Rainer S.
Rainer S.
Frey
Goetzens
Bauschert
Guenterb

Archiv für Februar 2009

Mindestlaufzeit zwei Jahre

Samstag, 28. Februar 2009

Der Monat war teuer: drei mal Bielefeld, einmal Detmold, hundert Euro weniger. Jetzt kommt noch der Maschinentransport, bei dem ich mit gut 500 Euro rechne. Damit ist dann das Geld, das ich mir zusammengespart habe, futsch. Da ich dringend einen Festnetzanschluss brauche und mich ohne Internet-Zugang sozusagen behindert fühle, habe ich heute einen Vertrag gemacht. Ja und dann stand noch ein Umweltabo für das Monatsticket aus. Ich fühle mich richtig flau. Es ist eine … dass diese ganzen Sachen, nur über Verträge mit Mindestlaufzeit zu haben sind.
Im Verein hat vor einiger Zeit ein Jugendlicher seine Arbeitsstunden abgeleistet. Sein Vergehen: Er hat seine Bankkarte dazu benutzt 4.000 Euro zu verbraten. Haftstrafe mit Bewährung auf drei Jahre, Arbeitsstunden, Vorstrafe. Böser Junge, wie verwerflich, dass er seine Abbuchung nicht quadriert hat, so was muss bestraft werden.
Auf dem Bahnhof sprach mich ein etwa 22-Jähriger an, ob ich eine Zigarette hätte. Ich dreh dir eine, sagte ich. Wahrscheinlich ist es heute so ungewöhnlich, sich mit über 40 Jahren noch Zigaretten zu drehen, dass der Knabe dann über seine Knastgeschichte berichtete. Er habe schon sechs Mal gesessen. Ich fragte ihn, was man denn so machen müsste um so oft zu sitzen, ich hätte das mit gut 18 Jahren Heroin nicht einmal hingekriegt. Nein, nein da muss man schon was Richtiges machen, so was wie Autodiebstähle. Der glaubt wohl, ich schlafe auf den Bäumen.
Er merkte dann, dass seine Geschichte bei mir nicht so richtig punktete und verzog sich. Auf der Szene ist solche Dummheit oft gefährlich und sie führt nicht selten zu Gewalt. Auch Dealer gewähren Kredite und anders als Banken gehen die meisten auch davon aus, dass es uneinbringbare Forderungen gibt. Aber da diese Dealer ihr Geschäft ja auch weiter führen wollen, müssen sie dann manchmal Klarheiten schaffen.
Früher hatte man einfach keinen Dealer mehr, wenn man nicht bezahlt hat. Heute machen viele auf Wild West. Die Szene heute ist einfach nur unsagbar dumm. Auch ein gewichtiger Grund für mich, dass ich ausgestiegen bin. Es gibt viele Abhängige, die für sich genommen nicht blöde sind, aber in einer Szene wie der von heute nützt einem das gar nichts. Heute stehe ich da und mache 24-Monatsverträge. Auch ganz schön bekloppt.

