Thorsten Bathe
Rainer S.
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Rainer S.
Thorsten Bathe

Archiv für April 2009

Leben und träumen im Dämmerzustand

Donnerstag, 30. April 2009

Als ich Simone kennen lernte, war ich überrascht. Vor mir saß eine sympathische, gescheite und lebenstüchtige Frau in den Fünfzigern. Ehrlich gesagt, hatte ich mir die Mutter von Tanja ganz anders vorgestellt. Auch sie ist sympathisch, aber weniger gescheit und noch viel weniger lebenstüchtig. Wie Kleidungsstücke in einem Wäschetrockner wirbeln Selbstzerstörung und Chaos in ihr herum.

Manche Menschen finden eine Bestimmung darin, Drogen zu unterliegen. Sie brauchen ein Hilfsmittel, um die Außenwelt in sich aufzunehmen.
Sie leben und träumen in einem Dämmerzustand. Für sie ist die Welt ein Gespenst, solange nicht irgendeine fremde Substanz ihnen Körperlichkeit verleiht.

Tanja ist so ein Mensch. Und einer meiner harten Fälle. Sie hat sich schon in jungen Jahren innerhalb kurzer Zeit so runtergewirtschaftet wie ich es zuvor selten erlebt habe. Der Junk hat buchstäblich eine Schneise durch ihren Körper geschlagen. Und sich dabei eingenistet. Heute scheint er in ihr ein unkontrollierbares Eigenleben zu führen. Dabei hatte sie beste Voraussetzungen. Graue Ghetto-Tristesse kennt sie nur vom Hörensagen. Die Familie lebt in einem eigenen Haus mit großem Garten. Dort ist sie behütet und in materieller Sorglosigkeit zusammen mit ihren Eltern, zwei Geschwistern und Kater Schmidt aufgewachsen. Trotzdem hat sich Tanja irgendwann in sich selbst und ihre eigene seelische Dunkelheit zurückgezogen. In das, was sie heute ist: ein für ihre Eltern und Geschwister, aber auch für mich unerreichbarer Mensch.

Simone sah das schmerzlich voraus. In manchen Momenten ahnte sie schon früher, wie verschieden dieses Kind von ihr selbst und den anderen Kindern war. So berichtet sie mir traurig, dass die einzige Nähe, die Tanja jemals zulassen konnte, das leise Summen war, mit dem sie versuchte, ihre Tochter in den Schlaf zu singen. Und wie überwältigt sie dann jedes Mal war, wenn der Versuch glückte und sich der Gesang allmählich im Solo eines gleichmäßig schlagenden Herzens verlor.

Ein voller Kühlschrank und echte Glücksmomente

Mittwoch, 29. April 2009

Bin ich zufrieden? Ja, alles ist ganz gut, der Kühlschrank ist das erste Mal in meinem Leben so bestückt, dass ich eine Auswahl treffen muss. Wenn ich mir die Frage stelle, ob ich zufrieden bin, weiß ich zumindest, ich bin nicht glücklich. Was fehlt mir zum Glück?
Die Momente, die ich als Glück empfand, waren oft welche mit leerem Kühlschrank. Meist war überhaupt nicht alles in Ordnung, manchmal standen sogar mittelschwere Katastrophen bevor. Glück ist wie ein warmer Sonnenstrahl, der durch die Wolken und das Blätterdach blinzelt, der seine Spur im Nebel zieht, dessen Berührung alle Sinne weckt und mit Klarheit überflutet.
Als ich mal jeden Morgen um vier aufstehen musste, merkte ich beim Blick in den Sternenhimmel, dass ich mich sehr wohlfühlte. Diese Ruhe und Klarheit habe ich immer sehr genossen. Wenn ich dann unterwegs war und die Sonne ging auf, überkam mich immer etwas wie Hoffnungslosigkeit. Erst wenn dann die Sonne ein paar warme Strahlen an mich verlor, änderte sich auch wieder das Gefühl in mir.
Die Zeit um drei Uhr morgens habe ich die heilige Zeit genannt. Wenn man im Wald ist, erlebt man es sehr oft: Es gibt da einen Moment der Stille. Die Luft steht still, kein Laut, kein Rascheln, völlige Ruhe. Eine Ruhe, die man auch spürt, wenn der erste Schnee in dicken Flocken fällt und den Raum kleiner und zugleich grenzenlos macht.
Glücklich bin ich damit, dass ich immer in der Lage war, wie die Sonne, die ihre Strahlen durch Wolken und Wirrnisse schickt, Gedanken zu haben, die wie diese Strahlen klar und warm bleiben wenn, sie auf das treffen – an das ich glaube.

