Der Workshop ist beendet. Einen Tag früher als geplant. Tja, die Planung. Anderes Holz, andere Teilnehmer, andere Hütte als geplant. Die ganze Vorbereitung war eigentlich nur wichtig um mich mental einzustimmen. Alles hat geklappt, die Stimmung war gut, das Wetter auch. Aber auf der Rückfahrt habe ich darüber nachgedacht, was ich mir für eine Note geben sollte. Ich weiß es nicht. Wenn ich meinen Körper frage, was er von der Aktion gehalten hat, ist die Antwort einfacher. Nach meinem chemischen Winterschlaf mit Psychopharmaka komme ich an meine alte Leistungsfähigkeit nicht mehr heran.
Ein Muskelkrampf im Oberschenkel, einer in der Wade, ein paar Splitter in den Fingern. Alles halb so wild, aber gestern konnte ich ab 15 Uhr nicht mehr wirklich aufrecht gehen. Ich habe da ein kleines Bandscheibenproblem und auch heute Morgen kann ich mich noch nicht wieder entspannt aufrichten.
Ein Thema für den Arzt? Ein Arzt hatte meinem Vater einmal gesagt, aufgrund seiner Bandscheibensituation könnte er an arbeiten nicht mehr denken. Er hat angefangen Yoga zu machen und seitdem keine Bandscheibenprobleme mehr. Bisher habe ich darauf gesetzt, dass meine Vitalität sich über die Arbeit wieder steigert. Aber der Aufbau funktioniert nicht mehr so schnell, wie ich es von früher gewohnt bin. Normalerweise halte ich es mit Churchill: “No sports!”, aber das klappt anscheinend nur mit Whiskey und dicken Zigarren.
Archiv für April 2009
Langsames Erwachen aus dem Winterschlaf mit Psychopharmaka
Sonntag, 26. April 2009Wie ein Telefonat mit einem anderen Stern
Freitag, 24. April 2009
Mir fliegen die Gedanken nur so durchs Hirn. Die Eindrücke dieses Tages bringen mich an meine Grenzen. Ich komme gerade von einem Termin mit dem Veranstalter des Workshops und einem Mitarbeiter der Gemeinde-Unfallversicherung. Ich fühle mich wie ein Alien. Reden kann ich schon mit allen, aber oft merke ich, das ist wie mit einem anderen Stern zu telefonieren.
Ich steige hier jetzt gar nicht auf die Sachen ein die mich im Einzelnen genervt haben, wäre zu ausufernd. Als Eindruck, der zu dem passt, nur die folgende Beobachtung:
Im Regionalbus fiel mir auf, dass da pro Sitz eine Radio angebracht ist. Die meisten jüngeren haben Handy, MP3-Player und sind versorgt. Die meisten älteren haben – denke ich – meistens kein Interesse sich auf der Fahrt berieseln zu lassen. Also ein Angebot für die Leute dazwischen, die natürlich alle einen Kopfhörer dabei haben. Wie schön, dass hier 0,05 Prozent Minderheiten berücksichtigt werden. Macht dann auch nichts, wenn man die Knöpfe für den Haltewunsch kinderfreundlich an die Decke montiert, weil die Radios eben den Platz einnehmen, wo die sonst sitzen.
Kann ich alles sehr gut verstehen. Den Verkäufer der Radios, den Busunternehmer und den PR-Idioten, der ihn gut aussehen lässt. Alles hochintelligente, engagierte Menschen, die ja schließlich auch leben wollen. Dummheit tut weh. Nicht, dass es an den anderen liegt, nein, PR-Idioten kann ich wie gesagt gut verstehen. Es tut weh, in dem Bus zu sitzen und selber zu blöde zu sein, an solchen Feinheiten irgendetwas ändern zu können.
Na gut, es kann mir eigentlich auch egal sein, wenn in ein paar Jahren standardmäßig Trendberater mit zum Bus gehören. Aber wenn es um ein paar andere Dinge geht tut, mir mein Unvermögen schon weh. Wenn man sich einen Begriff von Junkieverhalten machen will, sollte man sich die Gesellschaft als Ganzes ansehen. Da kommt kein einzelner Junkie mit.
Sturzflug durch den Alltag
Freitag, 24. April 2009“Haben sie eine Kundenkarte oder sammeln sie die Treueherzen?” Die Frage der Kassiererin höre ich noch. Dann bricht die Zeitlupe über mich herein. Ich stehe an der Kasse im Supermarkt und denke nach. “Die Zeit heilt alle Wunden”, heißt es immer wieder. Die offenen Stellen auf Franks Füßen haben sich geschlossen. Auch Monikas Abszessnarben sind verheilt. Das Sprichwort meint aber wohl vor allem die Blessuren, bei denen sterile Kompressen und Salben nichts ausrichten können. Zum Beispiel schreckliche Erlebnisse oder schwere seelische Traumata. Auf einmal hat das Zeitverstreichen etwas Gutes.