Zum Normalo fehlt noch der Gartenzwerg

Freitag, 27. Februar 2009

Meinen Arbeitsvertrag habe ich zwar immer noch nicht in den Händen, aber morgen geht es los. Samstag und Sonntag werden zwei halbe Arbeitstage und Montag der erste volle. Gestern war ich noch mal bei der AGOS (Arge) um zu klären, was ich noch erledigen muss. Mein polizeiliches Führungszeugnis ist auch gekommen. Keine Einträge. Zwar habe ich das so erwartet, aber es ist ein merkwürdiges Gefühl. Ich war zwar nie eine große Nummer für irgendeine Ermittlungsbehörde, aber ich weiß dass ich auf jedem Schreibtisch schon mal lag. Stimmt gar nicht, ich lag nie im Einbruchsdezernat und habe dafür auch keinen Anlass gegeben.
Im Nachhinein habe ich schon oft gedacht, großes Glück gehabt zu haben. Oft entweder Verstand oder Gewissen eingesetzt zu haben, bevor ich zu großen Mist gemacht habe. Ich glaube, ich könnte sogar vor einem Richter eine Lebensbeichte machen und der würde nur mit dem Kopf schütteln und sagen: “Herr S., so was will ich gar nicht hören.”
Meine Bude ist aufgeräumt, ab morgen habe ich Arbeit, meine Zähne sind okay, ich werde wohl Mitglied in einem Boule-Verein. Fehlt noch eine Beziehung und dann nennt man so was “normal”. Solange ich noch Single bin, kann ich mir ja nen Gartenzwerg in die Bude stellen um das zu kompensieren.
Bei der AGOS habe ich Steven getroffen. Er ist substituiert und wollte sich einen Termin dort holen. Er war ganz schön abgenervt und hat dort kein einfaches Spiel. Abends traf ich noch jemand, der im Jugendamt arbeitet und der berichtete mir von seinen Erfahrungen mit der AGOS, wenn es um alleinerziehende Mütter geht. Die kosten mehr als ich, und dort wird gekürzt was das Zeug hält.
Seit ich damals in der Klapse war ist mein Motto, dass jedes System seine Erfolgsquote braucht. Dafür muss ich zwar einiges bringen und kann mich nicht gerade treiben lassen, aber ich brauche auch nicht kriechen oder ein falsches Spiel treiben.
Gerechtigkeit? Auffälligkeit wird belohnt und bei Alleinerziehenden wird das “Allein” gefördert? Bald muss man einem Jugendlichen der keine Aussicht auf eine Ausbildung hat raten, er solle zusehen für drei Jahre in den Knast zu kommen um da eine Ausbildung zu machen. Gitterbafög!
Es gibt viele, die sagen es sei nicht zu dulden, dass ein Sozialsystem ausgenutzt wird und nicht dahin sehen wie die Erfolge und Karrieren hier gemacht werden. Der Erfolg der Banken ist auf Bier, Fußball, Fernsehen und Ballermann gebaut. Ich muss mal sehen, ob es Gartenzwerge mit Aktenkoffer gibt.

I’ll be back

Freitag, 27. Februar 2009

Nach einer Woche Urlaub über die närrischen Tage, in der ich das heimische Brauchtum genossen habe, arbeite ich heute wieder den ersten Tag. Es hat sich in dieser Woche nichts Grundlegendes geändert. Es ist auch nichts Spektakuläres passiert.
Ich möchte mich mit diesem Eintrag bei allen für die positiven Einträge bedanken, die ich persönlich und per Mail bisher bekommen habe. Auf Grund dieser Rückmeldungen habe ich mich entschlossen, das Tagebuch noch ein paar Wochen länger zu schreiben. Ich möchte noch auf das Porträt in der Badischen Zeitung hinweisen, das eine Redakteurin über mich verfasst hat.

Wann ist ein Notfall ein Notfall?

