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Archiv für Januar 2009

Die kleine Hand an der Glasscheibe

Samstag, 31. Januar 2009

Ich wurde verurteilt wegen Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz. In meinem Fall Beihilfe zum Schmuggel von Cannabis. Ich war nicht vorbestraft. Ich erzähle das, weil es als BtmG-Häftling (Betäubungsmittelgesetz) ein richtig aufreibendes Erlebnis ist, monatlich für zwei Stunden Besuch zu empfangen: Man sitzt sich in zwei Kammern gegenüber, getrennt durch eine dicke Glasscheibe. Das Abhörgerät an der Wand leuchtet und man schreit sich an, damit man sich überhaupt verstehen kann.
Ich erinnere mich an meinen damals 10-jährigen Sohn, der vor meiner Haft noch gerne auf meinem Schoß gekuschelt hatte. Wie er in dieser Kammer seine kleine Hand an die Glasscheibe legte, um mir ein wenig nahe zu sein, werde ich nie vergessen.
Auch die “Zellenfilze” ist eine Angelegenheit, mit der man sich erst einmal abfinden muss: Man kommt also irgendwann, eventuell nichts ahnend, in die Zelle zurück und findet alle Habseligkeiten in heillosem Durcheinander vor. Persönliche Bilder von der Pinnwand entfernt, Kleider- und Vorratsschrank ausgeräumt, Bett abgezogen. Vielleicht liegt sogar ein Notizzettel mit Anweisungen dort, wie zum Beispiel dass die Fenster zu putzen sind. Oder es fehlen gar ein paar Dinge. Weggesperrt bis zur Entlassung. Der Grad der Verwüstung hängt ab von der Auffälligkeit des Häftlings und natürlich auch von der Laune der Beamtin. Die Zellen werden mindestens einmal monatlich gefilzt. Zellenfilze mit Beamtin finde ich humaner als mit Hund!
Drogenabhängigen kann es sogar passieren, dass sie zum Beispiel aus der Essensschlange abgeführt werden, um im eiskalten Duschraum zu “strippen”. Was bedeutet, sich vor den Beamtinnen auszuziehen, Kleidung und eventuell sogar den Tampon untersuchen zu lassen und wieder Kniebeugen, Fußsohlen zeigen, aber das habe ich ja vorgestern schon beschrieben…
Trotzdem gibt es immer wieder Fälle, bei denen diese Vorsichtsmaßnahmen versagen und der Drogentest positiv ist – oder man konnte nicht pinkeln, was auch positiv bedeutet. Als Strafe kommt eine Woche Bunker in Frage, was letztendlich der JVA-Chef zu entscheiden hat. Bunker ist ein Raum mit Klo in der Mitte und Bibel, sonst nichts. Durch ein Sichtloch in der verschlossenen Tür kann der Wärter zusehen wie der Gefangene … die Bibel liest. Bei anderen Vergehen wird mit Einkaufssperre, Freizeitsperre (kein Aufschluss), Ausgangssperre (falls dieser gewährt wurde), Sicherheitsverwahrung oder einer Mischung daraus geahndet.

