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Autorenarchiv : Goetzens

Ich brauche Geborgenheit

Montag, 30. März 2009

“Ich brauche kein Tavor, ich brauche Geborgenheit, ich brauche keine Psychiatrie, ich brauche eine Familie”, schreit es mich in fetten Lettern an, als ich am Morgen meine E-Mails abrufe. Rosi ist eine von denen, die nicht mehr in die Ambulanz kommen. Vor einem Jahr brach sie den Kontakt ab, zog einfach weg von Frankfurt. Die Monate zuvor waren von Sorge und Hektik bestimmt: Rosi versuchte mehrfach, sich das Leben zu nehmen! Vor wenigen Wochen nahm sie nun den Kontakt per Internet wieder auf. Ich bin erleichtert: Sie lebt noch! Aber wo und wie?

Ihr Hilfeschrei per Mail stimmt mich nachdenklich: Was brauchen die Menschen, die unsere Hilfe suchen, wirklich? Was heißt es, auf ihre Nöte zu reagieren? Und wer definiert in der Regel ihre Bedürfnisse und Nöte?

Im medizinischen Regelsystem zählt oft nur das Symptom, das ein Kranker oder eine Kranke bietet: das gebrochene Bein, die infizierte Wunde, die Lungenentzündung. Entsprechend fällt die Behandlung dann auch aus: Gips, Wundverband, Antibiotikum. Doch wer beachtet die besondere Lebenslage von Menschen wie Rosi?

Wer weiß, was es heißt, abends oder tagsüber keinen geschützten Raum zu haben, ein Ort, in dem einfach Ausruhen, Beinhochlagern oder Körperpflege und Hygiene möglich sind? Und was nützt dem Alkoholiker die zehntägige Entgiftung, wenn er sich anschließend wieder im Kreis alter Weggefährten wieder findet, deren Abstinenz schon lange her ist oder momentan undenkbar erscheint? Tagesstrukturierende Maßnahmen, Hilfestellungen bei den vielfältigen Behördengängen, die oft Frust und damit erhöhten Saufdruck bedeuten, können nicht auf Rezept verordnet werden.

Rosi, die ihr Bedürfnis nach Geborgenheit und Familie per E-Mail verschickt, erhielt psychiatrische Hilfe immer nur dann, wenn sie wieder einmal notfallmäßig in die Klinik eingeliefert wurde. Eine nachgehende Psychiatrie gab es für sie nicht und die Ansätze einer Gehstruktur sind nicht nur in diesem Fachbereich noch sehr bruchstückhaft.

Was braucht ein kranker Mensch in Wohnungsnot wirklich, um gesund werden zu können? Sicher keine strukturellen Hürden wie Praxisgebühren, Anträge, aus denen sein Mangel, kaum aber seine noch vorhandenen Ressourcen hervorgehen oder Kürzungen des Sozialgeldes, weil Termine und Auflagen nicht eingehalten werden konnten.

Ich glaube, Rosi hat Recht: Diese Menschen brauchen vor allem Beziehungen, die verlässlich sind. Sie brauchen Menschen, die sich für sie wirklich interessieren und gemeinsam mit ihnen suchen, was trotz aller Brüche und Verletzungen im Leben noch möglich ist. Ja, sie brauchen Menschen, die mit ihnen auf das vorhandene Lebenspotential in und mit aller Krankheit schauen und mit ihnen geeignete Wege gehen, dieses zu fördern und wirksam werden zu lassen.

Das ist mein Verständnis von echtem Heilsdienst.

Einsatz für einen würdevollen Tod

Freitag, 20. März 2009

“Stoßen Sie in ihrer Arbeit auch an ihre Grenzen?” werde ich am Abend im Rahmen einer Podiumsdiskussion zum Thema “Grenzgänger – Voll im Trend” gefragt. Für mich ist es nicht so einfach, darauf eine ehrliche und verständliche Antwort zu geben. Natürlich stoße ich immer wieder an Grenzen in der Arbeit mit kranken Menschen in Wohnungsnot:

Da ist zum Beispiel Hubert, der sich trotz aller Hilfestellungen nicht zu einer erneuten Entgiftungs-Therapie durchringen kann. Wenn ich ihm begegne, kann ich an ihm die fortschreitenden körperlichen Folgen seiner Alkoholsucht erkennen.

