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Autorenarchiv : Bauschert

Warten und sitzen

Donnerstag, 26. Februar 2009

Gerade warte ich auf Herrn C., der um halb eins zu mir kommen soll. Er ist ein liebenswürdiger, aber sehr unzuverlässiger Mensch. Beim letzten Gespräch hatten wir einen gemeinsamen Arzttermin bei seiner Psychiaterin verabredet. Unter anderem sollte es um seine anstehende Haft und seine Medikamente gehen.
Als ich ihn gestern darauf ansprach – er war in seinem Zimmer, statt wie geplant im Arbeitsbereich – meinte er, der Termin bei der Psychiaterin wäre einen Tag später. So ist nun auch die letzte Chance, einen Aufschub der Haft zu erreichen, verstrichen.
Als ich ihn später nochmals suchte, fand ich in seinem Zimmer zwei Briefe, mit denen er besser auch zu mir gekommen wäre. Auch das hatte ich ihm schon öfter gesagt, dass er seine relevanten Dinge mit mir besprechen soll.
Gegen später tauchte er dann doch noch bei mir auf, um seine Dinge zu regeln. Einen Tag später kam eine weitere Ladung zum Strafantritt. Nun muss der Arme noch ein weiteres halbes Jahr absitzen, obwohl er heute so wirkt, als könne er keiner Fliege etwas zu Leide tun.

Trinken Sie jetzt doch einfach

Dienstag, 24. Februar 2009

Als ich heute Morgen nach sechs Tagen Urlaub (Skilanglauf im Hegau und zuhause ausspannen) wieder zur Arbeit kam, wurde ich schon auf der Treppe von Klienten angesprochen, die zu mir wollten. Natürlich musste ich mich auch wieder um die zierliche Frau Z. kümmern, die seit dem letzten Sommer massive Schluckbeschwerden hat, die allerdings “nur” psychischer Natur sind. Damals magerte sie auf etwa 41 kg ab. Seither wurde sie in drei verschiedenen Krankenhäusern behandelt und untersucht. Nun ist es wieder so, dass sie keine feste Nahrung schlucken kann und trinken klappt überhaupt nicht.
Jetzt hat sie wieder eine Einweisung in die Psychiatrie. Dabei wirkt die feine und gepflegte Frau mit ihren 68 Jahren an und für sich sehr zugänglich und zeigt sich meist liebenswert, nur lässt sie in bestimmten Dingen überhaupt nicht an sich ran bzw. äußert sich nicht zu bestimmten Problemfeldern. Das erschwert die Therapie ungemein. Ab und zu will ich sie einfach schütteln und ihr sagen: “Trinken Sie jetzt doch einfach”. Doch genau das geht nicht.
Wichtig ist bei uns auch die Statistik. Alle nennenswerten Klientenkontakte müssen in unserem Betriebsmanager erfasst werden. Es geht teilweise halt zu wie beim Doktor…

Stress pur

Montag, 16. Februar 2009

Der Wochenenddienst war anstrengend. Und das setzt sich heute gerade fort, zumal ich morgen eine Mitarbeitervertretungssitzung habe und danach bis einschließlich Rosenmontag in Urlaub bin. Einer meiner Klienten wurde verhaftet, ein anderer erschien nicht zum Zimmerräumen, Frau Z. aß schon übers Wochenende wegen Schluckbeschwerden nicht und verlangte nach dem Notarzt.
Am Freitag nahm ich eine junge, mit Zwillingen Schwangere in das Stockwerk für junge Frauen auf. Dort gab es gewissermaßen Zickenalarm. Am Sonntagmorgen wurde ich aufs Handy und gleichzeitig von einer anderen aufs Festnetz angerufen, wegen massiver Streitereien. Jetzt muss ich erstmal raus hier und noch einer Frau im Rahmen des Betreuten Wohnens helfen.

Teure Übernachtung bei der Polizei

Donnerstag, 12. Februar 2009

Eine Ergänzung zu meinem letzten Eintrag: Der Grund für die Schlägerei liegt ein wenig im Dunkeln. Zu viel Alkohol hat die Sinne stark getrübt… So viel scheint klar: Ein paar Bewohner haben sich in einem Zimmer getroffen. Einer provozierte ziemlich stark und fing mit einem anderen ein Gerangel an. Noch ein anderer Kontrahent hatte wohl nur hinter der nächsten Türe gewartet, bis er aus dem Zimmer trat. Daraufhin kam es zu der folgenreichen Auseinandersetzung.
Der gutmütige und hilfsbereite Herr O. berichtete gestern wieder vom Schneeschippen und von den Ereignissen rund ums Haus. Er erzählte von der Stadt, von verloren gegangenen Geldbeuteln und Ausweisen, die er auf Kaufhausparkplätzen und in Parkhäusern wieder gefunden hat. Und davon, dass er notfalls in höchster richterlicher Instanz in Karlsruhe gegen einen Strafbefehl vorgehen will, den er wegen eines Polizeieinsatzes in betrunkenem Zustand bekommen hat.
Er habe ja nichts gemacht, außer dass er betrunken auf der Straße gegangen sei. Warum also in die Ausnüchterungszelle, die er dann noch bezahlen muss? Er habe keine “teure übernachtung bei der Polizei” gebraucht, weil er ohne festen Wohnsitz in Konstanz lebt und auf der Straße oder auf einer Bank schläft. Die Polizei dürfe ihn doch nicht einfach von der Straße abholen. Er rief deswegen seinen Betreuer an und sagte ihm, dass er die Angelegenheit nun bei der Polizei regeln will.
Später hatte ich ein Gespräch mit Herrn C. Grund war ein blauer Brief, in dem steht, dass er Anfang März für ein Jahr in Haft muss. Er tut mir irgendwie richtig leid. Wie ein Bumerang fällt seine Vergangenheit auf ihn zurück. In der Anfangszeit seines Aufenthaltes im Jakobushof machte er einen leicht verpeilten Eindruck. Seit einigen Monaten hat er jetzt aber beide Füße auf dem Boden und kam seinen Auflagen wie stationärer Therapie, Arbeitsstunden und Gerichtsverfahren nach.

