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2009 24 Jul

Ein Engel mit gebrochenen Flügeln

Autor: Thorsten Bathe | Kategorie: Sucht | RSS 2.0 |
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Diese Trompete lässt mich aufhorchen. Einen Moment lang glaube ich, dass der Geist Chet Bakers in den Körper des Musikers geschlüpft sein muss, der gerade in der Kölner Fußgängerzone spielt. Ich bin mir sicher, dass ich Chets einmaligen Sound höre: ansatzlos und schwebend. Die Trompete muss aus dunklem Samt sein. “Is klar, und das Ozonloch ist eine Vorbereitung auf die Wiederkehr von Jesus Christus”, ermahne ich mich zur Vernunft.

Doch die Klänge lassen mich nicht los. Ich treffe zwar Tina beim Schnorren und unterhalte mich ein bisschen mit ihr. Doch vor mir sehe ich Chet Baker im Dortmunder Jazzclub Domizil, spüre wieder die Aufregung. Wie hatte ich diesen Abend 1987 herbeigesehnt. Obwohl ich zu der Zeit besonders den Gitarrenkrach amerikanischer SST-Bands schätzte, hat mich der lyrische Jazz von Chet auch immer begeistert. Und vor allem seine Lebensgeschichte.

Chet Baker war gut aussehend und talentiert, aber auch rastlos und süchtig. Seine Heroinsucht ließ ihn seit den 50er-Jahren weltweit zur Symbolfigur bürgerlicher Vermutungen über zwangsläufige Zusammenhänge zwischen Jazz und Rauschgift werden. Nach jahrelangen Demütigungen, Haftstrafen, Heilungs- und Comebackversuchen wurden ihm 1968 bei einem Streit unter Fixern fast alle Zähne ausgeschlagen. Für einen Trompeter die Höchststrafe. Danach lebte er mehrere Jahre von der Wohlfahrt, bevor ihm nach einer erneuten Entziehungskur und hartem Training in den 70ern der Wiederaufstieg gelang.

Ich setzte mich damals direkt an den ersten Tisch, denn das Domizil hatte keine Bühne. Und dann stand Chet im Scheinwerferlicht. Er hielt die Trompete in der rechten Hand. Sie hing an seinem schmalen Körper herunter. Sein Gesicht war eingefallen. Die Augen in tiefen Höhlen, sie schauten irgendwo in die Ferne. Die langen Haare fettig nach hinten gekämmt. “Don’t change a hair for me. Not if you care for me. Stay little, funny Valentine.” Minutenlang die pure Magie. Tosender Beifall. Ich konnte mein Glück kaum fassen.

Ein großes Glück, wie sich schon wenige Monate später herausstellte. Chet Baker hatte erneut begonnen Heroin, Kokain und Amphetamine zu konsumieren und war wieder voll drauf, als er am Freitag, dem 13. Mai 1988, tot in Amsterdam aufgefunden wurde. Eine Legende besagt, dass er dort des Hotels verwiesen worden war. Weil er aber seine Trompete vergessen hatte, sei er aus Stolz die Regenrinne hochgeklettert und dabei abgestürzt. “Wovon träumst du denn?”, fragt mich Tina irgendwann und schaut mich dabei übertrieben abwesend an. “Von einem Engel mit gebrochenen Flügeln”.

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