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Autorenarchiv : LutzS

Die teuflischen Hörner des Alkohols

Freitag, 26. Juni 2009

Ein Sommerabend in der Entgiftungsstation der Uniklinik in Rostock. Zwanzig Patienten finden sich mehr oder weniger freiwillig zur Informationsrunde im Speisesaal ein.
Mich interessieren diese Patienten. Meine öffentlichkeitsarbeit für die Selbsthilfegruppen ist jedes Mal auch eine neue Erfahrung für mich. Diesmal traf ich auf eher unmotivierte Patienten.

Ja, der Sommerabend. Ich war auch im Sommer zur Entgiftung. Meistens war ich in mich gekehrt, still im Schatten des Hauses zu finden. Den Gedanken nachhängend, was in diesem Augenblick wohl zu Hause passiert. Wie gern ich jetzt da wäre …

Ich gab den Patienten gestern einen Einblick in meine Erinnerung. Sie haben gehört, was gerade in vielen von ihnen vorging und wir kamen ins Gespräch. Ich war erschrocken über die hohe Zahl von jungen Leuten. Zwar ist es in den Statistiken schon deutlich sichtbar, und in den Medien unüberhörbar, dass der Alkohol immer mehr die Jugend vereinnahmt – aber in dieser Gegenüberstellung der teilweise noch leeren Blicke meiner Gesprächspartner hat mir der Alkohol noch einmal die Glut in seinen teuflischen Hörnern gezeigt.

Auch wenn in der nahenden Urlaubssaison die Fachkräfte in Beratungsstellen und Kliniken ihren wohlverdienten und sehr wohl auch notwendigen Urlaub erhalten und aus gleichem Grunde die ein oder andere Selbsthilfegruppe nicht so gut besucht ist wie sonst im Jahr, das gemeinsam gespannte Netzwerk bekommt sicher wieder viel zu tun – in der Hochsaison der sommerlichen Emotionen.

Gruß
Lutz

Wie Alltägliches zur großen Freude wird

Dienstag, 23. Juni 2009

An einem Stand auf dem Kirchentag in Bremen gab es Postkarten zum direkten Versand. Die jungen Betreuer des Standes erzählten mir am Wochenende von dieser Aktion. über 2000 Postkarten wurden verschickt. Die kurzen Worte waren Grußbotschaften nach Hause zu den Eltern, Großeltern, Kindern, Geschwistern, Freunden.

Ich kann mich gut daran erinnern wenn meine Oma sich aufmachte ihre Post aus dem Kasten zu holen. Wenn dann ein Brief oder eine Karte von mir darin war, dann hat sie ihre Rituale gehabt. Nachmittags hat sie sich eine Tasse Kaffee bereitet um dann die Karte hervorzuholen und zu lesen. Oma freute sich über diese Verbindung zu mir. Oft spielten ihre alten Hände mit der Karte noch eine ganze Weile während die Erinnerungen durch ihren Kopf zogen. Am Sonntag hat meine Tochter drei Karten gekauft um sie an Omi und Uromi zu schicken.

Als wir darüber sprachen fragte meine Tochter nach dem Spruch über der Wohnungstür von der inzwischen verstorbenen Uroma aus Niedersachsen. “Wer sich nicht jeden Tag selbst überwindet – dem ist die Lehre Gottes nicht eingegangen.” Aufstehen, und tun was getan werden muss. Da sein für die, die uns brauchen. Bescheidenheit war eine große Stärke meiner Oma. Ich habe lange gebraucht um zu erkennen, dass durch diese Haltung die kleinen Dinge des Alltags zu großen Freuden werden können. Danke Oma.

Herzlichst
Lutz

Du bist ja nie erreichbar

Dienstag, 16. Juni 2009

So vieles habe ich zu schreiben. Mittendrin im Upload von neuen Informationen auf meiner Homepage versagte das DSL den Dienst. Störung! Ein paar Tage hat es gedauert, ungeachtet dessen lief die Arbeit mit der Selbsthilfe weiter. Nun bin ich wieder online.

Natürlich habe ich mir Gedanken gemacht, wie viel Online ist eigentlich erforderlich um sich uneingeschränkt zu fühlen. Manchmal beunruhigt es mich, wenn ich telefonieren kann. Wegen Notarzt und Polizei und so. Aber alles andere ist hin und wieder ein amüsanter Zustand. Während ich die Leute toben sehe und voller Unruhe immer hektischer in ihren Bemühungen bloß wieder mit der Welt verbunden zu sein, genieße ich die Stille. So ist der Computer ein wahrlich interessantes Instrument um Gedanken zu verbreiten, wenn er aus ist – ist er aus.
Auch mein Handy kennt meine Gelassenheit, wenn der Akku mal wieder leer ist. Manchmal ist es mein Akku, manchmal ist es der vom Funktelefon. Ich lade es dann sorgsam auf und habe zuweilen ein wenig Angst, wenn es dann wieder klingelt. Oft ist dann jemand dran, der vor dem ersten Grußwort erstmal einen niederschmetternden Vorwurf loswerden muss. “Du bist ja nie erreichbar!” Ich staune, fühle mich verletzt und denke so bei mir: “Wenn Du wüsstest WIE SEHR ich erreichbar bin.”