Eine Schlägerei mit Folgen

Montag, 09. Februar 2009

In der Nacht auf Freitag gab es eine Schlägerei in unserer Einrichtung. Daraufhin haben wir zwei Leute entlassen. Deshalb kam ich am Freitag nicht dazu, einen Eintrag zu schreiben. Mein Tagesplan war einigermaßen durcheinander. Wir befragten Beobachter und Beteiligte der Schlägerei, trugen die Informationen im Team zusammen, besprachen und verarbeiteten sie.
Mich betraf der Vorfall, weil einer meiner Klienten beteiligt war. Ihn hatte ich erst kürzlich von der Kollegin übernommen, die den Arbeitsbereich gewechselt hat (siehe mein Eintrag vom 2. Februar). Es ist mir aus verschiedenen Gründen schwer gefallen, den Team-Entschluss zu vollziehen. Das lag daran, dass Herr X. und andere ein super Publikum waren und lautstark mitsangen, als ich beim Silvesterdienst meine Martin-Gitarre auspackte. Herr X. hatte auch bei zwei Konzerten meiner Band für Stimmung gesorgt.
In den Gesprächen nach dem Vorfall betonte er immer wieder, dass er sich nur in einer Verteidigungsposition befunden habe und seine Entlassung ungerecht sei. Außerdem hatte ich ihn ja auch erst kürzlich übernommen und die Entlassung war nun die erste Aktion, die in seinem Zusammenhang zu tun war. Erschwerend kam hinzu, dass bei Herrn X. auch viele positive Ansätze zu verzeichnen waren.
Eigentlich wollte ich wie angekündigt etwas zum Thema Jobcenter schreiben. Diese Behördenkonstruktion ist verfassungswidrig, wie kürzlich durch die Presse bekannt wurde. Da hier in Konstanz der Vertrag schon früher als woanders abgeschlossen wurde, endet der nun schon Ende 2009 – und nicht wie in anderen Landkreisen erst Ende 2010. Dies hat zur Folge, dass möglicherweise ab dem nächsten Jahr unsere Klienten respektive wir Sozialarbeiter getrennte Anträge bei der Arbeitsagentur und dem Landratsamt stellen müssen. Dazu kommt, dass dem hiesigen Jobcenter schon jetzt Mitarbeiter davonlaufen, da sie nur bis Ende 2009 befristete Arbeitsverträge haben.
Nun hoffen hier alle auf eine baldige Entscheidung des Gesetzgebers, damit die erfolgreichen Jobcenter doch weiterarbeiten können. Anderenfalls würde der Schuss mit der Arbeitsmarktreform und Verwaltungsvereinfachung gewaltig nach hinten losgehen und alles würde viel komplizierter, als es ursprünglich angedacht war. Derzeit haben wir hier eine wirklich gute Zusammenarbeit mit unserem Jobcenter :-) . Never change a winning team!

Semi-Secco und noch etwas mehr

Donnerstag, 05. Februar 2009

Heute Nacht kam ein neuer Bewohner mit seinen Sachen zurück, die er in Heidelberg abholen musste. Er hat eine Kürzung durch das Jobcenter zu erwarten, die nicht mehr abgewendet werden kann. Der Grund: Versäumte Termine, abgebrochene Arbeitsmaßnahme. Dann kamen drei Anfragen bezüglich Patienten vom Zentrum für Psychiatrie (ZPR). Wir machen da Vorstellungsgespräche und sondieren im Team, ob unsere WLH-Einrichtung eine sinnvolle und folgerichtige Fortführung nach dem Klinikaufenthalt darstellt.
Eine Einrichtung wie unsere verträgt eben nur ein bestimmtes Kontingent an psychisch instabilen oder suchtkranken Klienten. Insgesamt haben wir 34 reguläre Plätze im Aufnahmehaus und der stationären Hilfe mit getrennten Wohnbereichen für junge Frauen, einen alkoholfreien Bereich, ein Frauenstockwerk und das Semi-secco. Das ist eine Etage für Personen ohne Suchtproblem, die außerhalb schon mal ein Bierchen trinken können ohne auffällig zu sein.
Des Weiteren haben wir einen Tagesaufenthalt mit Cafeteria und eine ambulante Hilfe mit Auszahlung von Tagessätzen. Dazu kommt noch unsere Produktion-Vertrieb-Dienstleistung. Das ist ein Zweckbetrieb unseres Verbandes, wo die meisten Personen Beschäftigung finden. Seit sechs Jahren arbeitet auch eine Krankenschwester im Rahmen einer medizinischen Ambulanz an zwei Vormittagen pro Woche. Als weiteres Angebot kommt neben einer Psychiaterin alle zwei Wochen ab heute eine Mitarbeiterin der Suchtberatung Konstanz ebenfalls zweiwöchentlich zur Beratung als niedrigschwelliges Angebot in den Jakobushof.
So, das war’s nun für heute. Habe vor allem den Rahmen beschrieben, in dem ich arbeite. Im nächsten Beitrag werde ich mal etwas zum Thema Jobcenter erzählen.