MuseSuse
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Rainer S.
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Thorsten Bathe
RalphK

Archiv für Juni 2009

Sommer auf dem Plattenbau-Balkon

Dienstag, 30. Juni 2009

Seit langem wieder einmal sitze ich auf meinem Balkon im Plattenbau und genieße den Abend. Beim letzten Sperrmüll, sind einige Möbelstücke gelandet, die hier für Enge sorgten. Jetzt ist es geräumig hier, die Blumentöpfe stehen an der Wand mit Löwenmaul, fleißigen Lieschen, Astern, Rosen und anderes. Vor mir der Blick auf die Leuchtenburg, die Höhenzüge des Leutratals und Schornsteine unseres Heizkraftwerkes in Burgau. Der Verkehr rollt unablässlich auf der Straße nach Stadtroda und der Autobahn.

Meine Mattigkeit heute Abend habe ich wieder mit Schreiben überbrückt und einem Schwarztee. Schön, das gemeinsame Singen beim DRK um 14 Uhr zur Gitarre. Zwar nur ein kleiner Kreis von sechs Frauen und zwei Männern, aber trotzdem schön für uns alle. Hier eigene Texte, vom Urlaub gelesen, Gedichte von Kästner gesprochen oder einfach nur das Singen begleitet mit meiner Gitarre und Stimme. Zuvor gab es ein gutes Stück Kuchen und Kaffee spendiert vom DRK-Begegnungszentrum für mich. Eine sehr schöne Veranstaltung, der ich auch schon einige Jahre beiwohne mit meinen Gaben.

In den Fahrstuhletagen von Lobeda West brennt Licht, sonst nur vereinzelt ein beleuchtetes Fenster. Was werden die Leute jetzt tun? Meine Tagetes leuchtet in ihrem Orange in der Dämmerung. Droben am Himmel ein letzter Hauch von Abendröte und der zunehmend gelbe Mond. Da muss ich an Heinrich Waggerl denken. “Welch ein Glück, dass es die einfachen Dinge immer noch gibt. Immer noch Felder, rauschende Bäume und den Mond am Himmel.”

Herzliche Grüße von Susi L. aus Jena

Von leichten und schweren Prüfungen

Montag, 29. Juni 2009

Nun ist es wieder ruhig in meiner Wohnung. Mein Sohn ist abgereist, haben ihn noch zum Bahnhof begleitet. Drei Tage war er hier und hat auch seine Freunde getroffen. Für uns kochte Johannes ein wunderbares Essen. Am Donnerstag verlas der Junge einen eigenen Text nach der Mittagsandacht und ich sprach von Dietrich Bonhoeffer das Gedicht “Von guten Mächten wunderbar geborgen”. Es ist ein Text, der uns beide betrifft und viele andere auch.

Jeder geht seinen Weg und muss doch leichtere und schwerere Prüfungen bestehen im Leben. Johannes hat in seinen jungen Jahren auch schon viel erfahren müssen. Ich hoffe, dass es bei Nikotingenuss bleibt und nicht Alkohol und Drogen wieder einen Stellenwert finden in seinem Dasein. Zurzeit schreibt er an zwei Theaterstückchen, das eine ist autobiographisch angelehnt.

Meine Schwermut ist gewichen mit diesem Unwohlsein, Beklommenheit nach harter Kritik einer Chorschwester. Manchmal verstehe ich die Welt nicht mehr bei solchen Dingen. Ist doch Kirche auch ein offener Raum für Kunst, für Leben und für alles, was unserem Herrgott Freude macht. Ich denke im Gebet an diese Schwester mit, meinen Sohn und vieles andere. Rabidranath Tagore hat mal gesagt: “Glaube ist der Vogel, welcher singt, wenn die Nacht noch dunkel ist.”

