« »

Karussell - ©  Nadine K. - Fotolia.comIm Theologiestudium habe ich gelernt, zwischen Chronos und Kairos zu unterscheiden: Chronos meint den Ablauf der Zeit, wie er auf dem Zifferblatt einer Uhr abzulesen ist. Kairos den rechten Augenblick, den keine Uhr der Welt anzuzeigen vermag. Für Jupp schien es diesen Moment nie zu geben. Er ballerte sich immer wieder aufs Neue zu. Doch dann kam die Wende.

Jupp hat den Kairos getroffen, den glücklichen Zeitpunkt, an dem alle möglichen glücklichen Faktoren einander zuspielen und nur darauf warteten, dass er zugriff und die einmalige Chance nutzte, sein Leben zu verändern.

Lange Zeit sah es nicht danach aus: “Ich bin ein Versager!” Jupp saß niedergeschlagen und kleinlaut in meinem Büro. Dabei war er vor kurzer Zeit noch so voller Hoffnung gewesen. Die Kostenzusage war da und er hatte einen Therapieplatz. Er war in die Entgiftung gegangen und hatte sechs Wochen lang einen heftigen Entzug durchgestanden, bevor ich ihn in die Therapieeinrichtung fahren konnte. Dann, in Therapie, wurde ihm alles zuviel, er bekam Angst vor der eigenen Courage und brach bereits in der ersten Woche ab. Schon auf dem Weg nach Köln war er bereits wieder rückfällig mit Heroin. Der Suchtdruck und die überzeugung, sowieso ein Versager zu sein, hatten ihm schnell jede Hoffnung genommen, jemals clean werden zu können.

Einzige Heimat: Die Clique von ähnlichen Verlorenen

Ich erinnere mich an seine Lebensgeschichte: Jupp erkrankte als kleines Kind an Meningitis und verbrachte lange Zeit im Krankenhaus auf der Isolierstation – alleine, ohne Mutter und Geschwister. Noch heute leidet er unter den Folgen der Infektion. Die Mutter alkoholkrank, der Vater überfordert und resigniert, die Geschwister drogenabhängig. Ein Bruder bereits an einer überdosis verstorben. Keine Unterstützung als Kind und als Jugendlicher, keine Anerkennung. Kein Schulabschluss, keine Lehre, keine Menschen, bei denen er sich aufgehoben fühlen konnte, außer in der Clique von ähnlichen Verlorenen. Das Karussell von Drogen, Kriminalität, Knast. Da hatte sich bei ihm die überzeugung, ein Versager zu sein, schon längst fest eingebrannt, dass er sich gar nicht mehr vorstellen konnte, jemals anders leben zu können.

So lernte ich ihn kennen. Jupp war lange mein Klient. Als er erst einmal Vertrauen gefasst hatte, zeigte er sich als ein nachdenklicher, sensibler Mensch, kreativ und mit viel Sinn für Humor, der auch über sich selbst lachen konnte. Er schrieb skurrile Kurzgeschichten und träumte davon, irgendwann einmal einen Film zu drehen über sein Leben.

Dritte Therapie: Wertschätzung rettet den Ausstieg

Dreimal hat er Anlauf genommen für eine Therapie. Es war mühsam und langwierig. Zweimal stand er kurze Zeit später wieder in meinem Büro und war wieder rückfällig. Beim dritten Versuch klappte es: Jupp hielt durch. Aus der Therapie schrieb er mir Briefe, die so skurril waren wie seine Kurzgeschichten und die von seinem Humor zeugten, aber die auch deutlich machten, wie ernsthaft er sich mit seiner Lebensgeschichte auseinandersetzte. Er war in der Therapie auf Menschen gestoßen, die ihn ernst nahmen und ihm ihre Wertschätzung deutlich zeigten. Das hatte ihm den Mut gegeben, zu kämpfen und nicht wegzulaufen.

Ob Jupp heute noch clean lebt, weiß ich nicht. Ich habe ihn aus den Augen verloren. Aber ich weiß, dass er wenigstens für diese Zeit ein gutes Leben führen konnte.

Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • MisterWong
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • email
  • MySpace

Tags: , , , ,

Kommentare sind geschlossen.