Thorsten Bathe
Bauschert
Goetzens
Rainer S.
Guenterb
Groh

Archiv für Februar 2009

Improvisationen machen das Leben lustig

Dienstag, 24. Februar 2009

“Hallöchen, was suchst du ‘n hier?”, trällert Sonia zur Begrüßung. Nachdem sie mich eingehend betrachtet hat, fragt sie mit zusammengekniffenen Augen: “Arbeiteste jetzt für die Schmier?” “Eh, Sonia, hass wohl die letzte Zeit ‘n paar Pillen zuviel drin gehabt“, hakt sich Lewis ein. “Nur noch selektive Wahrnehmung oder biste frühzeitig erblindet? Die sin’ doch öfters zusammn’ hier”. Sie schaut uns verwirrt an. Lewis stöhnt wie ein Mönch, der sich selbst geißelt: “Super Aufnahmefähigkeit – schneller als ‘n Furz im Wirbelwind”.
Meine ASC-Kolleginnen und ich sind zusammen mit der Polizei auf dem Neumarkt angekommen. “Ganz schön was los heute”, stelle ich fest. Schnell sind wir in Geplänkel und Gespräche verwickelt und versuchen mit überzeugung und Diensthandy zu regeln, was möglich ist. “Kannst du mal dazukommen”, bittet mich einer der Polizisten, nachdem er jemanden kontrolliert hat.
“Also, das ist Wasilij, das ist Thorsten, ein Sozialarbeiter vom ASC”, stellt er uns einander vor und zieht sich danach ein paar Meter zurück. So kann ich mich etwas ungestörter mit Wasilij beschäftigen. Bei den wenigen Brocken Deutsch, die er zu unserem Miteinander beiträgt, liegt es nahe, dass ich eine Pantomime aufführe. Ich sehe ein paar Unbeteiligte darüber lächeln. Improvisationen stehen nicht im Protokoll, machen das Leben aber lustiger.
Zunächst versuche ich, Wasilijs Situation einzuschätzen. Wir einigen uns auf eine Entgiftung als vordringlichstes Ziel. Nachdem ich ihn zum Entzug im Landeskrankenhaus angemeldet habe, verabschiedet er sich überschwänglich. “Den Chaplin kannst du aber gut”, amüsiert sich der Polizist später. “Wie ist es mit Wasilij gelaufen?” Dieses Interesse zeigt mir, dass er in seiner Uniform noch ein Ich am Leben hält. Ein Ich, das dem Chaos der Drogenszene mit Interesse und Menschlichkeit begegnet. Sonia und Lewis wissen das auch zu schätzen. Hundert Pro.

Trinken Sie jetzt doch einfach

Dienstag, 24. Februar 2009

Als ich heute Morgen nach sechs Tagen Urlaub (Skilanglauf im Hegau und zuhause ausspannen) wieder zur Arbeit kam, wurde ich schon auf der Treppe von Klienten angesprochen, die zu mir wollten. Natürlich musste ich mich auch wieder um die zierliche Frau Z. kümmern, die seit dem letzten Sommer massive Schluckbeschwerden hat, die allerdings “nur” psychischer Natur sind. Damals magerte sie auf etwa 41 kg ab. Seither wurde sie in drei verschiedenen Krankenhäusern behandelt und untersucht. Nun ist es wieder so, dass sie keine feste Nahrung schlucken kann und trinken klappt überhaupt nicht.
Jetzt hat sie wieder eine Einweisung in die Psychiatrie. Dabei wirkt die feine und gepflegte Frau mit ihren 68 Jahren an und für sich sehr zugänglich und zeigt sich meist liebenswert, nur lässt sie in bestimmten Dingen überhaupt nicht an sich ran bzw. äußert sich nicht zu bestimmten Problemfeldern. Das erschwert die Therapie ungemein. Ab und zu will ich sie einfach schütteln und ihr sagen: “Trinken Sie jetzt doch einfach”. Doch genau das geht nicht.
Wichtig ist bei uns auch die Statistik. Alle nennenswerten Klientenkontakte müssen in unserem Betriebsmanager erfasst werden. Es geht teilweise halt zu wie beim Doktor…