Stromsperre: Familie B. sitzt im Dunkeln

Dienstag, 28. April 2009

Es scheint ein weit verbreitetes Handlungsmuster bei verschuldeten Menschen zu sein, die monatlichen Abschlagszahlungen für Strom und die Miete nicht pünktlich zu zahlen. Andere Gläubiger setzen diese Menschen stark unter Druck. Sie bekommen Angst und bezahlen zuerst diese Schulden und verschieben die Miet- und Stromzahlungen auf den nächsten Monat. Das ist oft der Einstieg in eine Spirale, die mit einer Stromsperre oder Wohnungskündigung endet.

Eine Ursache liegt in ungerechten Arbeitsverhältnissen. Heute kommt Herr B., er ist Vater von zwei kleinen Kindern. Seine Frau schreibt ihre Abschlussarbeit an der Universität. Der örtliche Stromversorger hat den Strom abgestellt. Den Lebensunterhalt verdient Herr B. bei einem privaten Briefzustelldienst. Seinem Arbeitgeber ist er hilflos ausgeliefert. Die Arbeitszeit ist unregelmäßig, das Arbeitsaufkommen schwankt, oft muss er kurzfristig für Kollegen einspringen. Sein Einkommen schwankt daher sehr. Er ist froh, überhaupt eine Arbeitsstelle zu haben und traut sich nicht gegen diese Arbeitsbedingungen anzugehen. Hier sind Menschen einem Arbeitsmarkt ausgeliefert, der auch in Zukunft auf ihre Notlage setzt und sie gnadenlos ausnutzt.

So hat er in der Vergangenheit aus Geldmangel immer wieder die Zahlung der Stromabschläge verschoben, in der Hoffnung, im nächsten Monat wieder mehr Geld zur Verfügung zu haben. Das wurde ihm jetzt zum Verhängnis. Aufgrund unseres guten Kontaktes zum örtlichen Stromversorger konnte ich die umgehende Aufhebung der Stromsperre erreichen. über einen Fonds habe ich die rückständigen Stromabschläge bezahlt. Herr B. zahlt den Betrag an diesen Fonds in kleinen Raten zurück.

Endlich frei! Ich habe keine Angst mehr zu versagen

Dienstag, 28. April 2009

Kann mal wieder nicht schlafen, meine Arthrose in meinen Knochen macht mir zu schaffen. Wir haben es jetzt 23:42 Uhr. Gestern haben wir die Konfirmation hinter uns gebracht und das gar nicht mal so schlecht, wie ich finde. Mein Sohn hat sich gestern oft bedankt, er meinte, es wäre ein schöner Tag gewesen. Der Gottesdienst war super gestaltet, eine lockere Predigt, die mich zum Nachdenken brachte. Kein Streit mit der Verwandtschaft (ihr müsst wissen, ich bin mit so viel Streit und Suchtproblemen groß geworden), super Wetter, und – wenn auch mit ganz kleinen Pannen- es war das erste Fest, wo ich war wie ich bin. Ohne dass ich mich vor meiner Familie rechtfertigen musste. Ich habe mein Ding durchgezogen, und wenn ich auch kein Geld für neue Klamotten hatte, ich bin glücklich.
Vor Jahren wäre ich nicht mit Motorradstiefeln zur Kirche erschienen, aber Moma hat sie mir geputzt und meine Söhne meinten, ich sähe cool aus. Eigentlich habe ich, wenn auch mit kleinen Hilfen, (an dieser Stelle danke ich denen, die mir mit ihren Spenden und anderen Dingen geholfen haben) es gut hinbekommen, und das im Rollstuhl. Am späten Nachmittag löste sich unsere kleine Feier auf, nur Momas Freunde hielten die Stange.

Als ich auch zur Ruhe kam, war ich so geschafft und mein Körper schmerzte, aber irgendetwas war mit mir nach diesem Tag passiert. Vielleicht muss ich noch viel lernen, mich neu kennen lernen. Ich hatte vor der Feier so eine Angst, dass ich es nicht schaffe, dass meine Verwandtschaft wieder lästert, ich es ihnen nicht recht machen kann, ich meinem Sohn nicht die Feier geben kann, die er sich wünscht.
Aber was ich nie für möglich gehalten habe, ich fühle mich zum ersten Mal frei. Mich treibt keine Angst mehr, dass ich versage, dass ich um Liebe bei meinen Eltern und Geschwistern betteln muss. Ich habe viel erkannt in der letzten Zeit, und nun sollte ich lernen mit und in meiner jetzigen Situation klar zu kommen und vor allem meine Behinderung zu akzeptieren. Es wird immer wieder Rückschläge in meinem Leben geben und vielleicht werde ich noch oft unruhig sein, aber ich glaube ich fange noch mal mit “Vertrauen und Glauben” an. Danke, lieber Gott, dass es doch immer wieder weiter geht. Und danke nochmals an diese Menschen, die an mich glaubten und die mir bzw. uns so nett geholfen haben, egal ob mit Worten oder Taten.

