Rainer S.
Thorsten Bathe
Rainer S.
Keller
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Bessy

Mit ‘wut’ getaggte Artikel

Wie ein Telefonat mit einem anderen Stern

Freitag, 24. April 2009

Mir fliegen die Gedanken nur so durchs Hirn. Die Eindrücke dieses Tages bringen mich an meine Grenzen. Ich komme gerade von einem Termin mit dem Veranstalter des Workshops und einem Mitarbeiter der Gemeinde-Unfallversicherung. Ich fühle mich wie ein Alien. Reden kann ich schon mit allen, aber oft merke ich, das ist wie mit einem anderen Stern zu telefonieren.
Ich steige hier jetzt gar nicht auf die Sachen ein die mich im Einzelnen genervt haben, wäre zu ausufernd. Als Eindruck, der zu dem passt, nur die folgende Beobachtung:

Im Regionalbus fiel mir auf, dass da pro Sitz eine Radio angebracht ist. Die meisten jüngeren haben Handy, MP3-Player und sind versorgt. Die meisten älteren haben – denke ich – meistens kein Interesse sich auf der Fahrt berieseln zu lassen. Also ein Angebot für die Leute dazwischen, die natürlich alle einen Kopfhörer dabei haben. Wie schön, dass hier 0,05 Prozent Minderheiten berücksichtigt werden. Macht dann auch nichts, wenn man die Knöpfe für den Haltewunsch kinderfreundlich an die Decke montiert, weil die Radios eben den Platz einnehmen, wo die sonst sitzen.

Kann ich alles sehr gut verstehen. Den Verkäufer der Radios, den Busunternehmer und den PR-Idioten, der ihn gut aussehen lässt. Alles hochintelligente, engagierte Menschen, die ja schließlich auch leben wollen. Dummheit tut weh. Nicht, dass es an den anderen liegt, nein, PR-Idioten kann ich wie gesagt gut verstehen. Es tut weh, in dem Bus zu sitzen und selber zu blöde zu sein, an solchen Feinheiten irgendetwas ändern zu können.

Na gut, es kann mir eigentlich auch egal sein, wenn in ein paar Jahren standardmäßig Trendberater mit zum Bus gehören. Aber wenn es um ein paar andere Dinge geht tut, mir mein Unvermögen schon weh. Wenn man sich einen Begriff von Junkieverhalten machen will, sollte man sich die Gesellschaft als Ganzes ansehen. Da kommt kein einzelner Junkie mit.

Klartext zu einem wiederkehrenden Laster

Donnerstag, 09. April 2009

“Komm, Alter, hör’ auf zu sülzen”, fährt sie ihren Freund im Büro der Kontakt- und Notschlafstelle an. “Red’ doch ma’ Klartext”. Guido schaut mich überrascht an und gibt sich seiner Freundin gegenüber unwissend: “Was meinste’ denn, Schatz?” Jaqueline lacht unvermittelt. Es ist ein rostiges Geräusch, als würde sie sonst nicht oft lachen. Danach schaut auch sie mich an: “Wir sind beide wieder am Ballern. Und rate mal, wer die Kohle ‘ranschafft?”

Damit bestätigt sie meine Eindrücke der letzten Tage. Ich habe beide nicht direkt darauf angesprochen, weil Guido meine Wahrnehmung einfach abstreiten würde. Seine Strategie der Problemlösung: so lange lügen, bis sich die Frage irgendwie von selbst erledigt. Dabei ist er noch nicht mal ein guter Lügner. Im Gegensatz zu Jaqueline. Ihr gelingt es immer, eine geschmeidige Plausibilität zu erzeugen. Aber diesmal will sie das anscheinend nicht.

Während Jaqueline und Guido mich gar nicht mehr wahrzunehmen scheinen und streiten, ziehe ich mich innerlich zurück. Als sie ruhig sind, schweifen meine Gedanken vollends ab. Mir kommen Worte von La Rochefoucauld in den Sinn: “Man könnte sagen, die Laster erwarten uns auf dem Weg des Lebens gleich Wirten, bei denen man nacheinander einkehren muss.” Und wie der französische Schriftsteller stelle auch ich mir die Frage, “ob die Erfahrung uns sie vermeiden ließe, wenn wir den Weg zweimal machen dürften?” Angesichts der beiden Klienten fällt die Antwort eindeutig aus.