Alles Liebe wünscht Susi L. aus Jena

Die alte Falle

Montag, 29. Juni 2009

Wenn ich im Rahmen einer Therapie etwas von meinem Besuch bei Ba gesagt hätte, hätte das sicherlich einige Einzelgespräche nach sich gezogen. Doch der Besuch bei Ba war nicht alles. Ich habe noch deutlich einen drauf gesetzt: Um für die anstehende Reparatur des Mühlrades mein Schweißgerät zu holen, bin ich mit dem Auto nach Detmold gefahren. Da ich früher fertig war als geplant, und noch Zeit bis zu meiner Verabredung blieb, dachte ich, ich fahr mal bei Raske vorbei. Er ist bekennender Heroin- und Alkoholabhängiger. Bestimmt seit 25 Jahren. Er hat nicht eine stationäre Entgiftung, geschweige denn eine Therapie gemacht.

Wieso ich auf den Trichter gekommen bin, ihn zu besuchen? Schon vor einiger Zeit habe ich von Micha gehört, dass Raske angefangen hat zu schreiben. Das interessiert mich und ich habe schon öfter daran gedacht, es würde mich reizen eine Collage aus erlebten Kurzgeschichten zusammenzutragen. Raske könnte da einiges beitragen. Klar weiß ich, dass so mancher Therapeut da die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würden. Klar weiß ich auch, was die meinen, wenn es darum geht sich abzugrenzen, Gefahren aus dem Weg zu gehen, nicht mit dem Feuer zu spielen.

Aber das ist keine Therapie, die ich im Augenblick mache. Vor einiger Zeit, mit Zahnschmerzen auf dem Bahnhof von Amsterdam rumzusitzen, das hätte mich schon überwindung gekostet nein zu sagen. Raske zu besuchen, das Shoreblech vor ihm auf dem Tisch, nein das hat mich keine überwindung gekostet.

Aber ich weiß, dass ich mich nicht allzu lange dieser Aura aussetzen will. Eine Aura die einlädt, mal die Füße auszustrecken, zu plaudern – sich zuhause zu fühlen. Die alte Falle. Die andere Falle ist, sich im eigenen Leben nicht anwesend zu fühlen. Das heute war eine Sache, die ich wollte.

Nicht nur der Besuch bei Raske und Ba haben heute Erinnerungen in mir wachgerufen. Wenn ich mit dem Auto oder auch mit dem Zug unterwegs bin, kommen mir oft Erinnerungen ins Bewusstsein. War nicht gerade wenig heute. Aber ich merke, mit diesem Tag bin ich ganz zufrieden.

Wohin mit den heimatlosen Gefühlen?

Freitag, 26. Juni 2009

Ba kenne ich schon seit 27 Jahren. Sie ist eine der wenigen, mit der ich Kontakt gehalten habe. Allerdings auch mit Unterbrechungen. Als wir in Bielefeld lebten – beide auf Heroin, beide immer mit den letzten Kröten auf der Suche nach Shore - sind wir getrennte Wege gegangen. Drogenabhängigkeit lässt keinen Platz für Freundschaft. Gerade haben wir uns für Sonntag verabredet.

Früher ist es mir schon mal aufgefallen, dass ich mich eigentlich nur dort wirklich wohl fühlte, wo es auch Tiere gab. Es sind nicht allzu viel Leute bei, oder Orte an denen ich mich zuhause fühle. Zuhause. Das besetzte Haus war Zuhause für mich. Das AJZ in Bielefeld, die alte Pauline in Detmold. Punk war ein Zuhause. Egal wo ich hingetrampt bin, ich war nicht allein. Detmold war für mich Zuhause.

Wenn ich Sonntag nach Bielefeld fahre, weiß ich, an diesen Gefühlen kann ich nicht anknüpfen. Ba ist noch mit Meta substituiert, und sie kifft noch. Wenn ich mich in das Gefühl Zuhause sinken lasse und eine Wasserpfeife steht neben mir?

Eine Ersatzsucht, die mich mit Endrorphinschüben versorgt, wie Marathon oder Segelkunstflug, habe ich bisher nicht gefunden. Ein Dogma mit Drogenersatzfunktion, so etwas habe ich auch nicht zu erwarten. Meine Gefühle werden wohl noch eine ganze Weile heimatlos sich hierhin und dorthin bewegen. Bis ich dann vielleicht irgendwann ein Zuhause in mir entdecke.