Und auch Hannelore bleibt für mich eine “Herausforderung”. Für sie ist derzeit – trotz ihrer Beingeschwüre – die Annahme fachlich-medizinischer Hilfen unmöglich. Sobald sie jemand unseres Teams erblickt, dreht sie sich um und läuft fort. Eine ganz andere Grenze – verbaler Art – mutet Ladislav mir zu, als er mich als “Hitler-Cousine” beschimpft, weil ich ihm keine kostenlose Zahnbehandlung geben kann! Die strukturellen Hürden und Grenzen, die mir bei meinem Einsatz für die nicht versicherten Kranken begegnen, sind da nicht so schmerzhaft und doch stark einschränkend!

Auch den Todgeweihten nachgehen

Und dann darf auch die Konfrontation mit der Grenze Tod nicht unerwähnt bleiben. Wenngleich ich manchmal in der Gefahr stecke, mich an diesen ständigen Begleiter und seine vielfältigen Gesichtern zu gewöhnen – die Sehnsucht nach einem Leben in Gesundheit oder wenigstens einem würdevollen Tod mobilisieren in mir immer wieder Kräfte, auch den scheinbar “Todgeweihten” nachzugehen.

Ich will mich nicht gewöhnen, will mich der vermeintlichen “Todessehnsucht” anderer stellen und gemeinsam mit ihnen nach Ansätzen suchen, “für Leben und Heilung” einzutreten. Dennoch bleibt für mich jede Todesnachricht eines unserer Patienten ein Stich im Herzen. Viele sind gerade mal 54 Jahre alt, wenn sie sterben. Manche müssen ihre Sterbestunde auf der Straße erleben, oder werden tot in ihrer endlich erworbenen Wohnung aufgefunden. Nicht wenige kommen gewaltsam zu Tode und von so manchen erfahren wir es einfach nicht, warum und wie sie gestorben sind. Nein, an die Grenze Tod werde ich mich nie gewöhnen – und vielleicht ist das gut so, um weiter für ein besseres Leben all jener einzutreten, die wohnungslos und innerlich heimatlos durch unsere Straßen irren.

Hier fehlt doch ein Stück Verständnis

Dienstag, 17. März 2009

“Wer ist da?” ruft Peter, als ich an seine verschlossene Tür im übergangswohnheim klopfe. Das Summen seines Rasierers stoppt und er wartet meine Antwort ab: “Die Frau Doktor von der Ambulanz”, rufe ich ihm zu. “Moment!”, kommt die prompte Antwort. Dann vergehen einige Minuten und er öffnet die Tür einen Spalt, fuchtelt mir mit seinem Gehstock entgegen und kommandiert: “Kommen Sie herein!”

Etwas mulmig ist mir dabei schon, denn der große, nur mit einer Jeans bekleidete Mann ist offensichtlich angespannt, will die Tür gleich wieder schließen. Die Sozialarbeiter hatten mich zuvor darauf hingewiesen, dass Peter gerade “schlecht drauf ist”. “Er meint, er sei nicht Herr Maier”, sagte der eine und sein Kollege ergänzte: “Heute mussten wir ein Papier für ihn neu schreiben, weil sein richtiger Name darauf stand und er wollte, dass wir das sofort ändern.”

Medikamente halb oder ganz leer

Entsprechend läuft auch meine Interaktion mit Peter: Ich bin froh, dass ich nicht alleine in das Zimmer gehen muss. Zur Untersuchung will Peter sich nicht setzen: “Mach das mal hier!”, fordert er mich auf, bleibt stehen und hält seinen Arm zur Blutdruckkontrolle hin. Der Blutdruck ist – wie erwartet – sehr hoch, denn Peter hat keine Medikamente mehr. Aber “die nehme ich doch nur nach Tagesform, sage ich Dir”, ist sein läppischer Kommentar dazu.