“Ich will es diesmal durchziehen, auch ohne ihn”, sagt Jaqueline. Minutenlang haben wir geschwiegen. Und nun bricht dieser Satz so unvermittelt aus ihr hervor, als wollte sie nicht vergessen, ihn auszusprechen. Oder als wollte sie die Gelegenheit, ihre Meinung zu ändern, ausschließen. Sie hat die Worte tonlos, aber mit Nachdruck gesagt. Ihr Gesicht verrät eine große Entschlossenheit. Hoffentlich reicht sie dieses Mal für den ersehnten Neuanfang.

Dinge, die man nur mit Augen zu und durch hinbekommt

Freitag, 27. März 2009

Zum Schreiben habe ich in den letzten Tagen keine Zeit gefunden. Dazu kam, dass ich ein kleines Computerproblem hatte. In den letzten drei Tagen lief die Kiste nicht. Eigentlich hatte ich schon aufgegeben, aber siehe da, heute habe ich meinen PC vermeintlich wieder im Griff. Auch heute muss ich mich mit dem Schreiben beeilen, gleich zur Mühle.
Samstag und Sonntag werde ich arbeiten und nächste Woche Sonntag ebenfalls.
Die Arbeit ist anstrengend. Entweder körperlich oder mental. Viele Projekte, ständig neue Baustellen, ein Workshop für den ich noch recherchieren muss.
Ein Workshop in einem Kindergarten, in dem eine Spielhütte gebaut werden soll. Dazu gibt es die Euro Normen EN1176 und EN1177. EN 1176 hat so etwa 81 Abschnitte und ist nicht so ohne weiteres verfügbar. Im Download kostet sie schon über 100 Euro. Ich muss dieses Vorhaben noch mit der Unfallversicherung abklären und dazu eine Zeichnung machen, die abnahmefähig ist.
Es gibt da viele Dinge, die man nur mit Augen zu und durch hinbekommt. Wenn man sich fragt, wie soll das eigentlich alles gehen, dann hat man schon verloren. Bei der Recherche zur Euro Norm 1176 hat es mich auch interessiert, wie man eigentlich Sachverständiger zur Abnahme von Spielgeräten wird. Voraussetzung ist die persönliche und fachliche Eignung und man wird von der IHK als Sachverständiger eingesetzt. So läuft das. Gewerbeschein plus Beziehungen zur IHK und schon ist man Sachverständiger.
Möglicherweise ist es einfacher Sachverständiger zu werden als eine Abnahme von Spielplatzgeräten durch einen Sachverständigen zu bekommen.
Ich bin genervt. Einen Computer reparieren ohne zu wissen wie man es hinbekommen hat, Normen erfüllen deren Hintergrund man kapiert und weiß, eigentlich ist das alles nur ein Instrument zur Marktbereinigung.
Am Montag war die Gruppe auch nicht gerade gut.
Ne, da passt was nicht, ich bin genervter als es der Situation entsprechen würde.
Rainer, was ist eigentlich los?

Leiche in der Kühlung

Mittwoch, 18. März 2009

Wie im letzten Tagebucheintrag erwähnt, pflegte ich vor meiner Inhaftierung meine an Lungenkrebs erkrankte Mutter. Noch bevor ich eingesperrt wurde, hielt sie eine Bescheinigung in Händen, dass sie wieder genesen sei. Doch nach den ersten Monaten im Gefängnis wurden Mamas Briefe immer merkwürdiger. Instinktiv wusste ich, der Krebs war zurückgekehrt. Meine Mutter versuchte, mich zu schonen, indem sie nicht von ihrem Los berichtete.
Noch heute bin ich heilfroh und stolz, dass meine beiden großen Söhne Initiative ergriffen und ihre Oma liebevoll umsorgten, da ich nicht dazu in der Lage war. In meiner Haftanstalt gab es kein öffentliches Telefon auf dem Gang, wie in manchen Fernsehsendungen propagiert.
Meinen ersten Anruf habe ich nach einem ganzen Jahr Gefängnis genehmigt bekommen. Es war zur Weihnachtszeit im Jahr 2006. Ich hatte meine Mutter über ein Jahr nicht mehr gehört und gesehen und wollte wenigsten frohe Festtage wünschen. Ganz tapfer sprach sie am Telefon, doch hinter ihren Worten versteckte sich die bittere Wahrheit.
Ende Januar des darauf folgenden Jahres bekam ich den Anruf, dass ich meine Mutter im Krankenhaus besuchen müsse, wenn ich sie noch einmal wiedersehen wollte. Mein Antrag auf eine Ausführung in das hiesige Krankenhaus wurde innerhalb kürzester Zeit genehmigt. Noch in der gleichen Woche durfte ich sie in Begleitung einer Beamtin im Krankenhaus besuchen.

