“Wer ist da?” ruft Peter, als ich an seine verschlossene Tür im übergangswohnheim klopfe. Das Summen seines Rasierers stoppt und er wartet meine Antwort ab: “Die Frau Doktor von der Ambulanz”, rufe ich ihm zu. “Moment!”, kommt die prompte Antwort. Dann vergehen einige Minuten und er öffnet die Tür einen Spalt, fuchtelt mir mit seinem Gehstock entgegen und kommandiert: “Kommen Sie herein!”
Etwas mulmig ist mir dabei schon, denn der große, nur mit einer Jeans bekleidete Mann ist offensichtlich angespannt, will die Tür gleich wieder schließen. Die Sozialarbeiter hatten mich zuvor darauf hingewiesen, dass Peter gerade “schlecht drauf ist”. “Er meint, er sei nicht Herr Maier”, sagte der eine und sein Kollege ergänzte: “Heute mussten wir ein Papier für ihn neu schreiben, weil sein richtiger Name darauf stand und er wollte, dass wir das sofort ändern.”
Medikamente halb oder ganz leer
Entsprechend läuft auch meine Interaktion mit Peter: Ich bin froh, dass ich nicht alleine in das Zimmer gehen muss. Zur Untersuchung will Peter sich nicht setzen: “Mach das mal hier!”, fordert er mich auf, bleibt stehen und hält seinen Arm zur Blutdruckkontrolle hin. Der Blutdruck ist – wie erwartet – sehr hoch, denn Peter hat keine Medikamente mehr. Aber “die nehme ich doch nur nach Tagesform, sage ich Dir”, ist sein läppischer Kommentar dazu.
Ich bitte ihn, tief einzuatmen. Peter hält fast den Atem an und sagt dann: “Ich hab’ dir doch gesagt, ich bin nicht da!” Dann interessiert ihn mein Wunsch, ihn zu untersuchen nicht mehr und er holt verschiedene Medikamentendosen aus seinem Spind – alle halb oder ganz leer. “Die Roten, die brauche ich neu!”, herrscht er mich an. Vorsichtshalber habe ich Vorräte mitgebracht, und freudig entdeckt er die gesuchte Packung. Das ist erstaunlich für mich, denn so ganz traue ich ihm momentan keine geregelte Medikamenteneinnahme zu.
Verrückte Begegnung für eine Schulmedizinierin
Fakt ist aber auch: Peter ist in einem relativ guten körperlichen Zustand. Seit seiner Notfallbehandlung im Krankenhaus hat er zwar längst nicht alles befolgt, was notwendig gewesen wäre, aber, sein Herz scheint stabilisiert und die “dicken Beine sind auch weg”, wie er sagt. “Nur da, da fehlt was, da fehlt ein Stück”, weist Peter auf sein intaktes linkes Schienbein. Ich entdecke nichts Auffälliges. Ja, auch bei mir “fehlt ein Stück” – ein Stück Verständnis, um Peter in dieser psychotischen Phase richtig zu verstehen. Dennoch gelingt unsere Begegnung und ich kann mich nach kurzer Zeit wieder von ihm verabschieden.
Was über viele Jahre unmöglich war, ein “Hausbesuch” und eine minimale medizinische Versorgung, akzeptiert Peter zurzeit. Mit den Augen der Schulmedizin betrachtet ist es sicher nur eine “verrückte Begegnung”, deren Sinn in Frage zu stellen ist. Mit Blick auf seinen früheren, desolaten Zustand draußen auf der Straße ist dies für mich heute “ein Erfolg”!
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