Unruhe im Kopf

Montag, 23. Februar 2009

“Nein, das geht nicht”, bemerkt Gabriele energisch, als ich ihr vorschlage, nun doch täglich zu uns zu kommen. Dann könnte sie hier das notwendige Antibiotikum einnehmen. Und die 58-Jährige fügt leise hinzu: “Weiß nich’, ob ich das schaffe!” Wir kennen uns schon seit drei Jahren. Kurz nachdem sie ihre Wohnung in einer anderen Stadt verlor, ist sie bei uns aufgetaucht. Seither läuft sie mit gekrümmtem Rücken, unscheinbar gekleidet durch Frankfurt von Anlaufpunkt zu Anlaufpunkt: Bahnhofsmission – Franziskustreff – Hauptwache – wieder Bahnhof. Und manchmal eben auch zu uns.
So recht weiß ich bis heute nicht, was Gabriele umhertreibt und wo sie nachts bleibt. “Sie kann es nicht sagen”, antwortet sie mir manchmal und redet von sich in der dritten Person. Ich vermute, dass die frühere Büroangestellte für sich vieles im Innern erleben muss, was sie nicht zur Ruhe kommen lässt. Hilfen kann Gabriele nur schwer annehmen. Sie ist oft viel zu dünn bekleidet, lehnt die warme Jacke, die festen Schuhe einfach ab.
Aber heute ist ein guter Tag für uns beide: Gabriele kommt, weil sie “Schmerzen beim Wasserlassen” hat. Sie lässt nicht nur die notwendigen Untersuchungen über sich ergehen. Gabriele toleriert auch die Behandlung der wund gelaufenen Füße durch Schwester Kathi und wehrt sich erstmals nicht gegen eine Kopfwäsche und das Einreiben des Rückens. Aber das Angebot eines Duschbades lässt sie fast schon wieder davoneilen. Und doch, heute ist es eine gute Begegnung! Im Stillen hoffe ich, dass Gabriele sich morgen noch an ihren Vorsatz erinnert, wiederzukommen.
Anders läuft es im Gespräch mit Paul. Noch schläft der 40-Jährige bei seinem Freund, hat keine eigene Wohnung und derzeit viel Stress mit dem Jobcenter. Denn “die begreifen nicht, dass die anderen mich einfach gemobbt haben. Da kann ich nicht mehr hingehen”.
Paul ist Maler, er hat es bis zur Gesellenprüfung geschafft, aber nie eine feste Arbeit gehabt. Eigentlich kommt er auch nicht, um mit mir über seine Arbeit zu sprechen: “Warum wollen sie das alles wissen?”, fragt er misstrauisch. “Ich komme doch nur wegen der Dämpfe, die so stechend sind und aus dem Straßenrand aufsteigen. überall riecht es nach Ammoniak und das macht mir zu schaffen: ich habe Stechen im Kopf und Pieksen im Hals und fühle mich nicht wohl. Ob ich wohl etwas an der Lunge habe? Was meinen Sie?” – Nein, die Untersuchung gibt keine Hinweise dafür. Und dennoch, Paul ist schwer krank!
Er erlebt und spürt körperlich, was mir wie Phantasien vorkommt. So kann es eben bei Halluzinationen sein. Und ich glaube ihm, dass er “bald wieder aus der Wohnung raus muss”, weil er es einfach “nicht mehr aushält”. Vielleicht gelingt es uns eines Tages doch, Paul einer adäquaten Behandlung zuzuführen. Heute gab es leider dazu keinen Ansatz! Bleibt mir nur mein Vertrauen, dass auch Paul wiederkommen wird.