Ich bitte ihn, tief einzuatmen. Peter hält fast den Atem an und sagt dann: “Ich hab’ dir doch gesagt, ich bin nicht da!” Dann interessiert ihn mein Wunsch, ihn zu untersuchen nicht mehr und er holt verschiedene Medikamentendosen aus seinem Spind – alle halb oder ganz leer. “Die Roten, die brauche ich neu!”, herrscht er mich an. Vorsichtshalber habe ich Vorräte mitgebracht, und freudig entdeckt er die gesuchte Packung. Das ist erstaunlich für mich, denn so ganz traue ich ihm momentan keine geregelte Medikamenteneinnahme zu.

Verrückte Begegnung für eine Schulmedizinierin

Fakt ist aber auch: Peter ist in einem relativ guten körperlichen Zustand. Seit seiner Notfallbehandlung im Krankenhaus hat er zwar längst nicht alles befolgt, was notwendig gewesen wäre, aber, sein Herz scheint stabilisiert und die “dicken Beine sind auch weg”, wie er sagt. “Nur da, da fehlt was, da fehlt ein Stück”, weist Peter auf sein intaktes linkes Schienbein. Ich entdecke nichts Auffälliges. Ja, auch bei mir “fehlt ein Stück” – ein Stück Verständnis, um Peter in dieser psychotischen Phase richtig zu verstehen. Dennoch gelingt unsere Begegnung und ich kann mich nach kurzer Zeit wieder von ihm verabschieden.

Was über viele Jahre unmöglich war, ein “Hausbesuch” und eine minimale medizinische Versorgung, akzeptiert Peter zurzeit. Mit den Augen der Schulmedizin betrachtet ist es sicher nur eine “verrückte Begegnung”, deren Sinn in Frage zu stellen ist. Mit Blick auf seinen früheren, desolaten Zustand draußen auf der Straße ist dies für mich heute “ein Erfolg”!

Ein wenig Kind sein, trotz aller Umstände

Montag, 16. März 2009

Die 27-jährige Maria kommt mit ihrer knapp dreijährigen Tochter munter in den Behandlungsraum. Vor knapp zwei Monaten hatte die Stadt ihnen und ihrer Familie eine Rückfahrkarte in die Heimat, nach Rumänien gegeben.
“Dort nix gut zum Leben”, stottert Maria. Und auf meine bange Frage, wo sie denn in diesen noch empfindlich kalten Nächten mit dem Kleinkind nächtigt, stammelt sie etwas von einem “Haus – aber kalt dort”. Munter ruft die Tochter mir einen Straßennamen zu; sie lernt die Sprache der Fremden – etwas anderes bleibt ihr wohl nicht übrig.
Ich untersuche das Kind, weil Maria meint, es habe Husten. Aber die Kleine ist ganz unauffällig. Wir kennen uns schon, denn vor der letzten Ausreise war die Familie mehrere Monate in der Stadt. Immer wieder litt Milena damals an schweren Erkältungen, Infekten und Hautausschlägen. Das Straßenleben ist für diese Kleinen einfach zu hart. Die Sammelunterkünfte der Erwachsenen bieten zudem nicht den Entfaltungsraum, den ein Mädchen in ihrem Alter braucht. Maria verspricht, in der kommenden Woche die Roma-Union aufzusuchen, um vielleicht einen Kindergarten zu finden, in dem Milena ein wenig Kind sein darf – trotz aller Umstände. Ich bleibe skeptisch, ob es gelingen wird.
Viele Familien kommen zu uns auf der Suche nach einem besseren Leben. Ein Leben, das für ihre Kinder schon in jungen Jahren Stress, Krankheit und Leid bedeutet. Aber niemand fühlt sich so richtig zuständig für diese Menschen, die es ja eigentlich nicht bei uns geben sollte -werden darum die Rückfahrkarten so großzügig bezahlt?!

