Keller
Keller
Keller
Keller
Keller

Autorenarchiv : Keller

Der Empfang im Gefängnis war entwürdigend

Donnerstag, 29. Januar 2009

Hatte gestern einen Anruf von einer ehemaligen Mitgefangenen: Es geht ihr echt miserabel… Sie war vergangene Woche auf einer Beerdigung und nun bekommt sie Paranoia, wenn sie alleine ist. Richtige depressive Anfälle in übelster Form! Sie muss starke Tabletten einnehmen, um die Angstanfälle irgendwie kontrollieren zu können. Wahrscheinlich kommen unverarbeitete Erlebnisse hoch, denke ich mir. Ich hab ihr lange zugehört und Mut zugesprochen. Doch wirklich helfen kann sie sich nur selbst. Ich weiß was das bedeutet!
Ich erinnere mich noch sehr gut an die Zeit im Gefängnis: An den Empfang dort, von zwei Beamtinnen, die mich abschätzend musterten. Ich musste mich ausziehen und alles was ich bei mir trug, wurde durchsucht und abgegeben. Nicht mal mein Labello durfte mit rein. Dann das volle Programm: splitterfasernackt Kniebeugen, Fußsohle zeigen, Zunge heraus, Haare nach vorn… Ich habe das als absolut entwürdigend empfunden. Dann die Kleidung: blaue Arbeitshose mit Wasserstand, Riss am Po und drei Nummern zu groß, grobe derbe Arbeitsschuhe, grün kariertes Hemd und Unterhose (Marke Oma).
Wenn einem bis dorthin nicht die Spucke wegblieb, dann spätestens nach der großen und kleinen Blechschüssel, die man zur Nahrungsaufnahme bekommt. Also ein Schnitzel passt da nicht hinein, sage ich euch. Doch das gibt es ja eh nur alle heilige Zeit. Ich erinnere mich mehr an Karotten und Erbsen zusammengematscht und als Gemüse oder Eintopf deklariert.
Die Wege im Gefängnis sind etwas, was man sich einfach nicht vorstellen kann, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Mauern, Gitter, Stacheldraht und ewig lange trostlose Gänge, Treppenhäuser und wieder Gänge, doch wirklich alle paar Meter heißt es: anhalten und warten bis die Beamtin die Türe auf- und dann wieder zusperrt. Warten und immer wieder warten, nichts selbständig tun können und angewiesen auf andere sein. Warten bis wieder der Schlüssel klappert… Man ist nichts wert, nur irgendein Gefangener.

Warum sind alle so seltsam zu mir?

Donnerstag, 22. Januar 2009

Ich komme gar nicht wirklich zur Ruhe. Immer will noch etwas erledigt werden: Kisten ausräumen, den Inhalt verstauen, Termine wahrnehmen, Formulare ausfüllen und so fort. Spätabends falle ich todmüde ins Bett und kann dann doch nicht einschlafen! Was wird noch alles gebraucht oder ist wichtig? Die Geschehnisse der letzten Zeit passieren nochmals in meinem Kopf Revue. Es ist so viel auf einmal geschehen, nach der Starre in den letzten zwei Jahren.
Doch irgendwie sind die Menschen so seltsam zu mir! (Vielleicht bin ja ich seltsam geworden?) Es ist so ein gefühlter Abstand, ich kann es schwer erklären. Vielleicht wissen sie nicht recht, wie sie mit mir umgehen sollen? Ist es für sie schwer, mich nach dem Gefängnis zu fragen? Wollen sie mit mir nun nichts mehr zu tun haben?
Auch die Kinder benehmen sich für mich völlig unerwartet. Früher war ich die Bezugsperson und erste Adresse für alles und nun – ich werde gar nicht mehr gebraucht – ich fühle mich so nutzlos und sinnentleert. Keiner will etwas von mir wissen! Zwar können sie von ihrem Leben erzählen, doch hab ich so viel verpasst…! Das stimmt mich etwas traurig: Wahrscheinlich muss ich jetzt einfach Geduld haben, bis wir uns wieder aneinander gewöhnt haben.
Den kleinsten meiner vier Söhne, den fünfjährigen Benny, habe ich seit meiner Inhaftierung nicht mehr gesehen. Ich habe echt Hemmungen, gar Angst vor der ersten Begegnung. Schlimm für eine Mutter! Wie wird nur alles werden? Eine halbe Nacht verbringe ich im Bett mit hin und her wälzen, dann schlafe ich doch noch ein und träume – von einem ganz normalen Leben!