Hilflosigkeit bereichert manchmal das Leben

Montag, 27. April 2009

Ich habe ja mal geschrieben, dass ich Probleme damit habe, ärzten meine kompletten Anliegen darzustellen. Die ärzte trifft dabei die geringste Schuld. Gestern habe ich ja einiges zu meiner Befindlichkeit geschrieben. Abends war ich noch im Krankenhaus. Mal wieder ein Metallsplitter im Auge. Unglaublich, beim Schreiben gestern war es mir keine Erwähnung wert. Das vierte Mal in Serie. Heute war ich dann beim Augenarzt und auch beim Hausarzt, um mein Mitteilungsdefizit auszugleichen.

Hat geklappt, ich bin jetzt mit drei überweisungen ausgestattet. Gerade fällt mir ein, ich habe da doch noch etwas vergessen. Na ja, man soll ja nicht zu viel auf einmal wollen. Bei der ersten Augenverletzung ist es mir schon aufgefallen, und gestern, als ich aus dem Krankenhaus kam, dann noch mal. Mit einem Auge bin ich ziemlich orientierungslos. Den Weg zur Apotheke zu finden war gar nicht so einfach. Bei meinem Problem mit ärzten ist das ganz ähnlich. Ein Thema, bei dem ich schon mein ganzes Leben lang einäugig rumlaufe.

Es nervt natürlich schon kolossal, dieses Fremdkörpergefühl im Auge. Aber diese Beobachtung meiner Hilflosigkeit gestern finde ich sehr interessant. Eine von den Erfahrungen, die ich in meinem weiteren Leben sicher zu schätzen weiß. Das ist vielleicht etwas ungewöhnlich an mir, aber ich habe die Erfahrung von Hausdurchsuchungen, Festnahmen, Autounfällen – die Erfahrungen der eigenen Hilflosigkeit – eigentlich immer zu schätzen gewusst. Nicht dass ich so was ansteuere, aber es sind Erfahrungen, die man nicht theoretisch nachvollziehen kann.

Meine Hilflosigkeit im Bezug auf ärzte finde ich, wenn ich mich von außen betrachte, eigentlich auch ganz amüsant. Gut, dass ich nicht in körperlicher und geistiger Einschränkung dauerhaft gefangen bin. (Mag sein, dass es Leute gibt, die das anders sehen, aber die Dauerhaftigkeit meiner ganzen Beklopptheiten habe ich doch schon einige Male widerlegt.)

Das Konzentrat des Lebens

Montag, 27. April 2009

Pop ist keine Musik der Anmut, sondern der Ereignisse. Mein Arbeitsplatz ist keine Bühne des Musischen, sondern des Insiderwissens. Für beide gilt: Wer, wann, wo, mit wem und weshalb? Von einem Popsong und einem Ort wie der Kontakt- und Notschlafstelle erwartet man geradezu das Konzentrat eines Lebens voller Höhen und Tiefen.

Momentan sehe ich mehr “Höhe”. 14 von 20 Klienten sind mit ihrem Rausch beschäftigt. High, aber wie. Schnarchend scheinen sie mit bizarren Verrenkungen der Schwerkraft zu trotzen. Wenn ich mir das in der Szenesprache so genannte “Abkacken” anschaue, muss ich immer an die Ramones und ihren Sänger Jeff Hyman denken. Der erlitt 1977 einen bizarren Berufsunfall. Er bereitete sich wie immer penibel auf den Auftritt seiner Band vor. Dazu gehörte, dass er seine durch einen Operncoach geschulten Stimmbänder noch geschmeidiger machen wollte, indem er sie mit einem Inhalator gegen Asthma besprühte.

Doch an diesem Abend ging die professionelle Vorbereitung des Sängers gründlich schief. Der unter hohem Druck stehende Zerstäuber explodierte buchstäblich vor Jeffs Gesicht und fügte ihm schwere Verletzungen zu. Trotzdem ließ er den Gig nicht platzen. Nach einer kurzen Notfallversorgung tappte er mit seiner Band und dick eingecremtem Gesicht auf die Bühne. Erst nach dem Konzert ließ er sich ins Krankenhaus fahren, wo die schmerzhaften Verbrennungen eine Woche lang stationär behandelt wurden. Jeffs Gesicht wütete wie Feuer und er wollte eigentlich nur eins: Dass man seine Schmerzen lindert und ihn irgendwie ruhig stellt. Betäubt. Daran erinnerte sich Jeff alias Joey Ramone ein paar Monate später. “I wanna be sedated” wurde einer der ersten Hits seiner Band. Was er damals nicht wissen konnte: Auch heute noch spricht er mit diesem Wunsch meinen Klienten aus der Seele.