Liebe Grüße aus der Offline-Zeit
Lutz

Ich will, dass es aufhört

Montag, 25. Mai 2009

Immer wieder komme ich an einen Punkt, an dem mich bestimmte Bilder in meinem Kopf stören. Diese “Baustelle” kenne ich schon seit Jahren. Nichts, was ich nicht schon versucht hätte, damit das vorbeigeht. Zulassen, einordnen, als einen Teil von mir akzeptieren, … Es gibt so manchen Ansatz – die für mich beruhigende Lösung habe ich noch nicht gefunden. Die Bilder beschreiben immer wieder das Horrorszenario aus meinem frühen Leben. Der Umgang mit ihnen ist mir ein Greul.

Am Wochenende kam wieder so ein Schub. An diesem Wochenende hätten meine Eltern Geburtstag gehabt. Es war der Gang am Kalender in der Küche vorbei zum Garten. Ein wenig Ruhe am Nachmittag, und plötzlich begann die innere Vorführung von ganz allein. Ich spreche oft über diese Problematik mit einer Vertrauensperson. Diese Frau (eine Suchttherapeutin) geht manchmal ungewöhnliche Wege mit mir, um diesen Bildern das Störende zu nehmen. Sie hat bis hierher einen Weg mit mir gefunden den ich gehen kann, ohne vor mir und dem, was da in mir geschieht, davonzulaufen. Alles im Griff? Eher nicht, denn ich will das es aufhört!

Liebe Grüße
Lutz

Hoch die Tassen am Vatertag

Freitag, 22. Mai 2009

©  Sebastian Corneanu - Fotolia.comAm Feiertag war ein Ausritt geplant. Ich war für die Versorgung der Reiter vorgesehen. An unserem Treffpunkt führte mein Weg durch große Menschenmengen, die sich an diesem beliebten Ausflugziel aufhielten. Meine Reiter waren schon auf dem Rückweg und so hatte ich Zeit, mich im Sinne meines trockenen Lebens noch ein bisschen umzusehen. Ich war erschrocken über die Vielzahl betrunkener Frauen. War denn heute nicht Vatertag? Herrentag? Und überhaupt: Himmelfahrt?

Die Gruppen der Jugendlichen feierten irgendwie “wer grillt am lautesten”, die Radfahrergruppen mussten immer irgendwelche Kommentare austauschen die man wahrscheinlich noch im nächsten Dorf hören konnte, und dann diese Menge von Frauen die da lallend umhertanzten und wildfremde Menschen in ihren Tanz einbeziehen wollten. Oder sie saßen an langen Tischen und prosteten sich lautstark zu, als würden sie zeigen wollen, dass sie das mindestens so gut könnten wie ihre Männer.

Mir wird schnell klar, dass es immer schon so gewesen ist. Früher habe ich nichts davon mitbekommen, heute scheint es eine verdrehte Welt. Dabei hat sich das meiste wohl in mir gedreht. Ich bin – glaube ich – zu sehr Eisblume, als dass ich im Mai mittanzen wollte.

Schmunzelnd zog ich von dannen, schweigend und ein wenig neidisch!
Liebe Grüße

Lutz

Der Glaube an die Veränderung

Donnerstag, 21. Mai 2009

Mittwoch gegen 19 Uhr. Ich bin auf einer Entgiftungsstation im Uniklinikum, und stelle unsere Selbsthilfegruppe vor. Jemand in der hinteren Ecke macht mit einer lässigen Bemerkung auf sich aufmerksam. Er schätze, 20 Minuten würden dafür reichen. Doch er täuscht sich.

Eine Stunde und fünf Minuten später ist der Mann immer noch im Gespräch mit mir. Zwischendurch ist einiges passiert im Speisesaal der Station. Ich glaube an Veränderung und habe nicht ohne Hintergedanken diesen Glauben auch zum Namen für unsere Selbsthilfegruppe gemacht. SHG-GLaVER steht für GLAUBE an VERäNDERUNG.

Die 15 Teilnehmer haben mir mit ihrer Körpersprache und dem Ausdruck in ihren Augen von Minute zu Minute mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Besonders die Berichte über meine Sucht fanden hohe Aufmerksamkeit. Da kommt jemand, einer der wie wir hier gesessen hat, und der erzählt, wie es ihm ergangen ist. Wie er die Sucht angenommen hat und mitgebracht hat in das Jetzt und Hier! Von diesem Moment an hatte ich das Gefühl, dass die Selbsthilfegruppe in den Köpfen der Teilnehmer an Akzeptanz gewann. Ich fühlte mich verstanden. Mein Job als Botschafter im Ehrenamt war – für heute – erledigt. Ich begegnete den Menschen auf Augenhöhe und konnte spüren: Sie wollten auch nur verstanden werden.

Liebe Grüße Lutz