Thorsten Bathe
Goetzens
Rainer S.
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Mit ‘würde’ getaggte Artikel

Kontinentalverschiebung

Donnerstag, 02. April 2009

Salus aegroti suprema lex – das Wohl des Kranken ist das höchste Gesetz, so steht es auf einer Tafel im Flur des Krankenhauses. Immer wenn Herbert diesen Leitsatz liest, ist er aufgebracht: “Die behandeln mich hier wie den letzten Dreck. Ich hau’ bald sowieso wieder ab”, erklärt er mir bei meinem Besuch. Das mitgebrachte Päckchen Tabak ändert nichts an seinem gereizten Gemüt. Ich versuche ihn weiter zu beschwichtigen: “Was ist denn vorgefallen? Die Krankenschwester gerade war doch freundlich.”

Befreit von seiner schmutzigen Kleidung und eingehüllt in ein weißes Krankenhausleibchen umgibt Herbert eine Atmosphäre der Verlassenheit. Sein Wollen und die Realität haben sich seit Jahren so weit voneinander entfernt, dass beides nicht mehr zusammenrücken kann. Wie bei Kontinenten ist diese Verschiebung nicht mehr rückgängig zu machen.

Warten und dabei freundlich bleiben?

Herbert kennt sich mit den Krankenhäusern in Köln gut aus. Unzählige Male war er schon zu Gast. Nie ist er lange geblieben. “Du kriegst den ganz’n Scheiß ja gar nicht mit, den die hier mit mir veranstalten”, meckert er weiter. “Immer muss ich warten, selbst nach’m Kacken lassen die mich zwanzig Minuten auf’m Klo sitzen. Und freundlich sin’ die auch nur, wenn du da bist.” Die Unzufriedenheit zieht sein Gesicht in die Länge, als wirke die Schwerkraft bei ihm doppelt.

Er ist jetzt ganz eingesponnen in sein Gefühl, dass er schlecht behandelt wird und sich seine Erwartungen mal wieder erfüllt haben. “Du kannst doch auch charmant sein”, versuche ich ihn wachzurütteln und schaue ihn so missmutig an, wie ich kann: “Bei deinem Gesichtsausdruck würde ich auch nicht gerne zu dir kommen.” “Die soll’n sich bloß nicht so anstellen, die werden doch dafür bezahlt”, erklärt mir Herbert nicht mehr ganz so aufgebracht. “Außerdem kennst du mich ja.” Ich lächele ihn an. “Richtig”, stimme ich ihm zu, “aber die Schwestern nicht. Also, verschenk deinen Charme nicht nur an mich.”

Einsatz für einen würdevollen Tod

Freitag, 20. März 2009

“Stoßen Sie in ihrer Arbeit auch an ihre Grenzen?” werde ich am Abend im Rahmen einer Podiumsdiskussion zum Thema “Grenzgänger – Voll im Trend” gefragt. Für mich ist es nicht so einfach, darauf eine ehrliche und verständliche Antwort zu geben. Natürlich stoße ich immer wieder an Grenzen in der Arbeit mit kranken Menschen in Wohnungsnot:

Da ist zum Beispiel Hubert, der sich trotz aller Hilfestellungen nicht zu einer erneuten Entgiftungs-Therapie durchringen kann. Wenn ich ihm begegne, kann ich an ihm die fortschreitenden körperlichen Folgen seiner Alkoholsucht erkennen.

Und auch Hannelore bleibt für mich eine “Herausforderung”. Für sie ist derzeit – trotz ihrer Beingeschwüre – die Annahme fachlich-medizinischer Hilfen unmöglich. Sobald sie jemand unseres Teams erblickt, dreht sie sich um und läuft fort. Eine ganz andere Grenze – verbaler Art – mutet Ladislav mir zu, als er mich als “Hitler-Cousine” beschimpft, weil ich ihm keine kostenlose Zahnbehandlung geben kann! Die strukturellen Hürden und Grenzen, die mir bei meinem Einsatz für die nicht versicherten Kranken begegnen, sind da nicht so schmerzhaft und doch stark einschränkend!

Auch den Todgeweihten nachgehen

Und dann darf auch die Konfrontation mit der Grenze Tod nicht unerwähnt bleiben. Wenngleich ich manchmal in der Gefahr stecke, mich an diesen ständigen Begleiter und seine vielfältigen Gesichtern zu gewöhnen – die Sehnsucht nach einem Leben in Gesundheit oder wenigstens einem würdevollen Tod mobilisieren in mir immer wieder Kräfte, auch den scheinbar “Todgeweihten” nachzugehen.

Ich will mich nicht gewöhnen, will mich der vermeintlichen “Todessehnsucht” anderer stellen und gemeinsam mit ihnen nach Ansätzen suchen, “für Leben und Heilung” einzutreten. Dennoch bleibt für mich jede Todesnachricht eines unserer Patienten ein Stich im Herzen. Viele sind gerade mal 54 Jahre alt, wenn sie sterben. Manche müssen ihre Sterbestunde auf der Straße erleben, oder werden tot in ihrer endlich erworbenen Wohnung aufgefunden. Nicht wenige kommen gewaltsam zu Tode und von so manchen erfahren wir es einfach nicht, warum und wie sie gestorben sind. Nein, an die Grenze Tod werde ich mich nie gewöhnen – und vielleicht ist das gut so, um weiter für ein besseres Leben all jener einzutreten, die wohnungslos und innerlich heimatlos durch unsere Straßen irren.