Donnerstag, 26. Februar 2009
Mitten in der Sprechstunde ruft Tanja (23) an. Sie ist außer sich, weil es ihrer Freundin Sonja (24) nicht gut geht. “Ich habe schon drei Mal den Notarzt angerufen, aber der kommt einfach nicht!”, klagt sie am anderen Ende der Leitung. Beide sind mir aus flüchtigen Begegnungen hier in der Ambulanz bekannt. Zusammen mit sieben anderen jungen Erwachsenen leben sie in einer Wohngemeinschaft am Rand der Stadt. Keine abgeschlossene Schulausbildung, kein Job, kein gesichertes Einkommen.
Tanja hatte sich vor einigen Monaten den Arm verletzt und musste chirurgisch behandelt werden. Inzwischen ist sie wieder krankenversichert. Ihre Freundin Sonja hat die Wege zu den SozialarbeiterInnen noch nicht geschafft. Sie reist im Land umher und weiß noch nicht, wie lange sie bleiben will. Vor drei Wochen kam sie zusammen mit Tanja in die Ambulanz. Sie hatte eine schwere Erkältung und einen Magen-Darm-Infekt.
“Jetzt geht es ihr ganz scheiße!”, ruft mir Tanja durchs Telefon zu. “Was soll ich machen? Sie kann nicht zu ihnen kommen. Sie ist zu schlapp und außerdem muss sie ständig erbrechen und Durchfall hat sie auch. Aber es kommt ja keiner! Dabei habe ich dem Notdienst nicht einmal gesagt, dass Sonja nicht versichert ist!”
Ich höre mir die Notlage an und verabrede mit Tanja, sie und ihre Freundin in ca. zwei Stunden nach dem Ende der Morgensprechstunde aufzusuchen. Doch dazu kommt es erst gar nicht: Eine halbe Stunde später ruft Tanja erneut an und lässt ausrichten, dass ich nicht mehr kommen muss. Sonja habe begonnen, Blut zu erbrechen, jetzt sei der Krankenwagen endlich unterwegs. Ich muss nicht mehr hinfahren.

Warten und sitzen

Donnerstag, 26. Februar 2009

Gerade warte ich auf Herrn C., der um halb eins zu mir kommen soll. Er ist ein liebenswürdiger, aber sehr unzuverlässiger Mensch. Beim letzten Gespräch hatten wir einen gemeinsamen Arzttermin bei seiner Psychiaterin verabredet. Unter anderem sollte es um seine anstehende Haft und seine Medikamente gehen.
Als ich ihn gestern darauf ansprach – er war in seinem Zimmer, statt wie geplant im Arbeitsbereich – meinte er, der Termin bei der Psychiaterin wäre einen Tag später. So ist nun auch die letzte Chance, einen Aufschub der Haft zu erreichen, verstrichen.
Als ich ihn später nochmals suchte, fand ich in seinem Zimmer zwei Briefe, mit denen er besser auch zu mir gekommen wäre. Auch das hatte ich ihm schon öfter gesagt, dass er seine relevanten Dinge mit mir besprechen soll.
Gegen später tauchte er dann doch noch bei mir auf, um seine Dinge zu regeln. Einen Tag später kam eine weitere Ladung zum Strafantritt. Nun muss der Arme noch ein weiteres halbes Jahr absitzen, obwohl er heute so wirkt, als könne er keiner Fliege etwas zu Leide tun.

Wieder arbeitsfähig werden …

Donnerstag, 26. Februar 2009

Unter der Woche findet morgens immer die Arbeitstherapie statt. Sie ist ein Trainingsfeld, um herauszufinden, ob ich noch fähig bin zu arbeiten. Sie dient auch als Belastungserprobung. Mein Ziel ist, die Arbeitsfähigkeit wieder herzustellen. Bevor ich die Therapie begann, war ich ständig müde und “kaputt”.
Bei uns im Haus gibt es verschiedene Einsatzbereiche wie z.B. Hausdienstleistung, Hausmeisterei, Schlosserei, Schreinerei, E-Werkstatt und Gärtnerei. Mein Arbeitsfeld ist die Hausdienstleistung. Ich nehme die neuen Patienten in Empfang erkläre ihnen alles Wichtige, damit sie sich möglichst gut zurechtfinden. Darüber hinaus gibt es noch eine Menge anderer Aufgaben.
Ich fange immer ein kleines Gespräch an, dass sie ihre ängste etwas verlieren vor der neuen Situation. Ich kann mich erinnern, dass ich beim ersten Mal auch einigen Bammel vor dem Neuen hatte, was auf mich zukam. Für mich war es damals eine große Erleichterung, dass ich mit einem Mitpatienten reden konnte. In der Zusammenarbeit mit den Arbeitstherapeuten bestehen ein gutes Klima sowie eine angenehme Atmosphäre.