Mutter war bis auf Haut und Knochen abgemagert

Doch ihre resoluten Wesenszüge hatte sie noch nicht verloren. Sie freute sich sehr über meinen Besuch und lobte meine Kinder in höchsten Tönen. Die Beamtin hielt sich vertrauensvoll im Hintergrund, ohne mit großem Aufsehen, z.B. durch Handschellen, meine Familie bloßzustellen. Auch ein Gespräch mit dem zuständigen Oberarzt durfte ich unter vier Augen führen. Dieser machte mir keinerlei Hoffnungen auf eine Genesung meiner Mutter. Er meinte, es sei nur eine Frage der Zeit und ich solle möglichst bald wiederkommen.
In der JVA stellte ich aufgrund der besonderen Situation gleich wieder einen Antrag auf begleitete Ausführung ins Krankenhaus. Dieser Krankenbesuch wurde mir bereits eine Woche später genehmigt. Doch nun hatte meine Mutter schon sämtliche Lebensenergie verlassen. Sie lag auf dem Krankenbett, konnte nicht mehr sprechen, ihr Atem ging rasselnd und schwer. Allein das Atmen strengte sie furchtbar an. Ich konnte nur ihre Hand halten.

Als die Vollzugsbeamtin mich fragte, ob meine Mutter überhaupt bemerken würde, dass ich bei ihr zu Besuch sei, nickte die sterbenskranke Frau. Das war das einzige Lebenszeichen, welches ich noch von ihr bekommen sollte. Am Valentinstag 2007 bekam ich die Nachricht vom Tod meiner Mutter. Es wurde mir erlaubt, diese Nacht bei einer Mitgefangenen zu verbringen. Auch der Seelsorger der JVA fragte am kommenden Tag nach meinem Befinden. Doch wie im normalen Leben musste alles seinen Weg gehen. Als einziges Kind hatte ich nun die Pflicht, einen Totenschein zu beantragen und die Wohnung, Versicherungen, Bankverbindung und so weiter zu kündigen und die Beerdigung zu organisieren.
Eine weitere Ausführung wurde mir genehmigt, um in Mutters Wohnung Einsicht in deren Papiere zu nehmen. Die Totenscheine waren innerhalb weniger Tage in der JVA angekommen. Zwar bekam ich diese nicht ausgehändigt, doch wurde mir versichert, dass meine Briefe und Kündigungen auf Wunsch in der Anlage damit bestückt würden. Ich bekam auf Antrag eine Schreibmaschine ausgehändigt und innerhalb weniger Tage konnte ich die notwendigen Kündigungen erstellen. Die Mietwohnung meiner Mutter wurde gegen Verzicht auf die Genossenschaftsanteile vermieterseitig geräumt.

Nacht für Nacht schweißgebadet

Die Beerdigung machte mir größere Probleme. Meine Anfragen bei Beerdigungsinstituten blieben erfolglos, da ich durch meine persönliche Lage und die private Insolvenz nicht zahlungsfähig war. Das Bestattungsamt weigerte sich, die Bestattung zu übernehmen, weil ich als Nachkomme von Rechts wegen dafür zuständig sei. Also benötigte ich Hilfe durch den Sozialdienst der JVA.
Etwa eine Woche nach dem Tod meiner Mutter schrieb ich einen Rapportzettel mit der Bitte um den Besuch einer Beamtin des Sozialdienstes. Wie viele Rapportzettel ich letztendlich schrieb, weiß ich nicht mehr. So vergingen mehrere Wochen. Nacht für Nacht wachte ich auf, schweißnass gebadet und hatte von Mutters Leiche in der Kühlung geträumt.
Als auf dem Weg zum Arbeitsbetrieb der JVA die Beamtin des Sozialdienstes, der wir zufällig begegneten, mich vor all meinen Mitgefangenen, fragte, ob ich schon einen Totenschein beantragt hätte. Ohne Worte… In der darauffolgenden Woche wurde ich ins Büro des JVA-Pfarrers gerufen. So wütend hatte ich ihn noch nie erlebt. Er warf den Stapel Papiere auf seinem Schreibtisch um, und rief zornig aus, dass diese Arbeit die des Sozialdienstes sei. Dass die Dame des Sozialdienstes mal eben auf Weiterbildung fahren würde, um ihn dann ihre ganze Arbeit aufzuhalsen.
Ich trug ihm meine für mich unlösbaren Sorgen vor. Auch er versuchte den Weg, telefonisch über ein Beerdigungsunternehmen und dann den Weg über das Bestattungsamt die Beerdigung zu regeln. Er erhielt die gleichen Auskünfte wie ich vorher schriftlich. Erregt rief er im Amt des Bürgermeisters an, schilderte die Situation und drohte, diesen Frevel zu veröffentlichen. Endlich war ein Stein ins Rollen gebracht…