Schade, dass man kein Hund ist.

Donnerstag, 19. März 2009

Gestern war kein angenehmer Tag. Auf der Arbeit habe ich einen Zweig ins Auge bekommen. Ich habe gleich gemerkt, dass ich einen Kratzer auf der Hornhaut abbekommen habe. Durch das linke Auge konnte ich nur noch eine verschwommene Streifenoptik sehen.
Na ja, also zum Arzt. Mittwoch nachmittags heißt das ins Krankenhaus. Die ärztin, die mich dann behandelt hat, war die unfreundlichste Begegnung des Jahres. Nach der Untersuchung war sie der Ansicht der Chefarzt müsse sich das noch mal ansehen. Sie kam dann mit dem Chefarzt wieder herein, lächelte ihn an und zeigte sich ihm gegenüber charmant.
“Legen Sie mal Ihr Kinn auf und sehen Sie nach vorn.” Ich glaube Tierärzte sprechen einen Hund erst mal an, damit sie nicht gebissen werden. Er krempelte mein Oberlied um, um nach Fremdkörpern zu sehen. “Das mag er nicht”, sagte sie. Ja, nachdem sie sich bei dem Manöver an meinem Lied wirklich einen abgebrochen hatte, mochte ich das wirklich nicht gerade. Vor einem halben Jahr hatte ich schon mal einen Splitter im Auge, oder besser im Lied. Der Arzt hatte das damals sehr gut gemacht. Der Chefarzt war allerdings auch sehr viel geschickter als sie, nur war mein Auge nach dem Herumgewerke eben sehr überreizt. “Wenn da noch ein Fremdkörper ist, sitzt er in drei Stunden wieder hier”, sagte der Chefarzt. Nein, das wäre ja sehr ärgerlich. Netter Mann, der denkt an seine Kollegen. Schade, dass man kein Hund ist.
Woran hat es gelegen, dass da alle so nett waren? Da fielen mir eigentlich nur meine Arbeitsklamotten ein. In der Mühle habe ich einen extremen Kleidungsverschleiß, meine Schuhsohlen sind mit Spaxschrauben zusammengehalten. Wenn man einen Baumstamm auf dem Sägeschlitten bewegt, mit Moos, Erde, Spänen dran, dann sieht man entsprechend aus.
Ne, gestern war nicht mein Tag. Es macht ganz schön hilflos, wenn man ein Auge geschlossen halten muss und mit dem anderen auch nur geradeaus sehen kann, weil jede Bewegung der Pupille weh tut. Gut, dass so etwas sehr schnell heilt. Heute war es nur noch unangenehm, aber nicht mehr schmerzhaft.

Eine Chance mich zu verwirklichen

Freitag, 13. März 2009

Morgen steht der Maschinentransport an. Die Werkstatt meiner Eltern, in der diese Maschinen standen, wird gerade abgerissen. Da endet ein Kapitel. Ein Kapitel, das genau so lange gedauert hat wie mein Drogenkapitel. Und beide Kapitel haben ineinandergespielt und waren ähnlich stark. Ein ganzer Schwall von Gedanken schießt mir durch den Kopf, wenn ich daran denke. Vor gut vier Jahren habe ich mir gesagt, dass ich es schaffen muss, die Firmenübernahme hinzubekommen. Entweder ich schaffe das oder ich hänge mich weg, habe ich mir gesagt. Es wird dich ein Leben lang verfolgen, wenn du hier scheiterst, darüber kommst du nicht hinweg. Weder das eine noch das andere habe ich hingekriegt.
Ich kann das jetzt geklärter sehen. Ich merke, dass ich vielleicht das erste Mal in meinem Leben eine Chance habe, eine Chance etwas zu verwirklichen. Eine Chance mich zu verwirklichen.

Die einzige Möglichkeit drüber hinwegzukommen? Die Zeit zerrt einen über alles hinweg, entfernt einen von den Erlebnissen. Aber Sehnsucht heftet Gefühle an Träume und Schmerzen der Vergangenheit. Loslassen? Es ist eher ein Zulassen. Wenn ich neue Träume habe und sich meine Sehnsucht nach vorn richtet, ich dabei merke, freier zu sein als ich es war, dann kann aus dem Scheitern ein Lernen werden. Es wird noch eine ganze Zeit dauern, bis ich mich neu formatiert habe, aber die Sichtweise, dass ich erfolgreiches Scheitern lerne, wird klarer. In meinem Denken kreise ich dauern um mich. Zum Kotzen so was. Wäre sehr wünschenswert, wenn ich es hinkriege, mehr nach außen als nach innen zu blicken.

