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Meinen Dienst im Gasthaus beginne ich so rechtzeitig, dass ich nach einigen Vorbereitungen die Wäschekammer um acht Uhr öffnen kann. In der Straßenbahn treffe ich einige unserer Gäste, und wir gehen gemeinsam zum Gasthaus. Vor dem Eingang stehen die ersten Wartenden, die uns freundlich begrüßen. Im Gastraum sind fleißige Hände dabei, Kaffee zu kochen und das Frühstück herzurichten. In den beiden Duschräumen drehe ich die Heizungen an und bereite alles für den ersten Ansturm vor. An der Wäscheausgabe bildet sich schnell eine Warteschlange um eine Duschnummer zu bekommen.
Ich lege für jeden Gast zwei Handtücher zurecht, darauf kommt die Unterwäsche, die er sich aussuchen kann. Socken, Slip, Unterhemd, T-Shirt, Pullover und Oberhemden liegen gewaschen und sortiert in den Regalen. Ich nehme für jeden die einzelnen Teile heraus und der Gast entscheidet, was er anziehen möchte. Auch wenn ein Mensch arm und wohnungslos ist, dürfen wir ihm nicht das Recht absprechen sich aus einem Angebot nach seinem Geschmack etwas auszusuchen. Manchmal ist auch mein Rat gefragt, welcher Pullover besser aussieht.
Wenn das Aussuchen zu lange dauert, entsteht unter den Wartenden schon mal Unruhe, aber wer dann an der Reihe ist, lässt sich genau soviel Zeit. Wenn der erste Ansturm vorüber ist, möchte ich schon meine Arbeit erledigen, aber dazu komme ich meistens nicht. Der eine oder andere Gast bleibt an der Ausgabe stehen und fragt: “Wie geht es denn?” Das ist oft der Anfang eines Gesprächs, das mir sehr wichtig ist. Signalisiere ich aber Hektik und höre nicht richtig zu, kommentiert das mein Gegenüber mit der Frage “Bist du heute nicht gut drauf? Lass dir doch Zeit, trink erstmal von deinem Kaffee”.
Es können zwölf bis 14 Personen an einem Vormittag duschen, aber keiner möchte lange warten. Oft sagt einer der Gäste: “Ich möchte einmal komplett.” Das bedeutet dann bei den Socken anfangen und bei der Jeans oder den Schuhen aufhören. Duschgel, Shampoo, Einmalrasierer sind immer vorrätig. Die schmutzige Wäsche und Oberbekleidung wird sortiert, gewaschen und steht dann allen wieder zur Verfügung. Viel bleibt da nicht übrig, nach einer Woche am Körper getragen, muss viel entsorgt werden. Socken und Unterwäsche kaufe ich neu in Discountläden oder bei Sonderposten-Aktionen. Oberbekleidung erhalten wir aus vielen Einzelspenden. Wir nehmen nur die Sachen, die für Menschen auf der Straße brauchbar sind. Immer nach dem Motto: “Würde ich das auch anziehen?”
Im vergangenen Jahr haben in unserem Gasthaus 1.963 Menschen geduscht, 1.353 haben nur ihre Wäsche und Kleider gewechselt. Wir haben 1.413 T-Shirt, 1.686 Unterhosen und 2.586 Paar Socken ausgegeben. Wenn die Duschzeit zu Ende ist, wird geputzt und gewaschen. Wir haben zwei Waschmaschinen und zwei Trockner. Die meiste Wäsche trockne ich auf einem Wäscheständer im Keller. Nachmittags wenn alles fertig ist und Vorräte für die kommende Woche in den Schränken liegen, fahre ich sehr müde aber zufrieden nach Hause.

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Eine Antwort zu “Würden wir das auch anziehen?”

  1. deliziosi sagt:

    Ich sehe hier einen Widerspruch: “Wir nehmen nur die Sachen, die für Menschen auf der Straße brauchbar sind. Immer nach dem Motto: >>Würde ich das auch anziehen?<<" Zum einen leben die Spender nicht auf der Strasse, viele haben auch keinen Job im Freien, so dass völlig andere Bedingungen gegeben sind. Beispiel: Sekretärin wäre bereit Blusen, Röckchen und Schuhe zu spenden. Will sagen: Wer kauft schon so hochwertige, robuste Kleidung, dass sie für das harte Strassenleben tauglich sind? Ausserdem: "Würde ich das auch anziehen?" Wenn ja, würde man es doch nicht spenden, wenn nein, wird es nicht als Spende angenommen? Also ich trage meine Sachen so lange, bis sie kaputt oder nicht mehr schön sind, aber dann taugen sie vermutlich auch nichts mehr als Spende. Generell übrigens ein sehr interessanter Blog. MfG