Erstaunlich, ansonsten muss doch immer alles fix gehen. Meine Klienten sagen ja nicht umsonst “fixen”. Gleiches gilt auch für mich und viele andere: Schnell aus dem Bett, schnell Kaffee trinken, schnell zur Arbeit, wo alles Machen trotz Schnelligkeit nie schnell genug sein kann, danach schnell etwas einkaufen, schnell kochen, essen, fernsehen, schnell schlafen und lieben. Sturzflug durch den Alltag. Das Leben fühlt sich meistens an, als würde
jemand die Vorlauftaste gedrückt halten.
Manchmal wird jedoch plötzlich umgeschaltet auf Slow-Motion. Ich denke und spreche langsam. Dann kann ich Minuten damit verbringen, mir zu überlegen, was ich später zu Hause kochen möchte. Oder welches Poster morgen im Büro an die Wand soll. Ich schaue so lange blöd aus der Wäsche, dass selbst Klienten um Jahre gealtert scheinen.
Und manchmal fahre ich die Energie-Zufuhr noch weiter runter. Ich denke gar nicht und schweige. “Das macht bitte zwölf Euro dreiundvierzig”, wiederholt die Kassiererin, bevor sie mit ihren Händen vor meinem Gesicht rumfuchtelt und noch etwas lauter wird: “Hallo, Erde an Mars”. Die Zeit vergeht. “Was ist denn heute hier los”, mosert nun ein Mann hinter mir, “schon wieder einer auf Droge?” Mich berührt das Gemecker nicht. Mein Leben, die Arbeit, die Zeit – alles zieht an mir so friedlich und geruhsam vorbei wie die Einkäufe auf dem Band im Supermarkt.
Der Haftbefehl ist vom Tisch
Freitag, 24. April 2009Ich erlebe immer wieder, dass Menschen sich nach einem Telefonat oder Beratungsgespräch nicht mehr melden. Scheinbar ist anschließend der Druck nicht mehr so groß oder die Betroffenen gehen andere Wege. So war ich etwas gespannt, ob Herr P. zu dem vereinbarten Termin kommt.
Und er kam tatsächlich. Wie besprochen war er auch bei der Staatsanwaltschaft und hat dort einen Antrag auf Umwandlung der Geldstrafe in gemeinnützige Arbeit gestellt. Bevor die Staatsanwaltschaft entscheidet, will sie von mir noch weitere Unterlagen und Informationen. Ich bespreche das weitere Vorgehen mit Herrn P. Er wirkt immer noch sehr verunsichert. So richtig glauben kann er nicht, dass die Haftbefehle vom Tisch sein sollen. Ich sehe das positiv, für mich ist im Moment die größte Gefahr gebannt.
Jetzt geht es darum, die nächsten Schritte zu planen. Er muss unbedingt die Unterhaltszahlungen für sein Kind leisten. Gerät er in Rückstand und hat nicht vorab eine Aussetzung geklärt, wird alles was ich vereinbart habe wieder hinfällig. Dann ist die Haft nicht mehr zu verhindern. Mit den anderen Gläubigern werde ich mich in den nächsten Tagen in Verbindung setzen.
Das Bankkonto wurde Herrn P. gekündigt. Bei einer anderen Bank hat er bisher kein Bankkonto bekommen. Das ist für ihn sehr ärgerlich und mit hohen Zusatzausgaben verbunden. Für jede überweisung muss er mindestens fünf Euro bezahlen. Hier werde ich ihn auch unterstützen.
Während ich diese Zeilen zu Ende bringe, kommt mal eine erfreuliche Nachricht aus Berlin. Mit der Reform des Kontopfändungsschutzes wird erstmalig ein sog. Pfändungsschutzkonto (”P-Konto”) eingeführt. Auf diesem Konto erhält ein Schuldner für sein Guthaben einen automatischen Sockel-Pfändungsschutz in Höhe seines Pfändungsfreibetrages. Dabei kommt es nicht darauf an, aus welchen Einkünften dieses Guthaben herrührt. Damit genießen künftig auch Selbstständige Pfändungsschutz für ihr Kontoguthaben. Jeder Kunde kann von seiner Bank oder Sparkasse verlangen, dass sein Girokonto als P-Konto geführt wird. Das Gesetz bedarf noch der Zustimmung des Bundesrates.
Die Reform tritt erst ein Jahr nach Verkündigung in Kraft, damit die Kreditwirtschaft ausreichend Zeit zur Umstellung hat. Somit kann davon ausgegangen werden, dass die änderungen erst gegen Mitte 2010 in Kraft treten werden. Diese Reform ist überfällig und sehr zu begrüssen. Herr P. hätte heute noch sein Girokonto. Viel ärger und viele Nachteile wären ihm erspart geblieben.
