Paul ist mittlerweile von der Polizei verhaftet worden und inhaftiert. Er wurde ja auch wegen anderer Delikte polizeilich gesucht, hat eine Strafe nicht angetreten. Nach dem betrug bei uns hat er wohl noch an weiteren Stellen versucht, seine Schecks an den Mann zu bringen. Bei der Verhaftung wurden nur noch zehn von 20 Schecks bei ihm sichergestellt. Außerdem besaß er mehrere Handys und weitere Sachen aus diversen Diebstählen.
Betrug, Diebstahl und Unterschlagung – da kommt einiges auf die bereits vorhandene Strafe obendrauf. Aktuell sitzt Paul in U-Haft in der Justizvollzugsanstalt Offenburg bis zu seiner Verlegung in den Regelvollzug in die JVA Freiburg. Ansonsten ist heute mal ein relativ ruhiger Tag, trotz 76 Besucher innerhalb von drei Stunden. 65 Männer und 11 Frauen. Der Schneefall hat wieder eingesetzt und die letzten Besucher verlassen gerade die Einrichtung.
Autorenarchiv : Frey
Paul sitzt ein
Donnerstag, 12. Februar 2009Ausgenutzte Helfer
Montag, 09. Februar 2009
Heute bekomme ich mit, dass zumindest noch eine weitere soziale Einrichtung auf Pauls Betrugsmasche hereingefallen ist. Offenbar hat er insgesamt 20 Schecks geklaut. Das konnte man aufgrund der Seriennummern zurück verfolgen.
Die Polizei sucht Paul bereits per Haftbefehl, da er eine bestehende Strafe wegen anderer Delikte nicht angetreten hat. Eine Reaktion des Kontaktladens auf den Betrug hat sich damit erledigt. Ebenso die Chance, dass wir unser Geld zurückbekommen. Ein mögliches Hausverbot verfehlt seine Wirkung, da Paul sowieso ins Gefängnis muss.
Für uns ist die moralische Seite besonders erschreckend, da ein Klient gezielt und systematisch soziale Einrichtungen um Geld betrogen hat. Dass unsere Besucher ständig Leute um ihr Geld bringen, um sich ihre Sucht zu finanzieren, ist uns klar. Dass jedoch Einrichtungen, die sich in ihrer täglichen Arbeit um sie kümmern, auf diese Art und Weise hintergangen werden, macht uns doch etwas nachdenklich. Unter den ärger und die Desillusionierung mischt sich eine ironischen Grundhaltung und ein Lächeln. Schließlich sind mehrere Profis des Sozialbereiches auf diese Geschichte hereingefallen.
Pauls betrügerische Masche
Freitag, 06. Februar 2009
Gestern kam Paul in den Kontaktladen. Er ist regelmäßiger Besucher unserer Einrichtung, nimmt aber nur unregelmäßig unsere Hilfe in Anspruch. Paul ist erst vor ein paar Tagen aus der Substitution geflogen, da er über einen Zeitraum von mehr als fünf Tagen nicht zur täglichen Methadonausgabe erschienen ist. Aufgrund seiner “Geschäftigkeit” kann man mit Sicherheit sagen, dass er absolut rückfällig und wieder “auf der Nadel” ist.
Wir haben mitbekommen, dass er eine Qualifizierungsmaßnahme über die Kommunale Arbeitsförderung machen will oder soll. Mit diesem Hintergrund kam er zu uns und legte uns einen Barscheck über 180 Euro vor, den er für den Einkauf von Arbeitskleidung bekommen haben soll.
Uns bat er um 18,33 Euro für einen vorläufigen Personalausweis, da er seinen verloren hat und das Geld nur bekommt, wenn er sich ausweisen kann. Uns kam der Vorgang etwas seltsam vor, auch weil der Scheck etwas dubios war. Wegen des großen Andrangs zu diesem Zeitpunkt, gingen wir dieser Sache nicht weiter nach. Wir liehen Paul das Geld, um die Hilfe nicht zu gefährden. Er versprach umgehend wieder zu kommen und uns das Geld zurückzuzahlen- passiert ist das jedoch nicht.
Aufgrund unserer Kooperation mit verschiedenen Einrichtungen, unter anderem der Kommunalen Arbeitsförderung, bekamen wir heute folgendes mit: Paul P. betrieb dieses Spiel auch mit der Bahnhofsmission Offenburg und lieh sich dort Geld für einen vorläufigen Personalausweis. Dort hat er den Scheck sogar als Pfand hinterlegt. Allerdings wr der gefälscht und die gesamte Geschichte von vorne bis hinten gelogen. Die Kommunale Arbeitsförderung stellt in solchen Fällen keine Schecks aus. Eine Anzeige von Seiten des Amtes wird gestellt. Weiteres über diese Geschichte – unter anderem unsere Reaktion – in den nächsten Tagen in meinem Webtagebuch.
Wetten, es gibt Ärger?
Dienstag, 03. Februar 2009
Wir sind nur zu zweit im Dienst, da die Grippewelle nun auch meinen Chef dahingerafft hat. Kurz nach öffnung des Kontaktladens kommt Erika. Beim Anblick dieser Besucherin bin ich schon genervt. Wetten, dass es ärger geben wird? Ich bin in erhöhter Bereitschaft, da es bei ihren letzten Besuchen immer zu “unschönen Situationen” kam. Sie ist extreme Alkoholikerin und die Mutter einer mehr oder weniger regelmäßigen Besucherin. Sobald sie alkoholisiert ist, was eigentlich immer der Fall ist, wird sie ausfällig und fängt Streit an, indem sie andere beleidigt.