Einreihen in die Schlange trauriger Gestalten

Freitag, 30. Januar 2009

Klatsch, wurde ich in die Zelle gesperrt, mit zwei anderen Frauen. Die beiden hatten sich innerhalb kürzester Zeit in den Haaren. Es gab fast ein Handgemenge und der Alarmknopf wurde gedrückt. Da es Abend war, kam nur eine drohende Männerstimme durch die Sprechanlage. Spätestens da wurde mir klar, wie schnell man sich in irgendwas verwickeln lassen kann.
Früh um 6 Wecken durch die Sprechanlage, dann geht an der Zellentür die Kostklappe auf zur Wasserausgabe. Wenn du das lauwarme Wasser verpasst, hast du nicht einmal einen Knast(Getreide)kaffee zum Aufwachen
Dann um 12 Uhr Zelle auf zum Essenfassen und Du reihst Dich in der Schlange trauriger Gestalten ein, um Mittag-, Abendessen und Frühstück abzuholen. Am Wochenende und an Feiertagen ist die Zelle etwa zwei Stunden geöffnet, dann Einschluss. Ein weiteres Mal geht die Kostklappe auf zur Wasserausgabe.
Um 15.30 Uhr ist dann für eine Stunde Hofgang, an dem du teilnehmen kannst. Hofgang bedeutet eine Stunde im Freien im Kreis laufen, auch wenn es anfängt zu schütten. Dann kannst du dich mit Glück vielleicht unter der Tischtennisplatte verkriechen, bis du endlich wieder hinein darfst.
Einige wenige Frauen haben sogar das Glück, eine Arbeit zu bekommen. Für einen Stundenlohn von fast einem Euro kann man sich sein eigenes Geld hart verdienen, wenn man nicht von Angehörigen finanziell unterstützt wird. Der Großteil des Lohnes wird allerdings als überbrückungsgeld abgezogen und erst bei der Entlassung ausgezahlt. So bekommt man durchschnittlich 50 Euro pro Monat zum Einkaufen zusammen.
Beim Einkauf gibt es echten Kaffee, gute Butter, frisches Obst und leckere Süßigkeiten, Hygienebedarf, wie Zahnpasta, Tampons und Shampoo oder Schreibartikel wie Briefmarken, Stifte und Papier, richtige (Plastik-)teller, echte Tassen aus Keramik und Kaffeefilteraufsätze. Auch ein Kopfkissen, einen Wasserkocher oder sogar einen kleinen Fernseher kann man dort viel zu teuer erstehen. Das Sortiment ist nicht groß und tief, nur genehmigt.
Für mindestens 70 Euro ist es sogar möglich, per Katalog Trainingsanzug und Turnschuhe zu bestellen, um dann wöchentlich eine Stunde am Sport teilnehmen zu dürfen. Sport findet allerdings nur statt, wenn genügend Gefangene sich angemeldet haben. Leider haben wenige gefangene Frauen eigene Sportkleidung!

Der Mick Jagger der Domplatte

Freitag, 30. Januar 2009

Manchmal braucht es nicht viel für ein Schmunzeln. Man muss einfach da sein, wenn es sich zeigt. Am richtigen Ort, zur richtigen Zeit. So bin ich erfreut, als ich auf meiner Route durch die Stadt endlich mal wieder Frederick treffe. Schnorrend steht er mit der Grandezza des Könners vor dem Kaufhof. Gewieft wie eh und je. Ich nähere mich ihm vorsichtig, schließlich will ich sein Geschäft nicht ruinieren.
Wir kennen uns schon viele Jahre, haben mal mehr, mal weniger Kontakt. “I can get no satisfaction” singe ich zur Begrüßung. Ein kleiner Insider unter uns, denn Frederick ist für mich das Abbild des großen Mick, sozusagen der Jagger von der Domplatte. Andere sehen in ihm den schmierigen Zottel, bepackt mit seinem Hab und Gut. Als ich frage, wie seine Verhandlung gelaufen sei, pariert er trocken mit: “Kenn’ ich dich? Ach ja, SKM, ne’?” Erst dann setzt er zum Zeichen seiner Gesprächsbereitschaft die drei großen Plastiktüten ab.
“Was ist denn nun vor ein paar Wochen aus der Diebstahl-Geschiche geworden?”
“Ach, die läppsche Nummer, haste dir aber gut gemerkt. Da hatt’ ich son’ Otto als Pflichtverteidiger, hab’ noch mal sechs Monate auf drei Jahre bekommen”.
“Und was heißt das?”
“Einmal das Wort mit x – nix. Siehste ja, ich steh’ hier, und muss gucken, das ich mein Material klar mache”.
“Und was ist mit Entgiftung oder Methadon-Programm?”
“Kannste dir auch mal ‘nen anderen Spruch einfallen lassen?”
In solchen Momenten habe ich das Gefühl, dass die Augenblicke auf der Stelle treten. Endlos. Aber Hand aufs Herz: Wer kommt schon klar mit seinem Leben? Frederick ist wieder in seinem Element und bedankt sich höflich für den Euro, der ihm gerade zugesteckt worden ist. “Brauchst du noch irgendwas von mir?”, frage ich zum Abschied. “Ja, gerne ne’ Handvoll Fünfhunderter, weil von den Hunderten habe ich schon genug”. Als ich gehe, bleibt er mit einem Schmunzeln zurück.