War alles so einfach, im Knast…

Donnerstag, 15. Januar 2009

Nun sitze ich hier und mach’ mir Sorgen über den neuen Start ins Leben. Wie soll ich wohl den Umzug bezahlen? Ganz zu schweigen von der Kaution! Ist von unserem alten Hausrat noch etwas vorhanden oder zu gebrauchen? Das Geld langt hinten und vorne nicht… Was werden wir essen? Ich beschließe, nun nicht zu verzweifeln, nach allem was jetzt schon hinter mir liegt. Einfach Schritt für Schritt vorgehen, ist wohl am sinnvollsten.
Ich werde mich darum bemühen, bei der Tafel Essensmarken zu bekommen, damit mein Sohn nicht hungern muss. Herumfragen, wer mir beim Umzug helfen kann. Einen Termin vereinbaren, um die Möbel und Sachen aus dem Keller zu holen. Vielleicht bekomme ich ja bei irgendeiner Stelle ein wenig Unterstützung für Kaution und die nötigsten Wohnutensilien…
Im Sozialamt sitzt alles voll. Der Beamte ist nicht an seinem Platz. Als er endlich wiederkommt, brummt er schlecht gelaunt die Wartenden an. Endlich an der Reihe, will er von einem Termin mit mir nichts gewusst haben und meint, er kann mir sowieso nicht helfen. Wieder einmal kommt mir meine Betreuerin zur Hilfe. Durch ihre Unterstützung erhalte ich doch noch das erforderliche Papier. Von der Straffälligenhilfe der JVA wird die Kaution der Wohnung vorgestreckt. Für den Umzug erhalte ich eine Spende beim SKF. Sogar der Bewährungshelfer lässt sich nicht lumpen, er übergibt mir einen kleinen Betrag für Hausrat. Auch Gutscheine für die Tafel habe ich in meiner Tasche, falls uns das Geld ausgeht!
Einen Umzugswagen ohne Kreditkarte auszuleihen, erweist sich als schwierig. Letztendlich finden wir eine Leihwagenfirma, bei der es auch heute noch möglich ist, einen Transporter gegen Bargeld auszuleihen. Zum Tragen haben meine beiden großen Söhne einen ganzen Trupp Freunde mitgebracht. Auch ein Fremder bietet freundlich seine Hilfe an. Innerhalb weniger Stunden laden wir an verschiedenen Stellen all die überreste der alten Wohnung auf und schleppen sie bis in den vierten Stock.
Die Möbel sind aufgebaut. Die wichtigsten Dinge sind noch vorhanden. Ich kann es kaum glauben: Innerhalb kürzester Zeit besitze ich nun wieder eine eigene Wohnung – nach so langer Zeit im Gefängnis! Doch immer wenn ich in den Hof blicke, erinnere ich mich zurück: Ringsherum Miethäuser, Wohnung über Wohnung, Zelle für Zelle.

Jemand aus dem Knast wollen die nicht

Dienstag, 13. Januar 2009

Einfach bei meinem geschiedenen Mann leben, der mich aufnehmen würde? Nein – es gab Gründe für die Trennung – auch heute noch! Die beiden kleinen Kinder sind beim Papa gut aufgehoben, da werde ich sie nicht herausreißen. Aber die beiden Großen sind im Heim. Ihr Vater verunglückte tödlich, als sie noch Kleinkinder waren. Kai wird nächsten Monat 18 Jahre alt. Er möchte sich eine eigene Wohnung suchen. Aber Kevin will wieder bei mir leben, obwohl ihm das Jugendamt freigestellt hat, schon mit 17 Jahren eine eigene Wohnung anmieten zu können. Allerdings ist es gar nicht so leicht, eine Wohnung zu finden!
Die meisten Wohnungsangebote in der Zeitung sind viel zu teuer, zu weit weg oder vom Makler. Bei den wenigen Wohnungen, die ich mir ansehe werden im Viertel-Stunden-Takt Interessenten hereingeführt. Ich habe schon alle gemeinnützigen Wohnungsbauträger und Hausverwaltungen angeschrieben und stapelweise Anmeldeformulare ausgefüllt. Auch Zettel habe ich ausgehängt: “Suche Wohnung…” Nun stehe ich in einer Wohnbaugenossenschaft um eine Wohnung anzumieten. Auch einen Wohnberechtigungsschein habe ich teuer bei der Stadtverwaltung erworben. Doch als meine Daten in den PC eingegeben werden, kommt heraus, dass ich Privatinsolvenz eröffnet habe und ich versuche zu erklären, warum. Nein, jemanden aus dem Knast wollen die nicht haben!
Doch meine Anstrengungen werden belohnt, wieder einmal bekomme ich Hilfe von oben. Meine soziale Betreuerin aus der Frauenwohnung bekommt ein Wohnangebot und gibt es an mich weiter. Eine hübsche Dachgeschoss-Wohnung mit drei Zimmern, mitten in der Stadt. Gott, bin ich glücklich!

Ich fühle mich kahl wie die Bäume im Winter

Mittwoch, 07. Januar 2009

Mir ist kalt, es schneit. Meine ersten Schneeflocken in der zurückgewonnenen Freiheit! Ich ziehe den Mantel enger um meinen Körper, während ich langsam durch die Dunkelheit des Stadtparks streife und den bitter kalten Nordwind durch die Kleidung hindurch spüre. So kahl wie die Bäume ohne Blätter fühle ich mich.
Gestern noch hinter Gittern der matschige Eintopf aus der Blechschüssel und heute? Was erwarten die nun von mir, die Behörden und ämter? Berge von Formularen und Anträgen warten irgendwo darauf, von mir ausgefüllt zu werden. Dutzende Beamte, die mich verachtend ansehen, weil ich aus dem Gefängnis komme. Werde ich das durchstehen, ohne dass gleich wieder etwas falsch läuft?
Das Zimmer im Frauenhaus ist nicht für die Dauer gedacht. Wie komme ich wieder zu einer Wohnung? Wollen die Kinder überhaupt wieder bei mir leben? Wie wird der Kontakt zu ihnen sein? Was wird noch von unseren Möbeln, Hausrat und Kleidung übrig sein? Wie finde ich einen Job, um das neue Leben zu bezahlen? Der Schnee leuchtet auf dem Weg und bedeckt die kahlen äste. Die Mondsichel scheint durch die äste. Das gibt mir ein wenig Mut zum Weitergehen.