma Konfirmation hat. Das sollte ein schönes und wichtiges Ereignis in seinem Leben sein. Wie immer in meinem Leben geht auch dieses Ereignis nicht ohne Kampf vonstatten. Letzte und vorletzte Woche habe ich viele Unternehmen angeschrieben mit der Bitte um Hilfe. Bisher kamen nur Absagen oder gar keine Antworten. Es sind zu viele, denen es schlecht geht.

Schade, aber ich werde weiter kämpfen für ein besseres Leben für meine Kinder und für mich. Jetzt erst recht. Ich möchte euch ans Herz legen, lasst euch nicht entmutigen, sagt eure Meinung und kämpft mit anderen gegen die Armut. Was sagte ich noch vor Kurzem? Die Politiker wollen es nicht sehen, wie es in Deutschland und der Welt aussieht und was ist diese Woche? Erst jetzt kommt man dahinter. Ist doch lächerlich!

Wir Deutschen sind ja ein geduldiges Volk. Warten ab, bis es knallt und selbst dann warten wir noch ab. Die Regierung macht Schulden ohne Ende, und alles bleibt auf der Strecke. Die nächsten Jahre werden sehr hart werden. Ich möchte auch gerne Diäten erhalten, schade dass ich so blöd war und nur Alterpflegerin und Sekretärin war. Hätte in die Politik gehen sollen, denn die bekommen schon nach sechs Monaten eine Pension, wenn sie arbeitslos werden. Und die sehen ganz anders aus als meine Rente …

Hilfe, kann es noch viel tiefer gehen?

Donnerstag, 16. April 2009

Ich kann nicht schlafen und versuche mich mit Schreiben abzulenken. Das Tagebuch ist mir wichtig geworden und in der “Stille der Nacht” gehen mir so viele Gedanken durch den Kopf. Fast schon zu viele, mir geht es nicht so gut! Ich erzähle erst mal meinen weiteren Tagesablauf, vielleicht kann mich jemand verstehen oder hat die gleichen Gefühle auch schon mal erlebt.

Nachdem ich es geschafft habe, einem Frisörtermin (als Model) zu bekommen, habe ich mich nur kurz gefreut. Bin danach nochmals spazieren gefahren mit dem Rollstuhl. Wir wohnen am Stadtrand, da kann ich noch die Natur genießen. Selbst der Abend war schön und doch … Das Fernsehen interessiert mich auch nicht.
Spüre einen Druck in meiner Brust …einfach beklemmend. Ich weiß warum, und kann doch mein schlechtes Gefühl nicht abstellen. Durch meine Therapien habe ich gelernt, herauszufinden, warum es mir selbst in guten Situationen doch nicht gut geht.

In meinem ganzen beschissenen Leben musste ich trotz Beziehungen oder Ehen, Sucht, Kids, etc. immer alleine klar kommen. Leute mit meinem Sternzeichen Wassermann – Ratte sind meistens Einzelkämpfer. Bis zur Sekretärin habe ich mich hochgearbeitet, die Schulden waren noch überschaubar und dann wird man krank, sodass man nicht mehr arbeiten gehen kann. Mein Exmann spielt seit der Trennung mit den Unterhaltsgeldern (er schuldet mir jetzt noch sehr viel Geld).

Und jetzt schaffe ich es einfach nicht mehr alleine. Ich fühle mich so hilflos, so allein gelassen. Ich weiß im Moment nicht damit umzugehen, dass ich solche Schritte gehen muss. Habe in der Form noch nie um Hilfe gebeten. Ich habe immer hart im Leben gearbeitet und jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als um Hilfe zu bitten. Und das Schlimmste für mich, ich muss es einfach machen, denn ich weiß, wenn ich es nicht mache, dann werden wir ziemlich bald untergehen. Und meine ängste steigen, dass es keine Hilfe geben wird. Mein Gott, und was mache ich dann? Wo geht unser weiterer Weg hin, kann es noch viel tiefer gehen?

Versuche es doch noch mal aufs Neue und schäle mich aus meinem Rollstuhl. Höre noch ein wenig Musik. Peter Fox “Alles neu” passt sogar …

Wer fragt, gewinnt

Mittwoch, 15. April 2009

Der letzte Ferientag bei uns in Niedersachsen, der geregelte Alltag beginnt morgen wieder. Mein “Kleinster” hatte nicht viel von den Ferien. Ohne Geld kann man nichts machen, noch nicht mal für einen Kinobesuch hat es gereicht. So etwas gab es bei mir vor vier bis fünf Jahren nicht. Wie sich das mit der Zeit verändern kann. Wenigstens hat Moma etwas von den Ferien gehabt.

Was kann ich machen? Heute Nachmittag war ich bei Bella, meiner Krankengymnastin. Man kommt zwar mit Schmerzen wieder raus, aber nach einigen Stunden und etwas Muskelkater geht es wieder für zwei bis drei Tage. Super, ich durfte wieder unter die Sonnenbank, dann habe ich einige Minuten, die ich sooooo genieße. Ich krabbele da zwar rauf und runter, aber dafür mache ich es gerne.
Heute Nacht konnte ich nur kurz schlafen, denn meine Knochen taten so doll weh, irgendwann bekommt man auch als Schmerzpatientin zu viel. Das kann sich keiner vorstellen und das wünsche ich keinem. Die Nächte verbringe ich entweder vor dem Fernseher um mich abzulenken, mit Lesen, oder ich denke nach. Ich muss halt nur aufpassen, dass ich nicht zu viel nachdenke und in Depressionen verfalle.
Da habe ich manchmal auch gute Ideen, wie ich mich aus dieser Lage befreien kann. In zwei Wochen hat Moma Konfirmation und ich weiß immer noch nicht, wie ich ihm eine kleine Feier geben kann, denn meine Gelder reichen wieder nur bis Ende nächster Woche und das ohne eine Feier.
Heute Nacht kam mir eine Idee, wie ich zu einem Frisörbesuch kommen kann. Nach der Physio bin ich zu einem tollen Frisör gefahren (dort war ich vor Jahren selber Kundin), habe denen meine Situation geschildert und gefragt, ob Sie noch ein Model brauchen. SUPER!!! Es hat geklappt. Nächste Woche habe ich einen Termin und eine Sorge weniger. Also Leute traut euch: Fragen kostet nichts und manchmal gibt es noch Menschen, die wirklich helfen und Modelle werden immer gesucht. Auch wenn es die Lehrlinge machen, keine Angst, denn sie müssen schließlich auch lernen.

Also an euch da draußen: Gebt das Kämpfen nicht auf, liebe Grüße Sigrid