Würden wir das auch anziehen?

Freitag, 30. Januar 2009

Meinen Dienst im Gasthaus beginne ich so rechtzeitig, dass ich nach einigen Vorbereitungen die Wäschekammer um acht Uhr öffnen kann. In der Straßenbahn treffe ich einige unserer Gäste, und wir gehen gemeinsam zum Gasthaus. Vor dem Eingang stehen die ersten Wartenden, die uns freundlich begrüßen. Im Gastraum sind fleißige Hände dabei, Kaffee zu kochen und das Frühstück herzurichten. In den beiden Duschräumen drehe ich die Heizungen an und bereite alles für den ersten Ansturm vor. An der Wäscheausgabe bildet sich schnell eine Warteschlange um eine Duschnummer zu bekommen.
Ich lege für jeden Gast zwei Handtücher zurecht, darauf kommt die Unterwäsche, die er sich aussuchen kann. Socken, Slip, Unterhemd, T-Shirt, Pullover und Oberhemden liegen gewaschen und sortiert in den Regalen. Ich nehme für jeden die einzelnen Teile heraus und der Gast entscheidet, was er anziehen möchte. Auch wenn ein Mensch arm und wohnungslos ist, dürfen wir ihm nicht das Recht absprechen sich aus einem Angebot nach seinem Geschmack etwas auszusuchen. Manchmal ist auch mein Rat gefragt, welcher Pullover besser aussieht.
Wenn das Aussuchen zu lange dauert, entsteht unter den Wartenden schon mal Unruhe, aber wer dann an der Reihe ist, lässt sich genau soviel Zeit. Wenn der erste Ansturm vorüber ist, möchte ich schon meine Arbeit erledigen, aber dazu komme ich meistens nicht. Der eine oder andere Gast bleibt an der Ausgabe stehen und fragt: “Wie geht es denn?” Das ist oft der Anfang eines Gesprächs, das mir sehr wichtig ist. Signalisiere ich aber Hektik und höre nicht richtig zu, kommentiert das mein Gegenüber mit der Frage “Bist du heute nicht gut drauf? Lass dir doch Zeit, trink erstmal von deinem Kaffee”.
Es können zwölf bis 14 Personen an einem Vormittag duschen, aber keiner möchte lange warten. Oft sagt einer der Gäste: “Ich möchte einmal komplett.” Das bedeutet dann bei den Socken anfangen und bei der Jeans oder den Schuhen aufhören. Duschgel, Shampoo, Einmalrasierer sind immer vorrätig. Die schmutzige Wäsche und Oberbekleidung wird sortiert, gewaschen und steht dann allen wieder zur Verfügung. Viel bleibt da nicht übrig, nach einer Woche am Körper getragen, muss viel entsorgt werden. Socken und Unterwäsche kaufe ich neu in Discountläden oder bei Sonderposten-Aktionen. Oberbekleidung erhalten wir aus vielen Einzelspenden. Wir nehmen nur die Sachen, die für Menschen auf der Straße brauchbar sind. Immer nach dem Motto: “Würde ich das auch anziehen?”
Im vergangenen Jahr haben in unserem Gasthaus 1.963 Menschen geduscht, 1.353 haben nur ihre Wäsche und Kleider gewechselt. Wir haben 1.413 T-Shirt, 1.686 Unterhosen und 2.586 Paar Socken ausgegeben. Wenn die Duschzeit zu Ende ist, wird geputzt und gewaschen. Wir haben zwei Waschmaschinen und zwei Trockner. Die meiste Wäsche trockne ich auf einem Wäscheständer im Keller. Nachmittags wenn alles fertig ist und Vorräte für die kommende Woche in den Schränken liegen, fahre ich sehr müde aber zufrieden nach Hause.

