Als ich Simone kennen lernte, war ich überrascht. Vor mir saß eine sympathische, gescheite und lebenstüchtige Frau in den Fünfzigern. Ehrlich gesagt, hatte ich mir die Mutter von Tanja ganz anders vorgestellt. Auch sie ist sympathisch, aber weniger gescheit und noch viel weniger lebenstüchtig. Wie Kleidungsstücke in einem Wäschetrockner wirbeln Selbstzerstörung und Chaos in ihr herum.
Manche Menschen finden eine Bestimmung darin, Drogen zu unterliegen. Sie brauchen ein Hilfsmittel, um die Außenwelt in sich aufzunehmen. Sie leben und träumen in einem Dämmerzustand. Für sie ist die Welt ein Gespenst, solange nicht irgendeine fremde Substanz ihnen Körperlichkeit verleiht.
Tanja ist so ein Mensch. Und einer meiner harten Fälle. Sie hat sich schon in jungen Jahren innerhalb kurzer Zeit so runtergewirtschaftet wie ich es zuvor selten erlebt habe. Der Junk hat buchstäblich eine Schneise durch ihren Körper geschlagen. Und sich dabei eingenistet. Heute scheint er in ihr ein unkontrollierbares Eigenleben zu führen. Dabei hatte sie beste Voraussetzungen. Graue Ghetto-Tristesse kennt sie nur vom Hörensagen. Die Familie lebt in einem eigenen Haus mit großem Garten. Dort ist sie behütet und in materieller Sorglosigkeit zusammen mit ihren Eltern, zwei Geschwistern und Kater Schmidt aufgewachsen. Trotzdem hat sich Tanja irgendwann in sich selbst und ihre eigene seelische Dunkelheit zurückgezogen. In das, was sie heute ist: ein für ihre Eltern und Geschwister, aber auch für mich unerreichbarer Mensch.
Simone sah das schmerzlich voraus. In manchen Momenten ahnte sie schon früher, wie verschieden dieses Kind von ihr selbst und den anderen Kindern war. So berichtet sie mir traurig, dass die einzige Nähe, die Tanja jemals zulassen konnte, das leise Summen war, mit dem sie versuchte, ihre Tochter in den Schlaf zu singen. Und wie überwältigt sie dann jedes Mal war, wenn der Versuch glückte und sich der Gesang allmählich im Solo eines gleichmäßig schlagenden Herzens verlor.