Veränderung ist die Summe eigenständiger Gedanken

Montag, 23. Februar 2009

Manchmal bin ich mir sehr unsicher. Den Eintrag von gestern wollte ich eigentlich gerade löschen. Vor einigen Tagen habe ich ein Feedback zu meinen Einträgen bekommen. Meine physikalischen Anwandlungen. Eine Baustelle, an der ich nicht weiter kommen kann? Eine Flucht vor dem, was eigentlich ansteht? Ja, mag schon sein. Ja, es ist eine meiner liebsten Fluchten. Aber sehe ich es als eine Baustelle an, die zu nichts führt?
Wenn meine Eltern im Chor sagten, Junge daran kannst du nichts ändern, kam bei mir immer eine Art fassungsloser Wut hoch. Gegen Mauern anrennen ist schon etwas dämlich, aber andere Wege des Denkens, sind nicht sinnlos.
Jede Erweiterung des Weltbildes hängt nicht davon ab, ob ein Kepler oder Einstein eine Wahrheit formuliert. Denkweisen und Erkenntnisse brauchen Resonanz um sich zu etablieren. An Revolution zu glauben ist Schwachsinn, aber ich glaube an eigenständiges Denken. Veränderung ist die Summe eigenständiger Gedanken. Nein, es wird eine meiner Lieblingsbaustellen bleiben.

Köllsche Fußballfreude

Montag, 23. Februar 2009

Ich hatte Besuch von meiner Freundin, und wir ließen es uns einfach gut gehen. Am Samstag gingen wir zu ihrer Schwester, die in der Gegend zuhause ist. Gemütlich haben wir Kaffee und Kuchen genossen. Danach zog ich mich für zwei Stunden zurück, um die erste Fußball-Liga zu verfolgen.
Da ich ein angefressener FC-Köln-Fan bin, ging mein Puls nach einer halben Stunde auf 150 hoch, da wir in München 2:0 führten. Zum Karneval würde ein Sieg in München ja passen. Schlusspfiff in München. 2:1 gewonnen. Ich konnte es nicht lassen, meinen kollegen in München, der das Spiel live im Stadion verfolgte, anzurufen. über das Handy bekam ich die Begeisterung der Kölner Fans mit. Ich freute mich wahnsinnig. Es flossen Freudentränen.
Am Sonntag gingen wir Mittagessen mit einem Mitpatienten, der Besuch von seinem Sohn 8-jährigen Sohn hatte. Es war lustig. Nachmittags wollten wir zum Narrenumzug. Als es jedoch zu regnen anfing, machten wir einen ausgiebigen Mittagsschlaf. Meine Freundin und ich freuen uns schon sehr auf unser nächstes gemeinsames Wochenende, welches wieder zuhause stattfindet.

Der Bastard

Montag, 23. Februar 2009

Peter gehörte schon als einjähriger Junge nicht dazu, auch nicht zu einer Familie. Er wurde zu Hause nur der Bastard genannt. Er kannte seinen leiblichen Vater nicht. Seine Mutter hatte noch einmal geheiratet, als Peter ein Jahr alt war. Der Stiefvater hatte ihm nie Liebe oder Beachtung entgegengebracht. Dann waren noch zwei Brüder und eine Schwester geboren worden, aber von keinem wurde er richtig angenommen.
Als junger Mann suchte Peter Zuflucht in den Drogen. In der Szene fand er Trost und Anerkennung und fühlte sich endlich dazugehörig, wenn es auch nur die Drogenszene war. Mit der Zeit konsumierte er täglich, er war ein richtiger Junkie geworden. Seine Familie wandte sich in dieser Zeit endgültig von ihm ab – sie schämten sich seiner und haben ihn wohl einfach abgehakt.
Mit 43 Jahren ist Peter an den Folgen der Drogensucht gestorben. Das Leben auf der Straße war für ihn ohne den täglichen Schuss unerträglich geworden. Er hat sich so lange mit Drogen betäubt, bis sein Körper den übermäßigen Konsum nicht mehr verkraften konnte. Am Ende seines Lebens hat Peter in einem Hospiz noch Fürsorge und Achtung als Mensch erfahren. Er hat sich über jeden Menschen gefreut, der ihn besuchte, sich ihm zuwandte, ihm Aufmerksamkeit und Zuneigung schenkte. Dem Vorurteil “sie sind selbst schuld” möchte ich ein wahres Wort entgegen setzen “Wir sind nicht besser und anders als sie, wir haben es im Leben nur besser und anders gehabt”.