Werner schreibt sich alles auf und wirkt entschieden

Samstag, 14. März 2009

“Entschuldigung, dass ich letzte Woche nicht gekommen bin”, legt Werner gleich los, als er mich im Flur sieht. Im Behandlungsraum sprudelt es weiter aus ihm heraus: “Wissen Sie, ich bin doch knapp bei Kasse und ich kann mir keinen weiteren Strafzettel mehr wegen Schwarzfahren leisten, sonst holen die mich noch ab!”
Und dann berichtet er kurz und aufgeregt, dass das Jobcenter mit einer Kürzung drohe, wenn er nicht gute Gründe anführen kann, warum er sich zum verabredeten Termin nicht bei der Firma für den 1,50 Euro-Job gemeldet habe. Ich müsse ihm doch wenigstens glauben, dass er mit einer schweren Grippe im Bett gelegen habe. Denn Werner hat gerade wieder eine eigene Wohnung. “Aber wenn die mich kürzen, dann wird es auch mit der Miete knapp und ich habe auch noch die Schulden da… und meinen Bewährungshelfer erreiche ich auch nicht, und, und, und …”
Innerhalb nur weniger Minuten breitet Werner das ganze Problembündel, das er mit sich rumschleppt, vor mir aus. Offen berichtet er von seiner Versuchung, wieder zum Alkohol zu greifen: “Ich komm sonst nicht mehr zu Ruhe”. Und gleichzeitig weiß er, “dass das nicht hilft!” Aber für eine Langzeittherapie habe er jetzt keine Zeit: “Ich muss doch noch so vieles regeln”.
Erst nach einiger Zeit können wir gemeinsam die wichtigsten Schritte nur für die nächsten Tage verabreden: Gespräch mit der Sozialarbeiterin nebenan, Attest für das Jobcenter, Kontakt zum Bewährungshelfer und demnächst auch zur Schuldnerberatung aufnehmen. Werner schreibt sich alles auf. “Damit ich weiß, was ich machen muss”, sagt er ernst und wirkt entschieden. Geld für die Rückfahrt mit der U-Bahn hat er nicht, “Erst in fünf Tagen bekomme ich was”, erklärt er mir. “Aber ich kann meinen Freund noch mal anpumpen.”
Da er Wege machen muss, um sich beim Suchttherapeuten, beim Gesundheitsamt und später wieder bei uns vorzustellen, erhält er eine kleine Beihilfe aus unseren Spendengeldern. Die dafür gekauften Fahrscheine will Werner nächste Woche vorlegen. Ich glaube ihm heute, dass er es schaffen könnte – und ich weiß, der Boden, auf dem er sich bewegt, ist noch sehr wackelig!

Das Kind in eine fremde Welt mitnehmen

Freitag, 13. März 2009

Beim Eintreten der einjährigen Ruzica und ihrer viel zu jungen Mutter, die das Kind fast wie ein Bündel auf die Liege wirft, spüre ich Zorn und Ohnmacht: Wie können diese jungen Eltern ihr Kind einfach in eine fremde Welt mitnehmen, in der sie weder die Sprache sprechen, noch adäquat für sich und das Heranwachsende sorgen können?
Ruzica schreit ununterbrochen, so als spüre sie mein inneres Entsetzen. Ihr Vater steht hilflos daneben. Ich bitte die Mutter, die Kleine auf den Arm zu nehmen, damit sie sich beruhigt. Dies gelingt nur für einen Augenblick, kurz genug, damit ich feststellen kann, dass – zumindest auf den ersten Blick – keine ernste Erkrankung bei Ruzica vorliegt. Ihre Kleidung ist ungepflegt, die Windeln müssten gewechselt werden und wer weiß, wie und wo sie die vergangene Nacht verbracht hat? Durch die Sprachbarriere kann ich mich kaum mit den jungen Eltern verständigen. Ratlos und in der Hoffnung, dass sie es dennoch annehmen werden, bitte ich sie, in den kommenden Tagen die rumänisch sprechende ärztin im Stadtgesundheitsamt aufzusuchen.