Salus aegroti suprema lex – das Wohl des Kranken ist das höchste Gesetz, so steht es auf einer Tafel im Flur des Krankenhauses. Immer wenn Herbert diesen Leitsatz liest, ist er aufgebracht: “Die behandeln mich hier wie den letzten Dreck. Ich hau’ bald sowieso wieder ab”, erklärt er mir bei meinem Besuch. Das mitgebrachte Päckchen Tabak ändert nichts an seinem gereizten Gemüt. Ich versuche ihn weiter zu beschwichtigen: “Was ist denn vorgefallen? Die Krankenschwester gerade war doch freundlich.”
Befreit von seiner schmutzigen Kleidung und eingehüllt in ein weißes Krankenhausleibchen umgibt Herbert eine Atmosphäre der Verlassenheit. Sein Wollen und die Realität haben sich seit Jahren so weit voneinander entfernt, dass beides nicht mehr zusammenrücken kann. Wie bei Kontinenten ist diese Verschiebung nicht mehr rückgängig zu machen.
Warten und dabei freundlich bleiben?
Herbert kennt sich mit den Krankenhäusern in Köln gut aus. Unzählige Male war er schon zu Gast. Nie ist er lange geblieben. “Du kriegst den ganz’n Scheiß ja gar nicht mit, den die hier mit mir veranstalten”, meckert er weiter. “Immer muss ich warten, selbst nach’m Kacken lassen die mich zwanzig Minuten auf’m Klo sitzen. Und freundlich sin’ die auch nur, wenn du da bist.” Die Unzufriedenheit zieht sein Gesicht in die Länge, als wirke die Schwerkraft bei ihm doppelt.
Er ist jetzt ganz eingesponnen in sein Gefühl, dass er schlecht behandelt wird und sich seine Erwartungen mal wieder erfüllt haben. “Du kannst doch auch charmant sein”, versuche ich ihn wachzurütteln und schaue ihn so missmutig an, wie ich kann: “Bei deinem Gesichtsausdruck würde ich auch nicht gerne zu dir kommen.” “Die soll’n sich bloß nicht so anstellen, die werden doch dafür bezahlt”, erklärt mir Herbert nicht mehr ganz so aufgebracht. “Außerdem kennst du mich ja.” Ich lächele ihn an. “Richtig”, stimme ich ihm zu, “aber die Schwestern nicht. Also, verschenk deinen Charme nicht nur an mich.”


