Krankheit hat im Leben eines Junkies keinen Platz. Über Magenbluten wird da schon mal hinweggesehen. Klar hat man auch so seine Zipperlein. Irgendwann sind dann auch diese leidigen Abszesse dabei. Aber egal. Die allermeisten Abszesse sind nicht schmerzhaft, aber mit ihnen beginnt ein Stadium von Sucht, das ich immer wieder vor Augen habe. Morgens wach zu werden, weil sich der Entzug meldet. Die Gier nach einer Spritze Heroin. Das muss dann klappen, auch wenn keine Vene in Sicht ist.Da die Wirkungsoptimierung im Vordergrund stand, kochte ich dann meist türkisch auf. Das heißt, das Heroin wird mindestens eins zu eins mit Ascorbinsäure gemischt und man lässt die Mischung trocken auf dem Löffel karamellisieren. Wenn man das dann mit Wasser ablöscht, sieht es etwa wie Zuckerrübensirup aus. Klebrig, dickflüssig und irgendwie ganz einfach nur dreckig. Den PH-Wert dieser Brühe wollte ich mir nie so richtig vorstellen. In einer großen Vene verteilt sich das recht schnell – aber die Zeiten waren lange vorbei. In den Kapillaren der Hand ist das anders. Es brennt höllisch, manchmal schwillt der Arm etwas an und man hat auf ihm lauter Pusteln wie man sie von Quallen kennt.
Da saß ich dann mit dieser einen Dosis und es gab nur noch die Füße, die Aussicht auf Erfolg boten. Die Adern dort hatten bei mir leider die Angewohnheit zu platzen. Deshalb hatte ich immer zwei Rollen Elastikverband neben mir liegen. Nach einigem Stochern fündig geworden, es lässt sich Blut anziehen, dann immer wieder dieser Mist. Beim ersten Ansatz abzudrücken, platzt das dumme Äderchen, das Gewebe schwillt schnell an und der Elastikverband muss drauf.
Das aufgezogene Blut in der Pumpe bedeutet, dass die Uhr jetzt tickt. Es darf nicht gerinnen. Die Spitzen der drei Pumpen, die ich mir meist für diesen Einsatz reserviert hatte, waren dann oft schon völlig stumpf. Dann wird eben die beste aus dem Müll gekramt. Und dann zum anderen Fuß. Da ist leider schon ein Verband dran und verdeckt jede mögliche Erfolgszone. Also ab damit, ist ja schließlich nur eine Kompresse wegen des Abszesses darunter. Und das einzige Äderchen, was sich dann zeigte, lag meistens kaum mehr als einen Finger breit neben dem Zentrum des Abszesses.
Kurz prüfen, ob sich die Pampe in der Spritze überhaupt noch durch die Nadel pressen lässt und dann hoffen, dass es klappt. Wenn nicht, war es eigentlich dumm von mir immer noch nicht aufzugeben und mir den Glitsch einfach in den Mund zu spritzen und runter zu würgen. Schließlich kannte ich es ja auch, wenn der Inhalt des Löffels auf dem WG Flokati gelandet war. Werden die vollgekleisterten Zipfel eben abgeschnitten und auf den Löffel gelegt. Einfach noch mal aufkochen und schon sind 30-40 Prozent wieder da wo sie hingehören. Geht auch mit so einem geronnenen Blutklumpen, aber da ist der Verlust höher. Der einzige Sinn dieser ganzen Morgengymnastik war ja, diesen einen kurzen Moment der Entspannung zu erleben um dann für den Tag gerüstet zu sein.
Egal wie es lief, dieses Prozedere konnte meinem Körper nur ein sehr kurzes Morphinerlebnis verschaffen und das Körpergefühl mit dem ich dann in den Tag ging, war etwa so wie ich mich heute fühle. Diesen Text hier zu schreiben ist nichts, was mir jemand empfehlen würde, der sich mit Sucht auskennt. Es löst seltsame Gefühle in mir aus. Dazusitzen und zu denken – tiefer geht es eigentlich nicht, war auch eine Art Gipfelerlebnis. Diese Selbstverachtung im Umgang mit sich, hat etwas narzisstisches,…. etwas heroisches? Ja, der Name passt: Heroin.
Aber dieses mythische Bild, das diese Droge umgibt, ist genau so verkleistert wie die Brühe in den Löffeln der Fixer. Ich kenne die Empfindung, die man hat, wenn man auf so einen Löffel blickt. Fieber, Drogenträume nicht den eigenen Ansprüchen und auch nicht denen der anderen zu entsprechen, … Der Tag ist Kleister. Erinnerungen an Kleister.
Ja, und jetzt ist sie wieder da. Meine sich regelmäßig einstellende Erkältung. Am Wochenende fing es schon an und ich bin im Bett geblieben, hatte die Hoffnung, dass Sinupret, ACC und Zitronensaft reichen würden. Pustekuchen. Ich weiß nicht woran das liegt, habe aber den Gedanken daran, dass sich mein früheres Leben jetzt rächt.
P.S: Gestern habe ich Fotos vom Seminar in Berlin bekommen. Das löst glücklicherweise bessere Erinnerungen aus.








