Ein Tag, so lang wie ein blöder Witz. Seine Pointe: auch nicht lustig. Die Grundstimmung bei den Klienten war heute von Anfang an aggressiv. Wegen frühmorgendlicher Polizeikontrollen, Platzverweisen, Problemen bei der Geldbeschaffung, Betrügereien untereinander, gestrecktem Heroin und Wartezeiten vor der Einrichtung im Nieselregen. Ich sehe Heinz in die Kontakt- und Notschlafstelle stürmen. Seine Pupillen tanzen wie nach einer Choreographie von Detlef D! Soost. Die Schläfen sind schweißnass, die Augen weit aufgerissen. Sein Mund zuckt in einem fort, als würde ihm jemand auf die Zehen treten und ihn gleichzeitig kitzeln.
Eine Kontaktaufnahme mit Heinz ist nicht möglich. Gruppen gestalten sich. Gestalten gruppieren sich. Zwischen ihnen wirbelt er nun herum, als willkommener, spontaner Katalysator der gereizten Atmosphäre. Zunächst vernehme ich nur reichlich Getöse, dann fliegen die Fäuste. Mehrere Personen dreschen aufeinander ein. Ich höre das angestrengte Geschnaufe und registriere die Dumpfheit der Schläge. Sehe Lippen platzen und Nasenbeine knacken. Verschüttete Getränke und Blut vermischen sich zu einer rutschigen Fläche, über die die Menge brutal hinwegfegt. Enthemmt und zusätzlich berauscht vom Adrenalin.
Zum Glück sind alle Kollegen unverletzt geblieben und die Einrichtung ist nicht weiter zerstört worden. Die momentane Erleichterung verwandelt sich schnell in bedrückende Tristesse. Ich bin wie gelähmt von diesem Gewaltausbruch. Lustlos, leblos, gar nichts los – ich spüre, wie sich etwas in mir zusammenbraut. Mich selbst dazu zu bekennen, ist ein Risiko. Wer man ist, weiß man immer erst, wenn etwas Entscheidendes mit einem geschieht. Was ist etwas Entscheidendes? Die Hemmungslosigkeit der Klienten? Die daraus resultierende Brutalität? Die misslungene Deeskalation der Situation trotz aller Strategien?
Hieronymus Bosch hatte die Katastrophen noch gut im Griff. Bei ihm gab es das Fegefeuer, Fluten und Pestilenzen, alles in bunten, beeindruckenden Bildern. Auf das die Menschen sich gruselten und um Vergebung baten. Aber heute? Manchmal denke ich, Klienten geraten mit ihrem Leben in eine Rille. Und bleiben solange darin, bis die Platte abgelaufen ist. Als master of desaster sind solche Gedanken nicht erlaubt. Schließlich gelte ich als geschult und professionell. Ich bin der, der mit den Menschen heult. Und nicht umgekehrt.
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