Der mit den Menschen heult

Freitag, 26. Juni 2009

Ein Tag, so lang wie ein blöder Witz. Seine Pointe: auch nicht lustig. Die Grundstimmung bei den Klienten war heute von Anfang an aggressiv. Wegen frühmorgendlicher Polizeikontrollen, Platzverweisen, Problemen bei der Geldbeschaffung, Betrügereien untereinander, gestrecktem Heroin und Wartezeiten vor der Einrichtung im Nieselregen. Ich sehe Heinz in die Kontakt- und Notschlafstelle stürmen. Seine Pupillen tanzen wie nach einer Choreographie von Detlef D! Soost. Die Schläfen sind schweißnass, die Augen weit aufgerissen. Sein Mund zuckt in einem fort, als würde ihm jemand auf die Zehen treten und ihn gleichzeitig kitzeln.

Eine Kontaktaufnahme mit Heinz ist nicht möglich. Gruppen gestalten sich. Gestalten gruppieren sich. Zwischen ihnen wirbelt er nun herum, als willkommener, spontaner Katalysator der gereizten Atmosphäre. Zunächst vernehme ich nur reichlich Getöse, dann fliegen die Fäuste. Mehrere Personen dreschen aufeinander ein. Ich höre das angestrengte Geschnaufe und registriere die Dumpfheit der Schläge. Sehe Lippen platzen und Nasenbeine knacken. Verschüttete Getränke und Blut vermischen sich zu einer rutschigen Fläche, über die die Menge brutal hinwegfegt. Enthemmt und zusätzlich berauscht vom Adrenalin.

Zum Glück sind alle Kollegen unverletzt geblieben und die Einrichtung ist nicht weiter zerstört worden. Die momentane Erleichterung verwandelt sich schnell in bedrückende Tristesse. Ich bin wie gelähmt von diesem Gewaltausbruch. Lustlos, leblos, gar nichts los – ich spüre, wie sich etwas in mir zusammenbraut. Mich selbst dazu zu bekennen, ist ein Risiko. Wer man ist, weiß man immer erst, wenn etwas Entscheidendes mit einem geschieht. Was ist etwas Entscheidendes? Die Hemmungslosigkeit der Klienten? Die daraus resultierende Brutalität? Die misslungene Deeskalation der Situation trotz aller Strategien?

Hieronymus Bosch hatte die Katastrophen noch gut im Griff. Bei ihm gab es das Fegefeuer, Fluten und Pestilenzen, alles in bunten, beeindruckenden Bildern. Auf das die Menschen sich gruselten und um Vergebung baten. Aber heute? Manchmal denke ich, Klienten geraten mit ihrem Leben in eine Rille. Und bleiben solange darin, bis die Platte abgelaufen ist. Als master of desaster sind solche Gedanken nicht erlaubt. Schließlich gelte ich als geschult und professionell. Ich bin der, der mit den Menschen heult. Und nicht umgekehrt.

Hartz IV: Das Bonbon für niedrige Lohnkosten

Freitag, 26. Juni 2009

Hi, da bin ich wieder. Eigentlich hatte ich heute um 15 Uhr einen Termin zum Zähne ziehen, den ich aber wegen dieses “tollen Markttages” verschieben musste. Ulli, mein Gemüsechef war heute mit seiner Frau gekommen und beide äußerten sich beim Abbauen zufrieden über ihren Umsatz: “Für einen Dienstag war es richtig gut.” Für mich war es das aber nicht, weil mich Ulli entgegen seiner Versprechungen im Winter, nicht am besseren Umsatz beteiligt. So waren es für mich 15 Euro nach vier Stunden.

Zudem fragte mich dann, während des Einladens, seine Frau: “Hast du schlechte Laune heute? Du knallst die Kisten so laut aufeinander!” Mir ist damit recht deutlich geworden, wie leicht und gerne die finanzielle Not von Hartz-4ern von Unternehmern zum eigenen Vorteil genutzt wird. Hartz4 und Wirtschaftskrise ist für diese Unternehmer-Leute wie ein Bonbon, das die Lohnkosten schön niedrig hält. Wie Ulli schon mal erwähnte: “Du kannst ja gehen, wenn es dir nicht gefällt.”

Bis zum nächsten Mal.
Ralph K.