Respekt und Anerkennung – das zählt

Donnerstag, 12. März 2009

Die Arbeit mit den Jugendlichen klappt ganz gut. Und ich denke, dass ich auch einen Zugang zu ihnen habe. Einer dieser Jugendlichen sagte mir, er werde heute zum Poetry Slam gehen. Damit hatte ich nicht gerechnet und fragte dann, was er sonst noch so mache. Psychologie. Er liest Studienarbeiten. Als er erklärte, wie er dazu gekommen ist und warum er sich da weiterbildet, hatte er meinen Respekt ihm gegenüber dann fundamentiert. Alle Achtung. Er hat in etwa fünf Sätzen Dinge gesagt, die in mir Respekt und Anerkennung ausgelöst haben. Eigentlich schade, dass diese Maßnahme nur zwei Wochen dauert.

Mein Ausbildungsmeister wurde mal von der Polizei ausgefragt, was ich den für einer sei. Sie hatten den Betrieb seit zwei Wochen observiert, und schienen gesteigertes Interesse daran zu haben, mir so richtig einen zu verpassen. Nichts ahnend wurde ich mal rauf zum Chef gebeten. Der Meister fragte mich, ob ich Probleme hätte. Zu der Zeit hätte ich mir eher die Zunge abgebissen als irgendetwas über meine Drogen-Eskapaden zu sagen, aber merkte irgendwie, das ist eine Ausnahmesituation und es nicht klug, hier mein Recht auf Aussageverweigerung durchzuziehen. Ich sagte: “Ja, ich habe Probleme, aber nicht mit der Arbeit und nicht während der Ausbildung.”

Er sagte mir, er wolle da nicht lange um den heißen Brei reden, es gebe eine Anklageschrift gegen mich, es werde eine Hausdurchsuchung bei mir stattfinden und ich müsse wohl Feinde haben, denn so etwas habe er noch nicht erlebt. Er sei in einer Art über mich befragt worden, dass er davon ausgehe, diese Ermittlungen gegen mich seien durch irgendjemand forciert worden. (Erst zehn Jahre später habe ich kapiert, was das für Hintergründe waren und erst dann war mir klar, dass ich da sehr, sehr großes Glück hatte.)

Um sich selbst ein Bild machen zu können, habe er mich auch mal einen Tag lang observiert. Durch ein, zwei Andeutungen konnte ich mir ausrechnen, welcher Tag das war. Einen besseren Tag hätte er nicht treffen können. Ich habe ihm sozusagen das volle Programm geboten. Keine Drogen am Arbeitsplatz, das war ein Grundsatz von mir, der sich da als ein guter Grundsatz herausstellte. Die Ausbildung habe ich ernst genommen und mein Chef mich. Gegen Schule und Pädagogen hatte ich lang anhaltend Hassgefühle, in der Lehre wurde das sozusagen wieder bereinigt.

Die Hausdurchsuchung kam, der Prozess kam und ich hatte Glück an einer Vorstrafe vorbeizukommen. Die Lehre habe ich beendet und mein Ausbildungsmeister steht sehr weit oben auf der Liste der Menschen, die ich hochachte. Ich würde es mir wünschen, davon etwas weitergeben zu können.

Werde ich es mal bereuen, hier geschrieben zu haben?

Mittwoch, 11. März 2009

Gerade habe ich Lara von diesem Tagebuch hier berichtet. Jetzt wissen also der Sägemüller und Lara von meinen Kapriolen. Meinen anderen Arbeitskollegen möchte ich das eigentlich nicht verraten.

Das neue Outfit der Webtagebücher hat mir Gedanken gemacht. Bookmarken was ist das. Ich bin nicht gerade ein Internetfreak und habe davon keine Ahnung. Aber ich habe mich gefragt, ob ich meine Einträge jetzt googlen kann. Kann ich. Es ist ein Webtagebuch und meine Einträge sind öffentlich. Darum habe ich mich damals dazu entschieden, sie nicht unter Preisgabe meiner vollen Identität zu schreiben. Aber es ist möglich mich eindeutig zuzuordnen, wenn man sich die Mühe machen würde. Ich habe mal eigene Möbel verkauft und wollte das an und für sich zu meinem Lebenserwerb machen. Wenn Banken zu den möglichen Kunden gehören, dann sollte man von solchen Webtagebüchern absehen.

Werde ich es vielleicht noch mal bereuen hier geschrieben zu haben? Vielleicht wird es noch mal weh tun, vielleicht wird es mal schwierig wenn jemand über meine Vergangenheit und meine Gedanken stolpert, aber bereuen? Ich habe mich nun mal entschieden. Zu dem, was ich hier schreibe, stehe ich. Da sind sicher Sachen, hier im Tagebuch, zu denen ich später mal “Rainer, Rainer” denken werde. Bisher hat mir die Entscheidung, offen mit dem zu sein, was mich ausmacht, eher weitergebracht.

Meine Vergangenheit kann mich immer einholen – auch wenn ich sie verberge. Die Welt ist klein. Der Stiefsohn einer Innenarchitektin, für die ich öfter gearbeitet habe, den kannte ich von der Szene. So what!