Beerdigung zwei Monate nach dem Tod

Tags darauf hatten wir die Zusage des Bestattungsamtes, dass die Kosten für die Beerdigung getragen werden würden. Allerdings nur die einfachste Art der Bestattung. Meine Mutter konnte leider nicht im Familiengrab bestattet werden. Sie wurde verbrannt und bekam ein einfaches Holzkreuz auf ihr Grab als sie zwei Monate nach ihrem Tod endlich bestattet werden konnte. Der Pfarrer der JVA organisierte einen Gottesdienst in ihrer Pfarrgemeinde, den er selbst hielt. Auch bei der Bestattungszeremonie war er zugegen und hielt eine kleine Rede, die ich mit ihm vorbereitete.

Diesen Tagebucheintrag zu schreiben, ist mir sehr schwergefallen. Es rief mir das Geschehene wieder ins Bewusstsein zurück und damit auch die Machtlosigkeit, mit der ich damals fertig werden musste. So konnte ich meine schlimmste Zeit im Gefängnis mit euch teilen.

Entwürdigende Knastschikane

Donnerstag, 05. März 2009

Nun, wie versprochen, eine fast unglaubliche Begebenheit aus meiner Haftzeit: Nach einem harten Arbeitstag im ersten Winter meiner Haftzeit, kam ich also zurück in meine Einzelzelle. Mit Erschrecken stellte ich fest, dass der komplette Inhalt der Zelle Kopf stand: Zellenfilze! Bettzeug abgezogen und am Boden, Bilder meiner Kinder von der Pinnwand gerissen, Vorräte und Hygienebedarf durchwühlt und wild im Zimmer verteilt. Die extra mit Rapportschein genehmigte, zusätzliche “Pferdedecke” verschwunden. Und ein Zettel lag da, ich solle mich bei der Beamtin melden.
Nun musste ich wohl erst Mal das Chaos aufräumen, bevor ich einen Happen zu essen bekam. Ich schnaufte ein paar Mal fest durch, um meinen ärger loszuwerden, der hochkommen wollte und zog los, um bei der Beamtin vorzusprechen. Dort wurde mir erklärt, dass meine selbst auf Papier gezeichneten Yoga-übungen nun nicht mehr aufgehängt werden dürften. Geknickt akzeptiere ich diesen Wunsch und verlangte nach der zusätzlichen Decke, die mir weggenommen wurde, obwohl sie eigentlich genehmigt war. Mürrisch erklärte mir die Beamtin, dass Sie auch noch den Heizstab (zum Wassererhitzen) aus meiner Zelle entfernen könnte, wenn ich mich jetzt auch noch aufspielen würde. Ich könne die Decke bei der Beamtin der Nachtschicht erfragen.

Kuschen und frieren

Ich zog also von dannen und räumte meine Zelle wieder sauber und auf. Bei der Beamtin der Nachtschicht fragte ich, wie vereinbart, nach der Decke. Sie meinte, ich solle bei Einschluss nochmals Bescheid geben. Dies tat ich und wartete dann aber vergebens den ganzen restlichen Abend auf die Rückkehr der Beamtin mit der Zudecke.
Nach einer durchfrorenen Nacht schloss dann am Morgen genau die Beamtin die Türe auf, die mir die Decke herausgefilzt hatte. Freundlich bedankte ich mich bei ihr, weil ich die ganze Nacht frieren durfte. Sie fragte ganz unschuldig, warum ich mir die Decke nicht bei der Nachtschicht geholt hätte.
Ich ging also brav auf die Arbeit und als ich am Abend wieder auf Zelle kam, war auch der Heizstab verschwunden. Was für mich zu bedeuten hatte, dass ich während der kommenden Weihnachtsfeiertage, meinen Kaffee nur lauwarm genießen könnte. Die erbetene Decke blieb aber verschwunden. Wieder bat ich die Beamtin der Nachtschicht beim Einschluss um eine zusätzlich Decke und wieder kam keinerlei Reaktion.
Mittlerweile war ich echt stinkig. Erstens empfand ich dieses Herumfummeln in meinen persönlichen Dingen als entwürdigend. Ich hatte dazu keinen Anlass gegeben. Zweitens musste es wirklich nicht sein, dass das Bettzeug zerkrumpelt auf dem Fußboden landete und die Bilder von meinen Kindern, das Einzige was mir noch von ihnen geblieben war, auf dem feuchten Fensterbrett. Und dass, drittens, die genehmigte Decke nach zwei vollen Tagen und mindestens fünffacher Nachfrage, nicht ersetzt wurde, fand ich unter aller Sau. Also schrieb ich eine Beschwerde an den Leiter der JVA und ließ den Brief am kommenden Tag kommentarlos und offen auf meiner Pritsche liegen während ich zur Arbeit ging.