Meine Stimmung fällt auf den Nullpunkt, nachdem sie genau mit den genannten Hasstiraden beginnt. Dabei randaliert sie und schmeißt Deko durch die Gegend. Ich gebe ihr Hausverbot für diesen Tag. Trotz mehrfacher Ermahnungen meinerseits und anderer Besucher, die meine Maßnahme unterstützten, will sie nicht gehen. Es beginnt ein Machtspiel zwischen ihr und mir. Ich lasse durchblicken, dass ich das Hausverbot zur Not auch von der Polizei durchsetzen lasse.
Meine Kollegin versucht die Situation zu entspannen. Sie will mit Erika von Frau zu Frau reden, damit sie sich ohne Polizei zum Gehen bewegen lässt. Der Versuch scheitert. Sie erntet lediglich eine Beleidigung auf allerniedrigstem Niveau, die darauf anspielt, dass sie Spätaussiedlerin ist. Jetzt ist für mich der Punkt des Redens überschritten.
Ich verständigte die Polizeidirektion Offenburg. Zwei Polizisten kommen, setzten das Hausverbot durch und erteilen Erika gleich noch ein Platzverbot für die gesamte Umgebung des Kontaktladens. Nach einigem hin und her, transportieren die Polizisten Erika ab. Nun ist es ruhig im Kontaktladen. Manchmal ist es einfach wichtig die Polizei zu rufen um zu zeigen, dass wir als Sozialarbeiter nicht nur diskutieren, sondern auch Konsequenzen folgen lassen.
Kurt ist tot
Donnerstag, 29. Januar 2009
Wir öffnen den Kontaktladen und ein Besucher sagt uns, dass ein langjähriger Bekannter in der vergangenen Nacht gestorben ist. Kurt C. wurde drei Tage zuvor 47 Jahre alt. Die Polizei hat ihn in der Nähe einer städtischen Notunterkunft Offenburgs auf der Straße leblos aufgefunden. Angeblich war er da schon tot. Laut Erzählung ist die Todesursache eine überdosis harten Alkohols im Zusammenspiel mit Heroin.
Kurt war sehr starker Alkoholiker und Alt-Junkie. Seine Alkoholabhängigkeit stand im Vordergrund, jedoch nahm er auch ab und zu andere Drogen, sofern er etwas bekam oder er Geld “übrig” hatte. Die Sucht zog sich seit dem frühen Jugendalter durch Kurts Leben. Seit Jahren war er völlig verelendet. Er war in keiner sozialen Gruppe tragbar. Aus diesen Gründen war er in regelmäßigen Abständen obdachlos und musste auf der Straße leben, da er aus sämtlichen städtischen Unterkünften und dem Wohnungslosenheim geflogen war.
Dieser Lebensumstand und Wandel hatten ihn körperlich wie auch geistig völlig ruiniert, so dass er nur noch mehr schlecht als recht vor sich hin lebte, von einer Flasche Schnaps bis zur nächsten. Letzte Weihnachten hat er versucht in einem Krankenhaus zu entgiften. Vielleicht ist das ein weiterer Grund für seinen Tod. Sein Körper hat die Mengen an Rauschmittel nicht mehr vertragen.
Generationen von Sozialarbeitern haben versucht ihm zu helfen, doch letztlich muss man auch in der Sozialarbeit akzeptieren, dass manche Menschen sich nicht helfen lassen wollen oder können und sich selbst bestimmt für ein “anderes Leben” entscheiden.
Lieber in den Knast als zur Therapie
Mittwoch, 28. Januar 2009
Heute kommt Johanna mit ihrer Mutter in die Beratung, weil sie gestern eine Gerichtsverhandlung hatte. Johanna ist schon seit Jahren drogenabhängig und mit Methadon substituiert. Sie hat eine Tochter, die in einer Pflegefamilie untergebracht ist und die sie nur stundenweise sehen darf.
Aufgrund diverser Diebstähle und einer mehrfach gewährten Bewährung, wurde Johanna dieses Mal zu einer Haftstrafe von einem Jahr ohne Bewährung verurteilt. Da sie als Drogenabhängige aktenkundig ist, kann sie Therapie statt Strafe machen. Das sieht das Straf- und Betäubungsmittelgesetz vor.
Nun kommt aber die Logik von Drogenabhängigen, die Außenstehenden und selbst mir als Drogenberater nicht verständlich ist. Johanna überlegt, ob es bei nur zwölf Monaten Haft überhaupt Sinn macht auf Therapie zu gehen. Bei guter Führung kommt sie erheblich früher aus dem Knast. So wäre die Haft vielleicht kürzer als die Therapie.
Diese Denkweise erschüttert mich immer wieder. Wie kann man “freiwillig” ins Gefängnis gehen? Auf die Motivation, die man braucht um auf Therapie zu gehen und diese dann auch noch durchzuziehen, möchte ich in diesem Zusammenhang erst gar nicht eingehen. Wahrscheinlich ist es dann wirklich besser und günstiger ins Gefängnis zu gehen. Aber verstehen kann ich das trotzdem nicht.


