Heute schreibe ich meinen letzten Beitrag hier und versuche ein abschließendes Fazit zu ziehen. Der Freiheitsentzug ist, wie ich dir ansatzweise zeigen wollte, ein „anthroposophisches Trainingslager“, so würde Sloterdijk sagen. Es ist ein egozentrisches Übungssystem, in dem jeder sich selbst überlassen ist. Doch was wird darin trainiert?
Zum einen die subversive, rituelle Romantik, zum anderen die Knastschurkerei, die von den Verwaltern belohnt wird. Auch wenn ich diesen beiden Formen der Übung entsage, diesen Übungen entkomme, bleibt dies traurig zurück: Wer leidet und in ein Klo weggesperrt wird, der ist nur mit sich selbst beschäftigt, so wie ich. Daraus kann nicht der bessere Mensch entstehen.Â
Deswegen lenke ich mich ab und lache blöd durch die Gegend. Meine Beobachter sagen, ich sei haftgewohnt. Sie fügen klandestin (verheimlichend) hinzu: „Dann lassen wir ihn noch länger absitzen“ –„No mercy“. Ihr Leitfaden heißt: Keine Gnade. Die hatte schon meine Mutter nicht mit mir.
Opfermitleid? Ich denke nicht an die Menschen, die ich geschädigt habe. Ich kann nicht mit ihnen fühlen. Mitfühlen? Weil ich, wie ich dir zeigte, auf mich im Klo fixiert bleiben muss und nach Stabilisierung strebe. Sonst verfalle ich depressiv in eine Grübelschleife, hänge an ihr und zack, blaue Zunge statt die blaue Blume der Romantik. Lieber also die bessere Zeit, als der bessere Mensch. Meine Performance heißt: „Warten auf meine Sweety!“ Nur den Liebenden gehört das Leben. Nur dort wird der bessere Mensch geschaffen
Tags: gefängnis, haft, liebe









@Christian
Ich freue mich sehr, dass du „verstehst“. Ich fühle mich absolut wohl mit deiner Antwort, sie ist schauend, perzeptiv. Ein Mensch, der meine Perspektive einnimmt. Vermutlich auch gefühlt hat, dass ich „echt“ im Ausdruck bin. Und damit bei und mit mir ist. Jemand, der das Bild einer vielleicht tragischen Gestalt als Phänomen genießen konnte. Nicht wertend, auch nicht versteckt. Genau so verhalten sich die Liebenden, die wahrhaftigen Romantiker (oder war es nur eine therapeutische Sprechblase *zwinker*). Herzlichen Dank! Mein Webtagebuch war von außen vorgegeben begrenzt. Das ist der Grund, weshalb es der letzte Beitrag war.
@ Achtung vor dem Anderen
14 Fragen stellst du mir. Dein Name bringt mich in die Position des Rollenhandelns. Doch was ist Achtung? Teilaspekt von Liebe. Wer liebt, stellt keine Fragen, sondern gibt sich „ einfühlend, verstehend“. Wenn Fragen, so um die sachliche Information zu erlangen. Hinter deiner anderen Frage kann ich versteckte Anteile von „Ver-achtung“ fühlen. Zugleich sind die Fragen ein Versuch mich zu manipulieren. Ich soll über meine Schlechtigkeit nachdenken. Achtung vor einem anderen Menschen gibt immer Antworten und stellt keine insistierenden Fragen.
Zu den informativen Fragen: das Webtagebuch war zeitlich begrenzt. Sterblichkeit durch Kindesmisshandlung (?), ja, ist mir bekannt, ganz deiner Meinung. Pearl S. Buck kenne ich nicht, sie gilt, obwohl Nobelpreis als trivial, da dürfte Alice Miller fundierter sein, und ich verehre sie.
Schade, dass dies der letzte Beitrag ist/war.
Weshalb? 2018 ist noch weit!
Sie wirken auf mich sehr offen und verständnisvoll.
Wieso kein Mitgefühl?
Ist das nicht auch eine Art von Verständnis?
Vielleicht würde sich Ihr Mitgefühl in ein allzu großes Schuldgefühl umwandeln? Aber dann wäre es kein Mitgefühl mehr.
Zu differenzieren, ist die geheime Waffe in unserem Leben. Und wenn Ihre Mutter schon keine Gnade mit Ihnen hatte, ist es eine logische Folge, dass auch Sie für die Menschen, die Sie verletzt oder beschädigt haben, ebenfalls keine Gnade hatten.
Doch wenn Sie hätten unterschieden, zwischen Ihrer Mutter und den beschädigten Opfern, was wäre dann gewesen?
Die Vergangenheit ist vorüber, was zählt ist tatsächlich das Hier und Jetzt.
Doch wir haben die Konsequenzen für unsere vergangenen Handlungen zu tragen und auch zu ertragen.
9 Jahre, das ist eine lange Zeit, die Sie noch haben.
Vielleicht sollte uns im Leben mehr klar gemacht werden, dass wir zwar die Freiheit haben zu tun was wir wollen, aber nicht an den Konsequenzen vorbei kommen.
Doch was ich für noch viel wichtiger erachte ist zu sehen, was in den Familien mitten in Deutschland passiert.
Wieviele Kinder brutal mißhandelt und gedemütigt werden.
Wussten Sie, dass es eine Statistik gibt, die besagt, dass pro Woche immer noch zwei Kinder an den Folgen von Mißhandlungen sterben, hier mitten in unserem modernen Deutschland des 21. Jahrhunderts?
Darauf wird meines Erachtens immer noch viel zu wenig Aufmerksamkeit gerichtet, sondern die Schuld hin und her geschoben. Aber an die Wurzel des Übels gehen noch viel zu Wenige heran, indem sie Introspektion lernen.
Was auch immer Sie getan haben, Sie tragen heute die bitteren Konsequenzen.
Aber wie ist das? Tragen Sie auch die Verantwortung für Ihre Handlungen, wenn Sie sich nicht an das Mitgefühl für Ihre Opfer heran trauen?
Und ist das nicht auch eine Form der Achtung?
Pearl S. Buck (kennen Sie ihn? ich nicht!) sagte:
“Kinder, die man nicht liebt, werden Erwachsene, die nicht lieben.”
Und zur Liebe gehört nicht nur das Mitgefühl, sondern auch die Achtung. Wenn uns all das fehlt, sind wir auf der “Klo-Seite” der Lebens.
Doch wer sagt, dass wir da bleiben müssen, damit wir ein bessere Zeit haben?
Können wir nicht immer wieder neu entscheiden?
Eine gute Zeit und ein besserer Mensch zu sein?
Kleine Schritte machen, das bringt uns wirklich weiter.
Und mich immer wieder fragen, wohin möchte ich?
Zur Sweety, ja, aber kann ich wirklich lieben ohne Mitgefühl?
Und ohne Achtung auf den Wert des Anderen?
Wünsche Ihnen alles Gute!
Danke für die Einblicke in das Leben im Knast. Du hast eine ganz eigene Perspektive drauf, die ich immer gern gelesen habe.
Warum ist das nun heute der letzte Beitrag?