Im Kampf gegen die Armut
Freitag, 24. April 2009Hallo an alle da draußen, die sich für diese Seite interessieren. Habe diese Woche ein wenig gebummelt mein Tagebuch zu schreiben. Mir geht es im Moment gar nicht gut. Meine Schmerzen (habe heute eine Spritze bekommen) sind diese Woche besonders schlimm und meine Depressionen kamen durch. An manchen Tagen denke ich: Als ich abhängig war, konnte ich so einen Mist besser ertragen. Aber dann erinnere ich mich auch gleichzeitig daran, wie es ist im Drogensumpf unterzugehen. Also, es hilft ja nichts. Ich muss da nüchtern durch… für mich.
Habe euch bei meinem letzten Eintrag erzählt, dass Moma Konfirmation hat. Das sollte ein schönes und wichtiges Ereignis in seinem Leben sein. Wie immer in meinem Leben geht auch dieses Ereignis nicht ohne Kampf vonstatten. Letzte und vorletzte Woche habe ich viele Unternehmen angeschrieben mit der Bitte um Hilfe. Bisher kamen nur Absagen oder gar keine Antworten. Es sind zu viele, denen es schlecht geht.
Schade, aber ich werde weiter kämpfen für ein besseres Leben für meine Kinder und für mich. Jetzt erst recht. Ich möchte euch ans Herz legen, lasst euch nicht entmutigen, sagt eure Meinung und kämpft mit anderen gegen die Armut. Was sagte ich noch vor Kurzem? Die Politiker wollen es nicht sehen, wie es in Deutschland und der Welt aussieht und was ist diese Woche? Erst jetzt kommt man dahinter. Ist doch lächerlich!
Wir Deutschen sind ja ein geduldiges Volk. Warten ab, bis es knallt und selbst dann warten wir noch ab. Die Regierung macht Schulden ohne Ende, und alles bleibt auf der Strecke. Die nächsten Jahre werden sehr hart werden. Ich möchte auch gerne Diäten erhalten, schade dass ich so blöd war und nur Alterpflegerin und Sekretärin war. Hätte in die Politik gehen sollen, denn die bekommen schon nach sechs Monaten eine Pension, wenn sie arbeitslos werden. Und die sehen ganz anders aus als meine Rente …
Diese Müdigkeit erinnert mich an Hepatitis
Mittwoch, 22. April 2009Da ich nächstes Wochenende diesen Workshop gebe, hatte ich heute früher Feierabend. Und das Erste, was ich gemacht habe ist: Ich hab mich ins Bett gelegt. Eine Stunde habe ich tatsächlich richtig geschlafen. Jetzt sitze ich hier mit einem Kaffee und versuche wieder auf Touren zu kommen. Es geht mir im Augenblick jeden Tag so, dass ich im Bus nach der Arbeit damit kämpfe, die Augen offen zu halten.
Schrecklich! Ich habe es ja schon Mal geschrieben, dieses Ausmaß von Müdigkeit erinnert mich an Hepatitis. Ich könnte ja mal einen Arzt darauf ansprechen. Als ich wegen der Grippe beim Arzt war, hatte ich auch noch drei offene Fragen. Ich habe mit der falschen Frage angefangen. In dieser Frage kam das Wort Haut vor, und der Arzt hat mich dann auf die Krebsvorsorgeuntersuchung beim Hautarzt hingewiesen und war dann auch schon aus dem Zimmer. Wenn ich das Gefühl habe zu stören, tue ich mich immer ein bisschen schwer damit, den Mund auf zu bekommen. Muss ich noch dran arbeiten.
Der Workshop am Wochenende. Sobald eine Vorstellung von diesem Workshop in mir entsteht, breche ich den Gedanken sofort ab. Wird schon. Vorbereitet habe ich mich allerdings mittlerweile doch ganz gut. 14 Stunden mit zehn Teilnehmern sind nicht komplett planbar, und die Lücken die entstehen, füllt man dann mit Routine. Ich tue so, als hätte ich welche. In sechs Wochen bin ich auch für mein Märchen gebucht. Habe ich auch erst zur Hälfte aufgeschrieben, denke aber auch, wird schon. Da aber mit einem sicheren Gefühl.
In den letzten Tagen habe ich oft gedacht, wie gut es ist, nicht in einer Leiharbeit Firma gelandet zu sein. Ich glaube ich würde durchdrehen, nur gut dass dieser Krug an mir vorbeigegangen ist. Nur gut, dass ich einen Job habe, in dem es Herausforderungen gibt, und in dem ich mit meinen Kollegen sprechen kann.
Gestern habe ich mit Lara in der Mittagspause ein Gespräch gehabt. So ein Gespräch ergibt sich in einem Jahr vielleicht ein oder zwei Mal. Schade, dass Laras Vertrag im Sommer zu Ende ist.