Ein zerrissener Beschwerdebrief löst das Problem

Und was nun passierte, lässt euch allen wahrscheinlich genau wie mir die Spucke wegbleiben: Als ich von der Arbeit zurückkam, stand plötzlich die besagte Beamtin im Haftraum und hielt mir die lang erwartete Decke hin. Ehrlich, ich hab mich wirklich gefreut und erst überhaupt nicht registriert, was mir widerfuhr. Sie hielt mir einen Schaschlikspieß vor die Nase und meinte dazu, den hätte sie bei meinen Schreibsachen gefunden und sie würde überlegen, ob sie Meldung machen sollte. Ich war absolut entsetzt und konnte kaum glauben, was ich da sah. Bei meinen Schreibsachen war mit absoluter Sicherheit kein Schaschlikspieß zu finden gewesen!
Nun, mir blieb nichts anderes übrig als den Beschwerdebrief zu zerreißen und offensichtlich in den Mülleimer zu legen. So ging die Angelegenheit doch noch gut aus: Der Schaschlikspieß verhinderte nicht meinen Eintrag von guter Führung während der Haft. Die besagte Beamtin verhalf mir, noch vor Weihnachten, einen eigenen Wasserkocher zu kaufen. Ab dieser Zeit behandelte sie mich mit Respekt und half mir sogar noch hin und wieder aus der Patsche.

Trotz allem: Gemocht und geliebt werden

Mittwoch, 04. März 2009

Einleitung und Rückblende zum Webblog von Bessy B.
Der erste Gast unserer 1995 eröffneten Drogenhilfseinrichtung war südländischer Herkunft, sehr schmal, mit halblangem, schwarz glänzenden Haaren und forderndem Benehmen. Die Frau ging mit mir ins Büro und stellte sich vor: “Ich komme aus Deutschland, genau genommen aus Köln.”
Immerhin kam sie fortan öfter bis regelmäßig und hatte jede Menge provokative Tests für mich auf Lager: So war er beispielsweise der erste und letzte Gast vor Ort, der mich zwang, die mitten ins Café ragende Klotür bei laufendem Betrieb aus Angst vor einer drohenden (und aus Wut auch angekündigten) überdosis zu öffnen. Nur enthielt die Nadel im Arm nicht Heroin, sondern nichts Schlimmeres als Wasser. Aber noch während meines lautstarken Rauschmisses sah ich dieses Grinsen: “Trotz und wegen der Provokationen gemocht werden”, hieß dieses Spiel und ich hätte es fast verloren. Oder die Story mit der erst geklauten, dann aus Skrupel doch zurück gebrachten Postbotentasche, die letztlich 100 DM Finderlohn brachte…..
Im Grunde gab es 1001 Gründe Bessy rauszuschmeißen, oder zumindest aus der Betreuung zu entlassen. Aber mehr als diese 1001 Gründe wog, wer sie war, was sie tat und warum. Bessy war immer sie selbst, sie wollte gefallen und gesunden, aber auf ihre Art, nicht in einer Therapie, einem Sozialpsychiatrischen Zentrum, einer Klinik…etc. Ich kann sie nicht mehr zählen, meine unzähligen Versuche, Bessy in eine stationäre Therapie zu kriegen, sie in die Entgiftung zu fahren, ihr einen WG-Platz zu sichern, die unzähligen Psychiatriediagnosen zu verstehen, und, und, und.
Jeder Supervision zum Trotz: Bessy wollte nie das, was wir für sie wollten. Nur eins, das wollte sie wirklich: gemocht und geliebt werden, wie sie war – bis heute und auch von mir. Das alles ist mittlerweile 15 Jahre her. 15 Jahre voller Geschichte, Wandel und neuem Begreifen. Zeit also, sie selbst zu Wort kommen zu lassen …

Carmen Dargel
Kontakt- und Beratungstelle Ehrenfeld
SKM Ehrenfeld