Eine Flasche Wein gegen den Frust

Freitag, 30. Januar 2009

Gestern habe ich es nicht geschafft keinen Alkohol zu trinken. Ich habe mir eine Flasche Wein gekauft, als ich für mein Abendessen beim Aldi einkaufen war. Meine Traurigkeit und der Druck, den ich dabei verspürte, dass meine Beziehung so schnell zu Ende gegangen ist, konnte ich nicht anders loswerden. Ich bin nach Hause und fing an langsam den Wein zu trinken. Als die Flasche gegen 22 Uhr leer war, bekam ich plötzlich Hunger und machte mir einen Feldsalat. Danach schlief ich wie ein Stein.
Heute Morgen bekam ich ein ganz schlechtes Gewissen. Ich traute mich fast nicht in die Oase, weil ich mich fürchterlich vor Frau Fischer schämte. Da wir uns aber schon sechs Jahre kennen und ich ihr vertraue, sagte ich es ihr. Heute ist mein Druck nach Alkohol weg, außerdem fühle ich mich noch gerädert von gestern.
Das Gefährliche für mich ist, dass ich, wenn ich weiter trinken würde, irgendwann nicht mehr aufhören kann, und dann immer mehr brauche. Ich hoffe jetzt, dass es bei kleineren Rückfällen bleibt. Wenn ich weiterhin die Unterstützung und den Rückhalt in der Oase bekomme, kann ich es schaffen. Heute war Marion B. unsere Schülerin zum letzten Mal da. Wir finden es schade. Zum Abschied schenkte sie uns eine ganze Tüte voll mit Süßigkeiten. Ich bin froh, dass heute Freitag ist und ich Zeit habe, in Ruhe über alles nachzudenken.

Der Empfang im Gefängnis war entwürdigend

Donnerstag, 29. Januar 2009

Hatte gestern einen Anruf von einer ehemaligen Mitgefangenen: Es geht ihr echt miserabel… Sie war vergangene Woche auf einer Beerdigung und nun bekommt sie Paranoia, wenn sie alleine ist. Richtige depressive Anfälle in übelster Form! Sie muss starke Tabletten einnehmen, um die Angstanfälle irgendwie kontrollieren zu können. Wahrscheinlich kommen unverarbeitete Erlebnisse hoch, denke ich mir. Ich hab ihr lange zugehört und Mut zugesprochen. Doch wirklich helfen kann sie sich nur selbst. Ich weiß was das bedeutet!
Ich erinnere mich noch sehr gut an die Zeit im Gefängnis: An den Empfang dort, von zwei Beamtinnen, die mich abschätzend musterten. Ich musste mich ausziehen und alles was ich bei mir trug, wurde durchsucht und abgegeben. Nicht mal mein Labello durfte mit rein. Dann das volle Programm: splitterfasernackt Kniebeugen, Fußsohle zeigen, Zunge heraus, Haare nach vorn… Ich habe das als absolut entwürdigend empfunden. Dann die Kleidung: blaue Arbeitshose mit Wasserstand, Riss am Po und drei Nummern zu groß, grobe derbe Arbeitsschuhe, grün kariertes Hemd und Unterhose (Marke Oma).
Wenn einem bis dorthin nicht die Spucke wegblieb, dann spätestens nach der großen und kleinen Blechschüssel, die man zur Nahrungsaufnahme bekommt. Also ein Schnitzel passt da nicht hinein, sage ich euch. Doch das gibt es ja eh nur alle heilige Zeit. Ich erinnere mich mehr an Karotten und Erbsen zusammengematscht und als Gemüse oder Eintopf deklariert.
Die Wege im Gefängnis sind etwas, was man sich einfach nicht vorstellen kann, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Mauern, Gitter, Stacheldraht und ewig lange trostlose Gänge, Treppenhäuser und wieder Gänge, doch wirklich alle paar Meter heißt es: anhalten und warten bis die Beamtin die Türe auf- und dann wieder zusperrt. Warten und immer wieder warten, nichts selbständig tun können und angewiesen auf andere sein. Warten bis wieder der Schlüssel klappert… Man ist nichts wert, nur irgendein Gefangener.