« Erinnerungen an die Psychiatrie 2 Ich möchte Gießkanne sein »

Diesen Eintrag schreibe ich um auf den Kommentar von Michael einzugehen. Vielleicht ist es nicht deutlich, aber der vorige Eintrag ist nicht ironisch gemeint. Diese Regel wurde in der Anfangsphase der Gruppe formuliert und ich habe an ihr mitgewirkt. Sie dient dem Schutz der Gruppe. Deshalb habe auch ich für meinen zeitlich befristeten Ausschluss aus der Selbsthilfegruppe gestimmt.

Du musst wissen, diese Gruppe besteht aus Leuten, die alle Therapie-Erfahrungen haben. Wir sind nicht das, was man niedrigschwelliges Angebot nennen würde. Wir alle haben Erfahrungen mit Regeln. Zum Beispiel: Für viele, die keinen Einblick in Therapieverläufe haben, ist der Begriff Verträge nicht verständlich. In einer Therapie ist es ein Vertragsbruch, wenn ich sehe, wie jemand während der Arbeitszeit raucht und ich dies nicht vor der Gruppe anspreche. Es kann vorkommen, dass ich jemanden bei einem Regelverstoß beobachte und nichts sage, weil ich weiß, wenn der jetzt rausfliegt, geht er direkt wieder in den Knast. Dann kann es aber auch passieren, dass derjenige seinen Regelverstoß irgendwann offenlegt. In dem Fall fliege ich raus. Muss nicht immer so laufen, kann aber vorkommen. (Auch nicht so ohne weiteres zu verstehen, dass es den Zeugen härter trifft als den Täter.)

Die Wohnung hat man aufgegeben, aus den sozialen Bezügen ist man raus und steht dann in einer fremden Stadt. Das ist hart. Nur für zugucken und Mund halten. Es hat mir Alpträume bereitet, als ich mich das erste Mal auf eine Therapie eingelassen habe. Das soziale Netz? Es wäre mein Dealer gewesen, den ich gefragt hätte, ob ich für ihn auf der Straße verkaufen kann.

Die Regel unserer Gruppe bedeutet vier Wochen keine Teilnahme am Montag, aber keine Kontaktsperre. Wir sehen uns und telefonieren untereinander und in so einer Auszeit bemühen wir uns eher verstärkt umeinander. Auch gibt es enge Kontakte zu Drogenberatern und Therapeuten. Wir sind da in der glücklichen Lage, sehr schnell zu einem Gespräch zu kommen. Rückfall? War es ein Rückfall von mir? Ein Eisbecher als Rauschmittel? Wenn ich ein Bier trinken würde, wäre es so dass ich das Register Rausch berühre, aber nicht mit einem Eisbecher? Alkohol ist nicht mein Suchtmittel gewesen und ich finde es nur eine Spur erträglicher als Pattex schnüffeln. Aber wo fängt es an, und wo hört es auf? Wir sind eine Sucht-Selbsthilfegruppe und wenn es Leute mit Spielsucht gäbe, wäre Glücksspiel natürlich auch ein Regelverstoß.

Nein, das war kein Rückfall, sondern ein Regelverstoß. Sicher, es ist ein Ausschluss und es fühlt sich nicht gut an. Aber es ist nicht die Verbannung und ich habe die Möglichkeit es auszugleichen. Zweck der Regel ist es die Gruppe zu schützen. Und wenn man da keine therapeutische Konferenz hat, die über einen wacht, wer soll dann eine Einzelfallentscheidung fällen? Die Regel ist hart und wir sind mit gegenseitiger Kritik nicht zurückhaltend, aber wir sind nicht hart gegeneinander. Nein, ich werde mir keine andere Gruppe suchen, ich bin mit dieser sehr zufrieden. Und es mag merkwürdig klingen, aber ich stimme auch für meinen befristeten Ausschluss. Suchtgedächtnis ? Ja, aber nicht an Rausch, sondern an ein nicht tragbares Leben.

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